Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 19 › Seite 296

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 10. September 1907, Seite 296

289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299

Scan: Internet Archive item DerLutheraner63_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Anhang · Kirchenzucht · Regiſter

⤓ Download .txt · copy text

—.

296 Ver „TutberaneE

führt er auf erbliche Belastung und klimatische Umgebung zurück.
Als siebzigjähriger Greis ist er nun unter die Spiritisten oder
Geisterklopfer gegangen und wohnt „andächtig“ und „gläubig“
den Geistererscheinungen bei, bestätigt damit die alte Erfahrung,
daß der nackte Unglaube leicht in krassen Aberglauben unschlägt.
Die „Allgemeine Ev.-Luth. Kirchenzeitung“ erinnert an das
Dichterwort:

Glaube, dem die Tür versagt,

Steigt als Aberglaub' durchs Fenster.

Wenn die Götter ihr verjagt,

Kommen die Gespenster. L. F.

Schrecklich lauten die Nachrichten über die Pest in Indien.
In den sechs Monaten, die mit dem 30. Juni abschlossen, sind
1,060,067 Menschen durch die Pest hingerafft worden, und ob⸗
wohl sie jetzt abzunehmen scheint und die Zahl der im Juni Ge⸗
storbenen die geringste der sechs Monate ist, nämlich 69,064, so
sind doch in diesem Halbjahr mehr daran gestorben als in dem
ganzen Jahre 1904, in dem die Zahl der Todesfälle 1,022,000
betrug. Das war bis dahin die höchste Zahl, seit Buch darüber
geführt wird. Hungersnot und Pest hören in Indien nie ganz
auf. Und dazu kummen noch innere Unruhen, die leicht und
schnell zu einem offenen Aufstand führen können. Empörung,
Pest und teure Zeit sind Zeichen der Zeit, die uns an das Ende
der Zeit erinnern sollen. L. F.

„Wissen Sie das sicher?“

Da lag ein blasser Mann auf seinen Krankenlager, uingeben
von Pracht und Reichtum, aber in seinen Zügen war Angst und
Unruhe. Er hatte den Becher der Sünde mit vollen Zügen geleert,
in Trinkgelagen und Ausschweifungen seine Tage verbracht, und
jetzt war er, obwohl erst 36 Jahre alt, ein abgelebter Greis. Von
jeher hatte er sich vorzuspiegeln gesucht, daß die Ewigkeit eine
Fabel sei, daß Himmel und Hölle nur in der aufgeregten Phan⸗
tasie eines Schwärmers beständen. Jetzt, wo der Tod so nahe
war, wollten ihn alle seine schönen Vernunftgründe im Stiche
lassen. Die innere Unruhe, die ihn seit einigen Tagen peinigte,
bewog ihn, einen ernsten Zeugen der Wahrheit, den Garnison⸗
prediger M., zu sich rufen zu lassen. Aber mit diesem zugleich
war ein Freund und Sündengenosse des Sterbenden gekommen,
welcher gegen die ernsten Worte des Predigers von der Liebe JEsu
und dem Ernste der Ewigkeit, von den Schrecken der Hölle, Protest
erhob. „Sie täten besser, wenn Sie Ihre Worte für sich behielten
und heimgingen!“ rief er dem Prediger ärgerlich zu. „Alles,
was Sie da gesagt haben, ist Lüge, Betrug und Unsinn. Wir
leben und sterben, und dann ist es aus. Nach dem Tode gibt es
nichts mehr.“

Jetzt richtete sich der Garnisonprediger auf, stellte sich vor
den Gottesleugner und fragte ernst und bestimmt: „Wissen Sie
das sicher?“ Ein Donnerschlag, der plötzlich von dem wolkenlosen
Himmel herniederdröhnt, könnte nicht mehr Schreck hervorbringen,
als diese unerwartete Frage wachrief. Einen Augenblick stand
der Angeredete wie versteinert, dann ging er, ohne ein Wort zu
sagen, aus dem Zinmer. Jetzt begab sich M. wieder zu dem
Kranken und redete von neuem mit ihm über Buße und Bekehrung,
Vergebung und ewiges Verderben, Himmel und Hölle, und kehrte
dann nach Hause zurück.

Der Sterbende war wieder allein. Doch jetzt klang die Frage:
„Wissen Sie das sicher?“ unaufhörlich in seinen Ohren wieder,
und alles, was in ihm war, antwortete: „Nein!“ Mehr und
mehr kam die Gewißheit über ihn, daß er ein verlorener Sünder
sei, und mit Furcht und Zittern dachte er an den Richterstuhl des

Gottes, den er so oft verspottet und dessen Dasein er geleugnet
hatte. Am andern Morgen fand der Garnisonprediger den Kran⸗
ken in der größten Seelennot und am Rande der Verzweiflung.
„O, wie habe ich nach Ihnen verlangt!“ rief er, „ich bin nicht
mehr sicher, nein, ich bin verloren! Sie haben Gewißheit. Ich
sehe es an Ihrem Antlitz und vernehme es aus Ihren Worten.
O sagen Sie mir, wie kann auch ich diese Gewißheit erlangen?
Wo kann ich Ruhe finden?“

„Bei IEsu, und bei ihm allein!“ antwortete M. tief er⸗
schüttert. „Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er
sichert auch Innen Vergebung und Errettung zu durch sein ver⸗
gossenes Blut.“ Jetzt begann der Diener Gottes, der nach Frieden
dürstenden Seele das Evangelium der Seligkeit, die frohe Bot⸗
schaft von IEsu, zu verkündigen. Gott segnete seine Worte. Die
Festung war eingenommen, das harte Herz war gebrochen, und
derselbe Mann, der gestern noch sein möglichstes getan hatte, um
sich gegen jedes Wort der Ermahnung und Warnung zu verhärten,
beugte jetzt sein Haupt und rief demütig Gott um Erbarmen an.
Er lebte nur noch kurze Zeit. Aber dann ging er ruhig und freu⸗
dig dem Tod entgegen: alle Todesangst war verschwunden, denn
er ging zu seinem Heiland, in die ewige Heimat droben, das wußte
er sicher.

Das Gewitter.

Es gibt eine Offenbarung göttlicher Majestät, die so einfach
und deutlich und zugleich so gewaltig und erschütternd für den
Sterblichen klingt, daß kein Mensch sein Ohr ganz verschließen
kann gegen diese Stimme des lebendigen Gottes, die dem Rohesten
verständlich und dem Weisesten ehrwürdig ist. Diese Offenbarung
göttlicher Majestät, diese Stimme des lebendigen Gottes — es
ist der Donner, der in den Wolken hinrollt über den Häuptern der
zitternden Menschen. Es gibt kein Volk auf Erden, das nicht
etwas Göttliches im Gewitter ahnte und fühlte. Die stumpf⸗
sinnigsten Heidenbölker, die vom Schöpfer nichts wissen und ahnen
— wenn die Schläge des Donners übers Feld hinrollen, dann
schlagen sie an ihre Brust und sprechen: „Ein Gott hat geredet“,
oder: „Die Götter zürnen.“ Die alten Griechen und Römer,
wenn sie die Majestät ihres höchsten Gottes, Zeus oder Jupiter,
schildern wollten, so nannten sie ihn den Donnerer und bildeten
ihn ab mit dem Blitzstrahl in der Hand, mit der Donnerwolke zu
seinen Füßen. — Wenn du einem Kinde beim rollenden Gewitter
sagst: „Horch, das ist Gott, der da droben donnert“, so wird ihm
ein Schauer in heiliger Furcht durch sein Herzlein gehen, es
wird die kleinen Hände falten und mit großen Augen ehrfurchts⸗
voll zum Himmel blicken. Und wenn du manch leichtfertigen
Spötter blaß sehen und manch großsprecherischen Gottesleugner
stumm schauen willst, so sieh ihn nur im Gewitter, wenn das
Feuer des Blitzes ihn umleuchtet und der Donnerschlag über
seinem Dache schmettert.

Es ist etwas Göttliches im Gewitter. Der Gläubige erkennt
freilich nicht erst im schmetternden Gewitter die Majestät und
Nähe des Schöpfers; auch im sanften Säuseln. des Sommer⸗
windes fühlt er von seiner Gegenwart sich umweht, auch im
goldenen Glanze der Mittagssonne fühlt er von seiner Güte sich
umleuchtet; aber auch dem Gläubigen, dem Fronimen, ist das
Gewitter eine Offenbarung göttlicher Majestät: nicht etwas
Schreckliches, wobei er furchtsam die Augen zudrückt und zitternd
sich in den Winkel verkriecht; denn er weiß ja, auch im Brüllen
des Donners stehe ich unter dem Schutz des Allmächtigen, ohne
dessen Willen kein Haar von meinem Haupte fällt; aber eine
erhabene Predigt ist's ihm von der Herrlichkeit und Majestät
des Alleingewaltigen, vor welchem wir Sterblichen Staub und
Asche sind.

fol,
Afr
sch⸗
un
sch
seh
me
sch
die
kle
be
be
Ei
de

ih

li⸗

77e

— S

— — — — — —

English translation

Not yet translated.