Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 11 › Seite 164
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Juni 1909, Seite 164
Scan: Internet Archive item DerLutheraner65_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchenregiment · Kirchenregiment 4 · Kirchenregiment · Mitteldinge 6
164
Wer 2.WutberaneE ö
gläubigen Epheser, nachdem sie „das Wort der Wahrheit, das
Evangelium von ihrer Seligkeit“, von ihm gehört und ange—
nommen hatten, nichts Höheres und Besseres zu wünschen und
zu erbitten als dieses: „Der Gott unsers HErrn JEsu Christi,
der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und
der Offenbarung zu seiner selbst Erkenntnis und erleuchtete
Augen eures Verständnisses, daß ihr erkennen möget, welche
da sei die Hoffnung eures Berufs und welcher sei doͤr Reichtum
seines herrlichen Erbes an seinen Heiligen“, Eph. 1, 17. 18.
Ja, das ist das hohe Ziel, wohin der Heilige Geist auch uns
alle gerne bringen will, daß wir die Welt mit all ihren Leiden
und Freuden, mit all ihrem Elend und aller ihrer Herrlichkeit
siegreich überwinden und einst durch Gottes Geist in die Woh⸗
nungen des ewigen Friedens getragen werden. Darum: „Bit⸗
tet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet
an, so wird euch aufgetan“, Luk. 11, 9.
Gott Vater, sende deinen Geist,
Den uns dein Sohn erbitten heißt,
Aus deines Himmels Höhen;
Wir bitten, wie er uns gelehrt,
Laß uns doch ja nicht unerhört
Von deinem Throne gehen!
Ach, HErr und Vater aller Güt',
Hör' unsern Wunsch, geuß ins Gemüt
Uns allen diese Gabe;
Gib deinen Geist, der uns allhier
Regiere und dort für und für
Im ew'gen Leben labe!
O. R. H.
Wie wird die chistliche Kirche regiert?
II.
Wir haben gesehen, daß allein Christus mit seinem
Wort die christliche Kirche regiert und Menschen nur inso⸗
fern an der Regierung der Kirche beteiligt sind, als sie — wie
Luther es ausdrückt — „Gottes Wort treiben, damit Christen
führen und Ketzerei überwinden“. Alles Regieren in der Kirche,
das nicht mit Christi Wort geschieht, sondern die Gewissen an
Menschenwort bindet, ist kirchliche, oder vielmehr unkirchliche
Mißwirtschaft. Luther schreibt: „Ob man gleich (in der Kirche)
auch viel Geschwätzes macht außerhalb Gottes Wort: noch ist
die Kirche in dem Plaudern nicht.“ )
Hier möchte nun jemand einwenden: Daß nur Christus
durch sein Wort in der christlichen Kirche regieren soll, muß
man gelten lassen in bezug auf alle Dinge, die Christus in
seinem Wort selbst geboten und geordnet hat. In den Dingen
sollen. Menschen sich nicht herausnehmen, irgendetwas anderes
bestimmen und ordnen zu wollen. Das hieße Christo ins Regi⸗
ment greifen. Aber nun gibt es in der christlichen Kirche
mancherlei Dinge zu ordnen, über die keine Bestimmung in
der Schrift enthalten ist. Es muß zum Beispiel über die äußere
Form der Gottesdienste, über die Zeit der Gottesdienste, über
Kirchbauplätze, über die Kirchturmspitze und viele ähnliche
Dinge, die wir in der Kirchensprache „Mitteldinge“ nennen,
Bestimmung getroffen werden. Da muß doch regiert wer⸗
den, wenn nicht lauter Verwirrung und Unordnung ent⸗
stehen soll!
Darauf ist zu sagen: Auch in diesen Dingen wird in der
christlichen Kirche nicht regiert. Daß in diesen Dingen
1) St. Louiser Ausg. XII, 1414.
immer wieder das Regieren versucht wird, indem eine Ma⸗
jorität sich die Minorität oder gar eine Minorität sich die Ma—
jorität untertan machen will, davon kommt viel Unglück,
nämlich viel Streit und viel Zertrennung, in der christlichen
Kirche. All die Dinge, die Christus weder geboten noch ver⸗
boten hat, also die sogenannten Mitteldinge, werden in der
christlichen Kirche nicht regierungsweise oder gebotweise, sondern
auf dem Wege des gegenseitigen übereinkommens
(per mutuum consensum) geordnet. Matth. 23, 8: „Einer
ist euer Meister, Christus“ muß in der christlichen Kirche durch—
aus in Geltung bleiben. Auch in Mitteldingen darf sich ein
Christ von Menschen nichts gebieten lassen und so die Frei⸗
heit weggeben, die Christus ihm durch sein Blut erworben und
mit der Rechtfertigung geschenkt hat. Luther drückt dies so aus:
„Weder der Papst, noch ein Bischof, noch irgendein Mensch hat
Gewalt, eine Silbe über einen Christenmenschen anzuordnen,
es geschehe denn mit seinem Willen.“ ?) Aber was so kein Christ
von andern leiden kann und darf, das fordert er auch nicht von
den andern, das heißt, er, seinerseits, will auch andern in den
Dingen, die Christus frei gelassen hat, nicht gebieten. Christus
sagt nicht nur: „Einer ist euer Meister, Christus“, sondern setzt
auch noch hinzu: „Ihr aber seid alle Brüder.“ Die Christen
kommen nicht als Herren und Untertanen, als Regierer und
Regierte, sondern als gleichstehende Brüder zusammen und be—
raten, wie sie wohl die Dinge, die Christus nicht geboten hat,
ihren Verhältnissen gemäß am besten ordnen. Kommen sie
alle zu derselben Ansicht, so ist die Sache geordnet. Kommen
sie nicht zu derselben Ansicht, so ist die Sache auch geordnet,
weil kein Teil dem andern gebieten, sondern jeder Teil dem
andern in der Liebe untertan sein will. Die Minorität gibt
willig der Majorität nach, und die Majorität ist durchaus
willig, der Minorität nachzugeben, nach dem Wort der Schrift:
„Allesamt seid untereinander untertan“, 1 Petr. 5, 5.
Die Christen sind wunderbare Leute. Zweierlei haben
sie an sich: sie sind sowohl die unnachgiebigsten als auch die
nachgiebigsten Leute in der Welt. Ganz unnachgiebig sind sie
in all den Dingen, die Gottes Wort gebietet. Davon lafsen
sie nichts nach. Sie können und sollen freilich mit den
Schwachen, die noch nicht in allen Stücken zur vollen Erkennt⸗
nis gekommen sind, Geduld haben. Aber sie lassen von Gottes
Wort nichts nach, sie lassen die göttliche Regel und Richtschnur
nicht krumm machen, sondern bestehen darauf, daß Gottes Wort
voll und ganz in Geltung bleibe, alles richte und von niemand
gerichtet werde. Die nachgiebigsten Leute aber sind die Christen
in all den Dingen, die Christus nicht geboten, sondern der Frei⸗
heit und Weisheit der Christen überlassen hat. Da sind sie
stets zum Nachgeben bereit. Da beraten sie, wie bereits erin—
nert, mit ihren Brüdern als Brüder. Sie tun Fleiß, zu er⸗
kennen, welche Einrichtungen wohl die passendsten für ihre Ver⸗
hältnisse seien und am besten dem Lauf des Wortes Gottes
dienen. Sollten sie aber in bezug auf diese Dinge nicht einig
werden, so nehmen sie die Gelegenheit wahr, ihre Christen-
art zu zeigen: kein Teil will über den andern Teil herr—
schen, sondern es entsteht aus dieser Veranlassung unter ihnen
ein wahrer Wetteifer darin, daß jeder Teil dem andern
nachgeben und in Liebe untertan sein will. Luther
drückt dies so aus: Unter den Christen „begehrt keiner des
2) XIX, 68.
English translation
Not yet translated.