Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 11 › Seite 162

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Juni 1909, Seite 162

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Der „Tuthoranes — * 0 ö

nämlich als wir getauft wurden? Allerdings, schon da ist er
reichlich über uns ausgegossen worden durch IEsum Christum,
unsern Heiland, Tit. 3. 6. Die genannten Worte Christi han⸗
deln daher auch gar nicht vom ersten Geben, vom ersten
Schenken und Empfangen des Heiligen Geistes. Er redet hier
ja mit seinen Jüngern, die Gottes Geist bereits empfangen
hatten. Durch diesen Gnadengeist waren sie zum Glauben
gekommen. Die Liebe Gottes war in ihre Herzen ausgegossen
durch den Heiligen Geist. Nur der Wirkung dieses Geistes, der
Licht und Leben schafft, hatten sie es zu danken, daß Christi
Wort in ihrer Seele Wurzel schlug, daß sie ihn selbst als ihren
Gott und SErrn, als ihren Heiland und Seligmacher erkann⸗
ten. Ja, gerade den Seinen, seinen Gläubigen, die aus dem
Geist geboren sind, die des Geistes Erstlingsgaben empfangen
haben, die geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die
Kräfte der zukünftigen Welt, gerade denen sagt der Heiland,
daß sie Gott um Mehrung seines Heiligen Geistes anrufen
sollen. Er meint damit das Bitten aller derer, die schon seine
Jünger und Kinder sind, aber wegen ihres verderbten Fleisches
doch noch viel Böses an sich haben und großen Seelengefahren
ausgesetzt sind. Auch wir sind damit gemeint. Der Heiland
gibt uns zu verstehen, daß es doch nicht einerlei sei, ob unser
Glaube stark oder schwach, unsere Erkenntnis reich oder gering,
unser Eifer im Guten rege oder träge ist; er legt es uns nahe,
woher das kommt, daß unsere Erkenntnis oft noch so gering,
unser Glaube so schwach, unsere Liebe so kalt, unsere Hoffnung
so wankend und unsere übung in guten Werken so lässig ist.
Das kommt nur daher, daß wir uns in unserm Christentum
nur allzu oft mit dem Allerwenigsten begnügen, daß wir Gott
nicht fleißiger und inniger bitten um die Gabe des werten
Heiligen Geistes, daß wir nicht ernstlich genug danach trachten,
immer reicher und völliger zu werden an seinen Gaben und
Kräften, kurz, daß wir die große Pfingstbitte so leicht ver⸗
säumen: SErr, mehre in uns die Gabe deines Heiligen Geistes!

Darum laßt uns Kinder Gottes diesem Willen Christi treulich

nachkommen! So gewiß das Reichwerdenwollen an irdischen
Schätzen ein sündliches Streben ist, so gewiß ist das Reichwer⸗
denwollen an geiftlichen Gütern ein gottgewolltes und gott⸗
wohlgefälliges Trachten, wozu er uns immer und immer wieder
ermahnt. Geben wir dieser liebevollen Ermahnung Raum!
Bitten wir getrost und mit aller Zuversicht um Mehrung des
Heiligen Geistes! Der große Schatz ist da. Christus hat dieses
unvergleichliche Gnadengut durch seinen Hingang zum Vater
teuer erworben; er will uns den Heiligen Geist mit seinen
Gaben gerne schenken, uns mit seinen Gnadenkräften mehr und
mehr erfüllen. Es heißt nur bitten und flehen:

Gott, du hast in deinem Sohn

Mich von Ewigkeit erwählet:

Sende nun von deinem Thron,

Was noch meinem Heile fehlet,

Und gib mir des Geistes Gaben,
Alsdann werd' ich alles haben.

Es liegen aber auch starke Gründe in Christi Worten, daß
wir der Erhörung dieser Bitte gewiß sein können: Mehre
in uns die Gabe deines Heiligen Geistes! Denken wir nur an
das Kindesverhältnis, in dem wir zu Gott stehen. Es ist wohl
zu merken, daß Christus fast überall, wo es sich um die Sendung
des Heiligen Geistes handelt, vom Vater redet. Besonders im
14., 15. und 16. Kapitel des Evangeliums Johannis lesen wir
wiederholt die Worte Christi: „Und ich will den Vater bitten,

—

und er soll euch einen andern Tröster geben. ... Aber der
Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird. ...
Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden
werde vom Vater.“ So heißt es auch hier, daß der Vater im
Himmel den Heiligen Geist geben werde. Wir sollen also Gott
als unsern lieben Vater ansehen und uns als seine lieben Kinder.
Gott ist wirklich durch Christum und sein Werk unser versöhnter
Vater und hat uns um Christi willen als seine begnadigten
Kinder angenommen. Als Kinder aber haben wir ein heiliges
Vorrecht, ihn zu bitten, und als Vater hat er sich hoch und heilig
verpflichtet, für uns zu sorgen. Somit kann Gott unsere Bitte
nicht abweisen um Mehrung des Heiligen Geistes; wir aber
können getrost sagen:

HErr, auf dein Wort soll's sein gewagt,
Du kannst mir's nicht verdenken;

Du hast mir einmal zugesagt,

Den Heil'gen Geist zu schenken.

Aber nicht nur das Kindesverhältnis sichert uns die Er⸗
hörung unserer Bitte, sondern auch die daraus fließende freund⸗
liche Gesinnung, die der Vater gegen uns hat. Christus hobt
mit Nachdruck hervor, mit welch herzlicher Liebe der Vater uns
zugetan sei. Er braucht ein Gleichnis aus dem gewöhnlichen
Leben, um das recht anschaulich zu machen, nämlich die Ge⸗
sinnung irdischer Väter. Obwohl sie arge, sündhafte und ge⸗
brechliche Menschen sind, können sie es doch nicht übers Herz
bringen, ihre bettelnden Kinder zu betrügen, sondern werden
immer wieder bewogen, ihnen gute Gaben zu geben. „Wie
viel mehr“ muß das nun gelten vom Vater im Himmel, der
nicht arg, sondern vollkommen gut ist, von dem alle guten und
alle vollkommenen Gaben herabkommen, Jak. 1, 17. Reicht die
Güte des argen irdischen Vaters schon über das Notwendigste
hinaus, wieviel weiter reicht dann erst die Güte des guten
himmlischen Vaters, daß er nicht etwa nur ein karges Maß,
sondern mit Freuden die ganze Fülle seiner himmlischen Gaben
allen denen gibt, die ihn darum bitten! Und ist ein irdischer
Vater schon so gesinnt, daß er seinen Kindern gern all die Güter
gibt, die zur Erhaltung des zeitlichen Lebens nötig sind, wieviel
lieber wird der Vater im Himmel neben all den vielen Erden⸗
gütern seinen Kindern gerade die höchste und beste Gabe, den
Heiligen Geist, geben, der zur Erhaltung unsers geistlichen
Lebens und zur Erlangung der ewigen Seligkeit unbedingt
er forderlich ist! Wahrlich, diese Bitte um Mehrung der Gaben
des Heiligen Geistes kann nicht ohne Erhörung bleiben! Wer
sein Seelenheil von Herzen sucht, über den läßt Gott Ströme
seiner Liebe und Gnade, seines Friedens und seiner Freude
herniederregnen. Das ist je und je sein brünstiges Begehren,
daß unsere Seele aufs beste versorgt werde, daß wir allewege
wachsen und erstarken an dem inwendigen Menschen, daß wir
keinen Mangel haben an irgendeinem Gut. Darum ist diese
Pfingstbitte: Mehre in uns die Gabe deines Heiligen Geistes!
gewiß bei ihm erhört. Mit freudigem Auftun unsers Mundes
können wir zu diesem Gott und Vater beten:

Kann ein Vater hier im Leben,
Der doch bös ist von Natur,
Seinen lieben Kindern geben
Nichts als gute Gaben nur:
Solltest du denn, der du heißt
Guter Vater, deinen Geist

Mir nicht geben und mich laben
Mit den guten Himmelsgaben?

Doch noch eine wichtige Frage kommt hier herein: Wie
und wodurch geschieht nun die Mitteilung und Mehrung des

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