Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 23 › Seite 155

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-07-05, Seite 155

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gerade in dieser papistischen Fälschung ist die Kirche des Mittelalters nichts weniger als eine Fortsetzung der nicänischen, die ja gerade gegen die arianische Irrlehre das rechtgläubige Bekenntniß der wahren katholischen Kirche vertheidigte und nach der angegriffenen Seite hin näher entwickelte und genauer bestimmte.

Vielmehr aber erscheint in der falsch katholischen Kirche des mittelalterlichen Papstthums die nicänische Verirrung ausgebildet, nach welcher schon damals Anno Domini 325 der Cölibat (Ehelosigkeit) der Diener der Kirche auf dem Concil zu Nicäa wäre kirchengesetzlich beschlossen worden, wenn nicht der Bischof Paphnutius dieser gesetzestreiberischen Bindung der evangelischen Freiheit widerstanden und durch die siegende Wahrheit seines alleinigen Zeugnisses diesen thörichten Vorschlag vereitelt hätte.

Es möchte überhaupt eine unbefangene Anschauung der mittelalterlichen Kirche (freilich nicht vom Standpunkte der unionistischen Zerflossenheit, sondern von dem der schriftgemäßen bekenntnißtreuen der lutherischen Kirche) gerade das umgekehrte Ergebniß liefern, nämlich, daß sie durch das Aufkommen des semipelagianischen Papstthums und dessen kräftige Irrthümer und Menschengebote, längst die gesunde evangelische Gestalt der apostolischen Kirche verloren hatte. Und gerade die Ueberschätzung der mündlichen sogenannten apostolischen Traditionen gegen die heilige Schrift, die kräftigen Irrthümer vom Wesen und Regiment der Kirche, von der sogenannten göttlichen Gewalt und Recht des Papstes, vom Pfarramte, im Verhältniß zur Gemeine, von der theilweisen Gerechtigkeit vor Gott aus des Gesetzes Werken u. s. w., die sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr geltend machten und die apostolische Lehre der heiligen Schrift theils trübten, theils verdrängten — dies Alles drückte je länger, desto mehr der Kirche des Mittelalters ein papistisches, das ist falsch katholisches Gepräge auf, das mit der einfältigen evangelischen Gestalt der apostolischen Kirche gar wenig stimmt; denn mit dieser, soweit wir durch die Apostelgeschichte und die Briefe der heiligen Apostel zu einer klaren Anschauung derselben zu gelangen vermögen — mit dieser sollten wir von Rechts wegen die spätern Gestaltungen der Kirche vergleichen, und da würde sich bei unbefangnem Blick und gerechtem Urtheil sicherlich das Ergebniß herausstellen, daß z. B. die lutherische Kirche des sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts mehr Aehnlichkeit mit der evangelischen apostolischen Kirche hatte, als die des Mittelalters; ich sage absichtlich, die lutherische Kirche, d. i. die Kirche lutherischen Bekenntnisses; sage nicht, die protestantische Kirche, unter welchem Ausdruck Prof. Schaff, auf gut unionistisch, die lutherische und reformirte Kirche befaßt; denn diese letztere ist in That und Wahrheit durch ihr ungläubiges Abthun, vornehmlich in der Lehre von der Person Christi und von den heiligen Sacramenten, und in ihrer vernünftelnden Entstellung und Fälschung der Lehre von der Gnadenwahl, von der Person Christi und von den hl. Sacramenten der apostolischen Urkirche in der Reinheit der evangelischen Lehre eben so unähnlich, als die papistisch-katholische Kirche des Mittelalters durch ihr abergläubisches Zuthun.

Gern wollen wir unterschreiben, was Professor Schaff bei Gelegenheit obiger Aeußerungen sagt: „Wenn Ambrosius, Athanasius, Cyprian, Irenäus, Ignatius und Polikarp auf einmal aus ihrem Grabe erstehen und in das puritanische Neu-England versetzt werden könnten, so würden sie dort das Christenthum jener ehrwürdigen Märtyrer und Confessoren (Bekenner), für welches sie gelebt und gelitten haben, kaum wieder erkennen, dagegen weit eher, nicht nur in den Universalisten und Unitariern, sondern selbst in den Baptisten und Puritanern deutliche Spuren einer Geistesverwandtschaft mit den Häretikern (Ketzern, Irrlehrern) und Schismatikern (Separatisten) ihrer Tage entdecken; denn die Gesetzes- und werktreiberische Unart der Puritaner, dieser Abkömmlinge der schottisch-reformirten Kirche, würde allerdings jenen ehrwürdigen Kirchenvätern und treuen Zeugen der evangelischen Wahrheit, obwohl auch sie in ihren Privatschriften im Einzelnen hin und her dieses und jenes Holz, Heu und Stoppeln auf den einigen und ewigen Heilsgrund, Christum, bauen, nicht minder fremdartig und unheimlich vorkommen, als der schriftwidrige Haufen Menschengebote und Irrlehren bei den Papisten, und der theatralische Pomp des römischen Gottesdienstes; dagegen würden sie bei unseren alten lutherischen Lehrvätern, vornämlich des 16. Jahrhunderts, den gesunden Kirchenglauben, zugleich mit dem lebendigen Herzensglauben und rechtschaffener Gottseligkeit in Worten und Werken, eine tiefe innere geistliche Erfahrung und evangelische Salbung gefunden, und die Einigkeit des Geistes gar bald gefühlt und erkannt haben, daß sie beiderseits ebenbürtige und rechte Söhne derselben geistlichen Mutter, der einen, heiligen, christlichen Kirche seien, die ja von Alters der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit gewesen ist; sie würden ja auch in den symbolischen Büchern der Lutherischen, d. i. der rechtgläubigen Kirche in jetziger Zeit, zum Zeichen der Glaubens- und Lehreinigkeit mit ihnen, den Zeugen der Wahrheit zu ihrer Zeit, gleich im Anfange die drei wichtigsten, allgemein anerkannten Symbole der wahren katholischen Kirche, d. i.: das apostolische, nicänische und athanasianische Glaubensbekenntniß, entdecken; und bei Durchsuchung der Augsburger Confession und anderer Bekenntnißschriften, würden sie schwerlich irgendwo ihre Zustimmung versagen; sie würden vielmehr sich darüber freuen, wie die Masse pelagianisch-papistischer Irrlehren und Menschensatzungen einerseits und darnach der bunte Haufe schwärmerischer Privatmeinungen und Phantasien, dem werthen heiligen Geiste nur Gelegenheit gegeben haben, Luther und seine Mitzeugen und Mitstreiter aus Gottes Wort immer tiefer und weiter zu erleuchten, wider das abergläubische Zuthun der Papisten und wider das ungläubige Abthun der Schwärmer, und sonderlich wider Beider Trübung und Fälschung des hochwichtigen Artikels von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott, durch falsche Geisterei und Werkerei, die reine apostolische Lehre wieder an das Licht zu bringen, zu der auch sie mit Herz und Mund sich bekannt haben.

Da würden es denn jene alten Zeugen der Wahrheit und Lehrer der Kirche ganz begreiflich finden, daß wider den treiberischen und werkerischen Geist der Papisten, wie der Schwärmer — denn darin sind sie mehrentheils Eins — und wider die Masse selbstersonnener Menschensatzungen und Menschenfündlein Beider — denn darin sind sie wiederum Eins — die lutherische Kirche ganz recht daran gethan hat, folgende 2 in sich durchaus wahre und nach Außen leitende Grundsätze vornämlich aufzustellen und festzuhalten.

1. Das göttliche Wort in der hl. Schrift, d. i. in den canonischen Büchern A. u. N. Testaments befaßt, ist die allein gültige und allgenugsame, in sich durchaus vollkommene und klare Regel und Richtschnur des Glaubens und Lebens aller Christenmenschen.

2. Die Rechtfertigung, d. i.: Gerechterklärung des Sünders vor Gott geschieht allein aus der Gnade Gottes, allein durch das Verdienst Christi, das allein der (lediglich durch das Evangelium gewirkte) Glaube ergreift, sich aneignet und festhält, ohne Mitwirkung der Gesetzeswerke zuvor, und der Liebeswerke darnach. Die lieben Väter würden ohne Zweifel das Aufstellen und Festhalten dieser Grundsätze, gegenüber dem papistischen und schwärmerischen Christen- und Kirchenthum für durchaus nothwendig und sachgemäß, und nicht für so schief und einseitig erkennen, als Prof. Schaff thut; denn dieser hält dafür, die Protestanten, also auch die darin befaßten Lutheraner, seien darin minder kirchlich und weniger wahrhaft katholisch, als die Kirche der ersten 6 Jahrhunderte, die nicht jene zwei Grundlehren, sondern die von dem dreieinigen Gott und von der Menschwerdung des Sohnes Gottes in den Mittelpunkt des ganzen Christenthums gestellt habe, und das Bekenntniß oder die Leugnung des ins Fleisch gekommenen Christus sei bei ihnen nach 1. Joh. 4. das sichere Kennzeichen der Orthodoxie oder Heterodoxie (Irrgläubigkeit) gewesen.

Hierauf diene zur Antwort, was sicherlich jene ehrwürdigen Väter der Kirche gern bestätigen würden, daß damals der rechtgläubigen Kirche auf des uralten Lügners, das ist: des Teufels Antrieb und Eingebung solche Irrlehren entgegentraten, die theils entweder die Einheit des göttlichen Wesens in der Dreiheit der unterschiedenen Personen der Gottheit, oder die unterschiedene Dreiheit der göttlichen Personen in der Einheit des Wesens leugneten und entschieden bestritten, und also bald das göttliche Wesen zertrennten, bald die Personen in einander mengten, theils (außer den schon hierin mit enthaltenen Irrlehren, auch über die Person Christi und des heiligen Geistes) noch besondere falsche Lehren wider die reine kirchliche Lehre von Christi und des heiligen Geistes Person aufstellten; denn während z. B. die Nestorianer die beiden Naturen in Christo mit Aufhebung der Einheit seiner Person von einander trennten, so geriethen die Eutichianer in das andere Aeußerste, über dem Festhalten der Einheit, die beiden wesentlich verschiedenen Naturen zu vermengen und zu verwischen; noch Andre, wie die Ebioniten, leugneten gröblich seine wahrhaftige Gottheit, indeß deren Gegner, die Doketen, seine wahrhaftige Menschheit in Abrede stellten, und beide folgerichtig seine wahrhaftige Gottmenschheit bestritten.

Da konnte es freilich nicht anders sein, als daß die rechtgläubige Kirche damaliger Zeit, welcher der HErr zur gründlichen Ueberwindung dieser Irrlehrer auch kräftige, hochbegabte Rüstzeuge und reine Lehrer, als z. B. den Athana-

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precisely in this papistical falsification the Church of the Middle Ages is anything but a continuation of the Nicene Church, which, indeed, defended the orthodox confession of the true catholic Church precisely against the Arian heresy, and developed it more closely and determined it more exactly on the side that was attacked.

Rather, however, there appears fully developed in the falsely catholic Church of mediaeval papacy the Nicene aberration, according to which even then, Anno Domini 325, the celibacy (unmarried state) of the servants of the Church would have been decreed as church law at the Council of Nicaea, had not Bishop Paphnutius withstood this law-driving fettering of evangelical liberty and by the conquering truth of his lone testimony frustrated this foolish proposal.

An unbiased view of the mediaeval Church (not, to be sure, from the standpoint of unionistic dissolution, but from that of the Scriptural, confession-faithful Lutheran Church) might, on the whole, yield precisely the opposite result, namely, that through the rise of the semi-Pelagian papacy and its powerful errors and human commandments it had long since lost the sound evangelical form of the apostolic Church. And precisely the overvaluation of the oral so-called apostolic traditions against the Holy Scripture, the powerful errors concerning the nature and government of the Church, concerning the so-called divine power and right of the Pope, concerning the pastoral office in relation to the congregation, concerning the partial righteousness before God from the works of the Law, etc., which in the course of the centuries asserted themselves more and more and partly obscured, partly displaced the apostolic doctrine of Holy Scripture — all this stamped upon the Church of the Middle Ages, the longer the more, a papistical, that is, falsely catholic impress, which agrees very little with the simple evangelical form of the apostolic Church; for with this, so far as we are able to attain to a clear view of it through the Acts of the Apostles and the Epistles of the holy Apostles — with this we ought by rights to compare the later forms of the Church, and then, with unbiased glance and just judgment, the result would surely emerge that, for example, the Lutheran Church of the sixteenth and seventeenth centuries had more likeness to the evangelical apostolic Church than that of the Middle Ages; I say intentionally, the Lutheran Church, that is, the Church of the Lutheran confession; I do not say the Protestant Church, under which expression Prof. Schaff, in good unionistic fashion, comprehends the Lutheran and Reformed Church; for the latter is in deed and truth, through its unbelieving taking-away, chiefly in the doctrine of the person of Christ and of the holy Sacraments, and in its rationalizing distortion and falsification of the doctrine of election, of the person of Christ and of the holy Sacraments, just as unlike the apostolic primitive Church in the purity of the evangelical doctrine as the papistical-catholic Church of the Middle Ages is through its superstitious adding.

Gladly will we subscribe to what Professor Schaff says on occasion of the above remarks: "If Ambrose, Athanasius, Cyprian, Irenaeus, Ignatius and Polycarp could all at once rise from their graves and be transplanted into Puritan New England, they would there hardly recognize again the Christianity of those venerable martyrs and confessors, for which they lived and suffered; on the contrary, they would far sooner discover, not only in the Universalists and Unitarians, but even in the Baptists and Puritans, distinct traces of a kinship of spirit with the heretics (misbelievers, false teachers) and schismatics (separatists) of their day; for the legalistic and work-driving unseemliness of the Puritans, these descendants of the Scotch-Reformed Church, would indeed appear to those venerable Fathers of the Church and faithful witnesses of the evangelical truth, although they also in their private writings here and there in particulars build this and that wood, hay and stubble upon the one and eternal foundation of salvation, Christ, no less strange and uncanny than the Scripture-contradicting heap of human commandments and heresies among the Papists, and the theatrical pomp of the Roman divine service; on the other hand, they would find among our old Lutheran teachers, chiefly of the 16th century, the sound faith of the Church, together with living heart-faith and upright godliness in words and works, a deep inward spiritual experience and evangelical unction, and would very soon have felt and recognized the unity of the Spirit, that they were on both sides equal-born and true sons of the same spiritual mother, the one, holy, Christian Church, which has been from of old the pillar and ground of the truth; they would also find in the symbolical books of the Lutheran, that is, the orthodox Church of the present time, as a sign of unity of faith and doctrine with them, the witnesses of the truth in their time, at the very beginning the three most important, universally acknowledged symbols of the true catholic Church, that is: the Apostolic, Nicene and Athanasian Creed; and in searching through the Augsburg Confession and other confessional writings they would hardly anywhere withhold their assent; they would rather rejoice that the mass of Pelagian-papistical heresies and human ordinances on the one hand, and thereafter the motley heap of fanatical private opinions and fancies, have given the dear Holy Spirit only occasion to enlighten Luther and his fellow witnesses and fellow combatants ever deeper and further out of God's Word, against the superstitious adding of the Papists and against the unbelieving taking-away of the fanatics, and especially against the obscuring and falsification, by both, of the highly important article of the justification of the sinner before God, through false spiritualism and work-righteousness, to bring the pure apostolic doctrine again to the light, to which they also have confessed with heart and mouth.

Then those old witnesses of the truth and teachers of the Church would find it quite comprehensible that, against the driving and work-mongering spirit of the Papists, as of the fanatics — for in this they are for the most part one — and against the mass of self-devised human ordinances and human inventions of both — for in this they are again one — the Lutheran Church has done quite right to set up and maintain chiefly the following 2 principles, in themselves thoroughly true and leading outward.

1. The divine Word, comprised in the Holy Scripture, that is, in the canonical books of the Old and New Testament, is the only valid and all-sufficient rule and standard of faith and life for all Christian men, perfect and clear in itself.

2. Justification, that is: the declaring righteous of the sinner before God, takes place solely out of the grace of God, solely through the merit of Christ, which faith alone (wrought merely by the Gospel) grasps, appropriates and holds fast, without the cooperation of works of the Law beforehand, and of works of love afterward. The dear Fathers would doubtless recognize the setting up and maintaining of these principles, over against the papistical and fanatical Christianity and churchdom, as altogether necessary and fitting, and not so crooked and one-sided as Prof. Schaff does; for he holds that the Protestants, therefore also the Lutherans comprised among them, are in this less churchly and less truly catholic than the Church of the first 6 centuries, which did not put those two fundamental doctrines, but those of the triune God and of the incarnation of the Son of God, in the center of the whole of Christianity, and that the confession or the denial of Christ come in the flesh was with them, according to 1 John 4, the sure mark of Orthodoxy or Heterodoxy (erring belief).

To this let the answer serve, which those venerable Fathers of the Church would surely gladly confirm, that at that time such heresies confronted the orthodox Church at the instigation and suggestion of the ancient liar, that is, of the devil, which, in part, either denied and decidedly contested the unity of the divine essence in the trinity of the distinct persons of the Godhead, or the distinct trinity of the divine persons in the unity of the essence, and so now divided the divine essence, now confounded the persons with one another; in part (besides the heresies already contained herein, also concerning the person of Christ and of the Holy Ghost) set up besides particular false doctrines against the pure doctrine of the Church concerning the person of Christ and of the Holy Ghost; for while, for example, the Nestorians separated the two natures in Christ from one another with the abolition of the unity of His person, the Eutychians fell into the other extreme, in holding fast to the unity, of mingling and blurring the two essentially different natures; still others, like the Ebionites, grossly denied His true Godhead, while their opponents, the Docetae, denied His true manhood, and both, logically, contested His true God-manhood.

Then it could indeed not be otherwise than that the orthodox Church of that time, to which the LORD, for the thorough overcoming of these heretics, raised up also mighty, highly gifted instruments and pure teachers, as for example Athana-