Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 23, Nummer 24 › Seite 190

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. August 1867, Seite 190

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Reformation 197

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die so gut gerathen und so eindringlich war,
daß Pabst Paul V. dieselbe alsbald in das
Verzeichniß der verbotenen Schriften mit auf—
nahm. Im Würtembergischen wurde das Fest
dreitägig gefeiert, nehmlich am 30. Oetober
eine sogenannte Präparationspredigt gehalten,
am 31. das eigentliche Fest mit zweimaligem
Gottesdienst gefeiert, worauf am 1. November
ein solcher mit einer Predigt über Ebr. 13, 7.,
wie es heißt, „in laudem Lutheri““ (zum Lobe
Luthers) folgte. In Regensburg hielten zur
Vorbereitung die Gymnasiasten öffentlich in
der Kirche einstudirte Gespräche über die Re—
formation. In Eisleben sang man in jedem
Gottesdienst das Lied: „Gott der Vater
wohn' uns bei,“ veränderte aber die Worte:
„Für dem Teufel uns bewahr“ dahin: „Fürm
Pabst und Teufel uns bewahr“. Viele
schöne Jubelmünzen wurden für dieses Fest
geschlagen, auf deren einer z. B. folgender
Reim zu lesen war:
Jetzt jubilirt die Christenheit
Und dankt Gott für die Gnadenzeit,
Da Doctor Luthers Hand und Mund
Sein Wort der Kirche machte kund.

44 Um wenigstens Ein Beispiel der damals ge—
haltenen Predigten unseren Lesern vorzuführen—
so predigte am 19. Sonntag nach Trinitatis,
als am Tage der Vorbereitung uf das
Jubiläum, der damalige Chursächsische Hof—
prediger Daniel Hänichen über das
Evangelium des Sonntags: „Von dem Ab—
laß, dessen sich die wahre Eyngeli⸗
sche Kirche und derselben Glied⸗
maßen zu erfreuen haben; 1. wer
diesen Ablaß austheile, nehmlich
a. nicht der römische Antichrist, der Pabst, son⸗
dern b. allein Gott und daher auch Christus,
„Gott und Mensch in Einer Person, und zwar
c. durch alle rechtschaffene Prediger, als seine
Werkzeuge; 2. was damit ausgetheilt
werde, uehmlich Vergebung der Sünden;
3. wie derselbe ausgetheilt werde,
nehmlich a. umsonst, b. für jede Sünde,
c. jeder Person insonderheit, d. vollkom—
men, e. auf Erden. Hierauf folgt An⸗
wendung A. zur Lehre: a. Christi
Ablasses bedürfen wir alle, b. wir empfan—
gen denselben 4. durch Gottes Hand, welches
ist Wort und Saerament, und 6. mit unserer
Hand, welches ist der Glaube; B. zum
Trost, denn dieser Ablaß gibt a. im Leben
ein gutes Gewissen, b. im Tode guten Muth;
C. zur Warnung, daß nehmlich niemand
dieses Ablasses mißbrauche a. durch Sündigen
auf Gnade, b. durch Anfschub seiner Buße.
— Die Hauptpredigt am 31. October
hatte zum Text: Maleach. 4, 5. Zum Ein⸗-
gang nimmt Hänichen die Worte, mit
denen einst die Heiden zu den Spielen ein-—
luden, die man beim Anbruch eines neuen
Jahrhunderts anstellte: „Kommet zu den
Spielen, welche kein Sterblicher jemals ge—
sehen hat, noch sehen wird.“?x) Hänichen
deutet dies geistlich auf die erste Säcularfeier
der Reformation und fährt dann fort: „Heute
—

*) Venite ad ludos, quos mortalium nemo vidit un-
quam, nec visurus erit.

vor hundert Jahren hat der kleine David halten hat und worin er die Kirchenreformation

Luther den höllischen Goliath, den Pabst und
Antichrist zu Rom, welcher dem Zeuge Gottes,
besonders dem theuren Blut und Tod Christi
hohngesprochen, aus Gottes Wort gefällt.
Heute vor hundert Jahren hat er ihn mit
dem Schwert seines Mundes aus Gottes
Wort geschlagen. Heute vor hundert Jah—
ren hat Lutherus in Kraft Gottes den An⸗
fang der Erlösung von der päbstischen Fin—
sterniß und italienischer Knechtschaft ge—
macht, daß wir sagen können: Hodie re—
demtionem fecit Israel! Heute hat er Is⸗
rael erlöset! O des fröhlichen Jahres!
O des seligen Tages! O der freudenreichen
Stunde!“ Hierauf folgt nun die erste Pre—
digt über das Thema: Daß Luthergar
wohl mit Elias zu vergleichen
oder der dritte Elias zu nennen
sei, erstlich nehmlich in Absicht auf seinen
Beruf, den er zur Reformation der Kirche
hatte; in drei folgenden Predigten setzt er die
Vergleichung fort, indem er ferner nach Mal.
4, 6. Elias' und Luthers Person, Amt
und endlich die göttliche Warnung ver⸗
gleicht, ihr Zeugniß nicht zu verachten. Schon
als sich die Lutheraner zu ihrer ersten hundert⸗
jährigen Jubelfeier rüsteten, erschienen mehrere
jesuitische Spottschriften darauf, worin es
u. A. hieß, es werde dies kein „Jubel““,
sondern ein „Kugel-Fest“ werden, indem
man schon damals von papistischer Seite auf
einen baldigen Vertilgungskrieg wider die
Lutheraner hoffte; als aber dennoch die Feier
des Jubiläums allenthalben zu Stande kam,
prophezeihten sie: die Lutheraner würden kei—
nes wieder feiern, „wenn nicht päbstlicher Hei—
ligkeit Erlaubniß zuvor dazu eingeholt und
der Ankündigung vorgesetzt wäre.“ Zwar hat—
ten die Jesuiten nicht schlecht ealenlirt, denn
schon im nächsten Jahre brach bekanntlich der
schreckliche dreißigjährige Krieg aus, während
dessen es allerdings oft schien, als werde das
lutherische Häuflein vom Antichrist und seinen
Helfershelfern nun bald wieder verschlungen
sein;*) allein als im Jahre 1648 endlich
der sogenannte westphälische Friede geschlos-
sen wurde, konnten die Lutheraner wieder mit
ihrem Luther singen:
Strick ist entzwei, und wir sind frei!
Des HErren Name steh uns bei,
Des Gottes Himmels und Erden!

1667, also nun vor zweihundert Jahren,
feierte man hierauf am 31. October das
anderthalbhundertjährige Refor⸗
mationsjubelfest mit großen Frenden, so daß,
wie wir schon bemerkt haben, gerade dieses
Jubiläum die Veranlassung wurde zu immer
allgemeinerer Feier eines alljährlichen
Reformationsfestes. Von weiteren Einzelhei⸗
ten jener Feier vor nun 200 Jahren findet sich
wenig in den uns zugäuglichen Schriften.
Der Wittenbergische Prof. der Theologie und
Probst Johann Meißner hat eine noch
vorhandene Predigt drucken lassen, die er au
diesem Jubelfest über 1 Maccab. 4, 36. ff. ge⸗

*) In diesem Kriege wurde allein das kleine lutherische
Sachsenland um drei Millionen Menschen ärmer

des Judas Maccabäus mit der lutherischen
vergleicht.“) Eine andere Jubelpredigt, die
aus dieser Zeit über Jes. 40, 8. erschienen ist,
hat den Superintendenten Dr. Christoph
Buläus in Dresden zum Verfasser. Ueber
dieselbe finden wir nur, daß Buläus nach
Schluß derselben das „HErr Gott, Dich loben
wir“ habe anstimmen lassen.I)

Am feierlichsten unter allen lutherischen
Jubelfesten ist das zweihundertjährige
im J. 1717 begangen worden. Cyprian's
„Hilaris evangelica,“ die wir bereits erwähnt
haben, belegen dies so reichlich, daß man in
Verlegenheit kommt, wenn man daraus einen
Auszug geben will. Wir erwähnen nur so

viel, daß nicht nur in allen Kürchen und

Capellen zwei und drei Tage
hinter einander Jubelfest-Gottes⸗
dienste, vielfach mit Aufführung großartiger
Kirchenmusiken, abgehalten wurden,
sondern daß damals auch fast alle Univer⸗
sitäten und hateinische Schulen
Jubiläums-⸗Feierlichkeiten mit Reden und Ge⸗

dichten in verschiedenen Sprachen, einstudirten

Gesprächen und selbst dramatischen Darstel⸗
lungen angestellt haben. Auch die Kinder
in den Elementarschulen wurden
zur thätigen Theilnahme an der Feier heran⸗
gezogen, ihnen besondere Kinder-Jubel—
festpredigten gehalten und nach den
gottesdienstlichen Tagen Freudenfeste
bereitet. In Ulm predigte der Pastor Harten—
stein vor den Kindern. Zum Eingange nahm
er 1 Pet. 2, 2. 3. und stellte ihnen auf Grund
von Jes. 66, 10. 11. vor: Die Katechismus⸗
milch der evangelischen Mutterkirche, 1. ihre
zuckersüße Lieblichkeit, 2. ihre unverfälschte
Lauterkeit, und 3. ihre herrliche Nutzbarkeit.
Ein anderer Prediger legte Ps. 8, 1. 2. zu
Grunde. Auch die Armenhäuser mußten
vom Jubelton dieses Festes erfüllt werden.
Ebenfalls in Ulm wurde darin über Matth.
11, 5. und Jes. 61, 1. „Von dem zur Zeit der
Reformation den Armen gebrachten und ver—
kündigten Evangelio“ gepredigt. In vielen
Städten veranstaltete man große Prozessionen
der Bürgerschaft und aller Schulen unter Ge—
sang und Trompeten- und Pauken-Klang. In

Dresden zogen alle Schulkinder bekränzt ans.

An einigen Orten mußten sie eine in Gesprächs⸗
form eingelernte Geschichte des Lebens Luthers

oder der Reformation erst vortragen, worauf

sie dann öffentlich gespeis't und getränkt wur⸗
den. Die Kirchen waren meist mit Blumen
ausgeschmückt und des Abends prunkte an

einigen Orten der Thurm der Hauptkirche,!

hie und da auch die Häuser der Bürger, im

Scheine zahlloser Lichter und sinniger Trans⸗

parents. Unzählige Jubelmünzen kamen zum
Vorschein mit den herrlichsten Emblemen und
zum Theil überaus sinnreichen Inschriften;
größere und kleinere, wohlfeile bleierne und
werthvollere bis zu silbernen und goldenen.

*) Unschuldige Nachrr. 1715. S. 955. Mrißner nennt
das Fest: „Jubilæum dimidii sæeuli eelebratum.“

1) Nova acta hist.-ecel.

Weimar 1768. LVII-

S. 966. ff.

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