Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 4 › Seite 27
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-10-12, Seite 27
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und wider sich aufbringen, den Zorn des Papstes gegen sich reizen und sich gar damit Acht und Bann zuziehen würde, das hätte er nimmer geglaubt. Erst als er sich nicht mehr verhehlen konnte, daß von dem Oberhaupt der Christenheit zu Rom die sonnenhelle Wahrheit des Evangeliums, die er in seinen Sätzen dargethan hatte, verdammt wurde, stiegen Dr. Luther'n über die römische Kirche selbst Zweifel auf; und die unverschämte Vertheidigung des oberrichterlichen Ansehns des Papstes in allen Glaubens- und Gewissenssachen, mit welcher der päpstische Theologe Joh. Eck hervortrat, drang unsern Luther, auch diesen Punkt der strengen Prüfung nach Gottes Wort zu unterwerfen, und so kam es, daß ihm von dem Geheimniß der Bosheit im antichristischen Papstthum nun ein Stück nach dem andern aus der Schrift offenbar wurde. Je mehr sich Rom u. seine Anhänger der von ihm entdeckten evangelischen Wahrheit entgegenstellten, desto mehr wurde er in die Schrift, und damit zugleich in das Reformationswerk selbst hineingetrieben. Jedes Zeugniß für die Wahrheit, das er nothgedrungen und Gewissens halber vermöge seines Eides auf die heilige Schrift, den er bei Uebernahme des Doctorats geleistet, ablegen mußte, war ein Stein zum Bau des sich neugestaltenden Tempels; jeder Schritt, zu dem ihn seine Gegner drängten, war die nothwendige Ursache des folgenden; bis das Reformationswerk sich unter seiner Hand vollendete, ehe sich ein eigentlicher Reformationsplan in seiner Seele gebildet hatte. Und wenn ihm zur Zeit der Anfechtung fast schwindelte vor dem großen Werk, in welches er hineingeführt war, und seine Seele sich entsetzte über den Stürmen, die in Folge seines Auftretens die Länder und Völker durchbrausten, da tröstete er sich im stillen Kämmerlein vor seinem Gott, daß nicht er, sondern Gott solches Werk angefangen habe, daß es nicht seine, sondern Gottes Sache sei. Sein Gebet zu Worms, wo er vor Kaiser und Reich erscheinen sollte, gibt davon Zeugniß.
Wie ganz anders war es mit andern reformaterischen Versuchen gegangen, die aus menschlichem Rath und Vornehmen angefangen waren! Es hatte an dergleichen schon vor Luther nicht gefehlt. Denn daß der Kirche eine Reformation nöthig sei, das war seit langer Zeit schon von vielen angesehenen und frommen Männern gefühlt worden. Das Verlangen nach Reformation sprach sich so stark aus, daß sie auf jeder Kirchenversammlung, die seit 100 Jahren vor Luther'n gehalten worden waren, ernstlich zur Sprache kam. Auf dem Concil zu Costnitz, welches den treuen Zeugen JEsu Christi, Joh. Huß verdammte, sollte eine Reformation an Haupt und Gliedern vor sich gehen. Viele gelehrte Männer hatten zu Gunsten einer Reformation geschrieben und Rathschläge dazu gegeben. Denn die Sünden und Aergernisse des Clerus, oder des sogenannten geistlichen Standes, waren über Macht und empörten jedes christliche Gefühl. Auf dem römischen Stuhl selbst saßen die nichtswürdigsten Menschen, die die gräulichsten Laster ungescheut verübten. Schwelgerei, Ueppigkeit, Prachtliebe, Unzucht, unersättlicher Geiz, ja selbst Atheismus konnte den römischen Päpsten jener Zeit offen nachgewiesen werden. Aber alle jene wohlgemeinten Pläne einer Kirchenverbesserung blieben unausgeführt; das Verderben blieb, wie es war, und wuchs je länger, je mehr. Hätte nicht Gott selbst dreingesehen, und sich seiner Heerde selbst angenommen, es wäre nimmer eine Reformation zu Stande gekommen. Gerade einen unangesehenen Mönch, der nie daran gedacht hatte, ein Reformator zu werden, erwählte sich Gott zu seinem Werkzeug, damit ihm die Ehre allein bliebe, damit man deutlich erkennen könne, daß diese Reformation Gottes Werk war.
2.
Aber zu diesem Beweis kommt noch ein anderer, der nicht minder wichtig ist. Dieser ist: daß es ein Werk war, welches alle menschlichen Kräfte weit überstieg. Es gab Ungeheures zu thun, um eine wahre gründliche Reformation der Kirche zu bewirken. Welch ein Schutt von Irrthümern, Menschensatzungen und Mißbräuchen war hinwegzuräumen, welch eine Macht von eingewurzelten Vorurtheilen zu überwinden! Wenn es jemand zu einer Zeit, wo noch die mächtigsten Fürsten der Erde dem Papste als dem allermächtigsten huldigten und die Völker vor seinem Banne zitterten, hätte voraussagen sollen, daß ein armer einzelner Mönch es wagen dürfe, des Papsts Bannbulle und Decrete öffentlich mit Feuer zu verbrennen; öffentlich zu schreiben und aus der Schrift zu beweisen, daß das Papstthum vom Teufel gestiftet sei; — oder wenn es jemand hätte voraussagen sollen, daß von einem geringen armseligen Mönch eine solche Umgestaltung in der Kirche ausgehen werde, in Folge deren das christliche Volk sich nicht mehr damit begnügen werde, was Papst, Bischöfe und Concilien sagen, oder was die Satzungen der Kirche vorschreiben, sondern selbst prüfen und forschen werde, was das Wort Gottes sagt, und sich hinfort keine Glaubensartikel von Menschen aufdringen lassen werde, sie seien denn in heiliger Schrift klar gegründet; so würde dies für eine Sache der Unmöglichkeit gehalten worden sein.
Es würde zwar zu weit führen, alle die Irrthümer und Mißbräuche zu erzählen, womit das Papstthum die Kirche verwüstet hatte. Allein etwas müssen wir davon erwähnen, um daraus zu sehen, was die Reformation für ein schweres, alle menschlichen Kräfte übersteigendes Werk war.
Da war nun erstlich das ungeheure Ansehn des Papstes. Er hatte es dahin gebracht, daß ihn die ganze Kirche für das sichtbare Oberhaupt erkannte, für den sichtbaren Stellvertreter Christi auf Erden, der allein die Schlüssel des Himmelreichs habe, der allein zu entscheiden habe, was in der Kirche gelehrt und geglaubt werden solle. Was er in Glaubenssachen oder Ceremonieen ordnete oder setzte, das galt als Regel für die ganze Kirche und mußte im blinden Gehorsam angenommen werden; selbst wenn es offenbar der heiligen Schrift widersprach. Keinem stand das Recht der freien Prüfung zu, ja nicht einmal das Lesen der Schrift. Der Papst erhob seinen Stuhl sogar über die Thronen der Könige und Fürsten, hatte alle geistliche und weltliche Gewalt an sich gerissen, und drückte das ganze Christenvolk in allen Ländern mit unsäglichen Auflagen — eine Tyrannei, wie sie nie auf Erden gewesen war; denn er betrachtete sich als den Herrn über das Gewissen, Leib, Leben und Gut aller Menschen. Wenn wir daher lesen, was St. Paulus vom Antichrist geweissagt hat 2 Thess. 2, 4.: „Der da ist ein Widerwärtiger und sich erhebet über alles, das Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes, als ein Gott, und giebt sich vor, er sei Gott,“ — so kann kein Zweifel sein, daß sich dieser Antichrist in dem römischen Papst offenbart hat; der sich eben dadurch über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, erhoben hat, daß er sich unterwunden, in Lehre und Gottesdienst alles nach seinem Belieben zu ordnen, zu ändern und abzuthun.
Mit dem ungeheuern Ansehn des Papstes hing natürlich auch zusammen, daß der ganze sogenannte geistliche Stand eine solche Stellung zum Volke einnahm, die alles Recht in geistlichen Dingen dem Volke entzog und in die Hände der Priester legte. Das Pfaffenthum war so zu sagen die Schleppe des Papstthums; in Bezug auf das letztere stand es in slavischer Abhängigkeit, aber dem Volk gegenüber übte es alle Macht im Kleinen aus, die der Papst im Großen übte. Von dem Recht der Berufung, von dem Recht über die Lehre zu urtheilen, von der Regierung der Kirche, war das christliche Volk gänzlich ausgeschlossen; denn sie, die Geistlichen, betrachteten sich mit dem Papst allein als die Kirche.
Besehen wir nun weiter, was denn eigentlich in der päpstischen Kirche dem Volke für eine Anweisung zur Seligkeit gegeben wurde, so treffen wir da auf viele grundstürzende, seelengefährliche Irrthümer. Denn wenn auch Christus, seine Gottheit, Menschwerdung, sein verdienstliches Leiden und Sterben, seine Auferstehung und Himmelfahrt nicht geleugnet wurde; so war doch Christi Verdienst durch die Zuthat so vieles menschlichen Wahnes gar verkleinert und verdunkelt. Neben dem Verdienste Christi wies man auf die Fürbitten und Verdienste der Heiligen, besonders auf die Fürsprache der Maria, als könne Christi Herz nur durch die Fürbitte seiner Mutter über dem Sünder erreicht werden. Man gebot Wallfahrten, Opfer, Schenkungen, um dadurch die Gunst der Heiligen zu gewinnen. Neben dem Glauben wies man auf die Werke, auf die eignen Büßungen und Genugthuungen; auf das Fegfeuer als letztes Reinigungsmittel derjenigen, welche nicht als vollkommene Heilige verstorben seien. Die tröstliche Lehre von der Gerechtigkeit des Glaubens, daß Gott dem Sünder die Gerechtigkeit seines lieben Sohnes zurechnet, der sich
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and against himself, to provoke the wrath of the pope against himself, and even to draw upon himself ban and outlawry thereby, he would never have believed. Only when he could no longer conceal from himself that from the Head of Christendom at Rome the sun-bright truth of the Gospel, which he had set forth in his propositions, was condemned, doubts about the Roman Church itself arose in Dr. Luther; and the shameless defense of the supreme judicial authority of the pope in all matters of faith and conscience, with which the papistic theologian John Eck came forward, urged our Luther to subject this point also to the strict examination of God's Word, and so it came about that the mystery of iniquity in the antichristian papacy was now revealed to him from Scripture, piece after piece. The more Rome and its adherents set themselves against the evangelical truth discovered by him, the more was he driven into the Scriptures, and with this at the same time into the work of the Reformation itself. Every testimony for the truth which he was compelled by necessity and for conscience' sake, by virtue of his oath upon the Holy Scripture, which he had taken upon assuming the doctorate, to render, was a stone toward the building of the temple taking new shape; every step to which his opponents pressed him was the necessary cause of the following; until the work of the Reformation was completed under his hand, before any actual plan of reformation had formed in his soul. And when in the time of trial he was almost dizzy before the great work into which he had been led, and his soul was horrified at the storms which in consequence of his appearance swept through lands and peoples, he comforted himself in the quiet closet before his God, that not he, but God had begun such a work, that it was not his, but God's cause. His prayer at Worms, where he was to appear before Emperor and Empire, bears witness to this.
How very differently it had gone with other reformatory attempts, which were begun from human counsel and purpose! There had been no lack of such before Luther. For that the Church needed a reformation had long been felt by many esteemed and pious men. The desire for reformation expressed itself so strongly that it came up in earnest for discussion at every church council that had been held in the 100 years before Luther. At the Council of Constance, which condemned the faithful witness of JESUS Christ, John Huss, a reformation in head and members was to take place. Many learned men had written in favor of a reformation and given counsel to that end. For the sins and offenses of the clergy, or of the so-called spiritual estate, were beyond measure and outraged every Christian feeling. On the Roman see itself sat the most worthless men, who committed the most horrible vices without shame. Revelry, wantonness, love of display, unchastity, insatiable greed, yea even atheism could be openly proved against the Roman popes of that time. But all those well-meant plans of a reform of the Church remained unexecuted; the corruption remained as it was, and grew the longer the more. Had not God himself looked to it, and taken up the cause of his flock himself, a reformation would never have come about. Precisely an unregarded monk, who had never thought of becoming a reformer, God chose for his instrument, that the honor might remain to him alone, that it might be plainly recognized that this Reformation was God's work.
2.
But to this proof there comes yet another, which is no less important. It is this: that it was a work which surpassed all human powers. There was a prodigious task to be done in order to effect a true, thorough reformation of the Church. What a heap of errors, human ordinances and abuses had to be cleared away, what a power of deep-rooted prejudices to be overcome! If anyone, at a time when the mightiest princes of the earth still paid homage to the pope as the most mighty of all and the nations trembled before his ban, had been asked to foretell that a poor solitary monk would dare to burn publicly with fire the pope's bull of excommunication and decretals; to write publicly and prove from Scripture that the papacy was founded by the devil; — or if anyone had been asked to foretell that from a lowly, poor monk such a transformation would proceed in the Church, in consequence of which the Christian people would no longer be content with what pope, bishops and councils say, or what the ordinances of the Church prescribe, but would itself test and search what the Word of God says, and henceforth would let no articles of faith be forced upon it by men, unless they were clearly grounded in Holy Scripture; this would have been held a thing impossible.
It would indeed lead too far to relate all the errors and abuses with which the papacy had laid waste the Church. Yet something we must mention of them, in order to see from it what a heavy work the Reformation was, surpassing all human powers.
There was, first of all, the enormous authority of the pope. He had brought it about that the whole Church acknowledged him as the visible head, as the visible vicar of Christ on earth, who alone had the keys of the kingdom of heaven, who alone was to decide what should be taught and believed in the Church. Whatever he ordained or established in matters of faith or ceremonies counted as a rule for the whole Church and had to be received in blind obedience; even when it plainly contradicted Holy Scripture. To no one belonged the right of free examination, nay not even the reading of Scripture. The pope raised his seat even above the thrones of kings and princes, had seized all spiritual and temporal power, and oppressed the whole Christian people in all lands with unspeakable burdens — a tyranny such as had never been on earth; for he regarded himself as lord over the conscience, body, life and goods of all men. When therefore we read what St. Paul has prophesied of Antichrist, 2 Thess. 2:4: "Who opposeth and exalteth himself above all that is called God, or that is worshipped; so that he as God sitteth in the temple of God, shewing himself that he is God," — there can be no doubt that this Antichrist has revealed himself in the Roman pope; who exalted himself above all that is called God or worship by this very thing, that he took it upon himself to order, alter and abolish everything in doctrine and worship at his pleasure.
With the enormous authority of the pope there naturally went also this, that the whole so-called spiritual estate took such a position toward the people as withdrew all right in spiritual things from the people and laid it into the hands of the priests. The priesthood was, so to speak, the train of the papacy; in relation to the latter it stood in slavish dependence, but toward the people it exercised all the power on a small scale which the pope exercised on a large. From the right of calling, from the right of judging concerning doctrine, from the government of the Church, the Christian people was wholly shut out; for they, the clergy, regarded themselves together with the pope alone as the Church.
If we now look further at what instruction for salvation was actually given to the people in the papistic church, we meet there with many subversive, soul-endangering errors. For although Christ, his Godhead, incarnation, his meritorious suffering and death, his resurrection and ascension were not denied; yet Christ's merit was greatly diminished and obscured by the addition of so much human delusion. Alongside the merit of Christ men pointed to the intercessions and merits of the saints, especially to the intercession of Mary, as though Christ's heart could be reached over the sinner only through the intercession of his mother. Men commanded pilgrimages, offerings, donations, in order thereby to win the favor of the saints. Alongside faith men pointed to works, to one's own penances and satisfactions; to purgatory as the last means of cleansing for those who had not died as perfect saints. The comforting doctrine of the righteousness of faith, that God imputes to the sinner the righteousness of his dear Son, who