Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 8 › Seite 60

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-12-10, Seite 60

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beiden Zeiträumen vom Jahr 1536 bis zu Luthers Tode und von da an bis zu Mel. Tode. In dem ersten Zeitraum waren die Spuren dieser Abweichungen nicht so häufig, auch nicht so stark und offenbar und daher auch nicht von so weit verbreitetem schädlichen Einfluß, als in dem zweiten Zeitraume; im Gegentheil gab Mel., so lange Luther lebte und ihm zur Seite stand, noch von Zeit zu Zeit erfreuliche Beweise seiner Übereinstimmung mit ihm auch in der Abendmahlslehre, was er später, als er dieser Stütze beraubt war immer seltner that. Hieraus ist es zu erklären, daß Luther und Andere hinsichtlich Mel. zwar manchmal in bangen Besorgnissen schwebten, allein noch nicht hinlänglichen Grund hatten, öffentlich wider ihn zu zeugen, wie dieß nach Luthers Tode nothwendig wurde. Auch war es ganz natürlich, daß man manche briefliche und mündliche Äußerungen Mel., die früher nicht bekannt, oder doch nicht für verdächtig gehalten worden waren, später mit andern Augen ansehen mußte, nachdem seine Abweichungen immer offenbarer wurden.

Wir wollen nun einige Beweise für den wankelmüthigen Sinn Mel. anführen, den er vom J. 1536 an bis zu Luthers Tode bewiesen, indem er sich bald zu Gunsten der Reformirten und gegen L.'s Lehre, bald wieder, sich gleichsam aufraffend, gegen die reform. und zu Gunsten der luth. Lehre erklärt hat.

Bald darauf, nachdem er in Gemeinschaft mit Luther die Wittenberger Concordie vollzogen hatte, lud ihn der Landgraf von Hessen mit Bucer nach Cassel ein, um von jedem die Meinung seiner Glaubensgenossen über jene Concordie zu vernehmen. Darüber sprach sich Mel. in einem Briefe an Camerarius so aus: „Was meine Meinung sey, wollet Ihr jetzt von mir nicht zu wissen begehren, denn ich bin ein Bote einer fremden Meinung gewesen, ob ich gleich meine Meinung nicht verhehlen werde, wenn ich gehört habe, was die Unsern antworten.“ Giebt damit Mel. nicht deutlich zu erkennen, daß er zwar äußerlich die Concordie mit vollzogen, davon aber eine ganz andere Meinung als seine Glaubensgenossen gehegt habe? —

Im J. 1537 unterschrieb er die Schmalcald. Artikel, in denen bekanntlich ein kurzes, aber entschiedenes Bekenntniß vom Sacrament des Altars abgelegt wird; er schrieb auch noch in demselben Jahre an den Churfürsten von Sachsen, daß es mit den Zwinglianern nur Fürwitz, Frevel und der Vernunft Wahn sey, damit man für Gott nicht bestehen könnte.

Im J. 1538 schrieb er, man solle Christum nicht zerreißen, als ob er nur nach der Gottheit bei uns sei, nicht aber auch nach der Menschheit, Christus sei vielmehr leiblich im heil. Abendmahle.

(Schluß folgt.)

(Eingesandt.)

Brief an einen Gemeindevorsteher. *)

*) Von einem amerikanischen lutherischen Prediger an den Vorsteher einer vakanten unirten Gemeinde. D. R.

Werther Herr!

Sie haben mir in Ihrem werthen Schreiben vom — auf meinen letzten Brief geantwortet, daß, was die kirchlichen Gebräuche und Trennung von Ihren „reformirten Brüdern“ betreffe, ein lutherischer Pastor Ihnen nicht willkommen sein werde. Weil Sie nun dennoch das lutherische Concordienbuch annehmen, so sind Sie im Widerspruch mit Sich selbst. Dies Ihnen in christlicher Aufrichtigkeit und Liebe nachzuweisen, ist die Absicht, in der ich noch einmal an Sie schreibe. Zuvor aber bemerke ich, daß es mich keineswegs befremdet hat, solche Antwort von Ihnen zu bekommen, weil leider die Grundsätze, welche Sie äußern, in unsern Tagen nur zu gäng und gebe sind. Mich freut im Gegentheil Ihre Offenheit und wenn Sie in gleicher Wahrheitsliebe das gegenwärtige Schreiben prüfen und nicht schon darum alles mit mißtrauischen Augen ansehen, weil es Ihren Gewohnheiten nicht entspricht, so hoffe ich, daß Sie durch Gottes Gnade doch noch mit der Zeit zur Anerkennung der vollen Wahrheit, wie sie in der lutherischen Kirche bekannt wird, gelangen und, was damit eng zusammenhangt vor der Verwerfung aller und jeder Lehre, die mit der Wahrheit in Widerspruch steht, auch der reformirten nicht solche Scheu wie bisher tragen werden.

Der HErr wolle mir Gnade verleihen, daß ich in der Art und Weise, wie ich zu Ihnen durch diesen Brief rede nichts versehe und Ihnen wohl verständlich sei.

I. Von den Kirchengebräuchen.

Sie theilen mit vielen, in der Erkenntniß verwahrloseten Protestanten unserer Tage den Irrthum, daß die lutherischen Ceremonien oder Kirchengebräuche nichts weiter als ein Überbleibsel des Papstthums seien und rechnen dazu insonderheit das Zeichen des heil. Kreuzes und das Absolviren Einzelner im Beichtstuhl. Darnach kommt es so heraus, wie wenn Luther entweder selbst noch in manchem papistischen Irrthum gesteckt hätte und deswegen bei vielen s. g. „katholischen“ Ceremonien geblieben wäre oder daß er um des noch nicht so weit erleuchteten Volks willen manchen Sauerteig des papistischen Wesens beibehalten hätte. Nun, von einer Zeit, die Luther so wenig kennt, wie die jetzige, kann man nichts Besseres erwarten. Giebt es doch außer „Luthers Leben von Meurer *) kaum eine echte Lebensbeschreibung dieses Gottesmannes. Wer den Seligen aus einem Buche, wie das genannte ist, einigermaßen kennen gelernt hat, der kann nur zürnen oder mitleidig lächeln über solch eine Meinung, die unsere vom h. Geist durch Gottes Wort so hoch erleuchteten und so glaubensmuthigen Luther zu einem Dummkopf oder Heuchler machen will. Der Luther, der mehr als Einer Gottes Wort gelesen und überdacht hat, sollte nicht besser als unsere heutigen Aufgeklärten eingesehen haben, was dem Papstthum angehört und was nicht? Der Luther, der um der Wahrheit willen den Fluch der ganzen Welt nicht achtete, sollte hinter dem Berge gehalten haben mit einigen wenigen Kirchengebräuchen? Nein, lieber Freund! Luther hat nichts aus der „katholischen Kirche“ aus bloßer Nachgiebigkeit gegen die damalige Zeit beibehalten, noch weniger aus eigenem Wohlgefallen daran. Im Verwerfen des Papstthums und eben sowohl im Beibehalten des nicht Papistischen, sondern wahrhaft Katholischen leitete ihn Gottes Wort. Denn dies verbietet keinen Kirchengebrauch, es sei denn, daß damit einer falschen Lehre gehuldigt werde. Der Apostel Paulus beschnitt den Timotheus, beschor sein Haupt zu Kenchrea und erfüllte ein Gelübde im Tempel. Das waren alles Kirchengebräuche, die weit anstößiger sind als irgend eine lutherische Ceremonie. Dennoch war es dem Apostel unverboten, dieselben zu beobachten; er hatte Freiheit dazu, als es ihm nach seinem 1 Cor. 9, 19 — 23. ausgesprochenen Grundsatze zur Verbreitung des Evangeliums förderlich war. Er hatte sich doch auch bei seiner Taufe von dem jüdischen Gesetze losgesagt, wußte und bekannte es, daß wir nicht durch des Gesetzes Werke, sondern durch den Glauben allein selig werden (Phil. 3, 9.)! Dennoch hält er diese jüdischen Gebräuche, nicht als wolle er dadurch selig werden, sondern weil ihm nach der christlichen Freiheit jede Ceremonie freisteht, wenn er durch dieselbe keiner falschen Lehre beipflichtet. Wie wir nun aus solchen einzelnen Beispielen sehen, daß der Christ, ohne sein Taufgelübde dadurch zu brechen mancherlei gottesdienstliche Gebräuche beobachten darf, wenn dieselben nur mit keiner falschen Lehre in Verbindung stehen, so zeigt uns die Geschichte der apostolischen Kirche, daß die ganze christliche Gemeine von Anfang an diesen Grundsatz befolgt und gewisse Ceremonien im Gottesdienste beobachtet hat. Diese wurden ihr nicht ausdrücklich geboten; — denn das wäre eben so sehr wider die christliche Freiheit als ein Verbot derselben; sondern die Christen erwählten sich selbst, als die da Macht dazu hatten, solche Ceremonien, von denen sie erkannten, daß sie „wohl stehen“, nach dem Grundsatze, den ihnen der heil. Geist 1 Cor. 11, 15 vorgeschrieben hatte. Beispiele finden wir unter andern 1 Cor. 11. 4 — 6, 14. 15. 14, 34. 35.

**) Das auch ins Englische übersetzt und unter dem Titel „Life of Martin Luther by Meurer“ in New-York bei H. Ludwig, Verey street No. 70, für 2 Dollars zu haben ist.

Diesem Grundsatze gemäß, daß die Kirchengebräuche oder Ceremonien der christlichen Freiheit anheimfallen, nicht verboten und nicht im Einzelnen geboten sind hat Dr. M. Luther nicht wie Carlstadt und die Reformirten alle Ceremonien abgethan, sondern echt christlich alle Gebräuche der Kirche, die da „wohl stehen“ (nach 1 Cor. 11, 13) zur guten Ordnung (nach 1 Cor. 14, 40) und zur Besserung untereinander (nach 1 Cor. 14. 26) dienen und keine falsche Lehre befördern beibehalten. Was wäre das auch für ein unsinniges Ding gewesen, al-

English translation AI translation

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two periods, from the year 1536 to Luther's death and from then on to Mel.'s death. In the first period the traces of these departures were not so frequent, nor so strong and manifest, and therefore also not of so widely spread a harmful influence, as in the second period; on the contrary, Mel., so long as Luther lived and stood at his side, still gave from time to time gratifying proofs of his agreement with him also in the doctrine of the Lord's Supper, which he later, when he was deprived of this support, did ever more seldom. From this it is to be explained that Luther and others, with regard to Mel., though sometimes hovering in anxious misgivings, yet had not sufficient ground to testify publicly against him, as became necessary after Luther's death. It was also quite natural that one had to look with other eyes upon many epistolary and oral utterances of Mel., which had formerly not been known, or at least not held suspicious, after his departures became ever more manifest.

We will now adduce some proofs of the fickle disposition of Mel., which he showed from the year 1536 to Luther's death, in that he declared himself now in favor of the Reformed and against L.'s doctrine, now again, as it were rousing himself, against the Reformed and in favor of the Lutheran doctrine.

Soon afterward, when he had, in company with Luther, concluded the Wittenberg Concord, the Landgrave of Hesse invited him together with Bucer to Cassel, to learn from each the opinion of his co-religionists concerning that Concord. Concerning this Mel. expressed himself thus in a letter to Camerarius: "What my opinion may be, you will not now desire to know from me, for I have been the messenger of a strange opinion, although I shall not conceal my opinion when I have heard what ours answer." Does not Mel. thereby give clearly to understand that he had indeed outwardly joined in concluding the Concord, but had cherished a quite different opinion about it from his co-religionists? —

In the year 1537 he subscribed the Smalcald Articles, in which, as is well known, a short but decided confession of the Sacrament of the Altar is made; he also wrote in the same year to the Elector of Saxony that with the Zwinglians it was only presumption, wantonness and the delusion of reason, whereby one could not stand before God.

In the year 1538 he wrote that one should not rend Christ asunder, as if He were with us only according to the Godhead, but not also according to the manhood; Christ is rather present bodily in the Holy Supper.

(To be concluded.)

(Submitted.)

Letter to a Church Officer. *)

*) From an American Lutheran preacher to the head of a vacant Union congregation. Ed.

Dear Sir!

You have answered me in your esteemed letter of — to my last letter that, as concerns the church usages and separation from your "Reformed brethren," a Lutheran pastor will not be welcome to you. Since you nevertheless accept the Lutheran Book of Concord, you are in contradiction with yourself. To show you this in Christian sincerity and love is the purpose for which I write to you once more. But first I remark that it has by no means surprised me to receive such an answer from you, because unfortunately the principles which you express are only too current in our days. On the contrary, your frankness pleases me, and if you will examine the present letter in equal love of truth and not look upon everything with distrustful eyes for the very reason that it does not accord with your habits, then I hope that by God's grace you will yet in time attain to the acknowledgment of the full truth, as it is confessed in the Lutheran Church, and, what is closely connected with it, will no longer have such a dread as hitherto of the rejection of every doctrine which stands in contradiction to the truth, even of the Reformed.

The LORD be pleased to grant me grace that in the manner in which I speak to you through this letter I may err in nothing and be well understood by you.

I. Of the Church Usages.

You share with many Protestants of our day, neglected in knowledge, the error that the Lutheran ceremonies or church usages are nothing more than a remnant of Popery, and you reckon among them especially the sign of the holy Cross and the absolving of individuals in the confessional. According to this it comes out as if Luther had either himself still been stuck in many a papistic error and therefore remained with many so-called "Catholic" ceremonies, or had, for the sake of the people, not yet so far enlightened, retained much leaven of the papistic system. Now, from an age which knows Luther as little as the present, one can expect nothing better. Indeed, there is hardly a genuine biography of this man of God besides "Luther's Life by Meurer *)." Whoever has come to know the blessed man to some extent from a book like the one named can only be angry or smile with pity at such an opinion, which would make our Luther, so highly enlightened by the Holy Ghost through God's Word and so courageous in faith, into a blockhead or hypocrite. Was the Luther who had read and pondered God's Word more than any other man not to have perceived better than our enlightened ones of today what belongs to Popery and what does not? Was the Luther who for truth's sake cared not for the curse of the whole world to have kept behind the mountain with a few church usages? No, dear friend! Luther retained nothing from the "Catholic Church" out of mere yieldingness toward the time then, still less out of his own pleasure therein. In rejecting Popery, and just as well in retaining what is not papistic but truly Catholic, God's Word guided him. For this forbids no church usage, unless thereby a false doctrine be countenanced. The apostle Paul circumcised Timothy, shaved his head in Cenchrea, and fulfilled a vow in the temple. These were all church usages that are far more offensive than any Lutheran ceremony. Yet it was not forbidden the apostle to observe them; he had liberty thereto, so far as it was serviceable to him, according to his principle declared in 1 Cor. 9, 19 — 23, for the spreading of the Gospel. He had indeed also at his baptism renounced the Jewish law, knew and confessed that we are justified not by the works of the law, but by faith alone (Phil. 3, 9.)! Yet he observes these Jewish usages, not as though he would thereby be saved, but because according to Christian liberty every ceremony is open to him, if he thereby assents to no false doctrine. As we now see from such single examples that the Christian, without breaking his baptismal vow thereby, may observe manifold usages of divine service, if only they stand in connection with no false doctrine, so the history of the apostolic Church shows us that the whole Christian congregation from the beginning followed this principle and observed certain ceremonies in divine service. These were not expressly commanded to it; — for that would be just as much against Christian liberty as a prohibition of them; but the Christians chose for themselves, as those who had power thereto, such ceremonies as they perceived to "become" them, according to the principle which the Holy Ghost had prescribed to them in 1 Cor. 11, 15. Examples we find among others in 1 Cor. 11. 4 — 6, 14. 15. 14, 34. 35.

**) Which has also been translated into English and is to be had under the title "Life of Martin Luther by Meurer" in New-York of H. Ludwig, Verey street No. 70, for 2 Dollars.

In accordance with this principle, that the church usages or ceremonies fall under Christian liberty, being neither forbidden nor commanded in particular, Dr. M. Luther did not, like Carlstadt and the Reformed, abolish all ceremonies, but in a truly Christian manner retained all usages of the Church which "become" (according to 1 Cor. 11, 13), which serve for good order (according to 1 Cor. 14, 40) and for mutual edification (according to 1 Cor. 14. 26), and which promote no false doctrine. What a senseless thing it would also have been, al-