Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 7 › Seite 98

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 26. März 1907, Seite 98

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Genugtuung 6 · Geſetz 27 · Kirchenzucht

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98 Der „„TutheraneSSe

Haupte“; und Ps. 69, 6: „Gott, du weißest meine Torheit,
und meine Schulden sind dir nicht verborgen.“ In diesen Psal⸗
men redet der Heilige Geist in der Person Christi und lehrt mit

klaren Worten, daß Christus Sünden habe. Es sind aber dies.

nicht Worte des unschuldigen, sondern des leidenden Christus,
welcher es auf sich genonmen hatte, in der Person aller Sünder
dazustehen, und deshalb der Sünden der ganzen Welt schuldig
geworden war. Als daher das Gesetz kam, sprach es: Jeder
Sünder ist verflucht und muß sterben. Darum wenn du, Christe,
Bürge geworden bist für die Sünder und die Sünden aller Men⸗
schen auf dich genommen hast, so bist du auch verflucht und mußt
sterben; und so greift es ihn an und tötet ihn am Kreuze.
Paulus wendet also ganz recht das allgemeine Gesetz Mosis auf
Christum an: Jeder, der am Holze hängt, ist verflucht bei Gott,
5 Mos. 21, 23. Christus hat am Holze gehangen, also ist er
verflucht bei Gott.

Es sind daher nicht leere Worte bei Paulus: Christus
ward ein Fluch für uns, Gal. 3, 13, und 2 Kor. 5, 21: Gott
hat Christum, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde
gemacht. Denn obgleich diese Aussprüche so ausgelegt werden
könnten: Christus ist ein Fluch geworden, das heißt, ein Opfer
für den Fluch; er ist zur Sünde gemacht, das heißt, ein Opfer
für die Sünden, so ist es doch besser, wenn die eigentliche Bedeu—
tung der Wörter bewahrt wird um des größeren Nachdrucks
willen. Denn wenn ein Sünder in Wahrheit zur Selbsterkennt⸗
nis kommt, so fühlt er nicht allein, daß er ein Sünder und ver—
flucht ist, sondern es scheint ihm auch, als sei er die Sünde und
der Fluch selbst; wie wir auch, wenn wir in besonders starker
Weise ausdrücken wollen, daß jemand ein boshafter Mensch sei,
zu sagen pflegen: Er ist die Bosheit selbst. Denn es ist eine
überaus große Sache, die Sünde, den Zorn Gottes, den Fluch
und den Tod zu tragen. Darum wird der Mensch, der diese
Dinge ernstlich fühlt, wie Christus sie wahrhaftig gefühlt hat
für das ganze menschliche Geschlecht, ganz und gar Sünde, Tod
und Fluch. Da siehst du, was die Irrlehrer tun: sie verdunkeln
die rechte Erkenntnis Christi, unterdrücken die Hauptlehre des
Evangeliums von der Gerechtigteit des Glaubens an Christum,
welche Gerechtigkeit sie ihren Werken beilegen, und nehmen den
süßen, seligen Trost, daß wir durch Christum Vergebung der
Sünden und einen gnädigen Vater haben, ganz und gar hinweg.
Darum laß dich durch das Geschwätz der gottlosen Leute nicht
betrügen, sondern stehe fest darauf: „Christus hat uns erlöset
von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns.“
Denn da nun dies geschehen ist, ist die ganze Welt von allen
Sünden gereinigt und gesühnt, also auch befreit vom Tode und
von allem übel. Wenn das die Welt glaubte, so könnte Gott
in der ganzen Welt nichts anderes mehr sehen als lauter Rein⸗
heit und Gerechtigkeit; und wenn gleich noch etliche Überbleibsel
der Sünde blieben, so würde doch Gott sie nicht sehen vor jener
Sonne, Christus.

Darum ist der Beweisgrund, den Paulus hier handelt,
überaus gewaltig und der höchste von allen wider alle Gerechtig—
keit des Gesetzes. Denn er enthält diesen unüberwindlichen und
unumstößlichen Gegensatz: Wenn die Sünden der ganzen Welt
auf diesem einen Menschen, JEsu Christo, sind, dann sind sie
nicht auf der Welt; wenn sie aber nicht auf ihm sind, so sind sie
noch auf der Welt. Desgleichen, wenn Christus selbst aller Sün⸗
den schuldig geworden ist, welche wir alle begangen haben, dann
sind wir von allen Sünden freigesprochen; aber nicht durch uns,

durch unsere Werke oder Verdienste, sondern durch ihn. Wenn

er aber unschuldig ist und unsere Sünden nicht trägt, so tragen
wir sie und werden in ihnen sterben und verdanunt werden.

Aber Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern

HErrn IJEsum Christum!

Aber nun laßt uns auch sehen, wie in dieser Person, 3
Christo, zwei einander gänzlich entgegengesetzte Dinge zusan
menkommen. Es greifen ihn meine, deine und die vergangenen,
gegenwärtigen und zukünftigen Sünden der ganzen Welt an

und verdammen ihn zum Tode am Kreuze; aber er ist auch
das Leben selbst und die ewige, unüberwindliche Gerechtigkeit.

Darum kämpfen diese beiden miteinander: die höchste, größte, 1

einzige Sünde und die höchste, größte, einzige Gerechtigkeit —
Tod und Leben. Hier muß notwendig eins von beiden weichen
und überwunden werden, da sie mit dem höchsten Ungestüm
widereinander laufen und zusamnmenstoßen. So stürzt sich also
die Sünde der ganzen Welt mit dem höchsten Ungestüm und

Wut auf die Gerechtigkeit. Was geschieht? Die Gerechtigkeit, 3
Christus, ist ewig, unsterblich und unüberwindlich. Die Sünde 4

ist auch ein überaus mächtiger und grausamer Tyrann, der da
herrscht und regiert auf der ganzen Erde und das ganze mensch⸗
liche Geschlecht, alle Gelehrten, Heiligen, Mächtigen, Weisen

und Ungelehrten, aufreibt. Dieser Tyrann läuft wider Chri⸗
stun an und will ihn, wie alle andern Menschen, verschlingen.

Aber er sieht nicht, daß Christus eine Person von unüberwind—
licher und ewiger Gerechtigkeit ist, die das Leben hat in sich
selbst. Darum muß vonnöten die Sünde und der Tod in diesem
Zweikampfe überwunden und getötet werden und die Gerechtig⸗

keit siegen und leben. So wird in Christo alle Sünde insge⸗1

samt und der Tod überwunden, getötet und begraben, und die
Gerechtigkeit bleibt Siegerin und Herrscherin und lebt in Ewig⸗
keit. Von diesem wunderbaren Zweikampfe singt die Kirche
sehr schön:

Tod und Leben haben zugleich

In Christo gestritten wunderlich.

Der Tod das Leben überwand,

Doch behielt das Leben Sieg zu Hand,

Daß nun erwürget liegt der Tod,

Das Leben ewig herrscht in Gott.

Darum ist durch Christum der Tod abgetan in der ganzen
Welt, daß jetzt nur noch ein gemalter Tod ist, welcher, nachdem
er seinen Stachel verloren hat, den an Christum Gläubigen
nicht schaden kann, da dieser des Todes Tod geworden ist, wie
Hosea (Kap. 13, 14) singt: „Aber ich will sie erlösen aus der

Hölle und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; 3

Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein.“ Halleluja. Amen.

Die rechte von Gott gebotene Kirchenzucht.

1.
Daß eine christliche Gemeinde an ihren Gliedern in rechter
Weise Zucht üben, das heißt, daß sie ein Glied, welches in Sünde
fällt und in Gefahr steht, seinen Glauben zu verlieren und also

endlich der Verdammnis anheimzufallen, nicht ruhig seinen ver⸗
derblichen Weg gehen lassen, sondern in herzlicher, erbarmender

Liebe sich seiner annehmen und es auf den rechten Weg zuriick⸗
zubringen suchen soll, daß sie, wenn dies nicht gelingt, einen
solchen öffentlichen und unbußfertigen Sünder endlich von sich

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