Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 17, Nummer 4 › Seite 27
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Oktober 1860, Seite 27
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gottesdienſt. R · Unzucht
allein die Schlüssel des Himmelreichs oder der
Kirche besitzeß Christus verheißt ja freilich in der
angeführten Stelle dem Petrus diese Schlüssel,
aber warum? Weil er das Bekenntniß seines
Glaͤubens abgelegt hatte, daß Jesus der Christus,
des lebendigen Gottes Sohn sei. Wenn aber
Christus dem Petrus des wegen die Schlüssel
gegeben hat, so mussen sie alle diejenigen haben,
welche auch wie Petrus glauben und bekennen.
Weit entfernt also, daß die Stelle Matth. 16,
15—19. dem Pabstthum auch im allergeringsten
Stücklein zur Stütze dienen könnte, so fegt die⸗
selbe vielmehr alle Papisterei, die grobe und die
feine, sie mag sich nun im Pabstthum finden oder
anderswo, auf das gründlichste aus. Diese
Stelle leuchtet wie eine Sonne in alle Schlupf⸗
winkel jedes hierarchischen Wesens, das heißt,
jedes Priesterstolzes und jeder Priesterherrschaft
hinein, und zieht ihr antichristisches Wesen an
das Licht. Sie ist ein Donnerwort vom Himmel
wider alle, welche sich erfrechen, sich auch nur
über den geringsten gläubigen Christen zu erhe⸗
ben. Denn klar und deutlich werden in dieser
Stelle allen, die mit Petrus glauben und beken⸗
nen, also allen wahren gläubigen Christen, der
ganzen Kirche und jedem noch so kleinen und ver⸗
achteten Christenhäuflein die Schlüssel der Kirche
oder des Himmelreichs, das heißt, alle Kirchen⸗
rechte und ⸗Gewalten von Christo, dem HErrn,
selbst zugesprochen. Wer sie ihnen abspricht, ist
ein Sacrilegus, das ist, ein Kirchen⸗ und Gottes⸗
Räuber und tritt damit in das Reich des Anti⸗
christs als sein Knecht und Helfershelfer.
Daher haben denn auch die Lehrer der Kirche
vor der Entstehung des Pabstthums und die Zeu⸗
gen der Wahrheit während der Herrschaft dessel.
ben im Tempel Gottes und alle rechtgläubigen
Lehrer unserer Kirche je und je jene Stelle Matth.
16, 15—19. also ausgelegt, daß darin keines⸗
wegs Petro allein, sondern in und durch densel⸗
ben der ganzen Kirche, das heißt, allen Gläubi⸗
gen die Schlüssel des Himmelreichs oder der
Kirche gegeben worden seien.
(Fortsetzung folgt.)
(Eingesandt von Past. Hoppe.)
Sprüchwörter in Luthers Schriften.
(Fortsetzung.)
17. Ubi caput melancholicum,
ibi diabolus habet paratum bal-
neu m.
„Man sagt, und ist wahr: ubi caput melan-
cholicum, ibi diabolus habet paratum balneum.
(Wo ein melancholischer und schwermüthiger
Kopf ist, der mit seinen eigenen und schweren
Gedanken umgehet und damit sich frißt, da hat
der Teufel ein zugericht Bad.)“ Und sprach Dr.
Luther: „Ich habe aus Erfahrung gelernet, wie
man sich in Anfechtung halten soll. Nämlich wer
mit Traurigkeit, Verzweiflung oder anderm Her⸗
zeleid geplaget wird und einen Wurm im Ge⸗
wissen hat, derselbige halte sich erstlich an den
Trost des göttlichen Worts, darnach so esse und
trinke er, und trachte nach Gesellschaft und Ge⸗
spräch gottseliger und christlicher Leute, so wirds
besser mit ihm werden.“
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Und erzählete darauf eine Historie von einem
Bischofe, „der hatte eine Schwester in einem Klo-
ster, die vom Geist der Traurigkeit und von bö⸗
sen Träumen und Anfechtungen übel geängstigt
ward und sich gar nicht wollte trösten lassen.
Nun zog sie zum Bruder und klaget es ihm. Der
Bruder ließ ein köstlich Abendmahl zurichten, und
bat die Schwester zu Gaste und vermahnete sie,
daß sie flugs essen und trinken sollte. Das that
nun die Nonne. Des Morgens fragte sie der
Bischof, wie sie geschlafen hätte, ob ihr auch
Träume und Anfechtungen wären vorgekommen
des Nachts? Nein, sagte sie, ich hab gar wohl
geschlafen und keine Anfechtung gehabt. Da
sprach der Bischof: „Liebe Schwester, zeuch wie⸗
der heim, und warte deines Leibes wohl mit
Essen und Trinken dem Teufel zum Verdrieß, so
wirst du der bösen Träume und Anfechtung
wohl los werden.“ „Darum,“ sagt Dr. M. Lu⸗
ther, „soll man traurige Leute mit Essen und
Trinken erquicken. Aber Allen möchte dies Re⸗
medium nicht nütze sein, sonderlich jungen Leuten.
Mir alten Manne aber möchte ein starker Trunk
vertreiben Anfechtung und einen Schlaf machen.
Darum hat St. Augustinus in seinen Regeln
weislich geredet: Non omnia acqualiter omni-
bus, quia non acqualiter valetis omnes“ (d. h.
Nicht Alles gilt Allen gleicherweise, weil ihr nicht
Alle gleich stark seid.)
18. Ein Dieb ist nirgends besser
denn am Galgen, ein Mönch im Klo⸗-
ster und ein Fisch im Wasser.
Dr. Luther sagte einmal, „daß Joab, König
Davids Feldhauptmann, müßte ein freier Kriegs⸗
mann gewesen sein, denn er hab's frei auf die
Faust gesetzt. Und da er nur sechshundert Mann
bei ihm hat, noch trifft er mit dem ganzen Volk
Israel und schlägt sie. Denn er hat gedacht:
ich habe gute alte Kriegsleute bei mir, die zuvor
oft bei dem Ernst gewesen sind, jenes aber ist ein
groß Volk, allenthalben zusammen gelesen Hu-
delmannsgesinde, und zieht ohne alle Ordnung
daher; darum greift er sie an und treibet sie in
die Flucht; es geräth ihm. Aber ich halt, Da-
vid wird sich nicht gerne haben wider den Sohn
Absalom aufbringen lassen, daß er wider ihn hat
einen Krieg geführet, aber seine Hauptleute ha⸗
ben ihn dazu beredet und ihn in Harnisch gebracht.
Darum befiehlt er auch den Hauptleuten, daß sie
des Knaben Absaloms schonen sollten. Aber
Joabs Rath ist der beste, nämlich mit bösen Bu⸗
ben nur hinunter, denn sie werden nicht frömmer,
sondern sie richten immerdar ein Ungluck über
das andere an.
Man hat einmal einen jungen Knaben von
18 Jahren um des Diebstahls willen gefänglich
eingezogen. Nun hätte ihn der Richter und die
Schöpfen um seiner Jugend willen gerne vom
Galgen erlöset und ihn los gegeben. Da hat er
gesagt: Nur immer mit mir hinweg! denn ich
bin drein kommen. Laßt ihr mich los, so heb
ich doch das Stehlen wiederum an, wo ichs ge⸗
lassen habe. Darum, wer den Tod verdienet
hat, mit dem fahre man nur immer hinweg!“
Und erzählte Dr. Luther das alte Sprichwort:
Ein Dieb ist nirgends besser, denn am Galgen,
ein Mönch im Kloster und ein Fisch im Wasser.
Und sagte Dr. Luther, „er hätte Etliche erbeten
vom Galgen, daß man ihnen das Leben geschenkt
hatte, aber nach wenig Tagen hätten sie doch wie⸗
der gestohlen und wären alsbald darauf gehängt
worden. Darum ist Joabs Rath viel besser ge⸗
wesen denn des Königs Davids. ö
19. Qualis quisqueé est, talia 10-—
quitur.
Oratio est character animi.
Weß das Herz voll ist, gehet der
Mund über.
Bei dem Gesang erkennt man den
Vogel, denn er singt, wie ihm der
Schnabel gewach sen ist.
Gar oft und vielmal habe ich begehrt, daß die
Leute in Böhmen, so man die Waldenser oder ů
Pickarten nennt, mir klärlich und deutlich ihren
Glauben anzeigten, damit ich doch könnte merken,
wie nahe oder ferne sie von uns, oder von dem
rechten christlichen Verstand wären, sonderlich
weil sie gar beftiglich von den Papisten für Ketzer
verdammt und ausgerufen worden, und doch bei
ihnen ein so schön, scheinbarlich Wesen, und ern⸗
ster Fleiß der Zucht und guter Werke gefunden
ward, daß auch bei unsern Geistlichen und Mön⸗
chen deßgleichen nicht zu sehen noch zu hören
war. Das ist je wahr und mußtens unsre Geist⸗
lichen selbst bekennen.
Da ich nun viel ihrer Schriften und Bücher
gelesen, und doch etliche ihrer Worte und Rede
nicht verstehen konnte, die sie brauchten in den
Sacramenten und Glaubenssachen (denn sie mir
viel anders in den Ohren klingen, weder wir da⸗
von reden,) und ich wohl weiß, daß man nicht
um Wort und Rede zanken soll, wo sonst der
Sinn und Meiunng nicht wider einander streiten,
(ein jeglicher Vogel singt, wie ihm sein Schna⸗
bel gewachsen ist, und eine jegliche Sprache hat
ihre eigene Art und Weise von der Sache zu re—
den, wie dies alles wohl sich findet, wo man eine
Sprache in die andere verdollmetschen soll,) ka
men wir zuletzt auch mündlich davon zu reden
zusammen.
Und nach viel Unterreden, und sonderlich des
Sacraments, unsers Herrn Jesu Christi Leib und
Bluts halben, (darin ich sie fast verdächtig ge
habt hatte‚) fand ich sie unsern Glauben mi
Worten oder Sprachen ein wenig anders reden
um der Papisten (von der Transsubstantiatio
und opus operatum) willen, aber doch im Grund
eben mit uns helligen, und glänben, daß im Sa
crament der wahrhaftige Leib und Blut Christ
empfangen werde ꝛc. Da ich das Stücke befand
ward ich gelinder gegen ihr Thun, weil sie doch
sonst von der heiligen Dreifaltigkeit, von Christo
von dem ewigen Leben, und von allen Artikeln
des Glaubens nicht unrecht lehreten noch hielten
und beschloß, weil sie so nahe bei der Schrift ge
blieben, daß man sie gar unbillig Ketzer geschol
ten hätte, sonderlich bei den Papisten, bei welchen
nicht schlecht Ketzerei noch Irrthum, sondern eite
Greuel, und der obn alle Masse viel, und all
ihre Lehrer nicht allein ferne, sondern auch strack
wider die heilige Schrift tobeten; wie wir da
alles reichlich mit so viel Buͤchern bezeuget haben
daß es öffentlich unleugbar ist.
(Fortsetzung folgt.)
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