Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 14 › Seite 86
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-03-01, Seite 86
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Eingesandt von Dr. Sihler.
Unionistisch kirchliche Anschauungen des Herrn Professor's Ph. Schaff.
I. Artikel.
Es ist unleugbar und kann auch nicht anders sein, daß das Menschengemächte des 19. Jahrhunderts, nämlich die sogenannte kirchliche Union zwischen den Lutheranern und Reformirten in Deutschland unter ihren Anhängern im Großen und Ganzen einen lähmenden Einfluß auf die scharfe Unterscheidung von Wahrheit und Irrthum auf dem Gebiete der Lehre ausgeübt hat; denn nachdem man die Lehrgleichgültigkeit erst an einigen Stellen, nämlich den sogenannten Nebenlehren, in Schutz genommen, ja ihr Berechtigung zugestanden, so hat sie sich natürlich je länger desto breiter gemacht und mehr oder minder einen verderblichen Einfluß auf die ganze kirchliche Anschauungsweise, ja die Gesinnung der Unionisten selber gewonnen.
Denn nicht nur unter den unionistischen Eiferern, die zudem auch nicht selten damit die Gunst der unirtgesinnten weltlichen Fürsten und Patrone*) in Deutschland suchen oder zu erhalten streben, sondern auch unter den besser Gesinnten, denen solche unlautere Beimischung nicht nachzuweisen ist, sucht man vergebens einen heiligen Eifer für den einen Glauben, Bekenntniß und Lehre der einen heiligen, christlichen Kirche, und sei es auch nur in der Form der 3 wichtigsten allgemeinen Symbole; und eben so wenig findet man bei ihnen einen heil. Haß wider böswilligen Irrthum, Falschheit und Lüge in der Lehre, darin ihnen gerade St. Johannes der Apostel zum heilsamen Vorbild dienen könnte, den sie, ganz ungeschichtlicher und ungeschickter Weise, als Patron ihrer falschen Liebes- und Friedens-Union aufzustellen pflegen.
*) So z. B. hat sich die jämmerliche Gesinnung fast aller Berliner unirter Prediger darin gezeigt, daß sie bei dem Aufstand v. 1848, als die unzeitige Weichheit des Königs den Rebellen auf kurze Zeit die Uebermacht verschaffte, nebst dem Könige und seinen Großen den Leichen der getödteten Empörer zum Grabe folgten, als seien diese wirklich Märtyrer der wahren Freiheit gewesen. Hätte damals der übel berathene König statt seiner unionistischen Hofprediger und Wetterfahnen, denen in jener bedrängten Zeit das Herz entfiel, weil kein gesunder Glaubensmuth darin lebte, einen lutherischen Hofprediger und Beichtvater von altem Schrot und Korn gehabt, in dem in That und Wahrheit eine ungeheuchelte Furcht Gottes und dessen Wortes gewesen, so hätte ihm dieser allerdings gerathen, seine gewaffneten empörerischen Unterthanen durch die überlegene Macht seiner Garden jedenfalls darnieder zu legen und sei es auch durch Kanonen und Kürassiere den Aufruhr gründlich zu dämpfen, darnach aber in seinem Kämmerlein gründlich Buße zu thun um seine Sünden, die etwa den Aufruhr mit verschuldet, Vergebung in Christi Blute zu suchen und als rechtschaffene Frucht solcher Buße die Lasten seines Volkes zu erleichtern, unbillige Beschwerungen abzuthun und eine angemessene Constitution zu geben.
Diese Abschwächung nun jenes heiligen Eifers für die Wahrheit und dieses heiligen Hasses wider das Falsche findet man aber unter den Unionisten nicht nur auf dem Gebiete der Kirchenlehre, sondern auch auf dem der Geschichte der Kirche, die sie meist durch eine unionistische Verschönerungsbrille und ohne scharfes Auseinanderhalten der feindlichen Gegensätze anschauen.
Einen Beleg zu dieser Wahrheit liefert u. a. auch das Septemberheft 1852 des von Herrn Prof. Schaff herausgegebenen deutschen Kirchenfreundes unter der Ueberschrift: „Die deutsche Theologie und die Kirchenfrage,“ darin er den Katholicismus, ja relativ sogar den Papismus vertheidigt und zwar ersteren nicht nur gegen die ungeschichtliche und ungerechte Auffassung und Beurtheilung der Presbyterianer von der sogenannten alten Schule,*) sondern auch gegen die „altprotestantische Polemik des 16. und 17. Jahrhunderts,“ die natürlich dem weitherzigen und weitblickenden Unionisten engherzig und kurzsichtig genug erscheint.
*) Die klägliche sogenannte lutherische Generalsynode ist auch in dem Kampfe wider die römische Kirche und das Papstthum meist nur die Nachbeterin und Nachtreterin der Presbyterianer, und statt vom lutherischen Standpunkte aus eine gesunde sachliche Polemik wider die römische Kirche zu führen und zuvor etwa Luther's Schriften und das examen concilii Tridentini nach Chemniß zu studiren weiß der Lutheran Observer meist nichts anderes aufzutischen, als die phrasenreichen Bekenntnisse solcher Leutlein, die sich von der römischen zur reformirten Schwärmerei bekehrt haben, also daß er nur bellt aber nicht beißt.
Den Beginn seiner Schutzschrift macht er damit, daß er statt des Nachweises sofort die Behauptung aufstellt, „daß durch die neuern Forschungen der Kirchen- und Profanhistoriker die früheren Ansichten über das Mittelalter gänzlich umgestoßen worden, und daß es jetzt als ausgemachtes und unter gelehrten Kennern allgemein zugestandenes Resultat angesehen werden dürfe, daß die römisch-katholische Kirche in jenem Zeitalter keineswegs das Reich des Antichrists, sondern die Trägerin der wahren christlichen Kirche, die Mutter der romanischen und germanischen Nationen und der ganzen neueren europäischen Civilisation war und bei allem ihr anklebenden Verderben eine Macht erhabener Frömmigkeit und Tugend in sich trug.“
Hiebei sei es nun erlaubt, Zweierlei zu bemerken. Das Erste ist dieses, daß man wohl thut, durch das zuversichtliche Auftreten und Sichberufen auf die Ergebnisse der neuern Forschungen und berühmte Namen sich nicht sogleich einschüchtern und verblüffen, sondern einem bescheidenen Zweifel Raum zu lassen, ob die gelehrten Herrn, deren einzelne Verdienste um die Wissenschaft von einem Ungelehrten, wie Schreiber dieses, gar nicht im Geringsten sollen geschmälert werden, bei ihren Untersuchungen und Forschungen über die römische Kirche und das Papstthum mehr oder minder nicht auch die unionistische Brille auf der Nase gehabt haben, durch welche sie Alles in einem rosenfarbenen oder hoffnungsgrünen Lichte geschauet haben, was z. B. den Lehrvätern der lutherischen Kirche gar anders erschienen ist, weil diese keine färbige Brille auf der Nase hatten, sondern von Außen durch das Licht des göttlichen Wortes, von innen durch den heiligen Geist und den rechtfertigenden Glauben erleuchtet, ein einfältiges Auge hatten und die römische Kirche sammt dem Papstthum anschauten, wie sie waren und wesentlich auch jetzt noch sind.
Das Andere ist dieses, daß in dem Zeugen und Strafen der lutherischen Lehrer im 16. u. 17. Jahrhundert das, was die Lutheraner und Katholiken als gemeinsamen Glaubensgrund unter sich haben und was vornämlich im 1. und 2. Artikel des heil. christlichen Glaubens enthalten ist, gleichwohl nicht fehlt. Diese Einheitspunkte, deren Bezeugung von der Wahrheit und Gerechtigkeit gleichmäßig erfordert werden, finden sich gerade in den Schriften der wichtigsten Kämpfer; und vornämlich Luther ist sehr beflissen, römische Kirche und Papstthum gründlich auseinander zu halten, und straft die Schwärmer und (jetzigen) Reformirten, wo sie im schwärmerischen Haß und Fanatismus, wider alle Gerechtigkeit und geschichtliche Wahrheit, beides durcheinander mengen und das Eine für das Andere als gleichbedeutend setzen.
Wenn also Herr Schaff, wiewohl verdeckter Weise (denn er spricht von der „altprotestantischen Polemik des 16. u. 17. Jahrhunderts,“ ohne die lutherische und reformirte, die, wie in ihrem Inhalt, so in ihrer Art und Weise sehr verschieden sind, von einander zu unterscheiden) der lutherischen Bekämpfung den Vorwurf anheften will, als sei auch ihr schlechthin „die römisch-katholische Kirche das Reich des Antichrists,“ so hat er entweder die wichtigsten hieher gehörigen polemischen Schriften der lutherischen Kirche nicht gelesen, oder er will, zu Gunsten seines liberalen Unionismus und seiner selbstgemachten Phantasien von der bevorstehenden „Versöhnung des Katholicismus u. Protestantismus“ nicht der lutherischen Kirche, gerechter Weise, zugestehen, daß sie in ihren wahrhaft kirchlich gesinnten und repräsentativen Kämpfern eben so entschieden die Einheit des Glaubens und Bekenntnisses mit der römischen Kirche festgehalten hat, so weit diese den Schriftgrund noch mit ihr und der Kirche von Alters festhält, als auf der andern Seite wider das Papstthum und seine unermeßliche Verderbung der Kirche aufgetreten ist. Wer aber einen gesunden und unbefangenen Ein- und Durchblick in den geschichtlichen Verlauf dieses Zeugens und Kämpfens während der Reformation hat und ohne unionistischen Partheieifer die Sache besieht, wie sie liegt, der wird gewiß nicht in Abrede stellen, daß Luther und seine ebenbürtigen Mitzeugen und Nachfolger in diesem ihrem Zeugen u. Kämpfen eben so wahrhaft unirend sind auf dem Grunde des Schriftwortes und laut dem Zeugniß der wichtigsten allgemeinen Symbole der Kirche als mit unerbittlicher Schärfe Alles (und also vornämlich das schriftwidrige Papstthum und dessen Verderbnisse) ausscheidend, was dem lautern und einfältigen Worte Gottes zuwider sich aufgerichtet hat und in der Kirche Gottes herrschen und regieren will.
So gewiß also Luther und die Seinen die Kirche Christi, die Gemeinde der Heiligen auch in der sichtbaren römischen Kirche und unter der Tyrannei des Papstthums geglaubt und bekannt haben, eben so gewißlich haben sie mit gutem Grunde das Papstthum, als die concen-
English translation AI translation
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Submitted by Dr. Sihler.
Unionistic Churchly Views of Professor Ph. Schaff.
Article I.
It is undeniable, and cannot be otherwise, that the man-made contrivance of the 19th century, namely the so-called churchly Union between the Lutherans and the Reformed in Germany, has on the whole and in the main exercised a crippling influence among its adherents upon the sharp distinction between truth and error in the field of doctrine; for after indifference to doctrine had first been taken under protection in a few places, namely in the so-called secondary doctrines, and its right granted, it has naturally spread itself the broader the longer it went, and has gained more or less a ruinous influence upon the whole churchly manner of viewing things, yes, upon the very disposition of the Unionists themselves.
For not only among the Unionistic zealots, who moreover not infrequently seek or strive to retain thereby the favor of the union-minded secular princes and patrons*) in Germany, but also among the better-disposed, in whom no such impure admixture can be demonstrated, one seeks in vain a holy zeal for the one faith, confession and doctrine of the one holy, Christian Church, even if only in the form of the 3 most important general Symbols; and just as little does one find among them a holy hatred against malicious error, falsehood and lie in doctrine, in which St. John the Apostle in particular might serve them as a wholesome pattern, whom they, in a quite unhistorical and clumsy manner, are wont to set up as the patron of their false Union of love and peace.
*) Thus, for example, the wretched disposition of almost all the Berlin united preachers showed itself in this, that at the uprising of 1848, when the untimely softness of the King for a short time gave the rebels the upper hand, together with the King and his nobles they followed the corpses of the slain insurgents to the grave, as though these had truly been martyrs of true freedom. Had the ill-advised King at that time, instead of his unionistic court preachers and weathervanes, whose hearts failed them in that distressed time because no sound courage of faith lived in them, had a Lutheran court preacher and father confessor of the old stamp, in whom there was in deed and in truth an unfeigned fear of God and of His Word, he would indeed have advised him in any case to put down his armed, rebellious subjects by the superior power of his guards, and, even if by cannon and cuirassiers, to quell the insurrection thoroughly, but afterwards to do thorough penance in his little chamber for his sins, which may have helped to bring about the insurrection, to seek forgiveness in Christ's blood, and as the righteous fruit of such repentance to lighten the burdens of his people, to abolish unfair impositions, and to grant a suitable constitution.
This weakening of that holy zeal for the truth and of this holy hatred against the false one finds among the Unionists, however, not only in the field of church doctrine, but also in that of the history of the Church, which they for the most part view through a unionistic beautifying pair of spectacles and without a sharp holding apart of the hostile opposites.
A proof of this truth is furnished, among others, also by the September number of 1852 of the German Kirchenfreund, edited by Prof. Schaff, under the heading: "German Theology and the Church Question," in which he defends Catholicism, yes, relatively even Popery, and indeed the former not only against the unhistorical and unjust conception and judgment of the Presbyterians of the so-called old school,*) but also against the "old-Protestant polemics of the 16th and 17th centuries," which naturally appears narrow-hearted and short-sighted enough to the broad-hearted and far-sighted Unionist.
*) The pitiful so-called Lutheran General Synod is also in the struggle against the Roman Church and the Papacy for the most part only the echo and follower of the Presbyterians, and instead of conducting from the Lutheran standpoint a sound, substantive polemic against the Roman Church, and first of all perhaps studying Luther's writings and the examen concilii Tridentini according to Chemnitz, the Lutheran Observer knows for the most part nothing else to serve up than the phrase-laden confessions of such little folk as have been converted from the Roman to the Reformed fanaticism, so that it only barks but does not bite.
The beginning of his defense he makes by setting up, instead of proof, at once the assertion "that by the newer researches of the church and secular historians the earlier views concerning the Middle Ages have been entirely overturned, and that it may now be regarded as an established result, universally conceded among learned connoisseurs, that the Roman Catholic Church in that age was by no means the kingdom of Antichrist, but the bearer of the true Christian Church, the mother of the Romance and Germanic nations and of the whole newer European civilization, and, with all the corruption cleaving to her, bore within her a power of exalted piety and virtue."
Hereupon permit me to remark two things. The first is this, that one does well not to be immediately intimidated and bewildered by the confident bearing and the appeal to the results of the newer researches and to famous names, but to leave room for a modest doubt whether the learned gentlemen, whose several merits toward science are not in the least to be diminished by an unlearned man such as the writer of this, may not have had, more or less, the unionistic spectacles upon their noses in their investigations and researches concerning the Roman Church and the Papacy, through which they have beheld everything in a rose-colored or hope-green light, which, for example, appeared quite otherwise to the teachers and fathers of the Lutheran Church, because these had no colored spectacles on their noses, but, enlightened from without by the light of the divine Word, from within by the Holy Ghost and justifying faith, had a single eye and beheld the Roman Church together with the Papacy as they were and essentially still are.
The other is this, that in the testifying and rebuking of the Lutheran teachers in the 16th and 17th century, that which the Lutherans and Catholics have among them as a common ground of faith, and which is chiefly contained in the 1st and 2d Article of the holy Christian faith, is nevertheless not wanting. These points of unity, the attestation of which is equally required by truth and justice, are found precisely in the writings of the most important combatants; and Luther especially is very diligent to hold the Roman Church and the Papacy thoroughly apart, and rebukes the fanatics and (present) Reformed, where in fanatical hatred and fanaticism, against all justice and historical truth, they mingle both together and set the one for the other as of like meaning.
If, therefore, Mr. Schaff, albeit in a covert manner (for he speaks of the "old-Protestant polemics of the 16th and 17th centuries," without distinguishing from one another the Lutheran and the Reformed, which are very different, as in their content so in their manner and way) wishes to fasten upon the Lutheran combat the reproach that to it also "the Roman Catholic Church is simply the kingdom of Antichrist," then he has either not read the most important polemical writings of the Lutheran Church belonging here, or he is unwilling, in favor of his liberal Unionism and his self-made fancies of the impending "reconciliation of Catholicism and Protestantism," to concede to the Lutheran Church, in justice, that in her truly churchly-minded and representative combatants she has held fast the unity of faith and confession with the Roman Church just as decidedly, so far as the latter still holds with her and the Church of old to the Scripture ground, as on the other side she has stood forth against the Papacy and its immeasurable corruption of the Church. But whoever has a sound and unprejudiced insight into and through the historical course of this testifying and combating during the Reformation, and without unionistic party zeal looks at the matter as it lies, will certainly not deny that Luther and his peers in rank, fellow-witnesses and successors, in this their testifying and combating, were just as truly uniting on the ground of the Scripture Word and according to the testimony of the most important general Symbols of the Church, as, with unrelenting sharpness, excluding everything (and therefore chiefly the Papacy, contrary to Scripture, and its corruptions) which has set itself up against the pure and simple Word of God and wills to rule and reign in the Church of God.
As certainly, then, as Luther and his followers believed and confessed the Church of Christ, the congregation of the saints, even in the visible Roman Church and under the tyranny of the Papacy, just as certainly have they with good reason the Papacy, as the concen-