Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 19 › Seite 124
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-05-10, Seite 124
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entstand der Gemeindegesang in der lutherischen Kirche und er ist demnach in seiner Wurzel rhythmisch.
Damit aber Niemand auf den thörichten Gedanken verfalle, als habe Luther nur aus Noth und in Ermangelung anderer feierlicher, durchaus langsamer Gesänge mit lauter gleichen Noten die rhythmischen Melodien genommen, so will ich nur daran erinnern, daß es zwar eine hohe Kunst ist, ein schön gegliedertes Ganzes zu schaffen, eine Melodie, die sich wie eine Blume mit schönen stufenweisen natürlichen Blättern darstellt, aber gar nicht schwer, sondern sehr leicht, eine formlose Masse von Tönen zusammenzusetzen. Es hätte dem weisen Manne nur wenige Federstriche gekostet, um den ganzen Rhythmus aller Choräle so gründlich zu zerstören, als er durch Unwissenheit und Mißbrauch nun zerstört ist. Das hat Luther indessen nicht nur nicht gethan, weil er den hohen Werth einer schönen natürlich fließenden Melodie gar wohl erkannte, sondern er hat auch einige Gesänge aus der alten taktlosen gregorianischen Weise mitaufgenommen und sie in einen ordentlichen Rhythmus und Takt umgesetzt, z. B. die Melodie „Christum wir sollen leben schon“ und andere.
Wenn dir also, lieber Leser, wieder jemand glaublich machen will, daß die eigentliche Weise der Choräle die jetzt übliche, langsame, in lauter gleichen Noten bestehende sei, und daß dieselbe aus dem taktlosen und unrythmischen gregorianischen Gesang entstanden, so halte ihm seine Unwissenheit zu gute. Hier ist der Thatbestand, den alle Unwissenheit und aller Eigensinn nicht umstoßen wird.
So hat man denn die rhythmischen Choräle nicht für etwas Neuaufgebrachtes, sondern für etwas Uraltes zu halten, und es sollte wohl im Grunde weiter keiner Empfehlung derselben bedürfen, als die Gewißheit, daß man darin die unverfälschten Weisen des Reformationszeitalters besitzt.
Allein man ist mit dem historischen Nachweis noch nicht zufrieden. Man hat mancherlei Bedenken gegen die Wiedereinführung jener alten und ursprünglichen Sangweisen. „So laß mich denn, lieber Leser, einige der gewöhnlichsten Einwendungen gegen die rhythmischen Choräle kürzlich beantworten.
Man sagt, der rhythmische Gesang sei weltlich. Nun will ich nicht bestreiten, daß die rhythmischen Choräle vermöge ihres lebhafteren Ganges möglicher Weise auf eine Art gesungen werden könnten, die in das Heiligthum Gottes nicht paßt, auch die Erbauung nicht fördert, sondern hindert.„ Und es ist ohne Zweifel gewiß, daß diejenigen, welche im rhythmischen Gesang Unterricht ertheilen, nicht unweise zu Werke gehen dürfen. Werden die rhythmischen Lieder in einem weltlichen Tone gesungen, so ist dieses nicht die Schuld des Rhythmus, sondern entweder Ungeschick von Seiten der Lehrer, oder die Welt in den Herzen der Sänger. Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf; und das sieht jeder ein, daß das Ursprüngliche allein das Aechte, und darum auch das Beste sein müsse. Dieses bewährt auch die Erfahrung. Denn wofern auf die rechte Art gesungen wird, so tragen die rhythmischen Choräle auch an den lebhaften Stellen einen heiligen Ernst, eine feierliche Würde an sich, nicht das mindeste von Weltlichkeit oder leichtfertigem Wesen. Man kann an dem Tone der Melodie und aus ihrer Bewegung gar wohl abnehmen, ob es ein Loblied, ein Sterbegesang, ob Trauer oder Freude dessen Inhalt sei, aber es ist immer ein ehrerbietiges Lob der höchsten Majestät, eine Freude die nie vergißt, daß der Seelenbräutigam auch zugleich alles Fleisches Richter sei. — Was oftmals nicht beachtet wird, u. was dem rhythmischen Gesange nothwendigerweise einen Theil seiner feierlichen Würde raubt, ist die nicht genugsame Betonung der langen Noten, die entweder in der Mitte oder am Ende einer Strophe stehen. Viele meinen, eine Melodie sei nur dann rhythmisch, wenn alle Noten mit der größten Schnelligkeit gesungen werden, als dürfe gar nichts darin langsam sein. Aber im Gegentheil wird der Rhythmus nur dadurch so ergreifend und eindringlich, daß, wie bei einem gewaltigen, hinreißenden Redner, die schnellen Stellen durch die langsamen und würdevollen gleichsam im Zaume gehalten u. gemäßigt werden. Also man gebe den langen Noten, wo sie vorkommen, ihren gehörigen Nachdruck, und eile nicht darüber hin, als ob man dadurch etwas verlöre; man singe die rhythmischen Choräle überhaupt gut und wie sie gesungen sein wollen, und es wird Niemanden mehr beikommen, etwas Weltliches daran zu finden. Unsre Väter, die sie zuerst gesungen haben, waren geschworne Feinde alles weltlichen Wesens und ihren Chorälen ist's nicht eigen. —
Ein anderer Einwand ist dieser: der rhythmische Choral stamme aus der Union. Nun wer freilich das sagen kann, der fragt wenig danach, ob aus seinem Munde Thorheit oder Weisheit rede. Thörichter könnte kaum eine Behauptung sein, als diese. Gerade in der Zeit, wo man von dem Wege göttlicher, reiner Lehre wich, wo die Union und ihre Wurzel, der Unglaube, herrschend wurde, verfiel auch der Gesang und wurde aus den schönen alten edlen Weisen ein gleichtönendes, heulendes Unding, das blos noch durch die Würde einer so großen Versammlung u. durch die Reste von ursprünglicher Schönheit und Kraft, die den Chorälen trotz der Zerstörung des Rhythmus noch innewohnte, einen Eindruck auf das Gemüth machen kann. Zum Beweis dafür dient ein altes Choralbuch von 1732, worin Dretzel, Organist an St. Ägydien zu Nürnberg, manche Choräle auf eine dreifach verschiedene Weise aufgezeichnet hat, nämlich zwei Weisen, die zu seiner Zeit gesungen wurden, und die dritte, eine rhythmische, welche er die eigentliche Melodie nennt, wie sie der Componist gemacht hat, und wie sie eigentlich gesungen werden sollte.
Eine unnöthige Aenderung guter alter Ceremonien — ist dies vielleicht die Einführung rhythmischer Choräle? Eine Aenderung ist's, wo sie wieder eingeführt werden, das ist wahr; eine Aenderung alter Ceremonien überdies; aber — guter alter Ceremonien? Kann das denn gut sein, was aus einer schlimmen Quelle kommt? Wollen wir gute alte Ceremonien, so müssen wir dieselben nicht aus der Zeit des Verfalls des kirchlichen Lebens nehmen, sondern aus der besten Zeit. Und wollen wir nicht blos Altes, sondern das Ursprüngliche und Unverfälschte, wie im Text der Lieder, so auch in den Weisen, so werden wir uns schon zu einer Aenderung entschließen müssen. Eine Aenderung vom Schlechteren zum Besseren, — dazu sollte Niemand je zu alt sein! Es ist ein Zeichen geistiger Abgelebtheit, wenn man so sehr aller Veränderung feind ist, daß man auch das Beste nicht mehr annehmen, das Verkehrteste nicht mehr ablegen will. Ein einfältiges, kindlich frisches Gemüth kommt über solche kleine Bedenklichkeiten leicht hinweg.
Die rhythmischen Choräle seien schwer zu erlernen, sagen Manche. Aber die Erfahrung bezeugt gerade das Gegentheil. Der große Beifall, den der rhythmische Gesang hin und wieder in Deutschland, namentlich in Bayern gefunden hat, die Begeisterung, mit welcher man überall, wo geistliches Leben erwachte, auch die alten ursprünglichen Weisen wieder lernte und sang, ist Beweis, daß dieselben sehr leicht zu lernen sind. Alles Natürliche ist leicht und lieblich, nur das Unnatürliche ist schwer und häßlich. Die Melodien, in ihrer ursprünglichen Gestalt, haben meistens eine leichtfaßliche, charakteristische, sich dem Gehör augenblicklich einprägende Form, so daß man sie so leicht von einander unterscheidet wie Menschen von verschiedenen Gesichtszügen. In manchen Städten Deutschland's, wo zum ersten Male rhythmisch gesungen wurde, stimmte gleich beim zweiten, dritten Verse die ganze Gemeinde mit ein und sang das Lied, wie sie es nie zuvor gehört hatte, rhythmisch bis zu Ende mit herzlicher Freude. Kinder sangen wieder von freien Stücken geistliche Lieder, wie vor Alters.
Nichts desto weniger glauben doch Manche, es sei unmöglich, die rhythmischen Choräle einzuführen; die ganze Sache sei neu und unsicher. Nun, lieber Leser, da ist meine Meinung, gut Ding will Weile haben. Laß es wachsen! die Kraft u. Schönheit der alten Lieder in ihrem ursprünglichem Kleide wird sich von selber Bahn machen, wie sie denn auch schon in vielen Gemeinden dieses Landes sich Bahn gemacht hat wo man jetzt mit Herzenslust und Andacht die alten rhythmischen Choräle wieder singt und neben dem seligen Besitz der alten reinen und unverfälschten Lehre, der herzerquickenden alten Lieder, sich auch der ergreifenden und schönen alten kirchlichen Weisen erfreut! —
G. Sch.
English translation AI translation
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arose congregational singing in the Lutheran Church, and it is accordingly rhythmic in its root.
But lest anyone fall into the foolish thought that Luther took the rhythmic melodies only out of necessity and for want of other solemn, thoroughly slow songs with nothing but equal notes, I will only remind you that it is indeed a high art to create a beautifully articulated whole, a melody which presents itself like a flower with beautiful, gradually unfolding, natural petals, but not at all difficult, rather very easy, to put together a formless mass of tones. It would have cost the wise man only a few strokes of the pen to destroy the whole rhythm of all the chorales as thoroughly as it is now destroyed through ignorance and abuse. This Luther, however, not only did not do, because he knew very well the high worth of a beautiful, naturally flowing melody, but he also took over some songs from the old measureless Gregorian manner and set them into an orderly rhythm and measure, e. g. the melody "Christum wir sollen leben schon" and others.
If, therefore, dear reader, anyone should again try to make you believe that the proper manner of the chorales is the now customary, slow one, consisting of nothing but equal notes, and that it arose out of the measureless and unrhythmic Gregorian singing, then excuse his ignorance. Here is the fact of the case, which all ignorance and all obstinacy will not overturn.
So one must regard the rhythmic chorales not as something newly introduced, but as something ancient, and at bottom no further recommendation of them should be needed than the certainty that one possesses in them the unadulterated melodies of the age of the Reformation.
But one is not yet content with the historical proof. One has all manner of scruples against the reintroduction of those old and original tunes. "So let me, dear reader, briefly answer some of the commonest objections against the rhythmic chorales.
One says, the rhythmic singing is worldly. Now I will not dispute that the rhythmic chorales, by virtue of their livelier movement, could possibly be sung in a manner that does not befit the sanctuary of God, and does not promote edification but hinders it.„ And it is doubtless certain that those who give instruction in rhythmic singing must not proceed unwisely to work. If the rhythmic hymns are sung in a worldly tone, this is not the fault of the rhythm, but either want of skill on the part of the teachers, or the world in the hearts of the singers. Abuse does not abolish right use; and everyone sees that what is original alone must be the genuine, and therefore also the best. This experience also confirms. For if it is sung in the right manner, the rhythmic chorales bear, even in the lively passages, a holy earnestness, a solemn dignity about them, not the least of worldliness or frivolous manner. One can very well tell from the tone of the melody and from its movement whether its content is a song of praise, a dying song, whether sorrow or joy, but it is always a reverent praise of the highest Majesty, a joy that never forgets that the Bridegroom of the soul is at the same time the Judge of all flesh. — What is often not observed, and what necessarily robs rhythmic singing of a part of its solemn dignity, is the insufficient emphasis on the long notes which stand either in the middle or at the end of a stanza. Many think that a melody is rhythmic only if all the notes are sung with the greatest swiftness, as though nothing in it might be slow. But on the contrary, rhythm becomes so moving and impressive only by this, that, as with a mighty, enrapturing orator, the swift passages are as it were held in rein and moderated by the slow and dignified ones. Therefore give the long notes, where they occur, their due emphasis, and hasten not over them as if one lost something thereby; sing the rhythmic chorales altogether well and as they want to be sung, and it will occur to no one any more to find anything worldly in them. Our fathers, who first sang them, were sworn enemies of all worldly ways, and to their chorales it is not proper. —
Another objection is this: the rhythmic chorale comes from the Union. Now whoever can say that, indeed, cares little whether folly or wisdom speak out of his mouth. A more foolish assertion could hardly be made than this. Precisely in the time when one departed from the way of divine, pure doctrine, when the Union and its root, unbelief, became dominant, singing also fell into decay, and out of the beautiful old noble melodies there came a monotonous, howling monstrosity, which can make an impression on the mind only through the dignity of so great an assembly and through the remains of original beauty and power which, in spite of the destruction of the rhythm, still dwelt in the chorales. As proof of this serves an old chorale book of 1732, in which Dretzel, organist at St. Aegidien in Nuremberg, has set down many chorales in a threefold different manner, namely two melodies which were sung in his time, and the third, a rhythmic one, which he calls the proper melody, as the composer made it, and as it properly ought to be sung.
An unnecessary change of good old ceremonies — is this perhaps the introduction of rhythmic chorales? A change it is, where they are introduced again, that is true; a change of old ceremonies besides; but — of good old ceremonies? Can that then be good which comes from an evil source? If we want good old ceremonies, we must not take them from the time of the decay of church life, but from the best time. And if we want not merely what is old, but what is original and unadulterated, as in the text of the hymns so also in the melodies, then we shall certainly have to resolve upon a change. A change from the worse to the better, — to this no one should ever be too old! It is a sign of spiritual decrepitude when one is so much the enemy of all change that one will no longer accept even the best, nor lay aside the most perverse. A simple, childlike, fresh mind gets easily over such small scruples.
The rhythmic chorales are said to be hard to learn, say many. But experience testifies precisely the contrary. The great applause which rhythmic singing has found here and there in Germany, especially in Bavaria, the enthusiasm with which, wherever spiritual life awakened, one learned and sang again also the old original melodies, is proof that they are very easy to learn. Everything natural is easy and lovely, only the unnatural is hard and ugly. The melodies, in their original form, have for the most part an easily grasped, characteristic form, impressing itself upon the ear at once, so that one distinguishes them from one another as easily as men of different features. In many cities of Germany, where rhythmic singing was done for the first time, the whole congregation joined in at the second or third verse, and sang the hymn, as it had never heard it before, rhythmically to the end with hearty joy. Children sang again of their own accord spiritual songs, as of old.
Nevertheless many believe that it is impossible to introduce the rhythmic chorales; the whole matter, they say, is new and uncertain. Well, dear reader, my opinion is, good things take time. Let it grow! The power and beauty of the old hymns in their original dress will make their own way, as indeed it has already done in many congregations of this country, where one now sings again with heart's delight and devotion the old rhythmic chorales, and, besides the blessed possession of the old, pure and unadulterated doctrine and of the heart-refreshing old hymns, rejoices also in the moving and beautiful old churchly melodies! —
G. Sch.