Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 2 › Seite 10

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-09-14, Seite 10

9 10 11 12 13 14 15 16

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

⤓ Download .txt · copy text

10

gegen seine Leser wieder so dienstfertig, die wenigen Wörtlein hinzuzusetzen: „Verstehe den Bann der christlichen Kirche, der nach Christi Ordnung Matth. 18. rechtmäßig vollzogen, er mag dich gerecht oder ungerecht drücken oder treffen.“(!) Der liebe Mann mochte wohl ahnen, daß kein Mensch in der Welt die Worte Luther's so verstehen würde, wie er sie verstanden wissen will; darum setzte er zu beiden Stellen sein „Verstehe“ hinzu; denn welcher Mensch, wir wollen nicht sagen, bei christlicher Erkenntniß, sondern nur bei gesundem Verstande, wird sagen, daß ein ungerechter Bann rechtmäßiger Weise geschehen und ergangen“ sein könne nach Christi Ordnung Matth. 18.? Wir wollen unserem Gegner nicht Böses mit Bösem vergelten und diese Verkehrung einen böswilligen Betrug nennen, wie er uns immer unterschiebt; man sieht aber hieraus so viel offenbar, zu welchen Absurditäten partheiischer rechthaberischer Kampf führt. In solchem Kampfe wird man so blind, daß man die einfachsten Begriffe nicht mehr von einander unterscheiden kann; denn was ist allgemeiner bekannt, als der Unterschied zwischen ordentlich und rechtmäßig? Wer weiß nicht, daß wohl etwas nach der Ordnung ergangen sein kann, ohne rechtmäßig vollzogen zu sein — wer weiß aber nicht, daß etwas eben nicht rechtmäßig vollzogen ist, wenn bei aller äußerlicher Beobachtung der vorgeschriebenen Ordnung doch jemandem schreiendes Unrecht gethan, die Liebe des Nächsten verletzt und wider Gottes heiligen Willen gehandelt wird? Anstatt seine Glossen und seine „Verstehe“ zu Luther's Worten hinzuzusetzen, hätte unser Herr Gegner es sich lieber leicht machen und Luther's Auslegung hinzusetzen sollen, wenn er ja meinte, der Leser möchte sonst Luther's klare Worte nicht recht verstehen. Z. B. zu dem ersten Zeugnisse hätte unser Gegner die dort bald folgenden Worte Luther's zur Erklärung hinzusetzen können: „Siehe, das heißt die rechte catholica gemeine Christliche Kirche, die wird uns gewißlich nicht in Bann thun, noch verfolgen, sondern unsere Lehre von Herzen gerne annehmen und bestätigen, und uns für ihre lieben Brüder halten. Ob uns aber daneben der Pabst verbannet und zur Höllen urtheilet, das können wir fröhlich tragen und verachten; warten aber des Richters vom Himmel unsers Herrn und Heilandes, der uns scheide, und uns zuspreche und gebe den rechten Namen der Kirche (welchen sie jetzt uns nehmen,) und sie öffentlich darstelle als des Teufels Braut, aus seinem Reich ewiglich abgesondert und verstoßen.“ Auch zu dem anderen Zeugnisse Luther's wäre wohl eine Glosse von Luther selbst zu reicherem Verständniß zu finden gewesen, wenn sie nur unser Herr Gegner hätte zu suchen sich die Mühe nehmen wollen. Er hätte z. B. diese auch dort einige Zeilen weiter unten folgenden Worte Luther's noch anführen können: „Darum ist des Pabsts Tyrannei desto mehr zu verfluchen, welcher des Bannes gemißbraucht hat, auch wenn ein armer Mann auf einen gewissen und bestimmten Tag nicht alsbald hat können bezahlen, ja, auch wenn man seine Satzungen nicht gehalten, als, wenn einer nicht gefastet, nicht gebeichtet ꝛc. hatte. Zum andern ist es gewiß, daß des Pabstes Bann nicht des HErrn Christi Bann ist, weil er nicht nach Christi Einsetzung geschieht, noch vorgenommen wird; darum gilt er auch im Himmel nichts. Aber gleichwohl bringet es dem, der dieses Befehls der Kirche mißbraucht, gewissen Schaden und Untergang. Denn es ist eine solche Sünde, damit Gottes Name gelästert wird.“ (VI, 2407.) Es ist freilich eine starke Zumuthung, daß unser Herr Gegner diese Auslegungen der Worte Luther's von Luther selbst seinen eigenen hätte vorziehen sollen, denn damit hätte er ja seine Behauptungen selbst umgestoßen; allein die Wahrheit ist mehr werth, als das Rechtbehalten! Der Leser darf aber auch nicht denken, vielleicht hätte unser Gegner andere Aussprüche Luther's hinzusetzen können, die sich in den späteren Schriften desselben vorfinden und die es aussprechen, daß der ungerechte Bann einer Gemeinde kein Recht gebe, sich von ihr zu trennen. Nein; denn erstlich ist's ja schon an sich ein Widerspruch, zu sagen, man dürfe sich nicht von einer Gemeinde trennen, welche einen ungerecht in den Bann gethan, das heißt, aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen hat. Das heißt ja nichts anderes, als, man müsse in dem Hause bleiben, aus welchem man ungerechter Weise schon hinausgeworfen worden ist! Solchen Unsinn hat Luther natürlich nie gelehrt. Sodann ist aber auch unser Luther nicht so vergeßlich oder zweizüngig, daß er auf der einen Seite vom ungerechten Bann so geschrieben haben sollte, wie oben angezogen, und daß er auf der nächsten Seite das Gegentheil zugegeben haben sollte. Endlich aber weiß der, welcher Luther's Schriften etwas genauer kennt, daß in den späteren derselben von dem, was unser Herr Gegner behauptet, auch nicht ein Buchstäblein zu finden ist, und daß unser Herr Gegner nur dadurch seiner Behauptung, als stimme Luther mit ihm, bei unberichteten Lesern einen Schein gemacht, daß unser Herr Gegner seine eigenen Worte daran geflickt, ja, Seite 19. seine (unseres Gegners) Worte mit Redezeichen versehen hat, so daß der einfältige oder auch nur unaufmerksame Leser glauben muß, dies seien Luther's Worte! Wir wollen nicht urtheilen, wie dies anzusehen ist: wir lassen hierüber das Urtheil Gott, der allein das Herz ergründen und die Nieren prüfen kann. Jer. 17, 9, 10. Hr. Pst. v. Rohr hat die Rede zwar künstlich so gestellt, daß einem scharfsichtigen Leser die Annahme, er (Hr. Pst. v. Rohr) habe die Worte für sein eigenes Summarium angesehen wissen wollen, noch möglich bleibt; unser Hr. Gegner hat sich daher zwar noch eine Hinterthür zu seiner Vertheidigung gelassen, wenn die Sache aufgedeckt werden sollte; aber, wie gesagt, der HErr selbst, der Herzenskündiger, mag richten, warum unser Gegner seine Worte mit Zeichen einer fremden Rede versehen und dadurch, wie wir bereits erfahren haben, selbst theologisch gebildete Männer auf die Gedanken gebracht hat, es sei dies wirklich ein Citat aus einer späteren Schrift Luther's, nehmlich aus der Auslegung von Joh. 16. vom Jahre 1538. Die Worte Hrn. v. Rohr's sind folgende: „bist du ungerecht gebannt, so siehe zu, ob es von der rechten oder von der falschen Kirche geschehen ist; den Bann der falschen Kirche achte nichts, aber den auch ungerechten Bann deiner Mutter, der wahren Kirche, verachte bei Leibe nicht, sondern dulde ihn,“ ꝛc. Vor diese seine eignen Worte setzt aber Herr Pst. von Rohr die folgenden: „(Luther) lehrt im Gegentheil über diese Worte Christi Joh. 16, 2. 3. in seiner Auslegung des ganzen 16. Capitel Th. 5. Altenburg. A. S. 181.: „bist du ungerecht gebannt“ ꝛc., wie oben angegeben. Zwar schreibt hierauf nach einer Zwischenrede Herr Past. von Rohr: „So lauten Lutheri Worte,“ und nun läßt er Luther's eigene Worte folgen. Aber wie wenige Leser wird es geben, die aus diesen späteren Worten den Verdacht schöpfen, daß die vorigen, mit den Zeichen fremder Rede versehenen, Worte, nicht, wie angegeben, Luther's, sondern Hrn. v. Rohr's eigene Worte seien!! — Wir würden diese Sache auch nicht einer Bemerkung gewürdigt haben, wenn es nicht augenscheinlich wäre, daß vielleicht die meisten Leser dadurch verführt werden könnten, Luthern eine Lehre unterzuschieben, an die er später, als er zur vollen Erkenntniß gekommen war, nie gedacht hat, geschweige daß er sie öffentlich in Schriften gelehrt haben sollte. —

Herr Pst. von Rohr sucht zwar zu beweisen, daß Luther seinen Sermon von der Kraft des Bannes vom Jahre 1518, in welchem Luther noch eine ähnliche Lehre von dem ungerechten Bann vorgetragen hat, wie die Grabauische Fraktion, noch im Jahre 1545, also 27 Jahre später, ein Jahr vor seinem Tode, mit einer Vorrede herausgegeben und darin auf's neue bestätiget habe. Worauf gründet aber unser Hr. Gegner seine Behauptung? Darauf, daß es in dem Ergänzungstheile der Altenb. Ausgb. von Luther's Werken vom J. 1702, S. 116. von dem bezeichneten Sermon heiße: „Und ist solcher Sermon 1545 des Jahres vor seinem Absterben zuvor bekräftigt.“

Weil nun Hr. v. Rohr in seiner Unwissenheit wirklich im Ernst meint, es sei so, so beutet auch natürlich dieser Herr nach bekannter Grabauischer Manier seine angebliche Entdeckung nach Herzens Lust aus, fällt über den armen Redakteur des „Lutheraner“ sichtlich mit dem süßen Gefühle her, seinen heißen Rachedurst einmal stillen u. sich an der schändenden Schaustellung seines Opfers an dem Halseisen seines Informatorium-Schandpfahls weiden zu können, und ruft nun mit triumphirender Miene aus: „Sehen wir hier nicht Gottes Gericht?“ Wer wird hier nicht an das Davidische Gebet erinnert: „Laß sie nicht sagen in ihrem Herzen: Da, da! das wollten wir. Laß sie nicht sagen: Wir haben ihn verschlungen.“ Ps. 35, 25. Arme Menschen! gesetzt, wir hätten uns in die-

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

10

toward his readers again so obligingly as to add the few little words: "Understand the ban of the Christian Church, which has been executed lawfully according to Christ's order, Matth. 18., whether it oppress or strike you justly or unjustly."(!) The dear man may well have suspected that no man in the world would understand Luther's words as he wants them understood; therefore he added his "Understand" to both passages; for what man, we will not say with Christian knowledge, but only with sound understanding, will say that an unjust ban could have been pronounced and gone forth in a lawful manner" according to Christ's order, Matth. 18.? We will not repay our opponent evil with evil and call this perversion a malicious fraud, as he is forever imputing to us; but one sees plainly from this to what absurdities a partisan, contentious strife leads. In such a strife one becomes so blind that one can no longer distinguish the simplest concepts from one another; for what is more generally known than the difference between orderly and lawful? Who does not know that something may well have proceeded according to order without having been executed lawfully — but who does not know that something has precisely not been executed lawfully when, with all outward observance of the prescribed order, nevertheless crying injustice has been done to someone, the love of the neighbor violated, and action taken against God's holy will? Instead of adding his glosses and his "Understand" to Luther's words, our Herr opponent would have done better to make it easy for himself and add Luther's own exposition, if he really thought that the reader might otherwise not rightly understand Luther's plain words. For example, to the first testimony our opponent could have added the words of Luther following shortly after it by way of explanation: "Behold, that is, the true catholic common Christian Church, she will surely not put us under the ban, nor persecute us, but will gladly accept our doctrine from the heart and confirm it, and hold us for her dear brethren. Whether, besides, the Pope bans us and condemns us to hell, that we can bear cheerfully and despise; but we wait for the Judge from heaven, our Lord and Savior, that he may part us, and adjudge to us and give us the right name of the Church (which they now take from us,) and show her openly as the Devil's bride, eternally severed and cast out from his kingdom." Also to the other testimony of Luther a gloss from Luther himself for fuller understanding might well have been found, if only our Herr opponent had been willing to take the trouble to seek it. He could, for example, have cited besides these also the words of Luther following a few lines farther down in the same place: "Therefore the Pope's tyranny is all the more to be cursed, who has misused the ban, even if a poor man could not at once pay on a certain and appointed day, yea, even if one had not kept his ordinances, as, if one had not fasted, not confessed, etc. Secondly, it is certain that the Pope's ban is not the ban of the LORD Christ, because it does not take place nor is it undertaken according to Christ's institution; therefore it also counts for nothing in heaven. But nevertheless it brings to him who misuses this command of the Church certain harm and ruin. For it is such a sin that God's name is blasphemed thereby." (VI, 2407.) It is indeed a strong presumption that our Herr opponent should have preferred these expositions of Luther's words by Luther himself to his own, for thereby he would have overthrown his own assertions; but the truth is worth more than keeping one's point! The reader must not think, however, that perhaps our opponent could have added other utterances of Luther's, to be found in his later writings, which declare that the unjust ban of a congregation gives no right to separate from it. No; for in the first place it is already a contradiction in itself to say that one may not separate from a congregation which has put one under the ban unjustly, that is, has excluded one from its fellowship. That means nothing else than that one must remain in the house from which one has already been thrown out unjustly! Such nonsense Luther naturally never taught. And then our Luther is also not so forgetful or double-tongued that on the one side he should have written of the unjust ban as cited above, and on the very next page should have conceded the opposite. Finally, however, whoever knows Luther's writings somewhat more exactly knows that in the later ones of them not one little letter is to be found of what our Herr opponent asserts, and that our Herr opponent has only thereby created among uninformed readers an appearance for his assertion, as if Luther agreed with him, that our Herr opponent has patched his own words onto it, indeed, on page 19 has furnished his (our opponent's) words with quotation marks, so that the simple or even merely inattentive reader must believe that these are Luther's words! We will not judge how this is to be regarded: we leave the judgment of it to God, who alone can search the heart and try the reins. Jer. 17, 9, 10. Mr. Pst. v. Rohr has indeed so artfully arranged the passage that to a keen-sighted reader the supposition remains possible that he (Mr. Pst. v. Rohr) wished the words to be regarded as his own summary; our Mr. opponent has therefore indeed left himself a back door for his defense, should the matter be uncovered; but, as said, the LORD Himself, the Searcher of hearts, may judge why our opponent furnished his words with the marks of a foreign speech and thereby, as we have already learned, brought even theologically educated men to the thought that this was really a quotation from a later writing of Luther's, namely from the exposition of John 16, of the year 1538. The words of Mr. v. Rohr are as follows: "If you are unjustly banned, see to it whether it has happened from the true or from the false Church; the ban of the false Church regard as nothing, but the also unjust ban of your mother, the true Church, by no means despise, but suffer it," etc. Before these his own words, however, Herr Pst. von Rohr places the following: "(Luther) teaches on the contrary on these words of Christ, John 16, 2. 3. in his exposition of the whole 16th chapter, Part 5, Altenburg ed., p. 181.: 'If you are unjustly banned' etc., as stated above. To be sure, thereupon, after an interlude, Herr Past. von Rohr writes: "Thus run the words of Lutherus," and now he lets Luther's own words follow. But how few readers will there be who from these later words will conceive the suspicion that the former words, furnished with the marks of foreign speech, are not, as stated, Luther's, but Mr. v. Rohr's own words!! — We should not have deemed this matter worthy of a remark, if it were not evident that perhaps most readers could thereby be misled to impute to Luther a doctrine of which he, later, when he had come to full knowledge, never thought, to say nothing of his having taught it publicly in writings. —

Herr Pst. von Rohr indeed seeks to prove that Luther published his Sermon on the Power of the Ban of the year 1518, in which Luther still set forth a similar doctrine of the unjust ban as the Grabauan faction, with a preface still in the year 1545, that is 27 years later, one year before his death, and therein confirmed it anew. But on what does our Mr. opponent ground his assertion? On this, that in the supplementary volume of the Altenburg edition of Luther's works of the year 1702, p. 116, it is said of the sermon in question: "And such a sermon was confirmed in 1545, the year before his death."

Because now Mr. v. Rohr in his ignorance really means in earnest that it is so, this gentleman, of course, according to the well-known Grabauan manner, exploits his alleged discovery to his heart's content, falls upon the poor editor of the "Lutheraner" visibly with the sweet feeling of being able to still his hot thirst for revenge for once and to feast himself on the disgraceful exhibition of his victim at the pillory of his Informatorium-whipping-post, and now cries out with a triumphant mien: "Do we not see God's judgment here?" Who will not here be reminded of the Davidic prayer: "Let them not say in their hearts: Ah, so would we have it. Let them not say: We have swallowed him up." Ps. 35, 25. Poor men! suppose we had in this