Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 19 › Seite 123
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-05-10, Seite 123
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
123
le, wenn der Rhythmus fehlt, sei es nun im Liede oder in der Rede. Man hat ganze Bücher über den Rhythmus für Redner geschrieben. Und wenn es dir einmal gelingt, wie mir schon öfters, einen Mann mit hochberedter Zunge also reden zu hören, daß es dir wie Musik in den Ohren klingt, so halte dich überzeugt, daß in seiner Sprache das edle Geschöpf Gottes sei, das man mit einem so fremden Namen Rhythmus zu nennen pflegt. Ein Meister im Wohlklang der Sprache war Luther, der Meister in vielen Dingen, dessen Worte in den Herzen aller Hörer wiederklingen und dessen Bibelübersetzung ein unübertreffliches Werk voll alter Schätze unserer deutschen Sprache und voll des wohlklingendsten Rhythmus ist.
Aber was für Bezug hat das auf die rhythmischen Choräle? Einen näheren, lieber Leser, als du vielleicht im ersten Augenblick meinest. Der Gesang und die Sprache haben miteinander die innigste Verwandschaft, und so wenig als diese kann auch jener ohne Rhythmus bestehen oder eine Vollkommenheit erreichen. Glaubest du's nicht, so überzeuge dich doch. Der Rhythmus besteht in einer schönen Abwechselung langer und kurzer Sylben oder Töne oder Noten. Versuch es einmal, ein Lied, gleichviel welches, laut zu lesen, und sprich genau eine Sylbe so lange aus, wie die andere, gleich den Kindern in der Schule, wenn sie buchstabiren oder lautiren, und denke dir dann eine öffentliche Rede in diesem Tone gehalten! Sie wäre dann freilich alles Rhythmus bar, und so unausstehlich dies ohne Zweifel wäre, so unausstehlich sind die Choräle, welche gerade so unrhythmisch gleichsam singend durchbuchstabirt, durchlautirt, durchgeheult werden.
Schreiber, damit schiltst du uns auch. Wir singen in unsern Kirchen, wie man vor Alters gesungen, und wie wir's in unsrer Jugend gelernt haben. Wir finden die alte, gewohnte Weise ganz erbaulich und haben ein erschreckliches Grauen vor allem Neuen und Neumodischen im Gottesdienst. — Mein lieber Freund, ich wollte dich um die Welt nicht gern böse machen, sonst hörst du mich vielleicht gar nicht bis zu Ende an, und meine Mühe ist dann nicht blos halb, sondern ganz verloren. Aber woher, glaubst du wohl, kommt es denn, daß man so blutwenig Menschen findet, welche im Stande sind, allein für sich ein geistliches Lied zu singen, wenn sie es auch hundertmal in der Kirche mitgesungen haben? Warum ist der Gesang aus den Häusern gänzlich verschwunden? Es ist nicht immer Lauigkeit im Christenthum, Weltförmigkeit und Unglaube daran schuld, sondern dies, daß man keine, oder kaum eine Melodie richtig weiß. Und was ist davon wieder die Ursache? weil in den Melodien alle Gliederung und Rhythmus fehlt. So wenig als du im Stande bist, den Sinn einer Rede vollständig zu fassen, die in einem unvernünftigen Tone abgeleiert würde, so wenig vermag der uns inwohnende Sinn des Gesanges eine Melodie zu überschauen, aufzufassen und zu behalten, die so ohne allen Rhythmus und gegliederten Bau unnatürlich gesungen wird. Man versteht sie nicht und kann sie nicht behalten; man verwechselt eine mit der andern, gerade wie die gleichförmig verlebten Tage, die man zu Schiffe auf dem Ocean zugebracht hat. Der Rhythmus allein gibt dem Ton das Leben und einer formlosen Masse von Tönen einen anmuthig gegliederten Leib, der zugleich schön geformt u. überschaulich, faßlich und leicht behältlich ist. Und man kann mit Recht sagen: Zerstöre den Rhythmus und du hast die Melodie zerstört! — Man wende hier nicht ein, daß doch selbst unter den sogenannten rhythmischen Chorälen manche ohne Rhythmus seien und wie die Melodie: „Es ist gewißlich an der Zeit,“ meist aus gleichen Noten bestehen; denn sie sind alle ohne Ausnahme wirklich rhythmisch, nur daß der Rhythmus bei den einen in der wechselnden Quantität der Noten, bei den anderen mehr in dem wechselnden Accente besteht. Wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man einer jambischen Melodie, wie: „Es ist gewißlich an der Zeit,“ einen trochäischen Text unterschiebt, z. B. die ersten Zeilen von dem Liede: „Ringe recht, wenn Gottes Gnade dich nun ziehet und bekehrt,“ wo die Sylbenzahl vollkommen dieselbe bleibt und sich doch die Melodie gänzlich dagegen sträubt.
Ich weiß wohl, wie der Kirchengesang zu unsrer Zeit meisten Theils beschaffen ist, und auf welch schleppende, alles Rhythmus entbehrende Weise die schönen Lieder unsrer frommen Vorfahren gesungen werden, wie da gewöhnlich so gar kein Unterschied zwischen einem jauchzenden Loblied und einem Beichtgesang voller Bußschmerzen bemerkbar wird, indem man ein Lied wie das andere in der gewohnten formlosen Weise alle Sylben und Noten gleich lang singt oder heult. Ich weiß auch, daß Manche diesen Gesang schön finden, und meinen, daß es die Erhabenheit des Inhalts geistlicher Lieder und die feierliche Stimmung der Gemeinde so erheische, oder daß es unmöglich sei, eine andere Weise ausfindig zu machen, wie die Volksmasse mit einander singen könne. Und freilich, wenn wir nichts von den rhythmischen Chorälen erfahren hätten, würden wir alle noch derselben Meinung sein. Wir würden, durch das Vorurtheil einer alten Gewohnheit geblendet, die Wahrheit in diesem Stücke nicht zu erkennen vermögen. Der schleppende Gemeindegesang scheint der alte und eigentliche, der rhythmische aber neu zu sein; und wenn es wirklich so wäre, so müßte man freilich Alles, was uns unter dem Namen von rhythmischen Chorälen geboten wird, mit Argwohn und Mißtrauen betrachten. Aber nun verhält es sich gerade umgekehrt: die schleppende Weise zu singen, wie sie die unnatürliche ist, ist auch die neumodische, die blos durch Trägheit und Verschlechterung aufgekommen, eine Ausgeburt jener unglückseligen Zeiten, wo sich der geistliche Tod über Deutschlands Gauen lagerte.
Die rhythmische Weise dagegen ist die ursprüngliche, alte und eigentliche Weise, wie sie auch allein die natürliche ist.
Den Beweis darf ich dir nicht schuldig bleiben, lieber Leser. Darum will ich dir gerne mittheilen, was ich aus dem Buche eines Mannes,*) der die Sache versteht, in dieser Beziehung gelernt habe. Die urältesten Weisen des Kirchengesangs, sagt dieses Buch, wie nämlich die Christen der ersten Jahrhunderte bis auf Gregor den Großen gesungen haben, sind uns verloren gegangen. Auch keine Tradition hat sie erhalten. Sie wurden in einer Zeit gesungen, wo man noch kein Mittel besaß, die Töne durch schriftliche Zeichen gleichsam auf das Papier zu heften. Sie verklangen mit den sterbenden Geschlechtern, gleichwie auch unsre ursprünglichen Melodien lange Zeit vergessen waren und mit unsern schlummernden Vorfahren im Todesschlummer versunken geblieben wären, hätten wir nicht unter dem reichen Erbtheil unsrer Väter zugleich eine Anzahl gedruckter Notenbücher aus Luther's Zeiten vorgefunden. Als Luther kam, wußte man von keinem eigentlichen Gemeindegesang, wie wir ihn jetzt haben. Der Priester sang am Altar, die Schüler auf dem Chor die gregorianischen Weisen, ohne Takt u. Rhythmus, ein Gesang, wie er noch heute in der römischen Kirche gebräuchlich ist. Luther mit seiner kindlichen Einfalt und hohem Verstande erkannte gar bald, daß in dem Hause des HErrn nicht blos Priester u. Levit, sondern der ganze Haufe der Jünger Jesu Hosianna rufen, daß die ganze Gemeinde dem HErrn singen solle. Aber zu einem Gemeindegesang, der erst neu geschaffen werden mußte, war nun jene alte taktlose, gregorianische Weise des Chorgesangs, wovon mißbräuchlich der Name Choral herkommt, ganz und gar nicht geeignet. Es mußten daher neue Melodien entweder erfunden, oder, da dies so leicht nicht war, anderswoher entlehnt werden. Woher nahm nun Luther die nöthigen Melodien? Hier kam ihm der frische u. sangliebende Sinn seines Volks zu Statten, das so reich an schönen Melodien war. Trotz aller Verbote nämlich von Seiten der Priesterschaft hatte sich's das deutsche Volk nicht nehmen lassen, auf Wallfahrten, bei Prozessionen im Freien, ja sogar an Festtagen in den Kirchen Lieder zu singen, die in der römischen Liturgie keine eigentliche Stelle hatten, sondern nur, und zwar ungern, geduldet wurden.
Da waren also allerdings Melodien vorhanden, aus dem Herzen des Volkes entsprungen, im eigentlichen Sinne geistliche Volkslieder, rhythmisch und klangreich, wie es die Natur der Volkslieder ist. Diese rhythmischen Melodien nun, die theils im Volke selbst entstanden, theils von klugen Meistern erfunden waren, wendete Luther auf die geistlichen Lieder an, die er und andere geistreiche und fromme Männer für das Christenvolk verfertigten, um bei den öffentlichen Gottesdiensten gesungen zu werden. So
*) Melodien des evangelischen Kirchengesangs im ersten Jahrhundert der Reformation, mit den dazu vorhandenen Harmonisirungen aus dieser Periode, herausgegeben von G. Freiherrn von Tucher, Leipzig 1848.
English translation AI translation
123
le, when the rhythm is missing, be it now in song or in speech. Whole books have been written on rhythm for orators. And if it should ever happen to you, as it has to me already often, to hear a man of eloquent tongue speak in such wise that it sounds to you like music in your ears, then hold yourself assured that in his speech is that noble creature of God which one is wont to call by so foreign a name, rhythm. A master in the euphony of language was Luther, the master in many things, whose words echo again in the hearts of all hearers and whose translation of the Bible is an incomparable work, full of the old treasures of our German language and full of the most euphonious rhythm.
But what bearing has that upon the rhythmic chorales? A closer one, dear reader, than you perhaps suppose at the first moment. Song and speech have the most intimate kinship with one another, and as little as the latter can the former subsist or attain any perfection without rhythm. If you believe it not, then convince yourself. Rhythm consists in a beautiful alternation of long and short syllables or tones or notes. Try it once: read a hymn aloud, no matter which, and pronounce each syllable exactly as long as the other, like children in school when they spell or sound out letters, and then imagine a public speech delivered in this tone! It would then indeed be wholly devoid of rhythm, and as intolerable as this would doubtless be, so intolerable are the chorales which, quite as unrhythmically, are as it were sung while being spelled out, sounded out, and howled through.
Writer, with that you rebuke us too. We sing in our churches as was sung of old, and as we learned it in our youth. We find the old, accustomed manner quite edifying, and have a terrible horror of everything new and newfangled in divine service. — My dear friend, I should not for the world wish to make you angry, else you perhaps will not hear me to the end, and my pains are then not merely half but wholly lost. But whence, think you, comes it that one finds so very few people who are able to sing a spiritual song by themselves alone, though they have sung it along in church a hundred times? Why has singing disappeared from the houses altogether? It is not always lukewarmness in Christianity, worldliness and unbelief that are to blame, but this, that one knows no melody, or hardly one, rightly. And what again is the cause of that? Because in the melodies all articulation and rhythm are lacking. As little as you are able to grasp completely the sense of a speech that should be droned off in an unreasonable tone, so little can the sense for song that dwells in us survey, apprehend and retain a melody that is sung so unnaturally, without any rhythm and articulated structure. One does not understand it and cannot retain it; one confuses one with another, just like the uniformly spent days that one has passed on shipboard on the ocean. Rhythm alone gives life to the tone, and to a formless mass of tones a gracefully articulated body, which is at once beautifully formed and easy to survey, comprehensible and easily retained. And one may say with right: Destroy the rhythm and you have destroyed the melody! — Let no one object here that even among the so-called rhythmic chorales many are without rhythm and, like the melody "Es ist gewißlich an der Zeit," consist for the most part of equal notes; for they are all, without exception, truly rhythmic, only that the rhythm in some consists in the changing quantity of the notes, in others more in the changing accent. Of which one may easily convince oneself if one puts a trochaic text under an iambic melody, such as "Es ist gewißlich an der Zeit," for example the first lines of the hymn: "Ringe recht, wenn Gottes Gnade dich nun ziehet und bekehrt," where the number of syllables remains perfectly the same and yet the melody utterly rebels against it.
I know well how church singing in our time is for the most part constituted, and in what a dragging manner, devoid of all rhythm, the beautiful hymns of our pious forefathers are sung, how there is commonly no difference at all to be noticed between a jubilant song of praise and a confessional song full of penitential pain, since one sings or howls one hymn like the other, in the accustomed formless manner, with all syllables and notes equally long. I know also that many find this singing beautiful, and think that the sublimity of the content of spiritual hymns and the solemn mood of the congregation so require, or that it is impossible to find out another way in which the mass of the people could sing together. And indeed, if we had learned nothing of the rhythmic chorales, we should all still be of the same opinion. We should, blinded by the prejudice of an old habit, be unable to recognize the truth in this matter. The dragging congregational singing appears to be the old and proper, the rhythmic one new; and if it were really so, one would indeed have to regard with suspicion and distrust everything that is offered us under the name of rhythmic chorales. But now the case stands exactly the reverse: the dragging manner of singing, as it is the unnatural, is also the newfangled, which has arisen merely through sloth and deterioration, a product of those unhappy times when spiritual death settled over the lands of Germany.
The rhythmic manner, on the other hand, is the original, old and proper manner, as it alone is also the natural.
The proof I must not owe you, dear reader. Therefore I will gladly communicate to you what I have learned in this respect from the book of a man*) who understands the matter. The most ancient melodies of church singing, says this book, namely as the Christians of the first centuries, down to Gregory the Great, sang them, are lost to us. No tradition either has preserved them. They were sung in a time when one possessed as yet no means of fastening the tones, as it were, upon paper by written signs. They died away with the dying generations, just as our original melodies too were long forgotten, and with our slumbering forefathers would have remained sunk in the sleep of death, had we not found, among the rich inheritance of our fathers, a number of printed music books from Luther's times. When Luther came, one knew of no proper congregational singing such as we now have. The priest sang at the altar, the scholars in the choir, the Gregorian melodies, without measure and rhythm, a singing such as is still in use today in the Roman Church. Luther, with his childlike simplicity and lofty understanding, very soon perceived that in the house of the LORD not merely priest and Levite, but the whole multitude of the disciples of Jesus should cry Hosanna, that the whole congregation should sing to the LORD. But for a congregational singing that first had to be created anew, that old measureless Gregorian manner of choir singing, from which the name Choral is derived by misuse, was quite and wholly unsuited. New melodies had therefore either to be invented or, since this was not so easy, to be borrowed from elsewhere. Whence then did Luther take the necessary melodies? Here the fresh and song-loving spirit of his people stood him in good stead, a people so rich in beautiful melodies. For in spite of all prohibitions on the part of the priesthood, the German people had not let themselves be deprived of the habit of singing, on pilgrimages, at processions in the open air, indeed even on feast days in the churches, songs which had no proper place in the Roman liturgy, but were only, and indeed unwillingly, tolerated.
There were thus, to be sure, melodies at hand, sprung from the heart of the people, in the proper sense spiritual folk songs, rhythmic and full of sound, as is the nature of folk songs. These rhythmic melodies, which had partly arisen among the people themselves, partly been invented by skilful masters, Luther applied to the spiritual songs which he and other gifted and pious men composed for the Christian people, to be sung at the public divine services. Thus
*) Melodien des evangelischen Kirchengesangs im ersten Jahrhundert der Reformation, mit den dazu vorhandenen Harmonisirungen aus dieser Periode, herausgegeben von G. Freiherrn von Tucher, Leipzig 1848.