Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 52
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-26, Seite 52
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
52
gründlicher Beurtheilung hinsichtlich der Abweichungen von der reinen Lehre zu versehen.
Bei der Abfassung der Augsburger Confession möchten wir nicht so wohl den besonnenen, systematisch ordnenden Geist Melanchthons hervorheben, als die Treue, mit welcher er darin von den nöthigsten Lehrartikeln Zeugniß abgelegt hat und zwar unter Beihülfe seiner theologischen Freunde und besonders Luthers, der bekanntlich in den 17 Schwabacher Artikeln die Grundlage zur Augsburg. Confession geliefert hat.
Wie wir nur mit Freuden die großen Verdienste des theuern Melanchthons bei der Abfassung der Augsburger Confession anerkennen, so müssen wir darüber auch unser tiefstes Bedauern aussprechen, daß diesem Ruhme durch die Veränderungen großer Abbruch geschehen ist, welche Melanchthon schon zehn Jahre später in einigen Artikeln und namentlich in dem vom heiligen Abendmahle höchst eigenmächtig vornahm und zwar zum großen Schaden der reinen Lehre; freilich war dieß nicht seine Absicht, vielmehr wollte er dadurch die streitenden Partheien einander näher bringen und den Widerwillen der Reformirten gegen die luth. Lehre beseitigen helfen; daß aber diese veränderte Augsburger Confession keinen einzigen Reformirten zur Annahme der luth. Lehre, leider aber viele Lutheraner zur Annahme der reformirten Lehre gebracht und lange Zeit unsäglichen Unfrieden angerichtet hat, indem viele Pseudo Lutheraner unter dieser Flagge segelten und mit dem guten Namen Augsburger Confession viele täuschten, daß endlich den Lutheranern, weil es dann zwei Confessionen gab, nemlich die unveränderte und die veränderte, namentlich von päpstlicher Seite vorgeworfen wurde, sie wüßten selbst nicht mehr, welches die rechte Augsburger Confession sei —, das Alles hat der „friedliebende besonnene" Melanchthon wohl nicht geahnt, sonst würde er gewiß diesen bedaurungswürdigen Schritt nicht gethan haben.
Bei einer gelegentlichen Vergleichung der exegetischen Leistungen Luthers mit denen Calvins, wird von dem erstern gesagt: „Er thut die tiefsten Blicke in das Herz der Bibel und trifft gleichsam instinctmäßig (?!) gewöhnlich den rechten Sinn, aber er bekümmert sich nicht um eine grammatische Argumentation oder logische Entwickelung und bleibt nie bei der Stange, er macht den Text bloß zum Ausgangspunkt, um seine eigenen Gedanken, wie sie ihm gerade dabei einfallen, hinzustreuen." Von Calvin hingegen heißt es im Gegensatze gegen Luther: „Er beobachtet die strengste Ordnung und Zucht, er folgt dem heiligen Schriftsteller Schritt für Schritt, wohin er ihn führt, enthält sich ungehöriger Bemerkungen, weitschweifiger Episoden und fern hergeholter Anspielungen und Ausfälle" (wie man dieß Alles wahrscheinlich an Luthers exegetischen Werken zu tadeln findet.) „Er verbindet mit einer reichen theologischen Gedankentiefe auch stets grammatische Schärfe und logische Argumentation." Wir wollen nicht weiter auf die Einzelheiten dieser Beurtheilung oder vielmehr Verurtheilung eingehen, die sich nur aus einem gewissen Widerwillen gegen ihn erklären läßt, wir sind auch nicht gesonnen, auf einen Tausch zwischen Calvins und Luthers exegetischen Schriften einzugehen, doch können wir nicht umhin, dagegen wenigstens ein Zeugniß und zwar Melanchthons anzuführen, das er in der Vorrede zum dritten lateinischen Theile der Werke Luthers im Jahre 1549 abgelegt hat. Er sagt darin: „Es ist gut, daß wir Lutheri Auslegebücher haben, weil sie nicht nur die prophetischen und apostolischen Bücher erklären, sondern auch sein Bekenntniß von der ganzen Lehre der Kirche in sich fassen; denn was er für ein geschickter Ausleger gewesen, können die Klugen leicht ermessen, sonderlich wenn sie andere Auslegungen dagegen halten. Ich erinnere mich, daß Erasmus von Rotterdam habe zu sagen pflegen: Es sei kein geschickterer und besserer Ausleger unter allen, deren Schriften wir nach den Aposteln haben; und ich habe selbst auch gelehrte und ansehnliche Männer, die die Lehre der Kirche wohlverstanden, dergleichen von Luthero sagen hören: und es wird es ein jeder klar sehen, der beim Lesen nur Vernunft, Aufmerksamkeit und Redlichkeit gebraucht. — Er verstand gut hebräisch und griechisch und konnte die Redensarten trefflich entwickeln. — Er nahm aus der rechten Bedeutung der Rede einen einigen und gewissen Verstand und brachte nicht fremde Arten des Verstandes dazu. — Er hat also in der Auslegung wichtige Dinge als ein weiser und erfahrener Kirchenregent und Nachfolger der Propheten und Apostel, nicht aber als einer, der nicht wisse, was im gemeinen Leben ublich sei und vorfalle, abgehandelt und die Veranlassung der prophetischen Auslegungen betrachtet. Er siehet, auf welchen Endzweck sie zu richten und zu welchen Hauptstücken der Lehre alle einzelne Stücke zu bringen, was zum Gesetz und was zum Evangelio gehöret, was von der Kirche und was von Weltweisen geredet sei."
Das Vorstehende wird den Lesern hinreichenden Stoff darbieten, um selbst zu beurtheilen, ob und wie der „Kirchenfreund" durch jenen Aufsatz seine Absicht erreicht hat, „der so häufigen Engherzigkeit im Urtheil und einseitigen Ueberschätzung Eines Mannes auf Kosten des andern entgegen zu wirken"; wir unsererseits müssen diesen Vorwurf, der offenbar uns Lutheraner treffen soll, gegen den „Kirchenfreund" im Bezug auf Melanchthon erheben; denn obgleich darin in manchen Beziehungen viel Rühmens von Luther gemacht wird, so ist dieß doch offenbar nur eine Lockspeise für unkundige Leser, sie desto sicherer in die künstlich aufgestellten Netze des darauffolgenden Tadels zubringen, damit sie denselben in allen Stücken für eben so gerecht als das vorhergehende Lob halten und namentlich im Vergleich mit Melanchthon denken sollen: Luther hätte doch im Ganzen wenig ausgerichtet, wenn nicht Melanchthon das Beste bei der Sache gethan und überall fortgeholfen hätte. Daß dem aber nicht also gewesen sei, haben wir bereits an den drei ersten Vergleichungspunkten gesehen und wir werden es noch deutlicher bei dem vierten sehen, wovon im nächsten Abschnitt die Rede sein soll.
(Schluß folgt.)
Von alten und neuen Melodieen.
Die Leser werden wohl schon meist etwas davon gehört haben, daß in neuerer Zeit in mehreren lutherischen Kirchen eine ganz andere Weise die Lieder zu singen, die man gewöhnlich den rhythmischen Gesang nennt, eingeführt worden ist. Sowohl in Deutschland wie in Amerika sind viele gegen diese Weise, welche man eine neue nennt, und die doch gerade die alte ist, eingenommen; die meisten wohl deßwegen, weil sie die Sache nicht kennen. Da es nun aber unsere innigste Ueberzeugung ist, daß, wenn der alte rhythmische Gesang wieder allgemein eingeführt würde, dadurch der Privat- und öffentliche Gottesdienst nicht wenig gefördert werden würde, so können wir nicht umhin, diese Angelegenheit noch einmal in unserem Blatte zur Sprache zu bringen und sie der Ueberlegung der Leser, insonderheit der Pastoren und Cantoren, anheim zu geben. Zu diesem Zwecke theilen wir daher hierdurch einen Aufsatz mit, der sich unter obigem Titel im Jahrgang 1847 des Nördlinger, gegenwärtig von Pfarrer Leydel herausgegebenen Sonntagsblatts befindet. Möge dieser schöne Aufsatz hier, wo sich etwas Neues ungleich leichter einführen läßt, als in Deutschland, seinen Zweck besser erreichen, als dort. Der Aufsatz lautet, nach einer allein Deutschland betreffenden Einleitung, wie folgt:
Die erste Frage ist: Ists nöthig, ists der Mühe werth, die gegenwärtige Weise des Choralgesanges mit einer andern, mit der älteren, ursprünglichen zu vertauschen? — Darüber, glaub ich, werden wir bald eins werden. Es ist mit den Melodieen, wie mit den Liedern. Wer die alten und die neuen Lieder mit einander verglichen hat, der wird gar bald sagen: „Die alten sind schöner und besser." Gerade so ists mit den Melodieen. Jammers genug, daß wir die kräftigsten und schönsten unter den alten Melodieen, z. B. „Wir glauben all' an Einen Gott ꝛc.", „Vater unser im Himmelreich ꝛc.", „Christ lag in Todesbanden ꝛc." gar nicht mehr können, sondern höchstens nur noch dem Namen nach kennen. Wer aber die alten und neuen Melodieen neben einander hat singen hören, wer sie selber gesungen hat, der wird gewiß den alten vor den neuen den Vorzug geben. Ich kann nun freilich hier auf dem Papier nicht vorsingen, aber sagen will ich doch, was sich über die Sache sagen läßt.
Ich frage zuerst: Was ist schöner und besser, ein Kunstwerk, wie es der Meister ursprünglich schuf, oder wie es unverständige Stümper, Pfuscher und Kleckser verhunzt haben? In andern Fächern gibt man unbedenklich den Meistern vor den Pfuschern den Vorzug. Man reinigt z. B. alte Meisterwerke der Baukunst wieder von den Schnörkeln und Schmierereien, womit man sie in späteren, geschmacklosen Zeiten verunstaltet hat; man sieht endlich ein, daß man in älterer Zeit namentlich das Kirchenbauen besser verstand, als in neuerer Zeit, und baut jetzt wieder Kirchen nach den alten Mustern. Man darf auch nur so eine alte ehrwürdige Kirche und so ein neumodisches Haus, das sie Kirche nennen, das man aber gerade sogut zu einem Theater, zu einem Tanzsaal, zu einer Reitschule, zu einer Schranne
English translation AI translation
52
thorough judgment concerning deviations from the pure doctrine.
In the composition of the Augsburg Confession we would not so much emphasize the prudent, systematically ordering mind of Melanchthon as the fidelity with which he therein bore witness to the most necessary articles of doctrine, and indeed with the assistance of his theological friends and especially of Luther, who, as is well known, furnished in the 17 Schwabach Articles the foundation of the Augsburg Confession.
As we acknowledge with joy the great services of the dear Melanchthon in the composition of the Augsburg Confession, so we must also express our deepest regret that this renown has suffered great injury through the alterations which Melanchthon, only ten years later, most arbitrarily made in some articles, and especially in that on the Holy Supper, and indeed to the great harm of the pure doctrine; to be sure, this was not his intention; rather he wished thereby to bring the contending parties nearer to one another and to help remove the aversion of the Reformed toward the Lutheran doctrine; but that this altered Augsburg Confession did not bring a single Reformed person to the acceptance of the Lutheran doctrine, but, alas, many Lutherans to the acceptance of the Reformed doctrine, and for a long time caused unspeakable discord, in that many pseudo-Lutherans sailed under this flag and deceived many with the good name Augsburg Confession; that finally, since there were then two Confessions, namely the unaltered and the altered, it was objected against the Lutherans, especially from the papal side, that they themselves no longer knew which was the right Augsburg Confession —, all this the "peace-loving, prudent" Melanchthon surely did not foresee; otherwise he would certainly not have taken this lamentable step.
In an occasional comparison of the exegetical achievements of Luther with those of Calvin, it is said of the former: "He takes the deepest glances into the heart of the Bible and, as it were by instinct (?!), commonly hits the right sense, but he troubles himself not about grammatical argumentation or logical development, and never keeps to the point; he makes the text merely a starting-point from which to scatter about his own thoughts, as they happen to occur to him." Of Calvin, on the other hand, it is said in contrast to Luther: "He observes the strictest order and discipline, follows the holy writer step by step, whithersoever he leads him, refrains from unseemly remarks, digressive episodes, and far-fetched allusions and sallies" (as one probably finds fault with all this in Luther's exegetical works.) "He joins with a rich theological depth of thought always also grammatical acuteness and logical argumentation." We will not go further into the particulars of this judgment, or rather condemnation, which can be explained only from a certain aversion toward him; we are also not inclined to enter upon an exchange between Calvin's and Luther's exegetical writings; yet we cannot refrain from citing against it at least one testimony, and that Melanchthon's, which he gave in the preface to the third Latin volume of Luther's works in the year 1549. He says therein: "It is good that we have Lutheri Auslegebücher, because they not only explain the prophetic and apostolic books, but also comprise his confession of the whole doctrine of the Church; for what a skilful expositor he was, the wise can easily gauge, especially when they hold other expositions beside it. I remember that Erasmus of Rotterdam used to say: There is no more skilful and better expositor among all whose writings we have after the Apostles; and I myself have heard learned and eminent men, who well understood the doctrine of the Church, say the like of Luther: and everyone will see it clearly who uses in reading only reason, attention, and honesty. — He understood Hebrew and Greek well, and could excellently develop the idioms. — He took from the right meaning of the discourse one single and certain sense, and brought no foreign kinds of sense to it. — He has therefore treated important matters in his exposition as a wise and experienced governor of the Church and successor of the Prophets and Apostles, and not as one who did not know what is usual and occurs in common life, and has considered the occasion of the prophetic utterances. He sees to what end they are to be directed and to which chief points of the doctrine all the single parts are to be brought, what belongs to the Law and what to the Gospel, what is spoken of the Church and what of worldly wise men."
What precedes will offer the readers sufficient material to judge for themselves whether and how the "Kirchenfreund" has attained its purpose by that article, "to counteract the so frequent narrow-heartedness in judgment and one-sided overestimation of one man at the expense of the other"; we on our part must raise this reproach, which is obviously meant to strike us Lutherans, against the "Kirchenfreund" with regard to Melanchthon; for although in some respects much praise of Luther is made therein, this is yet obviously only a bait for unsuspecting readers, to bring them the more surely into the artfully set nets of the censure that follows, so that they may hold the latter in all points to be as just as the preceding praise, and especially, in comparison with Melanchthon, may think: Luther would after all have accomplished little on the whole, if Melanchthon had not done the best in the matter and helped on everywhere. That this was not so, we have already seen in the first three points of comparison, and we shall see it still more clearly in the fourth, of which mention shall be made in the next section.
(To be concluded.)
Of Old and New Melodies.
The readers will probably for the most part have already heard something of the fact that in recent times in several Lutheran churches an entirely different manner of singing the hymns, which is commonly called rhythmic singing, has been introduced. Both in Germany and in America many are prejudiced against this manner, which is called a new one and which yet is precisely the old; the most of them, I suppose, for this reason, that they do not know the matter. But since it is our inmost conviction that, if the old rhythmic singing were again generally introduced, private and public worship would thereby be not a little furthered, we cannot refrain from bringing this matter once more to mention in our paper and from commending it to the consideration of the readers, especially of the pastors and cantors. To this end we hereby communicate an article which is found under the above title in the volume for 1847 of the Nördlinger Sonntagsblatt, now edited by Pastor Leydel. May this excellent article here, where something new can be introduced far more easily than in Germany, attain its purpose better than there. The article runs, after an introduction concerning Germany alone, as follows:
The first question is: Is it necessary, is it worth the trouble, to exchange the present manner of chorale singing for another, for the older, original one? — On that, I believe, we shall soon be agreed. It is with the melodies as with the hymns. He who has compared the old hymns and the new with one another will very soon say: "The old are more beautiful and better." Just so it is with the melodies. It is a pity enough that we can no longer sing the most powerful and most beautiful among the old melodies, e.g., "Wir glauben all' an Einen Gott, etc.," "Vater unser im Himmelreich, etc.," "Christ lag in Todesbanden, etc.," but at the most know them only by name. But he who has heard the old and new melodies sung side by side, who has sung them himself, will certainly give the preference to the old over the new. I cannot, to be sure, sing it over here on paper, but I will say what can be said about the matter.
I ask first: What is more beautiful and better, a work of art as the master originally made it, or as unskilled bunglers, botchers, and daubers have spoiled it? In other fields one gives without hesitation the preference to the masters over the botchers. One cleans, for example, old masterpieces of architecture again of the flourishes and daubings with which they were disfigured in later, tasteless times; one finally perceives that in earlier times church-building especially was better understood than in recent times, and now builds churches again after the old patterns. One need only compare such an old venerable church and such a newfangled house which they call a church, but which one could just as well use for a theater, for a dance hall, for a riding school, for a grain market