Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 4 › Seite 28

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-10-12, Seite 28

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Christum mit wahrem Glauben zueignet, war ganz verschwunden. Der Glaube überhaupt wurde für etwas sehr Geringes angesehen, nämlich für nicht mehr, als was auch die Gottlosen haben können; ein Glaube, der nur im Kopfe und im Maul sei und keine lebendige Frucht zu bringen im Stande sei, ja, bei offenbaren Todsünden doch bestehen könne. Die Liebe wurde nicht als eine Frucht des Glaubens betrachtet, sondern als etwas durch die Gnade Eingegossenes; daher auch nicht dem Glauben, sondern der Liebe die seligmachende Kraft zugeschrieben wurde.

Aber auch von den guten Werken selbst war die papistische Lehre weit von der gesunden Lehre der heiligen Schrift entfernt. Man trieb nicht auf die von Gott in den heil. 10 Geboten befohlenen Werke; nicht auf die Werke, die einem jeden nach seinem Stand und Beruf zu thun gebühren; sondern auf besondere Regeln, die aus menschlicher, selbsterwählter Andacht entsprungen waren. Daher so viele Orden und Brüderschaften, die ihre Heiligkeit in besondern Regeln suchten, nach denen sie lebten, wozu sie aber weder Befehl noch Exempel in der heiligen Schrift hatten. Diese Werke, wenn sich z. B. ein Mönch casteiete, fastete, so und so viel betete, gewisse Gelübde auf sich nahm, in besonderer Kleidung einherging, hielt man für die rechten, guten Werke; ja, man schrieb ihnen eine solche Heiligkeit, Kraft und Güte zu, daß auch die, welche in gemeinen Ständen ohne solche Regel lebten, derselben zu ihrer Gerechtigkeit mitgenießen könnten. Es ging so weit, daß sich auch Fürsten in der Kutte begraben ließen, die ein Mönch getragen hatte, um dadurch der Heiligkeit desselben theilhaftig zu werden. Die Werke, die ein frommer Christ, der in seinem ordentlichen Lebensberuf blieb, nach den heil. 10 Geboten that; wenn der Fürst wohl regierte; der Hausvater das Seine fleißig und redlich that, die Kinder in Gottesfurcht aufzog; wenn ein Gatte dem andern eheliche Liebe und Treue erwies; die Kinder ihre Eltern ehrten und ihnen wohlthaten im Alter: alle diese Werke wurden für gemeine weltliche Werke geachtet. Mochte immerhin der Sohn den Vater in Mangel und Elend lassen; wenn er in's Kloster ging und Gott mit mönchischer Heiligkeit diente, so glaubte er ein viel köstlicheres Werk zu thun. Der Ehestand war den Priestern als ein gemeiner weltlicher Stand verboten, und doch ganz im Widerspruch damit wurde die Ehe unter die 7 Sacramente gerechnet. Die Regeln Christi, die er in seiner Bergpredigt vom rechten christlichen Leben giebt, z. B. sich nicht selbst rächen, Unrecht geduldig leiden, die Feinde lieben, Haß mit Wohlthat vergelten, sich selbst und seinen Lüsten absagen, in wahrer Selbstverleugnung leben; alle diese Regeln gab man im Papstthum für sogenannte evangelische Rathschläge aus, die nicht jedem Christen geboten, sondern nur denen vorgegeben seien, die eine höhere Vollkommenheit zu erreichen strebten.

Wie konnte nun bei dieser Unzahl von Irrthümern jemand einen deutlichen gewissen Unterricht vom Weg zur Seligkeit bekommen? Ach wie schwer mußte es damals sein, selig zu werden! Denn aus dieser papistischen Lehre vom Glauben und guten Werken mußten entweder pharisäische Heilige oder verzweifelnde Gewissen kommen. Und doch wollen wir glauben, daß Gott auch damals, wie zu Elias Zeit, seine 7000 gehabt habe, die ihre Kniee nicht gebeugt haben vor Baal, die aus dem, was selbst in der papistischen Kirche noch von Christo und seinem Verdienst Richtiges gelehrt wurde, durch des heiligen Geistes Licht einen gewissen Trost des Glaubens gefaßt haben, während das Uebrige als Streu und Stoppeln im Feuer der Anfechtung bei ihnen verzehrt worden ist.

Unter den namhaftesten Mißbräuchen des Papstthums sind auch noch aufzuzählen: die Verstümmelung des Sacraments, da man den Laien den Kelch entzog und ihnen folglich nur das halbe Sacrament reichte, worüber sich schon vor Luthern die Böhmen von der römischen Kirche getrennt hatten; ferner die Verkehrung des Sacraments in ein sogenanntes Meßopfer, dem man die Kraft zuschrieb, daß es nicht allein den Lebenden Vergebung der Sünden erwirke, sondern auch den Todten im Fegfeuer Linderung und Erlösung verschaffe; ferner die Anrufung der Heiligen; die Verehrung der Bilder und so viele abergläubische Gebräuche, denen man zum Theil einen sacramentlichen Character beilegte; so viel geistloses Gesänge und Geplärre, von welchem Christus längst zuvor gesagt hat: „Dies Volk nahet sich zu mir mit seinem Munde und ehret mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir. Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind.“ (Matth. 15, 8. 9.)

Einen solchen Schutt von Irrthümern und Mißbräuchen gab es hinwegzuräumen, wenn eine wahre Besserung in der Kirche bewirkt werden sollte. Welches Menschen Kraft hätte solches vermocht! Und wenn die Weisesten u. Mächtigsten der Erde alle ihre Weisheit und Macht darauf verwendet hätten, sie würden nichts ausgerichtet haben, wenn nicht der HErr selbst, der zur Rechten Gottes sitzt, beschlossen gehabt hätte, dieser antichristischen Tyrannei ein Ziel zu setzen, das Geheimniß der Bosheit offenbar zu machen und seinem Volk eine gründliche Hülfe zu schaffen. Nicht Luther's Werk ist die Reformation, sondern das Werk dessen, der einst laut unsres Textes zu den treulosen Hirten Israel's sprach: „Siehe, ich will an die Hirten und will meine Heerde von ihren Händen fordern; und will es mit ihnen ein Ende machen, daß sie nicht mehr sollen Hirten sein, und sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schaafe erretten aus ihrem Maul, daß sie sie forthin nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht der HErr HErr: Siehe, ich will mich meiner Heerde selbst annehmen und sie suchen; wie ein Hirte seine Schaafe sucht, wenn sie von seiner Heerde verirret sind.“

Wir wollen nun endlich noch einen Grund betrachten, aus welchem hervorgeht, daß die Reformation ein Werk Gottes war, und dieser ist:

3.

weil dieselbe mit dem heilsamsten und gesegnetsten Erfolge gekrönt wurde.

Sie kam nicht nur trotz alles Widerstandes von Seiten des Papstthums zu Stande, sondern sie war auch der Art, daß die zahllosen Schäden der Kirche gründlich geheilt wurden. Was die kühnsten Erwartungen beim ersten Auftreten Luther's nicht hoffen konnten, das kam zu Stande. Pabst, Kaiser und Reich hatten sich verbunden, den Mönch zu Wittenberg und seine Lehre zu unterdrücken, und sie vermochten es nicht. Kein Bann, keine Acht, kein Feuer und Schwert wollte mehr helfen; sie kam zu Stande, die herrliche Reformation der Kirche! Auf Luther's Seite war nichts, als das Wort, das mächtige Wort der Schrift; auf Seiten der Gegner eine Macht, wie sie kein mächtiger Eroberer je in's Feld geführt hat. Auf Seiten Luther's war nichts, als der Glaube, der den Mächten der Hölle trotzig die Stirn bot, und Gut und Blut, Leib und Leben freudig für die Wahrheit in die Schanze schlug; ein Glaube, der sich weigerte von irgend einem menschlichen Arm Hülfe anzunehmen, sondern allein auf den Schutz des HErrn der Heerschaaren vertraute. Auf Seiten des Papstthums alle Künste der Lüge und Bosheit und alle Kräfte der Finsterniß. O wahrlich ein ungleicher Kampf vor Menschen-Augen, ein Kampf David's mit Goliath; ja, der ungleichste, von dem je die Geschichte erzählt hat. Und doch mußte der Sieg auf Luther's Seite fallen, weil der Gott Zebaoth mit ihm war; weil Christus JEsus selbst durch diesen seinen Knecht den ungleichen Streit führte.

Und wie herrlich kam sie zu Stande! Es war eine Reformation im wahren Sinne des Worts; nicht eine mechanische Wiederherstellung von etwas früher Bestandenem; auch nicht ein gewaltsamer Umsturz des Bestehenden — nicht eine Revolution, die mit frevelnder Hand in die Rechte Anderer greift. Ja unbegreiflich ist's, und ein Zeichen ihrer Blindheit und Unwissenheit, wenn sich bisweilen die Umsturzmänner unsrer Tage auf Luther's Werk zur Beschönigung ihres Frevels berufen. Nein! es war eine wahre Reformation, das heißt: eine lebendige Neugestaltung der Kirche auf dem uralten Grund des göttlichen Wortes. Die Schrift und nichts als die Schrift war das Fundament des herrlichen Neubau's. Sie kam durch die Reformation zu ihrem vollen Rechte, als die oberste und alleinige Richterin in allen Glaubenssachen. Sie blieb nicht mehr ein todter Schatz, der sich in den Bibliotheken der Klöster verbarg, sondern sie kam in Brauch und Uebung. Durch die meisterhafte Uebersetzung derselben in die deutsche Sprache, ein Werk, durch welches allein sich Dr. Luther unsterbliche Verdienste erworben hat, und an welchem der besondere Beistand des heiligen Geistes gar deutlich zu spüren ist, kam die heilige Schrift in Jedermanns Hände. Eben dies war es, was die Reforma-

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appropriates Christ with true faith, had wholly vanished. Faith in general was regarded as something very slight, namely as no more than what the godless too can have; a faith that is only in the head and in the mouth and is unable to bring forth any living fruit, yea, can subsist even with open mortal sins. Love was not regarded as a fruit of faith, but as something infused by grace; hence the saving power was ascribed not to faith, but to love.

But also with respect to good works themselves the papistic doctrine was far removed from the sound doctrine of Holy Scripture. Men did not insist on the works commanded by God in the holy 10 Commandments; not on the works which are due from each one according to his station and calling; but on special rules which had sprung from human, self-chosen devotion. Hence so many orders and brotherhoods, which sought their holiness in special rules by which they lived, for which they had neither command nor example in Holy Scripture. These works, when, for example, a monk mortified himself, fasted, prayed so and so much, took certain vows upon himself, went about in special clothing, were held to be the right, good works; yea, men ascribed to them such holiness, power and goodness that even those who lived in common estates without such a rule could share in the same for their righteousness. It went so far that even princes had themselves buried in the cowl which a monk had worn, in order thereby to become partakers of his holiness. The works which a pious Christian, who remained in his ordinary calling in life, did according to the holy 10 Commandments; when the prince governed well; the father of the house did his own work diligently and honestly and brought up the children in the fear of God; when a husband showed his wife conjugal love and fidelity; when children honored their parents and did them good in old age: all these works were esteemed common worldly works. Let the son by all means leave his father in want and misery; if he went into the cloister and served God with monkish holiness, he believed he was doing a much more precious work. Marriage was forbidden to the priests as a common worldly estate, and yet in complete contradiction to this marriage was reckoned among the 7 sacraments. The rules of Christ, which he gives in his Sermon on the Mount concerning the right Christian life, for example, not to avenge oneself, to suffer wrong patiently, to love enemies, to repay hatred with kindness, to renounce oneself and one's lusts, to live in true self-denial; all these rules men gave out in the papacy as so-called evangelical counsels, which are not commanded to every Christian, but only prescribed to those who strive to attain a higher perfection.

How could anyone, amid this host of errors, obtain a clear, certain instruction concerning the way to salvation? Alas, how hard it must have been at that time to be saved! For out of this papistic doctrine of faith and good works there had to come either Pharisaical saints or despairing consciences. And yet we will believe that God also at that time, as in the time of Elijah, had his 7000 who had not bowed their knees to Baal, who from what was still taught rightly in the papistic church itself of Christ and his merit, through the light of the Holy Spirit grasped a certain comfort of faith, while the rest was consumed in them as straw and stubble in the fire of trial.

Among the most notable abuses of the papacy are also yet to be enumerated: the mutilation of the Sacrament, in that the cup was withheld from the laity and consequently only half the Sacrament was given to them, on account of which the Bohemians had already separated from the Roman Church before Luther; further the perversion of the Sacrament into a so-called sacrifice of the mass, to which was ascribed the power that it procures not only for the living forgiveness of sins, but also gives the dead in purgatory relief and release; further the invocation of the saints; the veneration of images and so many superstitious customs, to which men ascribed in part a sacramental character; so much spiritless singing and babbling, of which Christ said long before: "This people draweth nigh unto me with their mouth, and honoureth me with their lips; but their heart is far from me. But in vain they do worship me, teaching for doctrines the commandments of men." (Matt. 15:8, 9.)

Such a heap of errors and abuses had to be cleared away if a true reformation was to be effected in the Church. What man's strength could have accomplished that! And if the wisest and mightiest of the earth had expended all their wisdom and might upon it, they would have accomplished nothing, if the LORD himself, who sitteth at the right hand of God, had not resolved to put an end to this antichristian tyranny, to make the mystery of iniquity manifest and to provide his people a thorough help. The Reformation is not Luther's work, but the work of him who once, according to our text, spoke to the faithless shepherds of Israel: "Behold, I am against the shepherds; and I will require my flock at their hand, and cause them to cease from feeding the flock; neither shall the shepherds feed themselves any more; for I will deliver my flock from their mouth, that they may not be meat for them. For thus saith the Lord GOD; Behold, I, even I, will both search my sheep, and seek them out. As a shepherd seeketh out his flock, in the day that he is among his sheep that are scattered."

We will now finally consider yet one ground from which it appears that the Reformation was a work of God, and this is:

3.

because it was crowned with the most salutary and most blessed success.

It came to pass not only in spite of all resistance on the part of the papacy, but it was also of such a kind that the countless wounds of the Church were thoroughly healed. What the boldest expectations at Luther's first appearance could not hope for, that came to pass. Pope, Emperor and Empire had joined together to suppress the monk at Wittenberg and his doctrine, and they were not able. No ban, no outlawry, no fire and sword would help any more; it came to pass, the glorious Reformation of the Church! On Luther's side there was nothing but the Word, the mighty Word of Scripture; on the side of the opponents a power such as no mighty conqueror ever led into the field. On Luther's side there was nothing but the faith which defiantly faced the powers of hell, and cheerfully staked goods and blood, body and life for the truth; a faith which refused to accept help from any human arm, but trusted alone in the protection of the LORD of Hosts. On the side of the papacy all the arts of falsehood and wickedness and all the powers of darkness. O truly an unequal struggle in the eyes of men, a struggle of David with Goliath; yea, the most unequal of which history has ever told. And yet the victory had to fall to Luther's side, because the God of Sabaoth was with him; because Christ JESUS himself led the unequal strife through this his servant.

And how gloriously it came to pass! It was a reformation in the true sense of the word; not a mechanical restoration of something that had existed earlier; nor a violent overthrow of what exists — not a revolution which with wanton hand reaches into the rights of others. Yea, it is incomprehensible, and a sign of their blindness and ignorance, when the overthrowers of our day sometimes appeal to Luther's work to palliate their wantonness. No! it was a true reformation, that is: a living new shaping of the Church upon the ancient ground of the divine Word. The Scripture and nothing but the Scripture was the foundation of the glorious new building. By the Reformation it came to its full right, as the supreme and sole judge in all matters of faith. It no longer remained a dead treasure, which hid itself in the libraries of the cloisters, but it came into use and practice. Through the masterly translation of it into the German language, a work by which alone Dr. Luther earned immortal merit, and in which the special assistance of the Holy Spirit is quite plainly to be perceived, the Holy Scripture came into everyone's hands. This very thing it was which the Reforma-