Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 14 › Seite 111

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-06, Seite 111

105 106 107 108 109 110 111 112

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gebet 7 · Geiz 4 · Geſangbuch · Geſang

⤓ Download .txt · copy text

111

darum ist sein Geschmack ihm geblieben, und sein Geruch nicht verändert worden.“ Ueber dem Keller stand ein Kornhaus, darinnen große Haufen von Roggen, Dinkel und Weizen aufgeschüttet waren, aber nicht zum Verkauf, wie die Specereien in den andern Häusern.

Sondern wenn der Kaufherr die ersten Schneegänse hörte, oder sein Schaffner ihm sagte: „Sie sind da“, hub er an, zwier in der Woche in sein Kornhaus zu gehen, und wenig oder viel Malter dem Bäckermeister neben der Domkirche abzumessen. Der buk Brod daraus, den Laib zu drei oder sechs Pfunden, so weit es reichte. Den andern Tag, wenn es kalt geworden war, kamen arme Leute und holten es; gaben aber kein Geld dafür, sondern zeigten nur die Handschrift des Kaufherrn, und empfingen dagegen, was auf dem Blättlein stand.

Und in Sachsenhausen (am linken Mainufer der Stadt Frankfurt) waren zwei Schulen, und darin viele Kinder reicher und armer Leute durcheinander. Die reichen ließ der Schulmeister Vormittags um die eilfte, und Nachmittags um die dritte Stunde heim, und hielt sie nicht auf; die armen aber blieben auf ihren Bänken sitzen und warteten, bis der Knecht des Bäckers kam, einen großen Korb Brod auf dem Kopfe, und einem Jeglichen gab zwei oder drei Wecken, außen so gelb, wie eine Citrone, und innen so weiß und locker, wie Baumwolle.

Die Wecken waren aber auch von dem Kaufherrn, der damit fortfuhr, bis ihm das Schwalbenpaar in seiner Hausflur ansagte, daß alle Schneegänse bis auf die letzte wieder heimgezogen wären.

Nun hätte der Schaffner schon längst gerne wissen mögen, warum sein Herr das Kornhaus öffnete und schloß, wenn die Trommeter von Mitternacht, die Gänse, kamen oder gingen, und befragte ihn um die Ursache eines Abends im Garten vor der Stadt, als er fröhlich war in dem HErrn und gutes Muthes, wie das Volk, welches Salomo nach dem großen Kirchweihfeste in seine Hütten ließ.

Der Kaufherr sah seinen Diener fast zorniglich an, wie der König Ahasverus die Esther, da sie ungerufen durch alle Thüren hinein kam vor seinen Stuhl. Doch wandelte sich sein Unwille alsbald zur Güte und er sprach:

„Johann, ich weiß, daß du von dem Allen nichts wieder sagst, bis ich mich zu meinen Vätern versammelt habe; darum höre. — Mein Vater war ein armer Schuhflicker im Oberland, und auf seinem Grund und Boden wuchs ihm nicht mehr Getreide, denn drei oder vier Aehren des Jahres in seiner verfaulten Dachrinne, wenn ein Sperling ein Korn darin liegen ließ. Dazu hatte er sechs Kinder, und wenn er uns das Vesperbrod schnitt, erging es dem Sechserlaib, wie dem Reif in den Sommerleithen (Bergabhang gegen Mittag). Deshalb schaffte er das Vesperbrod zwischen Martini und Lichtmeß ganz ab, weil er bei sich dachte: Um 11 Uhr wird zu Mittag gespeis’t, und um 5 Uhr zu Abend, da können die Kindlein ungessen bleiben. — Und wenn doch eins von den Kleinsten in dieser Fastenzeit die Tischlade zog und sie leer fand, pflegte der Vater zu sagen: Die Schneegänse sind gekommen und haben das Brod mitgenommen. — Seit dieser Zeit wird es mir immer so wunderlich um’s Herz, wenn ich die Tommeter von Mitternacht höre.“

So sprach der Herr des Schaffners. Der Erzähler aber wünscht, es möchten alle reichen Kaufherren gleich ihm auf das Vogelgeschrei achten, im Winter auf die Gänse, und im Sommer auf die jungen Sperlinge, welche rufen: Gieb! gieb!  (Volksblatt.)

Der Geizhals.

Es ist einmal ein Erzgeizhals gewesen, der hat viel Geld zusammengescharrt, einen ganzen großen Topf voll. In seinem Hause hielt er es aber nicht für sicher. Er traute seinen eigenen Leuten nicht, und der Nachbar hätte durch die Wand riechen können, wo es verborgen wäre. Daher trug er es bei Nachtzeit in den Wald, recht in das Dickicht und Dunkel hinein. Da stand eine große Eiche mit kräftigen Zacken. Unter dieser grub er eine Höhle, setzte den Topf hinein, und wälzte einen Stein darauf. Nun war in derselben Stadt ein armer Schlucker, der hatte das Seine durchgebracht. An Buße dachte er nicht und an einen Gott glaubte er nicht. Der ging etliche Tage später in den Wald. Er nahm keinen Topf voll Geld mit, aber einen Strick, denn er wollte sich aufhängen. Er kam unter dieselbe Eiche. Ihre Zacken waren ganz so, wie er sie suchte, aber doch ein Bißchen zu hoch. Darum wälzte er den Stein, der die Höhle schloß, näher dem Baume zu. Beim Wegwälzen bemerkte er die Höhle und untersuchte, was darin sei. Finden und Nehmen war bei ihm eins. Er packte das ganze Geld ein und legte dafür seinen Strick in den Topf. Den Stein wälzte er wieder auf das Loch. Kurz darauf kam der Vergräber und wollte sehen, ob der Schatz noch vorhanden sei. Wie groß war sein Schrecken, einen Strick für seinen Schatz zu finden. Er wußte keinen andern Rath, als den Strick um den Eichenast zu schleifen und sich daran zu hängen. — Daraus kann man sehen, daß man sein Herz nicht an einen Topf voll Geld hängen soll, denn wenn der gestohlen wird, hängt man sich an einen Strick.  (Volksblatt.)

Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten.

Ein merkwürdiger Vorfall hat sich am 12. Juli 1845 in Schwarzstein, bei Rastenburg, ereignet. Ein Losmann war kurze Zeit vor dem erwähnten Tage eines Diebstahls beschuldigt und in Folge dessen vor das Gericht zu Rastenburg citirt worden, und erbot sich zum Reinigungseide; weil er aber als unmoralischer Mensch und als Dieb berüchtigt war, so wurde er zum Schwur nicht zugelassen. Da schwur er auf eigne Hand, d. h. gesprächsweise, oder im gemeinen Leben, wie man es zu nennen pflegt, und äußerte dabei: „Das erste Gewitter, das heraufkommt, möge mich erschlagen, wenn ich gestohlen haben sollte!“ — Am 12. Juli zog über Schwarzstein ein schweres Gewitter herauf und der erwähnte Losmann befand sich mit mehreren andern Personen, namentlich mit vier Kindern und einem Hunde, in seinem Wohnhause. Auf einmal erfolgte ein Donnerschlag. Der Blitz hatte in das Haus des gedachten Losmann getroffen und den Missethäter inmitten der übrigen Mitbewohner erschlagen, die zwar etwas betäubt, dennoch unversehrt geblieben waren. Der Strahl war ihm in die Nase und in den Mund gefahren. Da das Haus in Flammen stand, mußte der Getödtete hinausgetragen werden, aber Niemand von den Einwohnern Schwarzsteins wollte den, wie sie erkannten, von Gott Gerichteten berühren, trotz der Ermahnung des Pfarrers, der, nachdem seine Vorstellungen fruchtlos geblieben waren, selbst ihn angreifen mußte. Das Haus brannte nieder, doch verbreitete sich das Feuer nicht weiter. — Gewiß ein merkwürdiger Vorfall, jedoch buchstäblich wahr.  (Volksblatt.)

Das kürzeste Tischgebet.

Luther, Melanchthon und Bugenhagen waren einst bei Camerarius versammelt. Man warf sich die Frage auf, wer wohl das kürzeste Tischgebet abfassen könnte.

Luther begann:

Dominus Jesus sit potus et esus.

Der HErr JEsus sei uns Speis’ und Trank.

Bugenhagen betete plattdeutsch:

Dit un dat,

Trocken un nat,

Gesegn’ uns Gott.

Melanchthon sagte:

Benedictus benedicat.

Der Gesegnete (Gebenedeiete) segne.

Melanchthon blieb Sieger.

(Zietz, Biographie Bugenhagen’s.)

„Wer nur den lieben Gott läßt walten.“

Wer kennt nicht das schöne Lied: „Wer nur den lieben Gott läßt walten“? Aber wer kennt seine Entstehung? Manche unserer Leser gewiß nicht. Der Verfasser Georg Neumark, geb. 16. März 1621, war nicht immer Herzogl. Sächsischer Archivsecretair und Bibliothekar zur Weimar, sondern es gab eine Zeit, da war er ohne Versorgung und lebte in so großer Armuth zu Hamburg, daß er sich einst genöthigt sah, seinen Gefährten in manchen Leiden, seine theure Viola di gamba, die er mit seltener Fertigkeit spielte, zu versetzen. Da er aber nicht aufhörte, dem HErrn zu singen und zu spielen in seinem Herzen, so blieb auch ein Zeichen der Erhörung nicht aus. — Neumark wurde nemlich an den schwedischen Residenten zu Hamburg, von Rosenkranz, empfohlen. Zur Probe ließ ihn dieser eine Schrift an die Reichsräthe in Schweden aufsetzen, die die Ernennung zum Gesandtschafts-Secretair zur Folge hatte. Sein erstes Geld mußte seine Viola heimholen und sein dankerfülltes Herz ergoß sich in dem schönen Lied: „Wer nur den lieben Gott läßt walten“, das

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

111

therefore its taste has remained in him, and its smell has not been changed.” Above the cellar stood a granary, in which great heaps of rye, spelt and wheat were piled up, but not for sale, as were the spices in the other houses.

But when the merchant heard the first snow-geese, or his steward told him: “They are here,” he began to go twice a week into his granary, and to measure out much or little by the malter to the master baker beside the cathedral. He baked bread of it, the loaf at three or six pounds, as far as it would go. The next day, when it had turned cold, poor people came and fetched it; but gave no money for it, only showed the merchant’s handwriting, and received in return what was written on the little slip.

And in Sachsenhausen (on the left bank of the Main, opposite the city of Frankfurt) there were two schools, and in them many children of rich and poor people mingled together. The rich the schoolmaster let go home at eleven in the forenoon, and at three in the afternoon, and did not keep them; but the poor remained sitting on their benches and waited until the baker’s man came, with a great basket of bread on his head, and gave each one two or three rolls, outside as yellow as a lemon, and inside as white and light as cotton.

The rolls, moreover, were also from the merchant, who continued with it until the pair of swallows in his house-entry announced to him that all the snow-geese to the last one had flown home again.

Now the steward had long wished to know why his master opened and shut the granary when the trumpeters from the north, the geese, came or went, and asked him the reason one evening in the garden before the city, when he was merry in the LORD and of good cheer, like the people whom Solomon sent away to their tents after the great feast of the dedication.

The merchant looked at his servant almost wrathfully, as King Ahasuerus at Esther when she came in unbidden through all the doors before his throne. But his displeasure soon turned to kindness and he said:

“Johann, I know that you will say nothing of all this again until I am gathered to my fathers; therefore hear. — My father was a poor cobbler in the Oberland, and on his own ground and soil there grew for him no more grain than three or four ears in the year in his rotten gutter, when a sparrow had let a kernel lie there. Besides, he had six children, and when he cut us our afternoon bread, it fared with the sixpenny loaf as with the hoar-frost on the Sommerleithen (a mountain-slope toward the south). Therefore he abolished the afternoon bread entirely between Martinmas and Candlemas, because he thought to himself: At 11 o’clock we dine, and at 5 o’clock we sup, so the little ones can go unfed. — And when one of the smallest in this season of fasting drew out the table-drawer and found it empty, the father was wont to say: The snow-geese have come and have taken the bread away with them. — Since that time I always feel so strange at heart when I hear the trumpeters from the north.”

So spoke the master of the steward. But the narrator wishes that all rich merchants might heed the cry of the birds like him, in winter the geese, and in summer the young sparrows, which cry: Give! give!  (Volksblatt.)

The Miser.

There was once an arch-miser who had scraped together much money, a whole great pot full. But in his house he did not think it safe. He did not trust his own people, and the neighbor could have smelled through the wall where it was hidden. Therefore he carried it by night into the forest, right into the thicket and darkness. There stood a great oak with strong branches. Beneath it he dug a hole, set the pot in, and rolled a stone upon it. Now in the same town there was a poor wretch who had run through his own. Of repentance he thought not, and in a God he did not believe. He went some days later into the forest. He took no pot full of money with him, but a rope, for he wished to hang himself. He came under the same oak. Its branches were just as he sought them, but yet a little too high. Therefore he rolled the stone which closed the hole nearer to the tree. In rolling it away he noticed the hole and examined what was in it. Finding and taking was one with him. He packed up all the money and put his rope in the pot instead. He rolled the stone again upon the hole. Soon after, the burier came and wished to see whether the treasure was still there. How great was his terror to find a rope for his treasure. He knew no other counsel than to fasten the rope about the oak-bough and hang himself by it. — From this one may see that one should not hang one’s heart on a pot full of money, for when it is stolen, one hangs oneself on a rope.  (Volksblatt.)

Be Not Deceived, God Is Not Mocked.

A remarkable occurrence took place on the 12th of July, 1845, in Schwarzstein, near Rastenburg. A cottager had a short time before the said day been accused of a theft and in consequence cited before the court at Rastenburg, and offered himself for the oath of purgation; but because he was notorious as an immoral man and as a thief, he was not admitted to the oath. Thereupon he swore on his own hand, that is, in speech, or in common life, as one is wont to call it, and said thereby: “The first thunderstorm that comes up, may it strike me dead if I should have stolen!” — On the 12th of July a heavy thunderstorm came up over Schwarzstein and the said cottager was with several other persons, namely with four children and a dog, in his dwelling-house. Suddenly a thunderclap followed. The lightning had struck the house of the aforesaid cottager and slain the evildoer in the midst of the other inmates, who, though somewhat stunned, yet remained unhurt. The bolt had gone into his nose and into his mouth. As the house was in flames, the dead man had to be carried out, but no one of the inhabitants of Schwarzstein would touch him who, as they recognized, was judged of God, despite the exhortation of the pastor, who, after his representations had remained fruitless, had to lay hold of him himself. The house burned down, yet the fire spread no further. — Surely a remarkable occurrence, yet literally true.  (Volksblatt.)

The Shortest Table-Prayer.

Luther, Melanchthon and Bugenhagen were once assembled at Camerarius’s. The question was raised who could compose the shortest table-prayer.

Luther began:

Dominus Jesus sit potus et esus.

The LORD JESUS be our food and drink.

Bugenhagen prayed in Low German:

Dit un dat,

Trocken un nat,

Gesegn’ uns Gott.

Melanchthon said:

Benedictus benedicat.

The Blessed (Benedicted) bless.

Melanchthon remained the victor.

(Zietz, Biographie Bugenhagen’s.)

“Wer nur den lieben Gott läßt walten.”

Who does not know the beautiful hymn: “Wer nur den lieben Gott läßt walten”? But who knows its origin? Many of our readers surely not. The author, Georg Neumark, born the 16th of March, 1621, was not always ducal Saxon archive-secretary and librarian at Weimar, but there was a time when he was without provision and lived in such great poverty at Hamburg that he once saw himself compelled to pawn his companion in many sufferings, his dear viola da gamba, which he played with rare skill. But as he ceased not to sing and play to the Lord in his heart, a sign of answered prayer was not lacking. — Neumark was namely recommended to the Swedish resident at Hamburg, von Rosenkranz. As a trial, the latter had him draw up a document to the Imperial Councillors in Sweden, which had for its result the appointment as secretary of legation. His first money had to redeem his viola, and his thankful heart poured itself out in the beautiful hymn: “Wer nur den lieben Gott läßt walten,” which