Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 53

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-26, Seite 53

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oder zu irgend etwas Anderem gebrauchen könnte, mit einander vergleichen, so wird man bald sehen, was schöner ist, das Alte oder das Neue, wer das Kirchenbauen besser verstand, die Alten oder die Jungen. Eine ähnliche Bewandtniß hat es mit den alten und neuen Melodieen. Die alten Melodieen rühren aus einer Zeit und von Männern her, die von religiösem und kirchlichem Geist durchdrungen, getragen und getrieben waren; die neumodischen, verhunzten, sind fabrizirt von Leuten, die gar kein oder nur ein schwächliches, krankhaftes kirchliches Leben hatten, die mehr in der weltlichen als in der kirchlichen Musik zu Hause waren und lebten: welche Melodieen werden und müssen nun besser seyn, die alten oder die neuen? Ich will aber dem Leser nun auch zeigen, soviel das hier möglich ist, wodurch man die guten alten Melodieen verdorben hat.

Erstlich dadurch, daß man allerlei Schnörkel hineingemacht hat, die eigentlich nicht hineingehören. Da singt man jetzt häufig zwei Noten auf eine Sylbe, wo der Verfasser (oder Komponist) der Melodie nur eine hingeschrieben hat. Z. B. auf die Worte: „Liebster Jesu, wir sind hier“ sollen sieben Noten kommen, auf jede Sylbe eine Note; man singt aber jetzt gewöhnlich elf anstatt sieben darauf. Ferner in: „Wie schön leucht't uns der Morgenstern“ sollen auf die acht Sylben acht Noten gesungen werden; jetzt singt man meistens zehn oder elf darauf. Wozu das? ist das schön? Es lautet dieses Singen gerade so, als ob man, anstatt wie es dasteht, lesen wollte; „Lie — ib — ster Je — su — u wi — ir si — ind hier,“ oder: „Wie schö — ön leu — eucht't uns der Mor — ge — en — stern.“ Wer würde das beim Lesen nicht für eine unerträgliche Narrheit halten? Beim Singen aber soll auf einmal schön und gut seyn, was beim Lesen zum Davonlaufen lautet.

Ferner singt man jetzt gewöhnlich eine Note so lang wie die andere. Das war ursprünglich durchaus nicht bei allen Melodieen der Fall. Vielmehr, wie man beim Sprechen nicht alle Sylben gleich lang spricht, sondern die eine länger, die andere kürzer: so ists auch in vielen Melodieen, sie haben häufig längere und kürzere Noten, die unter einander abwechseln. Da haben sie aber nach und nach alle Noten gleich lang gemacht. Ich will versuchen, dem Leser zu zeigen, wie miserabel das lautet, wie man damit den Melodieen alle Frische, alles Leben und alle Bewegung genommen, sie lahm und langweilig gemacht hat. Wenn ich z. B. das Lied lese: „Allein Gott in der Höh' sey Ehr,“ so merke ich bald, daß ich nicht eine Sylbe mit so großem Nachdruck spreche, wie die andere, nicht auf einer mich so lang aufhalte als auf der andern, sondern man liest so; „Allein Gott in der Höh' sey Ehr“ u. s. w. Der Strich über den Sylben zeigt allemal die Sylbe an, auf die mehr Nachdruck kommt, auf denen man länger verweilt, als auf den andern. So hat man früher auch gesungen, und so will man jetzt wieder singen, also die Noten auf den Sylben „— lein, — in, — Höh, — Ehr“ länger halten, als die auf den andern. (Das ungefähr hat sich der Leser zu denken, wenn er von rhythmischen Gesang hört.) Statt dessen hat man aber bisher alle Noten auf allen Sylben gleich lang gesungen.

Du kannst dir einen Begriff machen, wie abscheulich das ist, wenn du diese Zeile, anstatt sie so zu lesen, wie sie jeder vernünftige Mensch, der ordentlich lesen kann, von selber liest, so liesest, wie sie ein Kind liest, das noch nicht fertig lesen kann, also alle halbe Stunden eine Sylbe; oder wenn du diese Worte liesest nach dem Pendelschlag einer großen Wanduhr oder auch nach den Glockenschlägen der Thurmuhr, auf jeden Schlag eine Sylbe. Es ist nicht zum Aushalten; gerade so lautet aber diese Singerei, wenn man die Noten, die kurz seyn sollen, auch so lang singt, wie die langen. Sie haben gesagt, das wäre feierlich, würdevoll; ja, wenn Feierlichkeit und Lahmheit und Langweiligkeit einerlei wäre. Dieweil aber das nicht so ist, so ists auch mit dieser neumodischen lahmen und langweiligen Singerei nichts. Denk nur an die weltlichen Lieder, die du in deinen jungen Jahren oft mit deinen Kameraden gesungen hast. Habt ihr denn da auch so lahm und langweilig gesungen? Gewiß nicht! Man singt kein weltliches Lied so; aber nur in der Kirche soll auf einmal schön und würdig seyn, was sonst alle Welt für miserabel hält. Wenn irgend etwas feierlich gesprochen werden soll, so sind es die Einsetzungsworte und das Vater Unser, der Segen, oder der Text, den der Pfarrer vor seiner Predigt verliest. Ich möchte aber wissen, was du dazu sagen würdest, wenn dein Pfarrer das Alles so lesen würde, wie man bisher gesungen hat, also: „Va — ter un — ser der du bist im Him — mel“ u. s. w., eine Sylbe so langsam wie die andere. Du würdest meinen, dein Pfarrer sey nicht recht gescheid, oder der Schlag habe ihm die Zunge gelähmt. Um kein Haar anders ists aber beim Singen.

Weiter machen sie jetzt beim Singen keinen Unterschied zwischen freudigen und traurigen Melodieen, zwischen einem Dank- und Bußlied, zwischen einem Oster- und Charfreitagslied, singen Alles in derselben langsamen und langweiligen Weise nach einander fort. Wie unsinnig! Das Freudige will schneller, das Ernste und Traurige will langsamer gesungen seyn; die Melodie: „Lobet den HErren, den mächtigen König der Ehren“ muß schneller gehen, als die: „O Traurigkeit, o Herzeleid.“ Im allgemeinen singt man jetzt eher zu langsam, als zu schnell; an den allermeisten Orten ist der Gesang außerordentlich schleppend, zum Einschlafen, geht wie ein Leichen- oder wie ein (mit Verlaub!) Mistwagen. Zu schnell taugt natürlich auch nichts. Hier muß das richtige Gefühl das Rechte treffen lehren.

Endlich haben sie zwischen die einzelnen Strophen der Melodie so etwas hineingeflickt, was gar nicht hineingehört, und was sie Zwischenspiel geheißen haben. Nemlich wenn die Gemeinde gesungen hat: „Allein Gott in der Höh' sey Ehr“, so spielt der auf der Orgelbank so etwas dazwischen hinein, wie's ihm gerade in den Kopf und in die Finger kommt, was in der Regel kein Mensch in der Kirche versteht; dann erst gehts wieder weiter: „und Dank für seine Gnade,“ und so während des ganzen Gesanges. Wenn da der auf dem Orgelbänklein sein sogenanntes Zwischenspiel anfängt, so wollt ich doch allemal, daß der Orgel der Wind ausginge, und daß keine Pfeife einen Ton von sich gäbe. Sag mir doch nur, wozu das Ding gut sein soll? Erbauts dich? Gewiß nicht, eher das Gegentheil; Hilfts dir dazu, daß du die nächste Strophe besser singen kannst? Auch nicht! Kannst du die Melodie, so brauchst du kein Zwischenspiel; das siehst du, wenn ohne Orgel, und also auch ohne Zwischenspiel, gesungen wird, wo es dann, wenn das Lied eine bekannte Melodie hat, gerade so gut geht, als mit Orgel und Zwischenspiel. Kannst du die Melodie nicht, so hilft dich das Zwischenspiel auch nichts; das kannst du merken, wenn ein Lied nach einer unbekannten Melodie gesungen wird. Da mag der auf der Orgel zwischenspielern wie und wie lang er will, es hilft dich Alles nichts, du weißt doch nicht, wie du die nächste Strophe der dir unbekannten Melodie anfangen, und, was die Hauptsache ist, fortsingen sollst, du wartest hübsch, bis man auf der Orgel anfängt, die folgende Strophe zu spielen und zu singen, dann singst du sie ganz bescheiden nach, erst verzagt und unsicher, dann je öfter desto besser und sicherer, bis du es ganz sicher und ohne Orgel und Zwischenspiel kannst. Das hättest du aber ohne Zwischenspiel auch gelernt, und noch leichter, als mit dem Zwischenspiel; daß du nach oftmaligem Singen endlich die Melodie kannst, verdankst du wahrlich nicht dem Zwischenspiel, sondern der Uebung, dieser vortrefflichen Lehrmeisterin. Darum hinweg mit diesen wunderlichen Zwischenspielen; sie zerreißen und verunstalten den Choral nur. Sie nehmen sich im besten Falle aus, als wenn man etwa also durcheinander beten würde: „Vater unser“ — „Gott will uns damit locken“ — „der du bist im Himmel“ — „daß wir glauben sollen, er sey unser rechter Vater“ — „Geheiliget“ — „Gottes Name ist zwar an ihm selbst heilig“ — „werde dein Name“ — „aber wir bitten in diesem Gebet ꝛc.“ Gewöhnlich aber sind sie so unkirchlich und weltlich, so nichtssagend und leer, daß sie sich etwa so ausnehmen: „Vater unser“ — „wir winden dir den Jungfernkranz“ — „der du bist im Himmel“ - „Heisa, heisa, hopsasa“ꝛc. Das begreifen auch alle vernünftigen, christlich und kirchlich gesinnten Organisten und Cantoren, und lassen gern diese wunderlichen Einschiebsel aus dem Choral weg. Den einfältigen, eiteln Menschen unter den Cantoren und Organisten aber, die bei den Zwischenspielen nur ihre große Kunst zeigen wollen, und nicht davon lassen mögen, weil es halt einmal so Mode ist, und weil sie ihre Zwischenspiele schon so und so lange heruntergeleiert haben: denen sollten die Pfarrer den Daumen aufs Aug drücken, und es ihnen befehlen, daß sie mit ihrem dummen Zeug nicht länger die Kirche schänden, den Choral verstümmeln, und die Gemeinde ärgern anstatt erbauen sollen. Ueberhaupt sollte man so manchen dieser Herren (um dieß im Vorbeigehen zu sagen) die Flügel ein wenig beschneiden, daß sie mit ihren Vor- und Nachspielen, so wie mit ihren Kirchenmusiken, nicht einen Tanzsaal, ein Comödienhaus, einen Concertsaal oder einen Paradeplatz machen.

Ich meine, du wirst nun begreifen, daß unser Choralgesang nicht so bleiben darf, wie er ist, wenn die Leute nicht vollends alle Lust und Liebe dazu verlieren sollen, die sie schon beinahe ganz verloren zu haben scheinen, weil sie meistens nicht zum Singen, sondern erst unter dem

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or could use for anything else, and compare them with one another, one will soon see which is more beautiful, the old or the new, and who understood church-building better, the old builders or the young. The case is similar with the old and the new melodies. The old melodies spring from a time, and from men, who were filled, borne, and driven by a religious and churchly spirit; the newfangled, botched ones are manufactured by people who had no churchly life at all, or only a feeble, sickly one, who were more at home and more at ease in worldly than in churchly music: which melodies, then, will and must be the better, the old or the new? But I will now also show the reader, so far as is possible here, how the good old melodies have been ruined.

First, by this, that all sorts of flourishes have been worked into them which really do not belong in them. One now often sings two notes to one syllable, where the author (or composer) of the melody wrote down only one. For example, to the words, "Liebster Jesu, wir sind hier," seven notes are to come, one note to each syllable; but now one commonly sings eleven instead of seven to it. Again, in "Wie schön leucht't uns der Morgenstern," eight notes are to be sung to the eight syllables; now one mostly sings ten or eleven to it. To what purpose? Is that beautiful? This singing sounds exactly as if, instead of reading it as it stands, one wished to read: "Lie — ib — ster Je — su — u wi — ir si — ind hier," or: "Wie schö — ön leu — eucht't uns der Mor — ge — en — stern." Who would not hold that, in reading, to be an intolerable folly? But in singing, what in reading sounds enough to make one run away is suddenly to be beautiful and good.

Further, one now commonly sings one note as long as another. Originally that was by no means the case in all melodies. Rather, as in speaking one does not pronounce all syllables equally long, but one longer, another shorter: so it is also in many melodies; they often have longer and shorter notes alternating with one another. But little by little they have made all the notes equally long. I will try to show the reader how wretched that sounds, how by it all freshness, all life, and all movement have been taken from the melodies, and they have been made lame and tedious. When I read, for example, the hymn: "Allein Gott in der Höh' sey Ehr," I soon perceive that I do not pronounce one syllable with as much emphasis as the other, nor linger as long on one as on another, but one reads thus: "Allein Gott in der Höh' sey Ehr," etc. The stroke over the syllables always marks the syllable on which more emphasis falls, and on which one dwells longer than on the others. So people used to sing also, and so they now wish to sing again, that is, to hold the notes on the syllables "— lein, — in, — Höh, — Ehr" longer than those on the others. (This is roughly what the reader is to have in mind when he hears of rhythmical singing.) Instead of this, however, people have hitherto sung all the notes on all the syllables equally long.

You can form an idea how abominable that is, if, instead of reading this line as every sensible person who can read properly reads it of himself, you read it as a child reads who cannot yet read fluently, that is, a syllable every half hour; or if you read these words by the swing of the pendulum of a great wall clock, or by the strokes of the bells of the tower clock, a syllable to each stroke. It is not to be endured; and just so does this singing sound when the notes that should be short are sung as long as the long ones. They have said that this was solemn and dignified; yes, if solemnity and lameness and tediousness were all one. But since that is not so, there is nothing to this newfangled lame and tedious singing either. Think only of the worldly songs which you often sang in your young years with your comrades. Did you sing so lamely and tediously then? Certainly not! No worldly song is sung so; but only in church is that suddenly to be beautiful and dignified which all the world otherwise holds to be wretched. If anything is to be spoken solemnly, it is the words of institution and the Lord's Prayer, the benediction, or the text which the pastor reads before his sermon. But I should like to know what you would say to it, if your pastor were to read all that as people have hitherto sung, thus: "Our Fa — ther who art in Hea — ven," etc., one syllable as slow as another. You would think your pastor was not quite right in his wits, or that a stroke had paralyzed his tongue. It is not a hair's breadth different in singing.

Further, in singing they now make no distinction between joyful and sorrowful melodies, between a hymn of thanksgiving and a hymn of penitence, between an Easter hymn and a Good Friday hymn; they sing everything one after another in the same slow and tedious manner. How senseless! What is joyful wants to be sung faster, what is solemn and sorrowful wants to be sung more slowly; the melody "Lobet den HErren, den mächtigen König der Ehren" must go faster than that of "O Traurigkeit, o Herzeleid." In general one now sings rather too slowly than too fast; in the great majority of places the singing is extraordinarily dragging, enough to put one to sleep, and goes like a hearse or like a (begging your pardon!) dung-cart. Too fast, of course, is no good either. Here the right feeling must teach us to hit upon what is proper.

Finally, they have patched in between the individual stanzas of the melody something that does not belong there at all, and which they have called an interlude. That is, when the congregation has sung: "Allein Gott in der Höh' sey Ehr," the fellow on the organ bench plays something in between, whatever happens to come into his head and his fingers, which as a rule nobody in the church understands; only then does it go on again: "und Dank für seine Gnade," and so throughout the whole hymn. When that fellow on the little organ bench begins his so-called interlude, I always wish that the organ might run out of wind, and that no pipe might give forth a sound. Tell me only, what is the thing good for? Does it edify you? Certainly not, rather the contrary; does it help you to sing the next stanza better? No, not that either! If you know the melody, you need no interlude; you see that when one sings without the organ, and so also without interlude, where, if the hymn has a known melody, it goes just as well as with organ and interlude. If you do not know the melody, the interlude does not help you at all either; you can notice that when a hymn is sung to an unknown melody. There the man at the organ may interlude as much and as long as he likes, it all helps you nothing, you still do not know how to begin, and, what is the main thing, to go on singing, the next stanza of the melody unknown to you; you wait quietly until they begin on the organ to play and sing the following stanza, then you sing it after them quite modestly, at first timidly and uncertainly, then the oftener the better and more surely, until you can do it quite surely and without organ and interlude. But you would have learned that without the interlude also, and still more easily than with the interlude; that after frequent singing you at last know the melody, you owe truly not to the interlude, but to practice, that excellent teacher. Therefore away with these strange interludes; they only tear apart and disfigure the chorale. At best they look as if one were to pray in this fashion, all mixed up: "Our Father" — "God would thereby entice us" — "who art in heaven" — "that we should believe he is our true Father" — "Hallowed" — "God's name is indeed holy in itself" — "be thy name" — "but we pray in this prayer, etc." But commonly they are so unchurchly and worldly, so empty of meaning and void, that they look somewhat like this: "Our Father" — "we twine for thee the maiden's garland" — "who art in heaven" — "Heisa, heisa, hopsasa," etc. All sensible, Christian and churchly-minded organists and cantors understand that, and gladly leave these strange insertions out of the chorale. But as for the simple, vain persons among the cantors and organists, who in the interludes only wish to show their great art, and will not give them up because it is the fashion, and because they have ground out their interludes so and so long already: the pastors ought to put their thumb in their eye, and command them to stop disgracing the church with their stupid stuff, mutilating the chorale, and vexing the congregation instead of edifying it. In general one ought (to say this in passing) to clip the wings a little of many of these gentlemen, so that with their preludes and postludes, as with their church music, they may not make a dance hall, a playhouse, a concert hall, or a parade ground.

I think you will now understand that our chorale singing must not remain as it is, if the people are not altogether to lose all desire and love for it, which they seem to have lost already almost entirely, because for the most part they do not come to singing, but only under the