Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 19, Nummer 3 › Seite 18
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Oktober 1862, Seite 18
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: m · Uuion · Union 10 · Gemeindegeſang
nigoͤberg reiste, ziemlich gedämpft wurde. —
Dazu kamen nun später die durch Calixt erregten
syncretistischen (die Religionsvermischung be⸗
treffenden) Streitigkeiten, wie schon erwähnt,
die sehr um sich griffen, und manche andere.
Ein anderer Grund zur innerlichen Aufregung,
zu Schwächung kam der luͤtherischen Kirche von
anderer Seite her. Von den Fürsten, welche in
den Zeiten der Reformation die Vorfechter der
Kirche gewesen waren, hatten die vornehmsten und
mächtigsten den Glauben ihrer Väter verlassen.
Hessen und die Pfalz waren reformirt geworden,
denn der gelehrte Landgraf Moritz von Hessen⸗
Cassel trat 1604 von der lutherischen zur refor⸗
mirten Kirche über; der Churfürst von Branden⸗
burg war ebenfalls (1613) übergetreten; in An-
halt hatte schon seit 1597 durch die Ueberreste der
Philippisten der Calvinismus gesiegt. Aber es
ward der lutherischen Kirche eine noch empfind⸗
lichere Wunde geschlagen, als der Churfürst von
Sachsen, Friedrich August, im Jahre 1697 von
der lutherischen sogar zur kat holischen
Kirche überging, um die polnische Krone zu er⸗
langen! Auch Hannover konnte nicht mehr als
Vertreter des lutherischen Glaubens angesehen
werden, seitdem daß die Vorschläge Spinola's
Anklang gefunden hatten. Dieser — sein voller
Name ist Christoph Rojas de Spinola — war seit
1668 Bischof von Tina in Croatien gewesen und
wurde von Kaiser Leopold I. im Jahre 1685
zum Bischof von Wienerisch-Neustadt bestellt.
Er hatte sich schon seit langer Zeit mit Plänen
zur Vereinigung der katholischen Kirche mit den
Protestanten beschäftigt und auch den Kaiser
dafür eingenommen. Da man nun namentlich
in Hannover aus Politik dem Kaiser willfahren
wollte, so fanden auch hier jene Pläne die
günstigste Aufnahme, und namentlich dadurch,
daß der große Philosoph Gottfried Wilhelm
v. Leibnitz an diesen Verhandlungen Theil nahm.
Die ganze Sache endete aber zuletzt doch nur
damit, daß sie dem alten Streite neue Nah—
rung gab. So standen denn eigentlich nur noch
als die mächtigsten Schutzherren der lutherischen
Kirche die Könige von Dänemark und Schwe⸗
den da. Dazu kam nun noch, daß der einfluß⸗
reiche Professor Thomasius in Halle dem Staate
die Berechtigung zusprach, ja ihm die Pflicht auf⸗
erlegte, jede Regung kirchlicher Selbstständigkeit
zu unterdrücken. Und wie setzte der immer mehr
um sich greifende Pietismus, durch seine Gleich-
gültigkeit gegen die Strenge in der Lehre und
seine laue Stellung zu den Bekenntnißschriften,
der Schlaffheit und kirchlichen Bewußtlosigkeit
die Krone auf! Es schien die günstigste Zeit zu
einer Union zwischen der lutherischen und refor⸗
mirten Kirche gekommen zu sein. Und diese suchte
nun wieder Leibnitz nach einer andern Seite
hin zu betreiben, da es mit der römischen Kirche
nicht gegangen war.
Leibnitz suchte namentlich am königl. preußi⸗
schen Hofe für eine Vereinigung der deutsch-
reformirten und englischen Kirche einerseits und
der reformirten und lutherischen Kirche anderer-
seits zu wirken. Der König Friedrich I. ging
mit seinen preußischen reformirten Theologen sehr
gern auf derartige Pläne und Vorschläge ein.
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Er sah ja ein solches Bestreben als eine heilige
Hinterlassenschaft seines großen Vaters an.
Am 18. Januar 1701 hatte sich der König
Friedrich I. in Königsberg selbst die Krone auf
das Haupt gesetzt und bei dieser Gelegenheit die
beiden Hofprediger Bernhard v. Sanden und
Benjamin Ursinus zu Bischöfen ernannt.
Ihnen befahl er nun namentlich die Betreibung
der beabsichtigten Union. Zu dem Ende wurde
1703 in Berlin ein Unions-Collegium
niedergesetzt, welches die früheren Verhandlungen
zwischen der lutherischen und reformirten Kirche
wieder aufnehmen sollte. Der Bischof Ursinus
(also ein Reformirter) führte das Präsidinm.
Spener zog sich von der Sache zurück und
sprach die Befürchtung aus, daß, da der Zeit⸗
punct zu solcher Vereinigung nicht geeignet sei,
der Zwiespalt zwischen den beiden Kirchen durch
äußerliche Vereinigungsmaßregeln nur noch
schlimmer werden würde. Die Reformirten er⸗
langten auch wirklich alsbald ein solches Ueber⸗
gewicht, daß der lutherische Propst Jul. Lutkens
aus der Commission austrat, und da das andere
lutherische Mitglied, der Domprediger Joh.
Winckler aus Magdeburg, die völligste Gleich-
gültigkeit gegen sein Bekenntniß zu Tage legte,
so war eigentlich die lutherische Kirche gar nicht
vertreten. Winckler ging sogar so weit, daß er
in einer Schrift unter dem Titel areanum regium
(Königliches Geheimniß) die Befugnisse des jus
episcopale (des bischöflichen Rechts) des Landes⸗
herrn so unbegrenzt ausdehnte, daß vermöge des⸗
selben ohne alle Widerrede die Union eingeführt
werden könne! Auch gab er den Rath, daß man
die Jugend gar nicht mit den Lehrstreitigkeiten
bekannt machen, sie deßhalb auch nicht in Witten⸗
berg müsse studiren lassen. Man hielt also nicht
einmal mehr an dem ursprünglich Leibnitz'schen
Grundgedanken fest: die Kirche sollte nicht ihre
besondernLehren aufgeben! —
Als sich die Verhältnisse nun so gestalteten,
da wurden die bekenntnißtreuen Lutheraner in
und außer der Preußischen Landeskirche von ge⸗
rechter Furcht ergriffen, es könne jetzt wirklich
die Union, von den Zeitumständen begünstigt
und durch die reformirte Regierung befördert,
zu Stande kommen und durchgesetzt werden.
Es erschienen daher mehrere Gegenschriften
gegen jenes arcanum regium von Winckler.
Die meisten verschwammen aber in dem Strome
der Zeit. Nur Ein Mann trat als wohl
gerüsteter treuer Kämpfer für die bedrohte luthe⸗
rische Kirche in die Schranken. Und das war
Dr. Valentin Ernst Löscher, geb. am 29. De-
cember 1673. Er erregte schon als Knabe auf
dem Gym nasium durch seine lateinischen und
griechischen Gedichte allgemeines Aufsehen, und er
arbeitete Bücher aus, ehe er noch die Universi⸗
tät bezog. Zuerst lehrte er an der Universität
zu Wittenberg, wo er täglich 7—8 Vorlesungen
gehalten haben soll. Am ersten Advent 1698
hielt er seine Antrittspredigt als Superintendent
zu Jüterbock, ging in derselben Eigenschaft später
nach Delitzsch, ward 1707 Professor der Theo⸗
logie zu Wittenberg und starb im Jahre 1749
als Prediger an der Kreuzkirche, Superintendent
und Assessor im Oberconsistorium zu Dresden.
Mit festem, prüfendem Blicke beobachtete er
die Zeitbewegungen, und sein scharfes Auge er⸗
kannte die Gefahr. Er spricht sich über die
Richtung seiner Zeit so aus: „daß eine ziem
liche Disposition bei vielen Gemüthern vor⸗
handen war, daß Mancher bei solchen Con⸗
juncturen (Zeitverhältnissen) das Interesse der
Wahrheit bei Seite setzen und in solche Vor⸗
schläge eingehen werde, dadurch theils der größte
Theil der Glaubenspuncte für indifferent (gleich
gültig) erklärt, theils den Irrthümern Zwinglil
und Calvini mit Hinwegräumung der bisherigen
Barriere ungehindert Lauf geschafft werde.“
In Delitzsch, dicht an der preußischen Grenze,
hatte er täglich Gelegenheit wahrzunehmen,
wie guͤnstig nicht allein in der Masse die Unions⸗
pläne aufgenommen wurden; sondern auch,
wie seine Landsleute „von diesem Uebel je mehr
und mehr angesteckt wurden.“ Er schrieb an
einige kurmärkische lutherische Prediger, um sie
auf die Gefahr, in welcher die lutherische Kirche
schwebe, aufmerksam zu machen und sie zu Pro⸗
testationen zu veranlassen. Aber — die Briefe
blieben unbeantwortet, und es geschah nichts.
In seiner Historia motuum (Geschichte der Be⸗
wegungen) sagt er daher (2. Aufl. vom Jahre
1723, Theil II., Anhang): „Die Stillen in je⸗
nem Lande, die aufrichtigen Bekenner des alten
unverfälschten Evangelii, wünschten, daß doch die
Stimme der Kirche sich etwas regen möchte,
oder daß Jemand den Grund und die Gefahr
der Sache deutlich und ausführlich also vor⸗
stellen möchte, daß die Schrift, wenn sie vor dis
höchsten Häupter käme, einigen Nutzen schaffen
könnte. Mein Herz war überzeugt, die Sachen
sei nöthig, und den Trieb, dergleichen Schrift
zu verfertigen, welchen ich bei mir fühlte und
vor Gott geprüft hatte, konnte ich nicht für einen
Ausbruch meiner Natur halten, als welcher die
Sache auf mancherlei Art zuwider war.“
Lö scher entschloß sich, trotz seines natür⸗
lichen Widerstrebens, hier öffeutlich für die
Kirche aufzutreten. Er that es zuerst in einer
anonymen Schrift, in welcher er sich geradezu
an den König von Preußen wandte, und ihr den
Titel gab: „Alleruuterthänigste Adresse!
an ein großmächtiges Oberhaupt im Namen der
evangelisch-lutherischen Kirche, die Religions⸗
vereinigung betreffend, nebst einem Vorschlag
zum gesegneten Kirchenfrieden.“ (1703.) Er be⸗
stritt in ihr die in jenem Schriftstücke Winckler's
geltend gemachten Befugnisse der weltlichen Macht
und die Grundanschauungen des Pietismus,
der mehr auf ein innerliches Leben drang, bei dem
doch der eigene Geist einen großen Antheil haben
konnte, und das strenge Festhalten an demn
äußerlichen Bekenntniß der Kirche lockerte.
Von dieser Partei sagt Löscher in der Schrift
geradezu, daß sie „unter dem Vorwande einer
besondern heiligen Absicht und reinern Ein⸗
richtung des Christenthums fanatische Mit⸗
tel vorschlage.“ Dann heißt es S. 6 ff. in
der Adresse: „Zwar ist bekaunt, daß man unsere
Lehrer überhaupt bei hohen Häuptern fremder
Religionen in den Verdacht gesetzt hat, als lieb⸗
ten sie ewige Zänkereien und trieben die Sache
mit blindem Eifer, um ihrem Eigensinn, Ehre
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