Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 15, Nummer 9 › Seite 66

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. Dezember 1858, Seite 66

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Beruf des Paſtors · Bibliſche Geſchichte 5

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mahnen. Er hatte ein und andermal anschei⸗
nende Gelegenheit, seine leiblichen Umstände zu
verbessern, und in andern Gegenden reicher zu
werden, sagte aber, er wollte lieber alles Zeitliche
verlieren, als Gottes Wort und den Gottesdienst
mit vergänglichen Gütern vertauschen. Da er
nun solchergestalt nach den Gründen der christ—
lichen Religion wandelte, und begierig war, das
Reich IEsu Christi bei sich und andern zu beför⸗
dern: so fehlete es ihm nicht an manchen Fein⸗
den, welche seinen christlichen Namen und Cha—
racter zu verlästern suchten, und er war in An-⸗
sehung so vieler Widersacher und Verleumder ein
geplagter Mann, und wollte bisweilen kleinmü—
thig werden, konnte sich aber gleich wieder aus
GOttes Wort ermuntern: Johannes kam,
aß und trank nicht wie andere, so
sagten sie: Er hat den Teufel. Des
Menschen Sohn, die höchste Weisheit,
kam selber, aß und trank wie andere,
so sagten sie: Siehe, wie ist der
Mensch ein Fresser und ein Wein⸗
säufer, der Zöllner und der Sünder
Geselle! hat es nun der Hausherr und Vater
selber nicht allen recht machen können, was sollen
denn seine Hausgenossen erwarten? So viel man
in der Schwachheit nach den äußern Kennzeichen
von seiner innern Beschaffenheit urtheilen konnte,
so war ohne Zweifel der Glaube und das Leben
aus GOtt in seiner Seele angefangen und ge—
grümdet, welches sich durch den anhaltenden treuen
Gebrauch der Gnadenmittel und Uebung des
Guten von Zeit zu Zeit immer besser geoffenbaret
hat, wie ich und meine übrigen Amtsbrüder,
welche ihn gekannt, bemerket. Denn er verlangte
und bemühte sich immer mehr und gründlicher
die wahre Buße und Bekehrung zu Gott, und den
lebendigen Glauben an den Versöhner der Welt
zu erfahren, und durch denselben sowohl die Kind-
schaft bei Gott zu genießen, als auch die wahre
Gottseligkeit oder den kindlichen Gehorsam gegen
seinen himmlischen Vater und dessen vollkomme—
nen Willen zu beweisen. Er suchte durch Gottes
Beistand sein Herz immer mehr von der unächten
Liebe und Begierde zu irdischen Dingen zu reini⸗
gen, und mit der leiblichen Nothdurft vergnuügt zu
sein. Er war arm im Geist und verlangte
immer noch ärmer zu werden. Er hielt an in
der täglichen Wachsamkeit, und betete um genug—
same Kraft zum beständigen Glaubenskampf
gegen alle böse Versuchungen, und um die Be⸗
festigung in der Geduld und Hoffnung bis ans
Ende. Der grobe oder schwarze Teufel, wie
Lutherus sagt, konnte ihm mit Schelten, Poltern,
Lästern und Verleumden nichts abgewinnen;
dannenhero versuchte ihn der weiße desto mehr
mit seiner List, und wollte ihn zu dem gefährli⸗
chen Egoismo oder Eigenliebe verleiten, daß er
sich in den guten Werken spiegeln, sich selbst ge⸗
fällig werden, und GOtt die Ehre rauben möchte.
Sein guter Hirte und getreuer Heiland ließ ihm
aber durch seinen Geist, vermittelst des Wortes,
seine vielfältigen Fehler und Schwachheiten desto
mehr kund und offenbar werden, damit er immer
ärmer am Geiste werden und vor gefährlichen
Höhen bewahret bleiben möchte. Die große Un-
dankbarkeit und Christen ungeziemende Auffüh⸗

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rung der so genannten Lutheraner oder unruhigen
Köpfe in Germantown verursachte ihm viel
Herzeleid und Jammer. Er war etlichemal mit
gegenwärtig, und gedachte den Strom mit Bitten
und Flehen und Vorstellung aus Gottes Wort

zu hemmen; wurde aber mit groben Worten und

Verleumdungen abgewiesen. Er bekam kurz her⸗
nach eine schwere Krankheit, wovon ihn aber der
barmherzige Gott wieder befreiete. Kurz vor
seiner letzten Krankheit hielte ich auf Schippach

eine Erbauungsstunde von der neuen Creatur,

die in Christo IEsu allein gilt, Gal. 6, 15.
Da er nun derselben mit beiwohnete, und aufs
neue kräftig ermuntert wurde, so beschloß er sich
nach der Zurückkunft zu Hause in sein Kämmer—
lein, und betete herzlich. Er wurde meiner nicht
gewahr, ob ich gleich den Inhalt desselben Ge⸗
bets zu verstehen Gelegenheit hatte. In dem

Gebet breitete er sich sehr aus, klagte sich vor

GoOtt als den allerelendesten Wurm an, und

verlangte anhaltend, in IEsu Christo eine ganz

neue Creatur zu werden und zu bleiben. Nach

diesem nahm ihn der himmlische Arzt in seine

letzte cur. Was seine leibliche Krankheit betraf,
so bestand dieselbe in einem anhaltenden hitzigen
Fieber, dabei die Doctores zwar consuliret wur⸗
den, und der Natur zu Hülfe zu kommen suchten,
aber ohne den erwünschten Effect. Nach den
ersten sieben Tagen stellete sich ein Schlucken ein,
wogegen alle angewandten Mittel nicht anschla—
gen wollten. Wir vereinigten uns zum gemein-⸗
schaftlichen Gebet öffentlich und besonders vor
GOtt, und stelleten die Sache dem gnädigen und
besten Willen Gottes anheim. Nach dem vier-
zehenten Tage merkte man, daß es zum Ende
gehen würde, und der Patient bat flehentlich,
daß man ihn mit Arzenei ferner verschonen, und
seinen letzten Willen i Ordnung bringen möchte,
damit seine Seele ganz von vergänglichen Din-
gen entladen würde, und das Himmlische genie-
ßen könnte. Er hatte sich zwar in den vergan⸗
genen vierzehn Tagen christlich und erbaulich
betragen; weil aber die Seele in ihren Beschäf⸗
tigungen durch die Wirkungen der Krankheit oft
beunruhiget und unterbrochen wurde: so konnte
sie sich nunmehro desto gläubiger aufschwingen,
weil die Heftigkeit der Fieberarbeit nachgelassen
hatte. Ich bat ihn in den letzten Tagen, er
möchte mir aufrichtig vor GOttes Angesicht auf
folgende Fragen antworten: 1) Ob er in die—
ser Krankheit andere Einsichten und
Begriffe von der Herzensbuße,dem le⸗
bendigen Glauben und der Gottse⸗
ligkeit bekommen, als er in GOttes
Wort gelesen, und in unserer Evan⸗
gelischen Kirche gehöret? Er antwortete:
Nein! Meine Erfahrung stimmet mit den gelese⸗
nen und gehörten Grundwahrheiten noch überein,
nur mit der Ausnahme, daß sie weiter in den
Grund des Herzens gedrungen, und lebendiger
als in gesunden Tagen worden sind. Ich kann
nun gewisser und zuversichtlicher aus der Erfah⸗
rung reden, als in gesunden Tagen. 2) Ob er
noch was von eigener Gerechtigkeit
aufzuweisen und mit in die Ewigkeit
zu nehmen hätte? Er antwortete gleich—
nißweise: Ich könnte mit Leib und Seele in einer

Nußschale wohnen, so gering und klein bin ich
in meinen Augen; aber IEsu, meines theuersten
Erlösers Wunden schicken sich besser fur mich,
den großen Sündenwurm. Das ist je gewißlich
wahr, und ein theuer werthes Wort ꝛc. 3) Ob
er mich in der Ewigkeit vor GOttes
Gerichte verklagen würde, daß ich
wegen meines Amtes was an ihm
versäumet? Er antwortete: Nein! Ich werde
vielmehr den HErrn IEsum bitten, daß er Sie
stärken, und noch mehrern Segen verleihen wolle,
damit GOttes Name bei allen geheiliget, sein
Reich befördert und sein Wille vollbracht werde.
4) Ob er sich nicht vor dem Tode und

ist mein Leben, Sterben mein Gewinn. Wer
will verdammen? Christus ist hie, der gestorben,
auferwecket, zur Rechten Gottes ist, und mich
vertritt. 5) Ob er nicht für seine
fromme Frau und liebe Kinder be⸗
sorgt wäre? Er antwortete: Meine schwäch-⸗
liche Frau und zum Theil noch unerzogene Kin-
der jammern mich; aber der Herr ist ihr Hirte,
darum wird ihnen nichts mangeln, so lange sie
seine Schafe bleiben ꝛc. Ich habe sie dem mäch⸗
tigen Schutz und Versorgung des himmlischen
Vaters, der zarten Liebe und Verpflegung des
Erzhirten IEsu Christi und den Bearbeitungen
des heil. Geistes im Gebet empfohlen, und werde
es noch immer mehr thun, so lange die Seele in
mir ist. 6) Ob er noch etwas an un⸗
sere hochwürdige Väter und Gön⸗
ner in Europa zu bestellen hätte?
Er antwortete: Einen vieltausendfachen Gruß
und Kuß im Geist bitte zu bezeugen. Der Err,
der allgenugsame GOtt und versöhnte Vater in
Christo, sei ibr Schild und sehr großer Lohn!
Die unergründliche Segensquelle vergelte ihnen
in der Auferstehung der Gerechten, was sie an
den armen verlassenen Gemeinen überhaupt, an
meiner Familie und an meiner geringsten Person
insonderheit, durch die hereingesandte Prediger
des Evangelii erwiesen! Wenn ich nur der ge⸗
ringste Thürhüter aus Gnaden in dem Reiche der
Herrlichkeit werde, so soll ich sie vor dem Throne
des Lammes verklärt sehen, und ihnen Freude ver⸗
ursachen. Ach daß sie nicht müde werden möch—
ten Gutes zu thun! Die Undankbarkeit des. gro⸗
ben Haufens müsse sie nicht gbschrecken, denn es
sind immer noch einige, welche sich ziehen und
retten lassen c. 7) Ob er noch etwas in
seinem Herzen gegen ein oder andern
seiner Nebenmenschen hätte? Er ant⸗
wortete: Ich habe alles aus Herzensgrunde ver⸗
geben und vergessen, was mir von jeman den zu
Leide gesagt oder gethan ist, und hoffe, daß alle
diejenigen, welche ich etwa aus Uebereilung be—
leidiget haben möchte, mir auch um IEsu Christi
willen verzeihen werden.

Nachdem dieses und mehreres mit ihm gespro⸗
chen, so beugten wir un sere Kniee, uͤbergaben ihn
im Gebet dem großen Hirten der Schafe und
mitleidigsten Hohenpriester, und ich nahm Ab⸗-
schied von ihm, weil meine Amtsgeschäfte mich
weiter zu gehen nöthigten. Er batte am folgen-
den Tage seine gottselige Frau und liebe Kinder
vor das Bette gerufen, die Hand auf die Kinder

Gerichte fürchte? Er antwortete: Christus.

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