Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 23 › Seite 182
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-17, Seite 182
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des verflossenen Jahres zum Montage wurde ich bei meinem Aufenthalte in der Filialgemeinde N. N. gegen 2 Uhr Morgens von meinem Hauswirth geweckt, der mit den Worten an mein Bett trat: „Herr Pastor, ich möchte Sie wohl nicht gerne stören, aber die Frau N. N. ist hier und begehrt jetzt gleich die Aufnahme in die evangel.-lutherische Kirche und das heilige Sacrament.“
Diese Frau ist eine Schuhmachersfrau aus einem von N. N. eine Meile abgelegenen Orte, die sich schon einmal bei mir zur Aufnahme in die Kirche gemeldet hatte, doch hauptsächlich aus dem Grunde nicht aufgenommen werden konnte, weil der eben beginnen sollende Sonntagsgottesdienst eine gründliche Besprechung mit ihr unmöglich machte. Schon Tags darauf war sie, um des Besuches unseres Gottesdienstes willen von ihrem Manne jämmerlich gemißhandelt, im Gesicht voll Beulen und Striemen und auf den Armen braun und blau geschlagen, und, wie die Frauen der Gemeinde versicherten, am ganzen Leibe noch weit übler zugerichtet, mit der flehentlichsten Bitte um Hülfe wieder zu mir gekommen. Sie verlangte wiederum das Sacrament und blutenden Herzens mußte ich auch dies Mal ihren Wunsch unerfüllt lassen, weil kein Wein übrig geblieben, am Orte, keiner zu haben und nach der Stadt zu schicken nicht möglich war. Es blieb mir da nichts übrig, als mit der Armen, in Gemeinschaft der gegenwärtigen Gemeindeglieder, vor dem Herrn in's Gebet zu gehen und den Allbarmherzigen, der ja noch überschwenglich mehr Erbarmen in Seinem Jesusherzen trage, als wir sündigen Menschen, zu bitten: Er möge dem zornigen Manne die Hand lähmen, damit er aufhöre mit seinem Schlagen und Quälen; ja ich konnte um des Beßten der Frau selbst willen, in Uebereinstimmung mit den Gemeindegliedern, nicht einmal dazu rathen, sie in Begleitung nach Hause zurückbringen zu lassen, weil der Zorn des Mannes dadurch nur gesteigert worden wäre. So ging sie, ohne menschlichen Beistand, aber durch's Gebet gestärkt, mit dem Entschlusse: „Und wenn er mich auch todtschlägt, meinen Glauben kann er mir doch nicht rauben,“ nach Hause zurück, wo ihr Mann, im Begriff, abermals über sie herzufallen, von dem Schwiegervater gehindert, mit diesem in Streit gerieth, sich einen Finger verrenkte, und das Schlagen einstweilen einstellen mußte.
Diese Frau war's, welche an genanntem Sonntage zur Nacht, nachdem ich sie den Tag vorher vergeblich erwartet hatte, gekommen war, und abermals das Sacrament begehrte. Gern hätte ich die heilige Handlung bis zum Tage verschoben, allein mein Wirth redete mir zu. Er sagte: Herr Pastor! die Frau ist gestern auf die Nachricht von Ihrer Ankunft von ihrem Manne den ganzen Tag bis zum späten Abend in N. N. herumgeschleppt worden, sie hat durchaus mit ihm dort zur Kirche und Sacrament gehen sollen, das Erstere hat sie gethan, das Letztere nicht, sondern sich geweigert, und deßhalb mußten sie beide die Kirche verlassen, weil dadurch Unruhe entstand. Abends zu Hause angekommen, hat ihr Mann ihr befohlen, sich auszukleiden und zu Bett zu gehen. Sie war schon halb entkleidet, da gehet sie noch einmal zur Hausthüre hinaus und läuft schnell um's Haus. Ihr Mann und Bruder sind bald hinter ihr drein; aber sie versteckt sich hinter dem Zaun und kriecht in der Finsterniß unentdeckt, obgleich die Verfolger dicht bei ihr sind, auf dem Leibe nach dem Kartoffelfelde, bis sie entfernt genug ist, um unentdeckt weiter zu laufen, und so ist sie über K. hierher gekommen und fürchtet, daß ihr Mann auch nicht lange ausbleiben werde.
Jetzt half nichts, ich mußte auf, meine Frau, die mich dies Mal auf meiner Reise begleitet hatte, ebenfalls. Die Stube wurde in Ordnung gebracht, der Tisch in einen Altar verwandelt und Alles so kirchlich als möglich eingerichtet. Die ganze Gemeinde ward geweckt und zusammengerufen; bald brachten auch die Frauen die von ihnen völlig bekleidete Kreuzträgerin herbei, welche von allen in dieser feierlichen Stunde ihr schlichtes, ungeschmücktes, aber aller Herzen bewegendes Glaubensbekenntniß ablegte, und durch das Sacrament in Gegenwart der Gemeinde, die insgesammt in solcher Stunde sich nicht enthalten konnte, abermals dem Tische des Herrn zu nahen, obgleich sie erst am Sonntage das hl. Sacrament empfangen hatte, ein Glied der evangel.-luther. Kirche wurde.
Es kommt zwar im Christenleben auf Gefühle und Empfindungen nicht sonderlich viel an, nach ihnen bestimmt sich weder unsere Glaubenskraft, noch Glaubenstreue, sondern der Glaube, der gleichviel, ob unter Angst und Schrecken oder in Freud und Wonne, ohne Wanken und Schwanken am „Worte“ hält und auf's „Wort“ allein sich gründet, überwindet die Welt; aber bisweilen läßt uns der Herr in seligen Stunden auch die himmlische Herrlichkeit in lieblichem Vorschmack empfinden und fühlen, um unsern Glauben zu stärken. Solch ein Stündlein erlebte ich jetzt im Schooße meiner jungen, noch nicht ein Jahr alten Gemeinde N. N. Es war, als weilte der Heer in nächster Nähe, fast sichtbar unter uns. Wir hatten nur zu loben und zu preisen. Noch heute reden wir öfter davon und noch heute ist die Ankunft der Frau, mitten in finstrer Nacht, in der sie allein einen Weg trockenen Fußes zurückgelegt, der durch die vielen wasserreichen Gräben den Männern bei Tage Schwierigkeiten bietet, ein Wunder. Sie wußte uns selbst nicht zu sagen, wie sie da herüber gekommen sei, sie wußte bloß, daß sie glücklich da sei. Merkwürdig ist's, wie sie geradezu behauptete, von den Engeln Gottes geleitet worden zu sein; denn sonst, voll ängstlicher Furcht, in der Dunkelheit bloß bis vor die Hausthüre zu gehen, erklärte sie, diesmal so fröhlich, grade als ob sie mitten unter einem sie schützend umgebenden großen Haufen gewesen, ihren Weg angetreten und ohne alle Schwierigkeiten gefunden zu haben.
Die Freude der Frau nach Empfang des hl. Abendmahls war unaussprechlich, und gestärkt ging sie frischen Muthes den ihr bevorstehenden neuen Trübsalen entgegen, welche bald genug wieder beginnen sollten. Sie verließ meine Wohnung mit den Worten: „Jetzt habe ich meinen HErrn und Heiland und nun mag's werden wie Gott will.“ — Sie war kaum im Nachbarhause angekommen und hatte dort eben ihr stilles Gebet vollendet, so fand sich auch Mann und Bruder ein. Wüthend ging Ersterer auf sie los. Sie sprang ihm entgegen mit den Worten: „Ach Fritz! wie lieb ist mir's, daß du kommst, siehe, jetzt habe ich das Sacrament empfangen.“ Der Mann stieß sie von sich und tobend und fluchend wollte er den sehen, der sich unterstanden, ohne seine Erlaubniß seiner Frau das hl. Abendmahl zu geben. Er stieg mit seinem Knotenstock auf meine Wohnung zu, ich nebst meiner diesmal ängstlich besorgten Frau erblickten ihn schon durch's Fenster, ehe er hereinkam. Trotzig trat er ein, und vor mich hin mit der eben angedeuteten Frage. Doch schien das sich entwickelnde Gespräch, in welchem ich ihm erstens bemerkte, daß ich bei meiner Amtsübernahme mich nicht erinnere, die Verpflichtung überkommen zu haben, den Schuhmacher N. aus N. um Genehmigung zu ersuchen, wenn ich neue Glieder meiner Heerde einverleiben wolle, und ihn sodann ernstlich auf sein gottloses Gebahren hinwies, seinen Zorn zu brechen. Er reichte mir beim Abschiede freundlich die Hand und soll auch draußen geäußert haben, daß der Pastor ein ganz vernünftiger Kerl sei, was er gar nicht geglaubt habe; doch dauerte diese kurze Bekehrung nicht lange, denn als er seines Weibes ansichtig wurde, kam der alte Ingrimm wieder, und weil er ihr jetzt nichts anhaben konnte, eilte er zornig nach dem Wirthshause, um seinen Ärger im Branntweinfrühstücke zu ersäufen.
Seitdem haben meine Augen die Frau gar nicht wieder gesehen, aber desto mehr habe ich über sie gehört, was meine Freude an ihrem Glauben, trotz aller ihrer Schwachheit, nur gemehrt hat. Ihr Mann ist's, welcher ihr jedes Kommen zum Gottesdienste und in die brüderliche Gemeinschaft unmöglich gemacht hat. Das erste, womit er sie bei seiner Heimkunft bestrafte, war, daß er ihr alle ihre Kleider wegnahm und im Kasten verschloß, so daß sie kaum zur Deckung der Blöße die nöthige Hülle behielt, dazu regnete es bei Tage Schläge, bei Nacht Stöße.
Endlich machte sich ihre Schwachheit geltend, und um den ununterbrochenen Mißhandlungen zu entgehen, suchte sie einen Versteck im Hause unter dem Dache im Heu, woselbst sie 14 Tage unentdeckt blieb. Der Mann ließ sie als eine Entlaufene im Kreisblatt ausrufen, entdeckte aber endlich, durch das Verschwinden der Speiseüberreste darauf gebracht, ihren Schlupfwinkel im eignen Hause, und fuhr von Neuem in seiner alten Methode fort.
Der HErr muß Rath geben, was jetzt zu thun ist, doch gelobt sei sein heiliger Name, die Frau stehet noch felsenfest und ist in solcher Trübsal noch nicht weich geworden, sondern voll Lobens
English translation AI translation
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of last year, to Monday, I was awakened, at about 2 o'clock in the morning, during my stay in the filial congregation of N. N., by my host, who came to my bed with the words: "Pastor, I would not willingly disturb you, but Mrs. N. N. is here and desires immediately to be received into the Evangelical Lutheran Church and the holy Sacrament."
This woman is a shoemaker's wife from a place a mile distant from N. N., who had already once presented herself to me for admission into the Church, but could not be received chiefly for the reason that the Sunday service, which was just about to begin, made a thorough conversation with her impossible. Already the day after, on account of attending our service, she had been shamefully abused by her husband, and, her face full of bumps and weals, and her arms beaten black and blue, and, as the women of the congregation assured me, still far worse treated over her whole body, she had come to me again with the most imploring plea for help. She demanded the Sacrament again, and with a bleeding heart I had once more to leave her wish unfulfilled, because no wine had been left over, none was to be had in the place, and it was not possible to send to the town. There remained nothing for me to do but, with the poor woman, in fellowship with the members of the congregation present, to go in prayer before the Lord, and to beseech the All-merciful, who bears yet exceeding more compassion in His Jesus-heart than we sinful men, that He would lame the angry man's hand, that he might cease from his beating and tormenting; yea, for the sake of the woman's own best interest, in agreement with the members of the congregation, I could not even advise that she be brought home under escort, because the husband's wrath would thereby only have been increased. So she went, without human aid, but strengthened by prayer, with the resolve: "And though he beat me to death, my faith he cannot rob me of," back to her home, where her husband, about to fall upon her again, was hindered by his father-in-law, fell into a quarrel with him, dislocated a finger, and had for the time being to stop the beating.
This woman it was who came on the said Sunday at night, after I had awaited her in vain the day before, and again desired the Sacrament. Gladly would I have put off the holy act until day, but my host urged me. He said: Pastor! the woman was dragged about yesterday by her husband the whole day till late evening in N. N., on the news of your arrival; she was by all means to go with him there to church and Sacrament; the former she did, the latter not, but refused, and for that reason they both had to leave the church, because disturbance arose thereby. Having come home in the evening, her husband commanded her to undress and go to bed. She was already half undressed when she goes out once more through the house door and runs quickly round the house. Her husband and brother are soon behind her; but she hides herself behind the fence and creeps in the darkness undiscovered, although her pursuers are close by her, on her belly to the potato field, until she is far enough away to run on undiscovered, and so she has come hither by way of K., and fears that her husband also will not long stay away.
Now nothing helped, I had to get up, and my wife, who this time had accompanied me on my journey, likewise. The room was put in order, the table changed into an altar, and everything arranged as churchly as possible. The whole congregation was awakened and called together; soon the women also brought the cross-bearer, fully clothed by them, who before all in this solemn hour made her plain, unadorned confession of faith, moving the hearts of all, and through the Sacrament, in the presence of the congregation, who in such an hour could not refrain from drawing near once more to the Lord's table, although she had received the holy Sacrament only on Sunday, became a member of the evangelical Lutheran Church.
It is true that in the Christian life feelings and sensations do not matter very much; by them is determined neither our strength of faith nor our faithfulness of faith, but the faith which, no matter whether in anguish and terror or in joy and delight, without wavering and vacillating holds to the "Word" and grounds itself upon the "Word" alone, overcometh the world; yet at times the Lord lets us, in blessed hours, also perceive and feel the heavenly glory in a lovely foretaste, in order to strengthen our faith. Such a little hour I experienced now in the bosom of my young congregation of N. N., not yet a year old. It was as though the Lord tarried in the nearest nearness, almost visible among us. We had nothing to do but praise and give thanks. Even today we speak of it often, and even today the arrival of the woman, in the midst of dark night, in which she alone traversed dry-shod a way which, because of the many water-filled ditches, offers difficulties to men by day, is a miracle. She could not herself tell us how she had come across; she knew only that she was there safely. It is remarkable how she plainly maintained that she had been led by the angels of God; for otherwise, full of anxious fear to go in the darkness even as far as the house door, she declared she had this time started on her way so cheerfully, just as if she had been in the midst of a great host surrounding and protecting her, and had found it without any difficulties.
The joy of the woman after receiving the holy Supper was unspeakable, and, strengthened, she went with fresh courage to meet the new tribulations awaiting her, which were soon enough to begin again. She left my dwelling with the words: "Now I have my LORD and Saviour, and now let it be as God wills." She had hardly arrived at the neighbor's house and had just finished her silent prayer there, when her husband and brother also appeared. Furious, the former went at her. She sprang to meet him with the words: "Ah, Fritz! how glad I am that thou comest; behold, now I have received the Sacrament." The man thrust her from him, and raging and cursing he wanted to see the one who had presumed, without his permission, to give his wife the holy Supper. He came with his knotted staff toward my dwelling; I, with my wife, this time anxiously concerned, caught sight of him through the window before he came in. Defiantly he entered, and stood before me with the question just indicated. Yet the conversation that developed seemed to break his wrath, in which I remarked to him first that, on taking over my office, I did not remember having assumed the obligation to ask the shoemaker N. of N. for permission when I wished to incorporate new members into my flock, and then earnestly pointed him to his godless conduct. He reached me his hand kindly at parting, and is said to have declared outside also that the pastor was a quite reasonable fellow, which he had not at all believed; yet this short conversion did not last long, for when he caught sight of his wife, the old fury returned, and as he could not now do anything to her, he hastened wrathfully to the tavern, to drown his vexation in a breakfast of brandy.
Since then my eyes have not seen the woman again, but the more have I heard about her, which has only increased my joy in her faith, in spite of all her weakness. It is her husband who has made every coming to the service and into the brotherly fellowship impossible for her. The first thing with which he punished her on his return home was that he took away all her clothes and locked them in the chest, so that she kept barely the necessary covering for her nakedness; besides, it rained blows by day and shoves by night.
At last her weakness made itself felt, and to escape the uninterrupted maltreatment she sought a hiding-place in the house under the roof in the hay, where she remained undiscovered for 14 days. The man had her cried in the district paper as a runaway, but at last, brought to it by the disappearance of the remains of food, discovered her hiding-place in his own house, and went on afresh in his old method.
The LORD must give counsel what is now to be done; yet praised be His holy name, the woman still stands rock-firm and in such tribulation has not yet grown soft, but full of praising