Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 14 › Seite 107

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-06, Seite 107

105 106 107 108 109 110 111 112

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſangbuch

⤓ Download .txt · copy text

107

erregt, so war der Schmerz der Gemeinde noch viel größer, als ihr nun auch Paul Gerhardt, der geliebteste und berühmteste unter ihren Geistlichen, entzogen werden sollte. Die Bürgerschaft und die Gewerke wendeten sich sofort an den Magistrat, der seinerseits unterm 13. Februar bei dem Kurfürsten eine dringende Fürbitte für Paul Gerhardt einlegte, und dabei insbesondere seinen untadelhaften Wandel, seine friedfertigen Gesinnungen und seine besonderen Gaben hervorhob. Se. Kurfürstliche Durchlaucht selbst, sagt der Magistrat, habe kein Bedenken getragen, Paul Gerhardts Lieder in das unter Ihrem Namen ausgegebene Märkische (reformirte) Gesangbuch vom Jahre 1658 aufnehmen zu lassen; es werde auswärts ein sonderliches Nachdenken veranlassen, wenn ein so frommer, geistreicher, und in vielen Landen berühmter Mann diese Stadt verlassen müsse; gegen die Reformirten habe er sich immer so friedfertig verhalten, daß es seinetwegen des Edictes gar nicht bedurft hätte; es sei nicht Ungehorsam, sondern Gewissenhaftigkeit, daß er die Unterschrift des Reverses verweigere, und man müsse doch auf ein ängstliches Gewissen einige Rücksicht nehmen, selbst wenn die Gewissensscrupel unerhebliche Dinge beträfen.“

Auf diese Eingabe, so wie auf eine zweite, an den Kurfürsten nach Cleve abgesandte, noch dringendere bekam der Magistrat keinen willfährigen Bescheid. Erst in Folge einer Vorstellung der Stände, in welcher dieselben darauf antrugen, P. Gerhärdt in sein Amt wieder einzusetzen und den Predigern überhaupt die Ausstellung der Reverse zu erlassen, sich auch darüber beschwerten, daß das Consistorium die Erwähnung der symbolischen Bücher in den Vocationen der lutherischen Prediger nicht mehr gestatten wolle, ward der Kurfürst günstiger für P. Gerhardt gestimmt. *)„Unmittelbar nach seiner Zurückkunft von Cleve am 9. Januar 1667 ließ er den Magistrat zu Berlin vor sich bescheiden, und durch den Oberpräsidenten von Schwerin in Gegenwart mehrerer Geheimen Räthe demselben die erwünschte, kaum noch erwartete Eröffnung machen: da Se. Kurfürstliche Durchlaucht gegen Paul Gerhardt weiter keine Klage vernommen habe, als daß er sich weigere, die Edicte zu unterschreiben, Sie aber dafür halten müßten, daß er die Meinung der Edicte nicht recht begriffen habe, so wollten Sie ihn in sein Amt völlig wieder einsetzen und ihm die Unterschrift des Reverses erlassen.

„Der Magistrat setzte Paul Gerhardt von der günstigen Entscheidung seines Schicksals am folgenden Tage in Kenntniß, auch wurde das frohe Ereigniß unterm 12. Januar 1667 in dem Sonntagschen Mercurius, einem damals in Berlin viel gelesenen Wochenblatte, angezeigt; aber jetzt begann für den bekenntnißtreuen Mann ein neuer Kampf mit seinem Gewissen. Unmittelbar nach der dem Magistrat gegebenen Audienz hatte der Kurfürst durch einen seiner Geheimen Secretäre Paul Gerhardt die Nachricht von seiner Wiedereinsetzung mittheilen lassen mit dem Bemerken, Se. Durchlaucht lebten der gnädigsten Zuversicht, er werde auch ohne Revers sich den Edicten gemäß zu bezeigen wissen. Gerade diese vertrauensvolle Aeußerung des großen Kurfürsten war es, was Paul Gerhardts Gemüth heftig beunruhigte. Ein unbedingter Rücktritt in sein Pfarramt war seiner Meinung nach ein stillschweigendes Versprechen, sich den Edicten gemäß zu verhalten, und ein mündliches Versprechen ebenso bündig, als ein in aller Form vollzogener Revers.“

In einem Schreiben an den Magistrat vom 19. Januar 1667, in welchem er bittet, man möge ihm in seinen Zweifeln zu Hilfe kommen und sich ihm zulieb erkundigen, wie und welcher Gestalt er wieder in sein Amt eintreten solle, erwähnt er auch der an ihm gerühmten Moderation: „zu der habe ich mich niemals anders verstanden, kann mich auch noch nicht anders verstehen, als daß ich bei allen meinen lutherischen Glaubensbekenntnissen, und namentlich bei der Formula Concordiae, gelassen werde, und keines unter solchen Bekenntnissen als ein Schand-, Schmach- und Lästerbuch dürfte halten oder von Andern halten lassen.“

In einer abermaligen Vorstellung an den Magistrat vom 26. Januar 1667 drückt er dies also aus: „Ist hierum nochmals mein unterdienstliches Ersuchen an EE. und Hochweisen Rath, es wollen Ihnen dieselben meine jetzige Angstwort zu Herzen gehen lassen, und bei Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht, unserm gnädigsten Herrn, auch vorbitten helfen, daß, wenn ich ja wieder mein Amt bestellen soll, mir doch vorher die Kurfürstliche gnädigste Vergünstigung geschehe, daß ich nächst gnädigster Erlassung des Gehorsams der Edicten (da ich sonst in dem allermöglichsten Gehorsam mich unnachläßig in tiefster Demuth meines Herzens werde finden lassen) bei allen meinen lutherischen Bekenntnissen, namentlich bei der Formula Concordiae, unverrückt verbleiben möge, also, daß ich auch nach derselben meine Gemeine und Zuhörer unterweisen und zu keiner anderen Moderation und Bescheidenheit mich anheischig machen dürfe, als welche in jetztgedachten meinen lutherischen Glaubensbekenntnissen Grund habe, sonst würde mir nicht allein unmöglich sein, einige Predigt zu halten, sondern ich werde auch diejenigen Stücke des heiligen Kirchendienstes, welche ich bisher in Hoffnung besserer Befreiung meines Gemüthes bestellet, nicht ferner verrichten können, denn mein Gewissen will mir darüber voller Unruhe und Schrecken werden; was aber mit bösem Gewissen geschiehet, das ist vor Gott ein Greuel und zeucht nicht den Segen, sondern den Fluch nach sich, womit aber weder meiner Gemeine noch mir würde gerathen sein.“

Der Kurfürst sandte dem Magistrat seine Vorstellung noch denselben Tag mit der kurzen Randverfügung zurück: „Wenn der Prediger Paul Gerhardt das ihm von Sr. Kurfürstlichen Durchlauchtigkeit gnädigst wieder erlaubte Amt nicht wieder betreten will, welches er dann vor dem Höchsten Gott zu verantworten haben wird, so wird der Magistrat in Berlin ehestens einige andere friedliebende geschickte Leute zu Ablegung der Probepredigt einladen, aber selbe nicht eher vociren, bis sie zuvörderst Sr. Kurfürstlichen Durchlauchtigkeit von dero Qualitäten unterthänigsten Bericht abgestattet haben.“

Paulus Gerhardt wandte sich nunmehr noch an den großen Kurfürsten selbst mit einer unmittelbaren Vorstellung desselben Inhalts, wie jene Schreiben an den Magistrat; er sagt darin: „Eben darum, gnädigster Kurfürst und Herr, habe ich bis anhero mit Unterschreibung der besagten Reverse an mich halten müssen, weil ich hochgedachten Kurfürstlichen Edicten ohne Verletzung meines armen Gewissens nicht Genüge thun kann, habe auch solches mehr als einmal den Kurfürstlichen Herren Räthen, wenn ich vorgefordert worden, geklaget und dabei zu Gemüthe geführet, wie ich bei solchem Gehorsam mein lutherisches Glaubensbekenntniß Formulam Concordiae verlassen und von mir legen müßte, und als ich damit nicht gehöret werden konnte, habe ich endlich gar die remotionem ab officio gehorsamst auf mich genommen und durch die Kraft Gottes fast ein ganzes Jahr in aller möglichen Stille und Geduld getragen. Sollte ich mich denn nun in dasjenige, dessen ich mich hiebevor aus höchstdringender Noth entzogen, aufs Neue wieder einlassen, würde ich mir selbst höchst schädlich sein und eben die Wunde, die ich vorher mit so großer Herzensangst von mir abzuwenden gesucht, mir, so zu reden, mit eigenen Händen in meine Seele schlagen. Wann denn aber, gnädigster Kurfürst und Herr, ich wohl weiß, daß Ew. Kurfürstliche Durchlaucht gar nicht gemeint seien, einigen Menschen, auch den allergeringsten, in seinem Gewissen kränken und betrüben zu lassen, als bitte ich um so viel desto herzlicher und inständiger in allem demüthigstem Gehorsam, Ew. Kurfürstliche Durchlaucht wollen mir nicht verdenken, daß ich bei höchstgnädiger mir erwiesenen Kurfürstlichen Gnade die ängstliche Sorge und Bekümmerniß meines Gemüthes offenbare. Ich fürchte mich vor Gott, in dessen Anschauen ich hier auf Erden wandele und vor welches Gerichte ich auch dermaleins erscheinen muß, und kann nach dem, wie mein Gewissen von Jugend auf gestanden und noch jetzt stehet, nicht anders befinden, als daß ich, wo ich auf die vorher berührte Art und Weise wieder in mein Amt treten sollte, seinen Zorn und schwere Strafe auf mich laden werde. Solches großes unaussprechliches Unheil zu vermeiden, werden Ew. Kurfürstliche Durchlaucht mir gnädigst gestatten, daß ich mich des bisher in etwas wieder verrichteten Kirchendienstes enthalte und mit völliger Bestellung des Predigtamtes anstehe, bis ich nach Gottes Willen und mit Ew. Kurfürstlichen Durchlaucht gnädigstem Zulassen mit besserem Gewissen, als itzo geschehen kann, solches hohe, heilige und göttliche Amt, davon wir armen Leute dermaleins so schwere Rechenschaft geben sollen, antreten werde.“

Der Kurfürst ließ es bei seinem früheren Bescheide sein Bewenden haben. Paulus Gerhardt blieb seines Amtes entsetzt. Damals hat er das Lied: „Ich danke dir mit Freuden“ gedichtet.*)

*) A. a. O. S. 71.

*) Vergleiche Seite 71 dieses Jahrganges, wo wir bereits das liebliche Lied von Gerhardt's Exil mitgetheilt haben.

D. Red.

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

107

aroused, the grief of the congregation was yet much greater when now Paul Gerhardt also, the most beloved and most renowned among their clergy, was to be taken from them. The citizens and the guilds turned at once to the magistrate, who for its part, on the 13th of February, made an urgent intercession with the Elector for Paul Gerhardt, and in doing so emphasized in particular his blameless conduct, his peaceable disposition and his special gifts. His Electoral Highness himself, says the magistrate, had made no scruple of having Paul Gerhardt's hymns admitted into the Märkische (Reformed) hymn-book of the year 1658 published under his name; it would occasion peculiar reflection abroad if so pious, gifted man, renowned in many lands, had to leave this city; toward the Reformed he had always conducted himself so peaceably that on his account the edict would not have been needed at all; it was not disobedience, but conscientiousness, that he refused to sign the pledge, and one must pay some regard to an anxious conscience, even if the scruples of conscience concerned insignificant matters."

To this petition, as also to a second, still more urgent one dispatched to the Elector at Cleve, the magistrate received no compliant answer. Only in consequence of a representation of the Estates, in which they proposed that P. Gerhärdt be reinstated in his office and that the preachers generally be excused from issuing the pledges, and also complained that the Consistory would no longer permit the mention of the symbolical books in the calls of the Lutheran preachers, did the Elector become more favorably disposed toward P. Gerhardt. *)"Immediately after his return from Cleve on the 9th of January, 1667, he had the magistrate of Berlin summoned before him, and through the Lord President von Schwerin, in the presence of several Privy Councillors, had the desired and scarcely any longer expected announcement made to it: that since His Electoral Highness had heard no complaint against Paul Gerhardt except that he refused to sign the edicts, but they must hold that he had not rightly understood the meaning of the edicts, they would therefore fully reinstate him in his office and excuse him from signing the pledge.

"The magistrate informed Paul Gerhardt of the favorable decision of his fate on the following day, and the glad event was also announced, on the 12th of January, 1667, in the Sonntagsche Mercurius, a weekly paper much read in Berlin at that time; but now there began for the man faithful to his confession a new struggle with his conscience. Immediately after the audience given to the magistrate the Elector had caused one of his Privy Secretaries to communicate to Paul Gerhardt the news of his reinstatement, with the remark that His Highness lived in the most gracious confidence that he would know how to conduct himself in conformity with the edicts even without a pledge. Precisely this confiding utterance of the great Elector was what greatly disquieted Paul Gerhardt's mind. An unconditional return to his pastoral office was, in his opinion, a tacit promise to conduct himself in conformity with the edicts, and an oral promise just as binding as a pledge executed in all due form."

In a letter to the magistrate of the 19th of January, 1667, in which he asks that they would be pleased to help him in his doubts and to inquire for his sake in what manner and form he should re-enter his office, he mentions also the moderation praised in him: "to that I have never understood myself otherwise, nor can I yet understand otherwise, than that I be left in all my Lutheran confessions, and namely in the Formula Concordiae, and that I be permitted to hold none among these confessions to be a book of shame, disgrace and blasphemy, or to let others hold it so."

In a further representation to the magistrate of the 26th of January, 1667, he expresses this thus: "Therefore it is again my humble request of your Honors and the Right Wise Council, that they would let this my present word of anguish go to their hearts, and also help to intercede with His Electoral Highness, our most gracious Lord, that, if I am indeed to serve my office again, there may first be granted me the most gracious electoral indulgence that, next to a gracious release from obedience to the edicts (since otherwise I shall in all possible obedience, unremittingly and in deepest humility of my heart, let myself be found) I may remain unmoved in all my Lutheran confessions, namely in the Formula Concordiae, so that also according to it I may instruct my congregation and hearers, and need pledge myself to no other moderation and discretion than that which has its ground in my Lutheran confessions just mentioned; otherwise it would be not only impossible for me to hold any sermon, but I should also be unable to perform further those parts of the holy service of the church which I have hitherto administered in the hope of a better freeing of my mind, for my conscience would be filled with unrest and terror on that account; but what is done with an evil conscience is an abomination before God, and draws not the blessing, but the curse upon itself, whereby neither my congregation nor I would be helped."

The Elector sent his representation back to the magistrate the same day with the brief marginal order: "If the preacher Paul Gerhardt will not re-enter the office graciously permitted to him again by His Electoral Highness, for which he will then have to answer before the Most High God, the magistrate in Berlin will at the earliest invite some other peace-loving, capable men to deliver a trial sermon, but not call the same until they have first rendered to His Electoral Highness a most humble report of their qualifications."

Paulus Gerhardt now turned also to the great Elector himself with a direct representation of the same content as those letters to the magistrate; he says in it: "Just therefore, most gracious Elector and Lord, I have hitherto had to refrain from signing the said pledges, because I cannot satisfy the aforesaid electoral edicts without injury to my poor conscience; I have also complained of this more than once to the Electoral Councillors, when I was summoned, and represented to them how in such obedience I should have to forsake and put from me my Lutheran confession of faith, the Formulam Concordiae, and when I could not be heard in this, I finally took upon myself most obediently the remotionem ab officio, and by the power of God bore it almost a whole year in all possible quiet and patience. Should I now, then, again engage in that from which I formerly withdrew in the most pressing necessity, I should be doing myself the highest injury, and, so to speak, strike with my own hands into my soul the very wound which I sought before with so great anguish of heart to ward off from me. Since, however, most gracious Elector and Lord, I well know that Your Electoral Highness is not minded to let any man, even the very least, be wounded and grieved in his conscience, I therefore pray so much the more heartily and earnestly, in all most humble obedience, that Your Electoral Highness will not take it ill that I, under the most gracious electoral favor shown me, disclose the anxious care and trouble of my mind. I fear God, in whose sight I walk here on earth and before whose judgment I must also appear hereafter, and, according to what my conscience has stood from my youth up and still stands now, I can find no other than that, if I should re-enter my office in the manner touched upon above, I shall lay upon myself His wrath and heavy punishment. To avoid such great, unspeakable misfortune, Your Electoral Highness will most graciously permit me to abstain from the church service hitherto performed again in some part, and to refrain from the full administration of the office of preaching, until, according to God's will and with Your Electoral Highness' most gracious permission, with a better conscience than can now be done, I shall enter upon this high, holy and divine office, of which we poor people must one day give so heavy an account."

The Elector let it stand with his former decision. Paulus Gerhardt remained deposed from his office. At that time he composed the hymn: "Ich danke dir mit Freuden."*)

*) Loc. cit. p. 71.

*) Compare page 71 of this volume, where we have already communicated the lovely hymn from Gerhardt's exile.

The Editor.