Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 27, Nummer 23 › Seite 180
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. August 1871, Seite 180
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſchichtliches 1 · Staatsſchule
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Der Lutheraner.
christliche Eltern denselben ihre Kinder nicht über—
geben.
Es könnte hier nun der Einwand gemacht wer⸗
den: Sollte denn wirklich die tägliche reichliche
Versorgung der Kinder mit Gottes Wort so
nöthig sein? Darauf ist eigentlich schon von uns
geantwortet. Denn wir haben gehört, daß Gott
ausdrücklich das Weiden seiner Lämmer, ihre
Auferziehung in der Zucht und Vermahnung zum
HErrn und das tägliche Einschärfen seines Wor⸗
tes gebietet. Das Wort Christi soll reichlich un⸗
ter den Christen wohnen in aller Weisheit mit
Lehren, Vermahnen und Singen. Damit ist
gleichfalls deutlich befohlen, daß die Kinder täg⸗
lich reichlich in Gottes Wort unterrichtet werden
sollen. Doch um der Wichtigkeit der Sache willen
machen wir noch auf Folgendes aufmerksam.
Es heißt nämlich Ps. 1, 1—3.: „Wohl dem,
der . .. Lust hat zum Gesetz des HErrn,
und redet von seinem Gesetz Tag und
Nacht. Der ist wie ein Baum, gepflanzet
an den Wasserbächen, der seine Frucht brin—
get zu seiner Zeit, und seine Blätter verwel⸗
ken nicht, und was er macht, das geräth wohl.“
Hier wird der Wiedergeborene mit einem frucht—
baren Baum verglichen. Derselbe erlangt seine
Fruchtbarkeit dadurch, daß er an den Wasser⸗
bächen gepflanzet ist. In diesem Gleichnisse wird
gesagt, daß der Mensch die Wiedergeburt nicht
durch seine eigene Vernunft, Kraft und Werke
erlangt, sondern durch die „Wasserbäche“, d. h.
durch den Heiligen Geist, der mittelst Wort und
Sacrament gegeben wird. Wie der HErr sagt:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn,
daß jemand geboren werde aus dem Wasser und
Geist, so kaun er nicht in das Reich Gottes kom⸗
men“ Joh. 3, 5. Christliche Eltern wünschen
nun, daß ihre Kinder fruchtbare Bäume, d. h.
wahre Christen und einst selige Himmelserben
werden. Ihre Kinder sind bereits in der heiligen
Taufe wiedergeboren. Soll aber der Segen der
Wiedergeburt, das in ihnen gewirkte neue geist⸗
liche Leben, erhalten und gemehrt werden, so
müssen sie das Wort Gottes gerne und fleißig
hören und lernen. Auch auf die Kinder bezieht
sich das Wort: Wohl dem, der Lust hat zum
Gesetz des HErrn und redet von seinem Gesetz
Tag und Nacht. Der HErr will, daß es auch
den Kindern in Ewigkeit wohl gehen möge und
sie selig werden sollen, darum will er auch, daß sie
täglich in seinem Worte unterrichtet und so an die
Wasserbäche gepflanzt werden sollen.
O wie wichtig ist den Kindern solche tägliche
reichliche Uebung in Gottes Wort! Entzieht
man einem Baume alles Wasser, so muß er ver⸗
dorren. Entzieht man einem Kinde Gottes Wort,
so muß der neue Mensch in ihm sterben. „Wenn
die Weissagung aus ist, wird das Volk
wild und wüste“ Spr. 29, 18. Ach, wie
viele Eltern haben das schon zu ihrem unaus⸗
sprechlichen Schmerze erfahren! Sie sorgten nicht
dafür, daß ihre Kinder „die Weissagung“, das
Wort Gottes hörten; darum mußten sie den herz⸗
zerreihenden Jammer erleben, daß ihre Kinder
„wild und wüste“, ungläubig und gottlos wur⸗
den, und endlich verloren gingen!
Wahrlich, Eltern sollten zu ihren Kindern „Tag
und Nacht vom Gesetz des HErrn reden“! Täg⸗
lich wächst in den Kindern das erbsündliche Ver⸗
derben, täglich regt und mehrt sich in ihnen die
böse Lust, täglich werden sie von der Welt und
dem Satan zu vielen Lastern gereizt und verlockt,
täglich gelüstet ihr Fleisch wider den Geist, täglich
werden sie von so unzähligen geistlichen Feinden
angefochten. Darum bedürfen sie täglich der
treuen Unterweisung im Gesetze Gottes, damit sie
ihre Sünde erkennen und darüber göttlich betrübt
werden. Täglich schreit ihr neuer Mensch zu Gott
um Gnade, Trost, Licht und Kraft. Sie bedür⸗
fen daher des Evangeliums dringender, als des
täglichen Brodes. Denn dadurch allein kann ihr
geistlicher Durst und Hunger gestillt, ihr neuer
Mensch gestärkt, ihr Glaube gemehrt, ihr geistliches
Leben gefördert, ihr Verstand erleuchtet und ihr
Wille geheiligt und gekräftigt werden, das Arge
zu hassen und Gottes Gebote zu erfüllen. Der
Heiland sagte als Kind: „Wisset ihr nicht, daß
ich sein muß in dem, das meines Va⸗
ters ist?“ Luc. 2, 49. So müssen auch
christliche Kinder sein in dem, das ihres
Vaters ist. Und das geschieht nur dann, wenn
sie Gottes Wort hören; denn dadurch werden sie
zu Gott, ihrem rechten Vater, gebracht und von
ihm gesegnet in geistlichen Gütern.
So lehrt auch die Geschichte, daß die Kirche
Gottes von Anfang an mit allem Ernste darauf
gehalten hat, daß die Kinder rechtzeitig und treu⸗
lich im Worte Gottes unterrichtet wurden. Der
Apostel Paulus sagt von seiner Jugendzeit
Ap. Gesch. 22, 3.: „Ich bin erzogen in dieser
Stadt (Jerusalem) zu den Füßen Gamaliels,
gelehret mit allem Fleiß im väterlichen
dar gewesen bist.“ 1 Tim. 4,6. Und: „Weil
du von Kind auf die heilige Schrift
weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur
Seligkeit, durch den Glauben an Christo IEsu.“
2 Tim. 3, 15.
Hieraus sehen wir, wie der häusliche Unter⸗
richt beschaffen war, welchen Timotheus von seiner
Mutter und Großmutter empfing. Als „gute
Lehrerinnen“ bezeigten sie sich nicht damit, ihn
Lesen, Schreiben und Rechnen zu lehren. Das
thaten auch die Heiden. Sondern in ihrem Un⸗
terrichte war die heilige Schrift die Hauptsache.
Von seiner frühesten Kindheit an hatten sie ihn
angeleitet, die heilige Schrift nicht blos zu lesen,
sondern auch zu verstehen, indem sie ihm den rech⸗
ten Sinn derselben erklärten und ihn so dahin
brachten, daß er „die heilige Schrift wußte.
Denn weil sie selbst im „ungefärbten Glauben“
standen und somit vom Heiligen Geiste erleuchtet
waren, so unterrichteten sie ihn aufs treulichste „in
den Worten des Glaubens und der guten Lehre“,
d. h. im Evangelio. Und diesen ihren Fleiß seg⸗
nete Gott an dem jungen Timotheus, daß er durch
die heilige Schrift zum Glauben an Christum
IEsum und so zur Seligkeit unterwiesen wurde.
Wie nun die Kirchengeschichte lehrt, so haben
die Christen von Anfang an aus Gottes Wort
erkannt, daß sie schuldig seien, ihre Kinder durch
die heilige Schrift zur Seligkeit zu unterweisen.
Und weil nicht alle Eltern die Gabe und Zeit da⸗
zu hatten, darum haben sie schon frühzeitig Schu—
len gestiftet und erleuchtete Lehrer berufen, damit
sie die Lämmer Christi auf den Auen seines
Wortes weiden möchten. Darüber sagt Luther:
„Vor allen Dingen sollte in den hohen
und niedrigen Schulen die fürnehmste
und gemeinste Lection sein die Heilige
Schrift, und den jungen Knaben das Evange⸗
lium. Und wollte Gott, eine jegliche Stadt hätte
Gesetz.“ Zu der Zeit, von welcher der Apostel auch eine Mägdleinschule, darinnen des Tages
redet, war die Kirche in einem sehr verfallenen
Zustande, und die Lehre sehr verderbt. Allein
dennoch war aus der Blüthezeit der Kirche das
Gute geblieben, daß der Religionsunterricht die
Hauptsache in den Schulen war, und daß darin
die Jugend mit allem Fleiß im väterlichen Gesetz,
d. h. im Worte Gottes gelehret wurde.
Besonders lehrreich für uns ist aber der große
Eifer, mit welchem die ersten Christen ihre Kinder
in der Zucht und Vermahnung zum HErrn auf⸗
gezogen haben. Wir sehen dies aus dem Bei⸗
spiel des Timotheus. Von seinen Eltern rühmt
Paulus: „Ich erinnere mich des ungefärbten
Glaubens in dir, welcher zuvor gewohnet hat in
deiner Großmutter Loide, und in deiner
Mutter Eunike, bin aber gewiß, daß auch
in dir.“ 2 Tim. 1, 5. Nach Tit. 2, 3. sollen
nun die alten Weiber „gute Lehrerinnen“
sein. Das sind denn auch des Timotheus Groß⸗
mutter und Mutter treulich gewesen. Denn sonst
hätte Paulus nicht zu ihm sagen können: „Auf⸗
erzogen in den Worten des Glaubens
die Mägdlein eine Stunde das Evange—
lium höreten.. Fürwahr, die Schulen,
Manns- und Frauenklöster sind vor Zeiten
darauf angefangen gar aus löblicher
christlicher Meinung: wie wir lesen von
St. Agnes und mehr Heiligen; da wurden heilige
Jungfrauen und Märtyrer und stund ganz
wohl in der Christenheit.. Sollte nicht
billig ein jeglicher Christenmensch bei seinem neunt
und zehenten Jahre wissen das ganze heilige
Evangelium, da sein Namen und Leben innen
stehet? Lehret doch eine Spinnerin und Näthe⸗
rin ihre Tochter dasselbe Handwerk in jungen
Jahren.“ (Luthers Werke, Walch X, 384—5)
Hiermit erklärt Luther den Ursprung der chrif⸗
lichen Schulen. Sie wurden aus löblicher christ⸗
licher Meinung dazu gestiftet, damit darin die
Knaben und Mägdlein täglich das Evangelium
höreten. Ferner weis't er auf den herrlichen Se⸗
gen hin, den diese Schulen brachten. Solange
die heilige Schrift darin regierte, haben sie heilige
Jungfrauen und Mättyrer herangebildet, und es
und der guten Lehre, bei welcher du immer—
stand wohl in der Christenheit. Sie stellten es
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