Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 14 › Seite 106
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-03-04, Seite 106
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gabe an denselben Melanchton zugesendet, welcher aber denselben (Brief) aus leicht zu errathenden Gründen nicht übergeben, sondern wieder nach Genf zurückgeschickt hat, wo er in der dortigen Bibliothek aufbewahrt worden ist. Veröffentlicht finden wir diesen Brief in den bekannten „Sammlungen von alten und neuen theologischen Sachen, Urkunden ꝛc." Leipzig. Jahrgang 1722, Seite 626 — 628. Man meine jedoch nicht, daß Calvin darum an Luther geschrieben hat, weil beide in einem freundlichen Briefwechsel gestanden haben, oder weil Calvin sich Luthern habe nähern wollen. Vielmehr erzählt Calvin im Eingange seines Schreibens, daß er von anderen dazu genöthigt worden sei und daß ihn eine gewisse Verlegenheit dazu getrieben habe, daß nehmlich gewiße Franzosen sich von ihm in einer wichtigen Angelegenheit nicht haben weisen lassen, sich auf Luthern berufend. Er fährt nehmlich sodann also fort: „Uebrigens, weil sie (die Franzosen) unschlüssig sind und im Zweifel stehen, so tragen sie Verlangen, dein Urtheil zu hören, welches, wie sie es denn mit Recht hoch achten, ihnen zu großer Bestärkung dienen wird. Sie haben mich daher gebeten, einen eigenen sicheren Boten an Dich zu senden, welcher Deine Antwort über diese Sache uns zurückbrächte. Ich aber, weil ich nicht nur dafür hielt, daß es für sie höchst wichtig sei, durch deine Auctorität unterstützt zu sein, damit sie nicht immer schwanken möchten, sondern weil es mir auch selbst höchst erwünscht war, mochte ich ihnen nicht abschlagen, was sie begehrten. Daher bitte ich Dich, Hochgeehrtester Vater in dem HErrn, inständig durch Christum, Du wollest Dich nicht beschwert fühlen, den Eckel meinet- und ihrethalben zu überwinden, daß Du erstlich den in ihrem Namen geschriebenen Brief, und meine Büchlein 2) in Mußestunden wie zum Zeitvertreib überlaufest, oder das Lesen jemanden übertragest, der Dir über den Gesammtinhalt berichte, und daß Du sodann Deine Meinung mit wenigen Worten uns schreibest. Ich thue es zwar ungern, daß ich Dir bei so wichtigen und verschiedenartigen Geschäften diese Mühe machen soll, aber da ich es nur nothgedrungen thue, halte ich mich versichert, daß Du mir nach Deiner Billigkeit Verzeihung wiederfahren lassen wirst."
2) Diese Büchlein behandelten die Sache, über welche die Uneinigkeit zwischen Calvin und jenen Franzosen entstanden war.
Hieraus ersieht der Leser, welche Gesinnung Calvin bei Luther gegen ihn vorausgesetzt hat, nicht, wie der „Friedensbote" berichtet, Zuneigung und Gunst, sondern „Eckel," den höchsten Widerwillen und eine solche Verachtung seiner Schreibereien, daß er sie kaum des Durchblätterns würdigen werde.
Noch mehr Licht fällt aber auf das Verhältniß, in welchem diese Männer damals zu einander gestanden, wenn wir noch den Brief Calvins vom 16. Januar 1545 an Melanchton hinzunehmen, von welchem der obige an Luthern abzugebende begleitet war. Es befindet sich derselbe in der von Beza veranstalteten und im Jahre 1576 zu Lausanne erschienenen Sammlung der Brief Calvins (No. 60.). Darin heißt es unter Anderem also: „Weil ihnen" (den Franzosen) die Sache schwierig zu sein scheint, so sind sie noch im Zweifel und unschlüssig, was sie thun sollen, bis sie durch Deine und Luthers Auctorität bestärkt sind. Und zwar fürchte ich, daß sie euch deßwegen um Rath fragen wollen, weil sie hoffen, daß ihr gelinder gegen sie sein werdet. Du siehst, wie vertraulich ich mit Dir handle; ich fürchte jedoch nicht, das Maaß zu überschreiten, denn ich weiß, wie viel ich mir gegen Dich nach Deinem besonderen Wohlwollen erlauben darf. In Betreff des Dr. Martin (Luthers nehmlich) „wird etwas mehr Schwierigkeit sein; denn so viel ich aus einem Gerücht und aus den Briefen einiger habe vermerken können, so könnte das kaum erst besänftigte Gemüth des Menschen wegen einer geringen Ursache wieder gereizt und aufgebracht werden (exulcerari). Daher wird Dir der Bote den Brief, den ich an selbigen, „(Luthern)" geschrieben habe, vorzeigen, damit Du ihn lesest und die ganze Sache nach Deinem Gutdünken regierest; daß also nichts verkehrt und unüberlegt versucht werde, was hernach unglücklich ablaufen könnte, dafür wirst Du Sorge tragen; und ich weiß, daß Du dies nach Deiner so großen Geschicklichkeit wohl thun werdest." Hieraus geht sonnenklar hervor, daß sich Calvin nur mit Zagen, weil ihn jene Franzosen dazu genöthigt hatten, an Luthern gewendet und daß er gefürchtet habe, selbst sein im Tone hoher Ehrerbietung geschriebene Brief könne leicht den Zorn des kaum ein wenig still gewordenen Luther auf's neue erregen. Calvin ist so scheu, daß er nicht einmal wagt, mit einem solchen Brief geradezu vor Luthern zu erscheinen, sondern es der klugen Berechnung Melanchthons überläßt, ob durch die Uebergabe des Briefes nicht leicht nur Uebel ärger gemacht werden könnte.
Daß Calvin ferner selbst auch sich unter die gerechnet habe, gegen welche Luther in seinem „Bekenntniß vom Abendmahl" vom Jahre 1544 geschrieben hat, ist laut eines Briefes Calvins an Bullinger in Zürich vom 25. November dieses Jahres so ganz außer Zweifel, daß nur Unwissenheit oder Muthwille es leugnen kann. So schreibt nehmlich Calvin in jenem Briefe (es ist der 57. in der citirten Sammlung): „Ich höre, daß Luther endlich mit grimmigen Schmähungen nicht sowohl gegen euch „(Schweizerische, Zwinglianer)," als gegen uns alle hervorgebrochen sei. Nun wage ich kaum, euch zu bitten, daß ihr schweiget; weil es unbillig ist, unverschuldeter Weise eine so üble Behandlung zu erfahren und sich nicht rechtfertigen zu dürfen, und schwer zu bestimmen ist, ob dies ersprießlich sein werde. Aber das, bitte ich, wollet ihr euch zu Gemüthe führen, erstlich, was für ein großer Mann Luther sei, und durch was für große Gaben er sich auszeichne, mit welchem Muthe, mit welcher Beständigkeit, mit welcher Geschicklichkeit, mit welcher durchdringenden Kraft zu lehren, er bisher das Reich des Antichrists zu stürzen und zugleich die Lehre des Heils zu verbreiten, beflißen gewesen. Ich pflege oft zu sagen: wenn er mich auch einen Teufel nennete, so würde ich ihm doch so viel Ehre erweisen, ihn für einen ausgezeichneten Knecht Gottes anzuerkennen, der jedoch, wie er an vorzüglichen Tugenden reich ist, so an großen Fehlern leidet."—
Wie Calvin endlich in Betreff der Augsburgischen Confession später gesinnt gewesen, nachdem es nicht mehr in seinem Interesse lag, sich in dieselbe mit innerem Widerstreben zu hüllen, 3) geht klar aus einer Äußerung hervor, welche Calvin that, als Catharina von Medici (die Vormünderin König Carls IX.) 1561 von den Reformirten in Frankreich die Annahme und Unterzeichnung der Augsburgischen Confession gefordert hatte, damit nicht immer mehr Secten entstehen möchten. Die Papisten waren hierüber höchst aufgebracht, da sie ahnten, von welchem unvergleichlichem Vortheil eine solche Union der Lutherischen und Reformirten auf Grund der Augsb. Conf. für den Protestantismus sein würde; daher sich hierüber der Papist Canisius in einem Briefe vom 29. Januar 1562 an den auf dem Concilium zu Trient befindlichen Cardinal Hosius folgendermaßen ausdrückte: „Einige glauben, der Teufel trachte es durch die französische Spitzfindigkeit dahin zu bringen, daß aus dem Calvinismo und Lutheranismo Ein Corpus Doctrinae (Ein Lehrsystem) werden möge." [Vergleiche Cyprians Unterricht von kirchl. Verein. der Protest. S. 232.] Wie sprach sich hingegegen Calvin hierbei aus? Er schrieb am 10. September 1561 an Beza nach Poissy, wo sich letzterer damals zur Abhaltung eines Gespräches mit den Papisten aufhielt, unter Anderem folgendes: „Die Augsburgische Confession ist, wie Du weißt, die Fackel eurer Furie zur Anschürung eines Feuers, welches ganz Frankreich in Flammen setzen und verzehren soll. Aber es ist wohl zu untersuchen, wozu sie aufgedrungen werden soll, da die Milde derselben immer den Rechtschaffenen mißfallen und den Verfasser derselben selbst gereut und dieselbe in den meisten Stellen dem besonderen Bedürfniß Deutschlands angepaßt ist. Ich schweige, daß die Kürze derselben sowohl dunkel, „(aha!)," als mit Übergehung mehrerer Hauptstücke von der größten Wichtigkeit etwas Verstümmeltes ist. Uebrigens wäre es abgeschmackt die französische Confession zurückzusetzen und jene anzunehmen. Ja, auf diese Weise würde für die Zukunft Stoff zum
3) Nachdem Calvin 1538 aus Genf verjagt worden war, wendete er sich nach Strasburg, und hier mußte er, um eine theologische Professur und das Pastorat an der neu gestifteten französischen Gemeinde hierselbst zu erlangen, die Augsburgische Confession unterschreiben. Er thats im Jahr 1539, wie er selbst später 1557 bekannte in einem Briefe (Epist. 236) an Martin Schalling, Prediger zu Regensburg, wo er also schreibt: „Ich weise jedoch auch die Augsburger Confession nicht zurück, welche ich vormals willig und gerne unterschrieben habe, wie sie der Verfasser selbst ausgelegt hat." Die letzten Worte zeigen freilich, daß Calvin bei seiner Unterschrift nicht ehrlich zu Werke gegangen ist, sondern dabei einen jesuitischen geheimen Vorbehalt angewendet hat. Uebrigens aber erklärt sich aus dieser Unterschriftsleistung, warum Calvin früher auch treue Lutheraner getäuscht und für einen evangelischen Theologen gegolten habe, worauf sich der „Friedensbote" so oft beruft.
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ery sent to the same Melanchton, who however, for reasons easily guessed, did not deliver it, but sent it back to Geneva, where it has been preserved in the library there. We find this letter published in the well-known "Sammlungen von alten und neuen theologischen Sachen, Urkunden etc." Leipzig, volume of 1722, pages 626 — 628. But let no one suppose that Calvin wrote to Luther because the two stood in a friendly correspondence, or because Calvin wished to draw near to Luther. Rather, Calvin relates at the beginning of his letter that he had been constrained to it by others, and that a certain embarrassment had driven him to it, namely that certain Frenchmen would not let themselves be directed by him in an important matter, appealing to Luther. He then continues thus: "Moreover, since they (the Frenchmen) are irresolute and in doubt, they desire to hear your judgment, which, as they rightly esteem it highly, will serve them for great confirmation. They have therefore asked me to send a special, safe messenger to you, who might bring back to us your answer upon this matter. But I, since I not only held that it was of the highest importance for them to be supported by your authority, that they might not always waver, but because it was also most desirable to myself, did not wish to refuse them what they asked. Therefore I beg you, most honored Father in the LORD, earnestly through Christ, that you be willing not to feel burdened, to overcome your disgust for my sake and theirs, and first to run over in leisure hours, as if for pastime, the letter written in their name, and my little books 2), or to commit the reading to someone who may report to you the whole contents, and then to write us your opinion in few words. I do it indeed unwillingly, that I should cause you this trouble amid such weighty and manifold affairs, but since I do it only under constraint, I hold myself assured that you will, according to your fairness, let pardon be granted me."
2) These little books treated the matter about which the disagreement between Calvin and those Frenchmen had arisen.
From this the reader sees what disposition Calvin presupposed in Luther toward himself: not, as the "Friedensbote" reports, affection and favor, but "disgust," the highest aversion and such a contempt for his writings that he would hardly deem them worthy of being looked through.
Still more light falls upon the relation in which these men then stood to one another, if we also take the letter of Calvin of January 16, 1545, to Melanchton, by which the above letter to be delivered to Luther was accompanied. The same is found in the collection of Calvin's letters arranged by Beza and published in the year 1576 at Lausanne (No. 60.). Therein it says among other things thus: "Since the matter seems difficult to them" (the Frenchmen), "they are still in doubt and irresolute as to what they shall do, until they are strengthened by your and Luther's authority. And indeed I fear that they wish to ask counsel of you for this reason, because they hope that you will be milder toward them. You see how confidentially I deal with you; yet I fear not to exceed the measure, for I know how much I may allow myself toward you according to your particular goodwill. As to Dr. Martin" (Luther, namely) "there will be somewhat more difficulty; for as far as I have been able to gather from a rumor and from the letters of some, the scarcely soothed mind of the man might for a slight cause be provoked and exasperated again (exulcerari). Therefore the messenger will show you the letter which I have written to the same," (Luther), "that you may read it and govern the whole matter according to your discretion; that nothing be attempted perversely and inconsiderately which might afterwards turn out unhappily, you will take care of that; and I know that you will do this well, according to your so great skill." From this it appears as clear as the sun that Calvin turned to Luther only with trepidation, because those Frenchmen had constrained him to it, and that he feared that even his letter, written in a tone of high reverence, might easily stir up anew the wrath of Luther, who had scarcely become a little quiet. Calvin is so timid that he does not even dare to appear before Luther directly with such a letter, but leaves it to the shrewd calculation of Melanchthon whether by the delivery of the letter the evil might not easily be made only worse.
That Calvin furthermore counted himself also among those against whom Luther wrote in his "Confession on the Lord's Supper" of the year 1544 is, according to a letter of Calvin to Bullinger in Zürich of November 25 of that year, so entirely beyond doubt that only ignorance or wantonness can deny it. Thus Calvin writes namely in that letter (it is the 57th in the cited collection): "I hear that Luther has at last broken out with grim invectives, not so much against you" (Swiss, Zwinglians), "as against us all. Now I scarcely dare to ask you to keep silence; because it is unjust to suffer such evil treatment undeservedly and not to be permitted to justify oneself, and it is hard to determine whether this would be profitable. But this, I beg, be pleased to lay to heart, first, what a great man Luther is, and by what great gifts he distinguishes himself, with what courage, with what steadfastness, with what skill, with what penetrating power of teaching he has hitherto been diligent to overthrow the kingdom of Antichrist and at the same time to spread the doctrine of salvation. I am wont often to say: if he should even call me a devil, I would yet show him so much honor as to acknowledge him as an eminent servant of God, who nevertheless, as he is rich in excellent virtues, so suffers from great faults." —
How Calvin was finally disposed, later, concerning the Augsburg Confession, after it was no longer in his interest to wrap himself in it with inward reluctance, 3) is clearly evident from a remark which Calvin made when Catharine de Medici (the guardian of King Charles IX.) in 1561 demanded of the Reformed in France the acceptance and subscription of the Augsburg Confession, so that ever more sects might not arise. The Papists were highly enraged at this, since they foresaw of what incomparable advantage such a union of the Lutherans and Reformed on the basis of the Augsb. Conf. would be for Protestantism; wherefore the Papist Canisius expressed himself about it in a letter of January 29, 1562, to Cardinal Hosius, who was at the Council of Trent, as follows: "Some believe that the devil strives, through French subtlety, to bring it about that from Calvinism and Lutheranism One Corpus Doctrinae (One System of Doctrine) may arise." [Compare Cyprian's Unterricht von kirchl. Verein. der Protest., p. 232.] How did Calvin express himself on the other hand in this matter? He wrote on September 10, 1561, to Beza at Poissy, where the latter then was staying to hold a colloquy with the Papists, among other things the following: "The Augsburg Confession is, as you know, the torch of your fury for the kindling of a fire which is to set all France in flames and consume it. But it is well to examine for what purpose it is to be forced upon them, since its mildness always displeases the upright and the author of it himself regrets it, and it is in most places adapted to the particular need of Germany. I say nothing of the fact that its brevity is as obscure, "(aha!)," as it is mutilated by the omission of several chief articles of the greatest importance. Moreover, it would be absurd to set aside the French Confession and to adopt that one. Yes, in this way matter for the future would
3) After Calvin had been driven out of Geneva in 1538, he turned to Strasburg, and here, in order to obtain a theological professorship and the pastorate at the newly founded French congregation of that place, he had to subscribe to the Augsburg Confession. He did it in the year 1539, as he himself later, in 1557, confessed in a letter (Epist. 236) to Martin Schalling, preacher at Regensburg, where he writes thus: "Yet I do not reject the Augsburg Confession either, which I formerly subscribed willingly and gladly, as its author himself has explained it." The last words indeed show that Calvin did not proceed honestly in his subscription, but employed with it a Jesuitical secret reservation. Moreover, from this subscription it is explained why Calvin earlier deceived even faithful Lutherans also and passed for an evangelical theologian, to which the "Friedensbote" so often appeals.