Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 27, Nummer 25 › Seite 194

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. September 1871, Seite 194

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Der DTulheraner.

fähigt, als ein Kind Gottes in dieser Welt zu
wandeln, als ein reichbegabter Miterbe IEsu
Christi, als ein Priester, Prophet und König
durch dieses Jammerthal zum himmlischen Jeru⸗
salem zu wandern.

Zuerst das Wissen. Viel soll, viel muß
ein Mensch wissen, wenn er auf wahrhaft christ⸗
liche Bildung Anspruch machen will. Ich kann
nicht Alles nennen, ich will nur die Summe des
Wissens, das höchste Wissen angeben. Jerem.
9, 23. 24. spricht der Prophet im Namen des
HErrn: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner
Weisheit; ... wer sich rühmen will, der rühme
sich deß, daß er mich wisse und kenne, daß
ich der HErr bin, der Barmherzigkeit, Recht und
Gerechtigkeit übet auf Erden; denn solches gefällt
mir, spricht der HErr.“ Den lebendigen
Gott im lebendigen Glauben erkennen,
das, Geliebteste, ist das höchste Wissen,
dessen ein Mensch, ein Sünder, auf
Erden theilhaftig werden kann!!

Alles, was außer Gott in der Welt ist, ist nur
Creatur, ist aus Nichts geworden. Wenn nun
ein Mensch Himmel und Erde erforschete, wenn er
alle geschaffenen Dinge erkennete, wenn er alle
menschlichen Wissenschaften sich angeeignet hätte,
kennt aber den nicht, der das alles gemacht hat
durch das Wort seiner Allmacht, ach, wie wenig
weiß doch der! Und wenn ein Mensch weiß, was
alle Menschen gethan, geredet, erfunden haben,
weiß aber nicht, wie sein Gott ihn geliebt hat seit
Ewigkeit, weiß nicht, wer IEsus ist und was der
für ihn gethan hat, — ach, wie unwissend ist der!
Der ist wie ein Kind, das wohl das Haus des
Vaters kennt, aber diesen selbst nie gesehen hat,
seine Liebe nicht ahnt, nicht kennt.

Gott kennen, IEsum wissen, das ist das höchste
Wissen! Der weiß wenig, der die ganze Welt
kennt, aber IEsum nicht kennt; der weiß
viel, das Höchste, das Beste, der den lebendigen
Gott kennt, wenn er auch die Welt nur wenig
oder gar nicht kennt. Wir wollen wahre mensch⸗
liche Wissenschaft wahrlich nicht verachten; aber
mit dieser höchsten Wissenschaft verglichen, ist sie
nur klein und geringe. Ein Kindlein, das den
lebendigen Gott im Glauben erkennt, — ein
armes Mütterlein, das IEsum weiß, die wissen
mehr und Besseres, als der gelehrteste Professor,
der dieses Wissen nicht hat. Der ist nach Gottes
Urtheil ein recht gebildeter Mensch, der ihn kennt
und weiß; der ist ungebildet, der seinen Heiland
nicht kennt. In dem Verstande sagt denn auch
St. Paulus, und alle Kinder Gottes sagen es mit
ihm: „Wer sich rühmen will, der rühme
sich des HErrn.“ (1 Cor. 1, 31.)

Zu diesem Wissen müssen denn auch die Kinder
geführt werden, wenn sie des köstlichen Schatzes
der christlichen Bildung theilhaftig werden sollen.
Man erzieht sie dazu, wenn man sie täglich führt
zum Brunnen der Erkenntniß, dem Gesetz und
Evangelium, —wenn man sie anhält, die Haupt⸗
stücke des Katechismus zu lernen, — wenn man
ihnen den rechten Verstand derselben einflößt, nicht
lang und weit, aber klar und gründlich, —wenn man
ihnen erst Milch giebt, darnach stärkere Speise, —
wenn man ihnen oft, warm und innig JIEsum vor
die Augen malt; dann lernen sie ihn kennen, weil
der Heilige Geist durch das Wort sie erleuchtet, es
im Herzen lebendig macht; dann wird ihnen offen⸗
bar das Geheimniß, welches auch die Engel gelüstet
zu schauen (1 Petri 1, 12.). Und indem sie
IEsum erkennen, lernen sie auch verstehen, was
ihnen sonst noth ist, lernen auch die Welt und ihre
Weise recht verstehen. O, wohl gebildet ist das Kind,
das seinen Gott, seinen Heiland, erkennt! — —

Und nun das Urtheil. Matth. 16, 3.
schilt der HErr die Pharisäer: „Ihr Heuchler, des
Himmels Gestalt könnet ihr urtheilen, könnet ihr
denn nicht auch die Zeichen dieser Zeit urtheilen?“
Er macht es ihnen zum Vorwurf, daß sie aus
dem, was sie sahen und höreten, nicht urtheileten:
Gott ist auf die Erde gekommen, um die Men⸗
schen in den Himmel zu führen. Sie hätten die
Zeichen der Zeit urtheilen sollen; daß sie es nicht
thaten, zeigt, daß diese hoffärtigen Pharisäer viel
ungebildeter waren, als die Weiber und Kinder,
die aus den Worten und Wundern Christi urtheil⸗
ten: Du bist wahrlich der Prophet, der in die
Welt kommen soll! (Joh. 6, 14.)

So gehört es allezeit und auch noch heute zur
Bildung eines Kindes Gottes, daß es Alles in
einer göttlichen Weise beurtheilt, was es in der
Welt sieht und hört. Daß es urtheilt nicht nach
den Einfällen des thörichten Herzens und der
blinden natürlichen Vernunft, — nicht nach dem
Gefasel aufgeblasener Zeitungsschreiber und selbst—
gefälliger Bücherfabrikanten, — nicht nach dem
Maß, das die Weisen und Klugen dieser Welt
sich zurecht schnitzen; sondern nach dem untrügli⸗
chen Maß, das Gott in seinem Worte gegeben hat.
Ein gebildeter Christ soll Augen und Ohren haben
für Alles, was in der Weit vorgeht, soweit sein
Beruf ihm das gestattet und das „Eine, was

noth ist“, nicht dadurch versäumt wird; aber er

soll auch Alles messen und urtheilen, nicht wie ein
Kind dieser Welt, sondern wie ein Kind Gottes,
des Allerhöchsten. Geschehen Zeichen am Him—
mel, so urtheilt ein Christ: das thut mein Gott,
um mich auf sein Wort zu weisen, und aus diesem
sehe ich: sie bedeuten die endliche Erlösung der
Kirche Gottes. Und geschehen große Dinge auf
Erden, gelanget ein Volk zum Siege, während ein
anderes von seiner Höhe herabgeworfen wird; so
schreibt ein Christ das nicht der Klugheit der
Menschen und nicht der Beschaffenheit der Waffen
zu, sondern er siehet darin das Gericht seines
Gottes, der bei einem Volke die Sünde straft, dem
andern neue Gnadenzeit bewilligt. So etwa ur—
theilen Christen die Zeichen der Zeit, so urtheilen
sie Alles, was auf Erden geschieht, es sei klein
oder groß. Und darin zeigt sich, daß sie rechte
Bildung besitzen, daß sie die Bildung eines Kin—
des Gottes haben.

Dazu soll die Jugend erzogen werden. Sie

so anleiten, daß sie die Welt und ihr Treiben nach

Gottes Wort urtheilt, das heißt sie christlich er⸗
ziehen! Unsere Kinder müssen lernen, nur das
gut zu heißen, was Gott gut nennt; das als un⸗
recht und gottlos zu verurtheilen, was der HErr
verwirft. Sie müssen lernen, den Werth eines
Menschen nicht nach seinem Geld und Gut, son⸗
dern nach seinem Verhältniß zu Gott, nach seinem
Glauben und nach seiner Gottseligkeit zu beur⸗
theilen. Sie müssen geübt werden, das Vor⸗
nehmen der Menschen nicht nach dem scheinbaren
Erfolge zu urtheilen, — müssen wissen, daß oft⸗
mals eine gute Sache einen scheinbar bösen, und
eine verwerfliche Handlung einen scheinbar guten
Erfolg hat. Sie müssen lernen, alle Dinge die⸗
ser Welt dem Glauben und der Gottseligkeit unter⸗
zuordnen, — Alles zu messen und zu wägen nach
dem Maß und Gewicht des Heiligthums. Wer—
den sie dazu angeleitet, dann empfangen sie eine
christliche Erziehung. —

Endlich das Können, die Kunstfertig⸗
keit. Ein wahrhaft gebildeter Christ kann eine
große Kunst, die kein Weltkind ihm nachthun
kann. Schon die Heiden haben gesagt: Sich
selbst überwinden ist der größeste Sieg. Salomo
sagt (Spr. 16, 32.): „Ein Geduldiger ist besser

denn ein Starker; und der seines Muthes Herr
ist, denn der Städte gewinnt.“ IcCsus aber sagt
(Matth. 16, 24.): „Will mir Jemand
nachfolgen, der verleugne sich selbst
und nehme sein Kreuz auf sich und
folge mir!“ Das, meine Geliebten, das ist die
größeste Kunst, die es gibt unter der Sonne: sich
selbst verleugnen und JEsu nachfolgen.
Diese Kunst wird von keiner anderen übertroffen, und
wer sich in ihr geübt, wer in ihr wenigstens einige
Fertigkeit erlangt hat, der ist Christo ähnlich, der
ist nach dem Urtheil Gottes und aller heiligen
Engel ein wahrhaft gebildeter Mensch.

Freilich, die Kinder der Welt nicht nur, son⸗
dern auch Viele, die Christi Namen führen, ur⸗
theilen ganz anders über Bildung. Der Welt
sich möglichst gleichstellen, die Lust der Welt mit
Anstand genießen, dem Kreuze aus dem Wege
laufen, jedes Uebel recht bald abschütteln, den
eigenen Willen durchsetzen, Christi Nachfolge für
Nichts achten, ja sich ihrer schämen, das ist nach
ihrer Meinung Bildung. Und ja, es ist Bildung;
nämlich diejenige, zu der der Teufel seine Kinder
erzieht. Die Bildung der Kinder Gottes ist ganz
anderer Art! Sie besteht in der Kunst: den eige⸗
nen Wünschen um JEsu willen gerne zu entsagen,
den eigenen Willen zu brechen, sein Kreuz in Ge—
duld zu tragen, dem Erempel des Heilandes zu
folgen, nicht zu wandeln den Weg des Fleisches,
sondern den des Geistes. Diese Kunst lehret
Gott selbst seinen Christen und machet''sie seinem
Bilde je mehr und mehr wieder ähnlicher.

Die Jugend zu dieser Kunst anleiten, das heißt
sie christlich erziehen. Das ist in dieser Beziehung
die Aufgabe der Eltern und Lehrer: den Kindem
IEsum zur Nachfolge vormalen, — ihnen Freu⸗
digkeit machen, seinem Vorbilde zu folgen, —
ibnen dazu die himmlische Berufung, die ewige
Seligkeit vorhalten; sie anleiten, dem eigenen
Willen zu entsagen, den alten Menschen zu ttöd⸗
ten, ein aufgelegtes Kreuz geduldiglich zu tragen,
und für Alles Gott zu loben und zu preisen, das
heißt sie christlich erziehen!

Summa: das ist eine christliche Erziehung, die
ihr Absehen darauf hat: aus dem getauften Kinde
je mehr und mehr einen Menschen zu machen, der
sich im Wissen, im Urtheil, im ganzen Leben als
ein Kind Gottes erweise. Diese Bildung ist dann
eine wahrhaft göttliche, mit der keine andere auf
Erden zu vergleichen ist. Die höchste Bildung,
welche die Welt geben kann, ist vor Gott gar Nichts
gegen diese, die doch oftmals selbst von Christen
so geringe geachtet wird. Der HErr hat es allen
„Vätern“ in die Hand gegeben, ihren Kindem
diese Bildung zu geben, und wenn sie es thun, so
wenden sie ihnen damit den kostbarsten Schatz zu,
der unter der Sonne zu finden ist; so sammeln sie
den Kindern wirklich Schätze und machen sie reich.
Das habe ich nun zum Andern zu zeigen.

II.

Eine christliche Bildung und eine
dahin zielende Erziehung ist wahrhaftig
der größte und herrlichste Schatz, den
christliche Eltern ihren Kindern mit—
geben können.

Aus der großen Zahl der Beweise, die sich zu
Gunsten meiner Behauptung darbieten, will ich
heute nur drei anführen.

Eine christliche Bildung ist zu nächst darum
der größte Schatz, weil sie mit allen
Schätzen der Welt nicht zu erkaufen,
sondern ein Geschenk göttlicher Gnade
ist.

Weltliche Bildung kann, wenn anders die na—

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