Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 22 › Seite 175
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-06-24, Seite 175
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
175
nieder alle Erkenntniß der Wahrheit. Wenn sie aber auch im Schwange gehet, so stehet es auch wohl um alle andern Dinge, es sei Religion, Gottesdienst, Gottes Ehre, und daß man recht verstehen kann, was von allen Ständen und Dingen zu halten sei. Darum lasset uns nie müssig und sicher sein, sondern stets wieder von vorn anfangen, wie geschrieben steht: Wenn der Mensch meinet, er habe es zum Ende gebracht, so thut ihm wohl von Nöthen, daß er wiederum von Neuem vorn anhebe. Denn es ist stets Gefahr, daß der Teufel die reine Lehre des Glaubens hinwegnehme, und uns von Neuem mit der Lehre der Werke und Menschensatzungen anfahe zu blenden und zu plagen. —
(Fortsetzung folgt.)
Lerne auch Undank ertragen.
Wir müssen leben unter undankbaren Leuten, und uns nicht darum ärgern, noch darum aufhören wollen, Gutes zu thun; sondern, wie Salomo Sprüchw. 5, 16. sagt, „unser Brünnlein lassen ausfließen" und immer Gutes thun, uns nicht daran kehren, ob man übel dafür danket; gleichwie Gott „seine Sonne täglich lässet aufgehen — beide über Dankbare und Undankbare". Matth. 5, 45. Denn wo du es um der Welt Dank thust und meinest dich wohl zu verdienen, so wirst du das Widerspiel finden, und geschieht dir recht und billig, wie einem, der eine ledige taube Nuß aufbeißet, und das Maul voll Dreck krieget. Daß du nun willt heftig zürnen und Berge umwerfen, und darum nichts mehr Gutes thun, so bist du kein Christ mehr; thust dir selbst wehe, und richtest doch nichts aus. Siehest du nicht, wo du daheim bist, und lebest in der Welt, die da voll Untugend und Undankbarkeit ist? wie denn ihr Reim lautet: Qui retribuunt mala pro bonis: die da Gutes mit Argem bezahlen. Wer das nicht lernen will, der mag aus der Welt laufen; denn es ist nicht Kunst, allein bei frommen Leuten sein und denen Gutes thun, sondern bei bösen Leuten bleiben können, und doch nicht auch böse werden. Darum lerne nur ein Christ von Jugend auf (damit er's hernach gewohnet sei und vertragen könne), daß er jedermann Gutes thue, und Böses dafür gewarte (doch dasselbe nicht lobe und billige, sondern, so viel er kann, nach seinem Amt strafe und wehre). Denn das ist die beste Probe und Zeichen eines rechten guten Werkes, wenn die, denen damit gedienet, nicht allein undankbar sind, sondern auch Böses dafür thun. Denn solches ist auch dafür gut, daß der Mensch nicht darum sich gut dünken lasse, und ihm selbst gefalle; so ist es auch vor Gott so gar gülden und köstlich, daß die Welt nicht werth muß sein, dasselbe zu belohnen.
(Luther in der Kirchenpostille).
Unfriede um Gottes Wortes willen.
Du klagst, daß meine Lehre so eingerissen sei, daß kein Haus sei, da nicht ein Aufruhr und Zwietracht über mir sei. Mein Emser, wer hat dich gebeten, daß du also ein edles Gezeugniß wider dich selbst gibest meiner Lehre? Wie möchte meine Lehre baß gestärkt werden, denn durch solch ihres ärgesten Feindes Bekenntniß? Gott treibt dich, wie Caipham Joh. 18, 14., daß auch dein Haß muß mein bestes reden. Ich habe meiner Hoffnung, daß ich in Gottes Namen angefangen und das rechte Wort Gottes lehre, kein stärker Beweisung und Wunderzeichen, denn daß sie so geschwind in alle Welt ohn mein Treiben und Suchen, dazu durch unzählig Widerstand und Verfolgung aller Gewaltigen und Gelehrten vermehrt wordest ist und Uneinigkeit anrichtet. Und wenn sie das nicht thäte, wäre ich längst verzagt und matt worden. Denn daß solch Werk und Rumor eigentliche Art sei des göttlichen Wortes bezeuget Ps. 147, 15. und Christus Luc. 21, 15. und Matth. 10, 34 — 36. „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich kommen bin, Frieden zu senden" ꝛc. Und du heiliger Priester Gottes gibst für friedliche Lehre, die nicht ärgern soll, zu schreiben und berufest dich auf das jüngste Gericht. Lieber, mache St. Simeon zum Lügner, da er sagt Luc. 2, 34.: „Christus ist zu einem Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll" ꝛc. Alle Streit und Kriege des Alten Testam. sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii, das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten. In solchem Wesen ist gestanden die Christenheit zun Zeiten der Apostel und Märtyrer, da sie am besten stund.
Es ist ein seliger Unfriede, Aufruhr und Rumor, den Gottes Wort erweckt; da gehet an rechter Glaube und Streit wider den falschen Glauben; da gehen wieder an die Leiden und Verfolgung und das rechte Wesen des christlichen Volks.
Luther.
Charakter und Wirkung der wahren lutherischen Lehre.
Der berühmte Rechtsgelehrte Ulrich Zasius thut folgendes Geständniß: „Ich bewundere und verehre Luther aus der Seele, denn von ihm habe ich gelernt, alles Gute Gott als dem, welcher allein alles wirkt, zu verdanken. In früherer Zeit schmeichelte ich mir, wenn etwas Lautereres von mir ausgegangen war, wenn ich etwas mehr Andacht bei mir fand, wenn ich mich durch irgend ein gutes Werk, eine Wohlthat, einen Nath um einen Andern verdient machte. Es begann die Hoffnung, nach der ich gleichsam einen Rechtsanspruch auf die Seligkeit zu haben glaubte. Ich verachtete diejenigen bei denen ich ein kälteres Streben nach dem höhern wahrzunehmen glaubte. Durch Luthers preiswürdige Lehren von diesen Irrthum befreit, halte ich mich für nichts Anderes, als ein Werkzeug, durch welches Gott in mir das gute Werk vollbringt, so daß nichts davon meine ist, als die Mühe. Glücklich bist du, Zasius, daß du noch im hohen Alter dieß gelernt hast!" — Du nennest dich, lieber Leser, einen Lutheraner, kannst du auch etwas Ähnliches aus deiner Erfahrung von der Wirkung der lutherischen Lehre rühmen? Siehe, da hast du das Bild eines wahren Lutheraners, in dem du dich spiegeln kannst.
Unser Zasius war ein Lutheraner mitten im Papstthum; er starb, von seinen Zeitgenossen als der größte Rechtsgelehrte seiner Zeit bewundert, als Professor zu Freiburg 1535 im 75ten Jahre seines Alters.
Päbstische Ketzerei.
Pabst Johannes XXII. erklärte (1325) diejenigen für Ketzer, welche behaupteten, Christus und seine Apostel hätten nichts Eigenes besessen. Ja, er ließ vier von den Franziskanern, welche sich Spirituales (Geistlichgesinnte) nannten und welche dies behaupteten, deßwegen zu Marseille als Ketzer verbrennen; er mochte meinen, bei dieser Lehre möchte man ihn am Ende nicht für den Statthalter dessen erkennen, der da gesagt hat: „Er habe nicht, da er sein Haupt hinlege". Dieser Pabst hat zwar einen Traktat geschrieben von der Goldmacherkunst unter dem Titel: „Ars metallorum transmutatoria", doch verstand er besser, durch päbstliche Taxen auf seinem Petersstuhl, als durch Destilliren am Heerde Gold zu machen. Das Merkwürdigste jedoch in der Päbstlichen Goldmacherkunst besteht darin, daß sie vermittelst ihres Ablasses sogar aus den Sünden Gold machen können; als daher der leibliche liederliche Sohn des unfläthigen Pabstes, Alexanders VI., einmal 100,000 Gülden verspielt hatte, sagte dieser, „es wären die Sünden der Deutschen".
Anecdote für Prediger.
Als der sel. M. G. Serger (Pfarrer zu Riethenau im Würtembergischen, geb. 1683) einst einen Pfarrer, der ein redlicher, aber schüchtener Prediger war, vor dessen gnädigem Herrn predigen hörte, sagte er zu demselben nach der Predigt: „Er hätte ihn nun predigen gehört, und wolle ihm jetzt auch sagen, wie er ihm vorkäme; nehmlich wie ein Commandant, der vor einer Festung stehe, und sie gern einnehmen möchte, aber doch nicht das Herz habe hineinzuschießen, sondern seine Stücke, Bomben und Karthaunen alle darüber hinausrichte; so mache ers mit seinem gnädigen Herrn, er möchte sie gern gewinnen, und habe doch nicht das Herz, auf sie loszubrennen." — Es gibt jedoch auch solche Prediger, die wohl den Muth hätten, ihren Zuhörern mitten durch's Herz zu schießen, die sie aber darum nicht treffen, weil sie entweder selbst keine Erfahrung von der Bekehrung der Sünder zu Gott haben, oder weil sie doch das Wort nicht recht zu theilen vermögen.
English translation AI translation
175
trate all knowledge of the truth. But if it also is in vogue, then it stands well also with all other things, be it religion, divine service, God's honor, and that one can rightly understand what is to be thought of all estates and things. Therefore let us never be idle and secure, but ever begin again from the beginning, as it is written: When a man thinketh he hath come to the end, then it behoveth him to begin anew from the beginning. For there is ever danger that the devil may take away the pure doctrine of faith, and begin anew to blind and plague us with the doctrine of works and ordinances of men. —
(To be continued.)
Learn also to bear ingratitude.
We must live among ungrateful people, and not be offended thereat, nor therefore cease to do good; but, as Solomon says, Prov. 5, 16., "let our fountains flow forth" and always do good, not minding whether one repays it ill; just as God "maketh his sun to rise daily — on the thankful and the unthankful". Matt. 5, 45. For if thou doest it for the world's thanks and thinkest to earn well, thou shalt find the contrary, and it will serve thee right and fairly, like one who bites open an empty hollow nut and gets his mouth full of dirt. That thou wilt now be violently angry and overturn mountains, and therefore do no more good, then thou art no more a Christian; thou doest thyself harm, and accomplishest nothing after all. Seest thou not where thou art at home, and livest in the world, which is full of wickedness and ingratitude? as their rhyme runs: Qui retribuunt mala pro bonis: who repay good with evil. Whoso will not learn this, let him run out of the world; for it is no art to be only among pious people and do good to them, but to be able to remain among wicked people and yet not become wicked also. Therefore let a Christian learn from his youth (that he may afterward be accustomed to it and able to bear it) that he do good to every man, and expect evil in return (yet not praise and approve the same, but, as much as he can, according to his office punish and resist it). For this is the best proof and sign of a right good work, when those to whom it has been of service are not only ungrateful, but also do evil in return. For this is good also for this, that man may not on that account think himself good and please himself; so it is also before God so altogether golden and precious, that the world must not be worthy to reward it.
(Luther in der Kirchenpostille).
Discord for God's Word's sake.
Thou complainest that my doctrine has so broken in that there is no house where there is not an uproar and discord over me. My Emser, who has asked thee that thou shouldst give so noble a testimony against thyself to my doctrine? How could my doctrine be better strengthened than by such a confession of its worst enemy? God drives thee, as Caiaphas, John 18, 14., so that even thy hatred must speak my best. I have, in my hope that I have begun in God's name and teach the right Word of God, no stronger proof and miraculous sign than that it has so swiftly, without my driving and seeking, spread into all the world, moreover through countless resistance and persecution of all the mighty and learned, and creates disunion. And if it did not do so, I should long since have become despondent and faint. For that such work and tumult is the proper nature of the divine Word is testified Ps. 147, 15. and by Christ Luke 21, 15. and Matt. 10, 34 — 36. "Think not that I am come to send peace" etc. And thou holy priest of God givest out a peaceable doctrine, which shall not offend, to be written, and appealest to the last judgment. Dear man, make St. Simeon a liar, who says Luke 2, 34.: "Christ is set for a sign which shall be spoken against" etc. All the strifes and wars of the Old Testament were a figure of the preaching of the Gospel, which must and shall create strife, disunion, contention and tumult. In such a state stood Christendom in the times of the apostles and martyrs, when it stood best.
It is a blessed discord, uproar and tumult which God's Word awakens; then begins right faith and strife against false faith; then begin again the sufferings and persecution and the true state of Christian people.
Luther.
Character and Effect of the True Lutheran Doctrine.
The renowned jurist Ulrich Zasius makes the following confession: "I admire and revere Luther from my soul, for from him I have learned to thank God, as him who alone worketh all, for all good. In former time I flattered myself when something purer had proceeded from me, when I found somewhat more devotion in myself, when I made myself of merit by any good work, a benefit, a counsel for another. The hope began, according to which I believed I had, as it were, a legal claim to blessedness. I despised those in whom I thought I perceived a colder striving after the higher. Delivered from this error by Luther's praiseworthy teachings, I hold myself for nothing other than an instrument through which God accomplishes the good work in me, so that nothing of it is mine but the labor. Happy art thou, Zasius, that thou hast learned this in thy old age!" — Thou callest thyself, dear reader, a Lutheran; canst thou also boast of something similar from thy experience of the effect of the Lutheran doctrine? Behold, there thou hast the picture of a true Lutheran, in which thou mayest mirror thyself.
Our Zasius was a Lutheran in the midst of popery; he died, admired by his contemporaries as the greatest jurist of his time, as professor at Freiburg, 1535, in the 75th year of his age.
Papal Heresy.
Pope John XXII. declared (1325) those to be heretics who maintained that Christ and his apostles had possessed nothing of their own. Yea, he caused four of the Franciscans, who called themselves Spirituales (the spiritually-minded) and who maintained this, to be burned as heretics at Marseilles on that account; he thought that with this doctrine one might in the end not recognize him as the vicegerent of him who has said: "He hath not where to lay his head". This pope wrote a treatise on the art of making gold under the title: "Ars metallorum transmutatoria", yet he understood better how to make gold by papal taxes upon his chair of Peter than by distilling at the hearth. The most remarkable thing, however, in the papal art of gold-making consists in this, that by means of their indulgence they can make gold even out of sins; as, therefore, the bodily, dissolute son of the unclean pope, Alexander VI., had once gambled away 100,000 gulden, he said, "it was the sins of the Germans".
Anecdote for Preachers.
When the late M. G. Serger (pastor at Riethenau in Württemberg, born 1683) once heard a pastor, who was an honest but timid preacher, preach before his gracious lord, he said to him after the sermon: "He had now heard him preach, and would now also tell him how he appeared to him; namely, like a commandant who stands before a fortress and would gladly take it, but yet has not the heart to fire into it, but aims his pieces, bombs and cannon all over it; so he did with his gracious lord, he would gladly win him, and yet had not the heart to fire away at him." — There are, however, also such preachers as well have the courage to shoot their hearers through the heart, but who do not hit them for this reason, that they either have themselves no experience of the conversion of sinners to God, or that they are yet not able rightly to divide the Word.