Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 4 › Seite 26
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-10-12, Seite 26
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
26
welche die reine Lehre annahmen, womit er doch nichts ausgerichtet, sondern nur Ursache gegeben hat, daß Gottes Macht und Herrlichkeit an seinem Knecht Luther, und hinwiederum sein Gericht an dem Papstthum desto offenbarer geworden ist. Ich aber wüßte, meine Theuren, auf diesen Tag von keiner Sache zu predigen, die uns mehr zur Stärkung und Erbauung, so wie zum Lobe Gottes dienen könnte, als wenn ich Euch zu zeigen suche, wodurch sich Luther's Werk oder das Werk der Reformation als ein Werk aus Gott erwiesen hat. Denn ist dies klar und erwiesen, so folgt auch nothwendig, daß unsre Lehre, unsre Kirche, unser Glaube recht und wahr ist; daß wir um unsres Gewissens, um unsrer Seel und Seligkeit willen dabei bleiben müssen; daß wir nicht nöthig haben, auf das ungegründete Geschrei derer zu achten, die gern Luther's Werk als ein halbes oder wohl gar als ein verfehltes anklagen möchten und sich berufen glauben, erst jetzt seinem Werke die rechte Vollendung zu geben; während sie in der That nichts andres vermögen, als zu verpfuschen und zu verderben, was Luther wohl und trefflich gemacht hat.
Der HErr lasse unsre Betrachtung gesegnet sein zu seines Namens Ehre und unsrer Seelen-Erbauung.
Text: Hesek. 34, 10—14.
Der Nerv dieses Textes ist die göttliche Zusage, daß Er, der HErr, sich seiner Heerde, d. i. seiner Kirche, selbst annehmen will, wenn sie von ihren Hirten, d. i. von denen, die ihr sollten treulich im Amte des Wortes vorstehen, verwahrlost, unterdrückt und verwüstet wird; daß er sie aus den Händen solcher treulosen, schädlichen Hirten erretten und dafür sorgen will, daß sie die rechte Weide der Seelen im Wort und Sacrament wieder bekomme. Ist nun zwar die größte und herrlichste Erfüllung dieser Zusage geschehen, da der HErr Christus selbst persönlich auf Erden kam, — denn da hat er seine Heerde selbst geweidet und die verirrten Schafe wiedergesucht und sie den Händen ihrer geistlichen Verführer und Mörder entrissen, — so ist doch der HErr zu allen Zeiten seines Wortes eingedenk, und hat es stets wahr gemacht; er hat sich allezeit seiner Heerde selbst angenommen, und selbst darein gegriffen und eine Hülfe geschafft, wenn durch die Untreue und Bosheit der Hirten seine Kirche der Verwüstung und Zerstörung Preis gegeben war.
Ganz offenbar geschah dies zur Zeit der Reformation. Und von diesem Gesichtspunkte aus wird es uns recht klar werden, wie die Reformation ein Werk Gottes war. Also der Gegenstand unsrer Andacht möge diesmal sein:
Die Reformation Lutheri ein Werk Gottes.
Es gibt nicht blos zu beweisen, daß Gott sein Werk in und bei der Reformation gehabt habe; denn Gott hat bei manchen Ereignissen und bei manchen Handlungen der Menschen sein Werk, ohne daß man das Werk selbst für ein lauteres Gotteswerk halten kann. Es haben je und je bei verderbten Zuständen der Kirche reformatorische Bewegungen Statt gefunden, denen man nicht absprechen kann, daß Gott sein Werk darunter hatte, die man aber auch nicht unbedingt für ein lauteres Gotteswerk erkennen kann, weil sich denselben zu viel Menschliches und Unlauteres beimischte und keine Heilung von Grund aus erfolgte. Von Luther's Reformation können und müssen wir aber behaupten, daß sie ganz und gar ein Werk Gottes war, weil sie
1. nicht aus menschlicher Meinung angefangen war.
2. weil sie alle menschlichen Kräfte weit überstieg;
3. weil sie mit dem heilsamsten und gesegnetsten Erfolge für die Kirche gekrönt wurde.
1.
Sie war nicht aus menschlicher Meinung angefangen. Luther hatte sich nicht vorgenommen, ein Reformator zu werden; das war ihm nicht in den Sinn gekommen. Er war Papist gewesen in vollem Sinne des Wortes, voll slavischer Unterthänigkeit gegen den römischen Stuhl; er hatte mit höchstem Fleiß allen Satzungen der Kirche nachgelebt und es aller Heiligkeit der Mönche zuvorgethan, um nur Ruhe zu finden für seine Seele. Und da ihm unter großen schweren Anfechtungen nicht aus der Lehre der römischen Kirche, sondern aus dem lebendigen Trostquell des göttlichen Wortes selbst, der Glaube im Herzen aufgegangen war, daß der Mensch nicht gerecht werde durch seine Werke, daß alles Eigenwerk umsonst sei, und nur die lautere Gnade Gottes in Christo, mit einem bußfertigen und gläubigen Gemüth ergriffen, den Menschen gerecht und selig mache; so war er doch damals noch weit davon entfernt, gegen die Lehre der römischen Kirche oder gegen das unbedingte Ansehn des römischen Stuhls einen Argwohn zu fassen, geschweige sich für einen Reformator berufen zu glauben. Er achtete sich nicht würdig des Berufs zu einem Doctor der heiligen Schrift; denn als ihm solcher von Dr. Staupitz für die neuerrichtete Universität in Wittenberg angetragen wurde, so machte er die demüthigsten Einwendungen. Ja, noch ahnte Luther seinen hohen Beruf nicht, als er in jenem Beruf bereits mehrere Jahre mit dem größten Erfolge gewirkt hatte; denn er blieb nicht bei der hergebrachten unfruchtbaren Lehrart, er legte nicht den heidnischen Sittenlehrer Aristoteles aus, er kramte nicht die Schulweisheit der sogenannten Scholastiker oder päpstischen Theologen aus, die mit ihrem gelehrten Plunder das Papstthum mit allen seinen Gräueln zu schmücken und zu decken suchten, sondern er ergötzte sich mit seinen Zuhörern an dem frischen Quell der Wahrheit, den Schriften der Propheten und Apostel, er förderte aus dieser unerschöpflichen Fundgrube Schätze der Weisheit und Erkenntniß zu Tage, daß auch viele, die ihn hörten, sich seiner verwunderten und von ihm prophezeiten, er werde eine neue Lehrweise in der Kirche und in den Schulen aufbringen; während es also andere ahnten, daß mit ihm der Anbruch einer besseren Zeit gekommen sei, so ahnte er doch selbst nichts, sondern blieb in seinem Sinn klein und demüthig, machte nichts aus sich selbst und begehrte keinen weitern Wirkungskreis, als den ihm Gott für seine nächsten Zuhörer angewiesen hatte. Mancher Saame war auf diese Weise schon ausgestreut, manche evangelische Wahrheit in die Herzen gepflanzt, manchem papistischen Irrthum schon die Wurzel abgeschnitten, und der Reformation der Weg gebahnt, ehe jemand an die Reformation dachte.
Der erste öffentliche Schritt, der die Lehre der römischen Kirche vor den Richterstuhl des göttlichen Worts zog und so mit den ersten Anstoß zur Reformation gab, war bekanntlich die Veröffentlichung der 95 Sätze oder Theses, welche Luther am 31. October 1517 an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlug; denn in diesen Sätzen wurde besonders die römische Lehre vom Ablaß, daß der Papst vermöge des Schatzes, welchen die Kirche aus den überflüssigen Verdiensten der Heiligen besitze, gegen Darlegung einer gewissen Geldsumme dem Sünder die Genugthuungen erlassen könne, die er für seine Sünden hier und im Fegefeuer zu leisten habe, nach Gottes Wort geprüft, und von Luther entschieden behauptet: der wahre Schatz der Kirche sei allein das Verdienst JEsu Christi, nicht die Verdienste der Heiligen; aus diesem Schatz allein komme Vergebung der Sünde, und werde umsonst und ohne Geld allen geschenkt, die in wahrer Reue über ihre Sünden stehen, auf das Verdienst Christi vertrauen und von ihren Sünden zu lassen begehren. Ob nun gleich die Veröffentlichung dieser Sätze, weil sie nicht in den engen Räumen des Hörsaals vorgetragen wurden, sondern frei in die Welt hinaustraten und die Grundlehren des Papstthums angriffen, unleugbar die erste reformatorische Handlung Luther's war; so war es doch seine Meinung ganz und gar nicht, mit diesen Sätzen als Reformator aufzutreten. Die höchste Gewissensnoth hatte ihn dazu gedrungen. Denn der gräuliche Unfug des Ablaßkrämers Tetzel geschah unter seinen Augen, richtete unter seinen eignen Pfarrkindern Irrthum und Verwirrung an und riß in ihren Herzen die Lehre von Buße u. Glauben nieder, die er sorgfältig in sie gepflanzt hatte. Denn die sich von Tetzel Ablaß geholt hatten, sagten frei, daß sie nun keine Buße wegen ihrer Sünden nöthig hätten. Welch ein Schmerz, welch eine Gewissensnoth mußte dies dem frommen und erleuchteten Dr. Luther verursachen! Aber zu denken, daß dies von dem Haupt der Christenheit zu Rom gebilligt werde, war ihm unmöglich. Er ging, nachdem er manche andere Wege zur Abstellung des Aergernisses vergeblich versucht hatte, mit seinen Sätzen in der Hoffnung hervor, daß die Wahrheit von allen, die es treu mit der römischen Kirche meinten, und besonders vom Papst selbst anerkannt werden würde. Daß er damit die ganze Welt erregen
English translation AI translation
26
who accepted the pure doctrine, whereby he accomplished nothing, but only gave occasion that God's power and glory in his servant Luther, and in turn his judgment upon the papacy, became all the more manifest. But I should know of no subject, my dear friends, to preach upon this day which could serve us more for strengthening and edification, as well as to the praise of God, than if I seek to show you whereby Luther's work, or the work of the Reformation, has proved itself a work of God. For if this is clear and proven, it follows also of necessity that our doctrine, our church, our faith is right and true; that for the sake of our conscience, our soul and salvation we must abide by it; that we have no need to heed the groundless outcry of those who would gladly accuse Luther's work as a half work, or indeed as a failed one, and believe themselves called only now to give his work its proper completion; while in fact they are able to do nothing else than to botch and to spoil what Luther made well and excellently.
May the LORD let our meditation be blessed to the honor of his name and the edification of our souls.
Text: Ezek. 34:10-14.
The nerve of this text is the divine promise that He, the LORD, will himself take up the cause of his flock, that is, his Church, when it is neglected, oppressed and laid waste by its shepherds, that is, by those who should faithfully preside over it in the office of the Word; that he will rescue it out of the hands of such faithless, harmful shepherds and will see to it that it again receive the right pasture of souls in Word and Sacrament. Now although the greatest and most glorious fulfillment of this promise took place when the LORD Christ himself came in person upon earth, — for then he himself fed his flock, and sought again the straying sheep, and wrested them from the hands of their spiritual seducers and murderers, — yet the LORD at all times remembers his Word, and has always made it true; he has at all times himself taken up the cause of his flock, and himself stepped in and provided help, when through the unfaithfulness and wickedness of the shepherds his Church was given over to devastation and destruction.
Quite manifestly this happened at the time of the Reformation. And from this point of view it will become clear to us how the Reformation was a work of God. Let therefore the subject of our devotion this time be:
The Reformation of Luther a Work of God.
It is not merely to be proved that God had his work in and with the Reformation; for God has his work in many events and in many actions of men, without the work itself being held to be a pure work of God. Reformatory movements have taken place ever and anon amid corrupted conditions of the Church, of which one cannot deny that God had his work among them, but which one also cannot unconditionally acknowledge as a pure work of God, because too much that was human and impure mingled with them, and no healing from the ground up followed. Of Luther's Reformation, however, we can and must affirm that it was wholly and altogether a work of God, because it
1. was not begun from human opinion.
2. because it surpassed all human powers;
3. because it was crowned with the most salutary and most blessed success for the Church.
1.
It was not begun from human opinion. Luther had not purposed to become a reformer; that had never entered his mind. He had been a papist in the full sense of the word, full of slavish subjection to the Roman see; he had with the utmost diligence lived up to all the ordinances of the Church, and had outdone all the holiness of the monks, only to find rest for his soul. And when, amid great and heavy trials, the faith had dawned in his heart, not out of the doctrine of the Roman Church, but out of the living fountain of comfort of the divine Word itself, that man is not justified by his works, that all self-wrought work is in vain, and that only the pure grace of God in Christ, grasped with a penitent and believing heart, makes man righteous and blessed; even so he was at that time still far from conceiving any suspicion against the doctrine of the Roman Church or against the unconditional authority of the Roman see, let alone believing himself called to be a reformer. He did not account himself worthy of the calling of a Doctor of Holy Scripture; for when it was offered him by Dr. Staupitz for the newly founded university at Wittenberg, he made the most humble objections. Yea, Luther still had no inkling of his high calling when he had already worked in that office for several years with the greatest success; for he did not remain with the traditional unfruitful method of teaching, he did not expound the heathen moralist Aristotle, he did not hawk the school wisdom of the so-called Scholastics or papistic theologians, who sought with their learned lumber to adorn and cover the papacy with all its abominations, but he delighted with his hearers in the fresh fountain of truth, the writings of the prophets and apostles, he brought forth out of this inexhaustible mine treasures of wisdom and knowledge, so that even many who heard him marveled at him and prophesied of him that he would introduce a new manner of teaching in the Church and in the schools; while thus others sensed that with him the dawn of a better time had come, he himself yet sensed nothing, but remained small and humble in his mind, made nothing of himself and desired no wider sphere of work than that which God had assigned him for his nearest hearers. Many a seed was in this way already sown, many an evangelical truth planted in hearts, the root of many a papistic error already cut off, and the way prepared for the Reformation, before anyone thought of the Reformation.
The first public step, which drew the doctrine of the Roman Church before the judgment seat of the divine Word and so gave the first impulse to the Reformation, was, as is well known, the publication of the 95 Propositions or Theses, which Luther posted on the 31st of October 1517 at the castle church in Wittenberg; for in these propositions there was examined by God's Word especially the Roman doctrine of indulgence, that the pope, by virtue of the treasure which the Church possesses from the superfluous merits of the saints, can, upon payment of a certain sum of money, remit to the sinner the satisfactions which he has to render for his sins here and in purgatory, and Luther firmly maintained: the true treasure of the Church is alone the merit of JESUS Christ, not the merits of the saints; from this treasure alone comes forgiveness of sin, and it is given freely and without money to all who in true repentance stand over their sins, trust in the merit of Christ, and desire to cease from their sins. Although now the publication of these propositions, because they were not presented within the narrow bounds of the lecture hall, but went forth freely into the world and attacked the fundamental doctrines of the papacy, was undeniably Luther's first reformatory act; yet it was by no means his intention to come forward with these propositions as a reformer. The highest distress of conscience had driven him to it. For the horrid mischief of the indulgence-monger Tetzel took place before his eyes, wrought error and confusion among his own parishioners, and tore down in their hearts the doctrine of repentance and faith, which he had carefully planted in them. For those who had obtained indulgence from Tetzel said openly that they now had no need of repentance for their sins. What pain, what distress of conscience this must cause the pious and enlightened Dr. Luther! But to think that this was approved by the Head of Christendom at Rome was impossible to him. After he had tried in vain many other ways to remove the offense, he came forward with his propositions in the hope that the truth would be acknowledged by all who were faithfully minded toward the Roman Church, and especially by the pope himself. That he would thereby stir up the whole world