Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 8 › Seite 58
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-12-06, Seite 58
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Jeſuiten 2
58
Grundsatz, daß man von zwei Meinungen in Betreff einer Handlung, die man begehen will, die unzweifelhaft sichere, d. h., bei der man gewiß nicht sündigt, verlassen und die Meinung vorziehen und annehmen kann, die mehr Freiheit läßt, wenn sie auch nicht so sicher ist, wenn sie nur probabel, das heißt, annehmbar erscheint. Für eine probable Meinung wird aber von den Jesuiten schon diejenige anerkannt, für welche man irgend einen Grund der sich hören läßt, oder auch nur das Zeugniß des einen oder andern angesehenen jesuitischen oder andern Schriftstellers anführen kann.*) Hiernach kann immer mancher Jesuit erklären, daß er in Betreff dieser oder jener anstößigen Lehren anderer Jesuiten verschiedener Meinung sei: der Orden selbst erlaubt jedem Gliede, dennoch die unmoralische Lehre als eine mindestens probable der andern, ob auch probableren, vorzuziehen. So heißt es nämlich ferner in dem angezogenen Institutum der Jesuiten: „Da der Generalversammlung“ (im Jahre 1687 unter dem General Gonzalez) „berichtet worden war, daß Manche glauben, der Orden habe sich vorgenommen, die Meinung derjenigen Lehrer gleichsam mit gemeinschaftlichem Eifer festzuhalten, welche dafür halten, daß es erlaubt sei, der weniger probablen Meinung bei seinen Handlungen zu folgen, wenn dieselbe mehr Freiheit läßt, und die probablere fahren zu lassen, die auf der Seite des Gebotes steht: so hat die Generalversammlung für gut erachtet, zu erklären, daß der Orden weder verboten habe, noch verbiete, daß diejenigen die entgegengesetzte Meinung festhalten, denen dieselbe annehmbarer erscheinen sollte.“ (Institut. Vol I. fol. 667) Dem unmoralischen Probabilismus nicht zu huldigen, ist also nach der eignen Verfassung der Jesuiten nur nicht verboten!
*) Wir werden unten eigene Zeugnisse der Jesuiten dem Leser mittheilen, in denen dieselben diesen ihren Probabilismus ausgesprochen haben.
Der dritte Grund, warum die unmoralischen Grundsätze so vieler Jesuiten mit vollkommenstem Rechte auf Rechnung des ganzen Ordens kommen, ist endlich dieser, weil die giftigen Wurzeln, aus denen die lare, ja ruchlose Moral jener Jesuiten hervorgewachsen ist, in den Grundsätzen liegen, welche schon in der Verfassung des Ordens niedergelegt sind. Die von den Jesuiten aufgestellte unsittliche Sittenlehre, die die Welt bis jetzt mit Entsetzen gelesen hat, ist nehmlich nichts weiter, als eine treue Entwicklung dessen, was sich als Keim schon in der Grundverfassung derselben findet. Um nur Einiges anzuführen, so lesen wir in dem mehr genannten Institutum Folgendes: „Der Stimme des Obern sollen wir bereitwillig folgen, nicht anders, als ob dieselbe von Christo dem Herrn ausginge. Zu diesem Zwecke sollen wir alle unsere Kräfte und alles unser Streben in dem Herrn darauf richten, daß der heilige Gehorsam sowohl in der Ausführung der Sachen, als auch in dem Willen und in dem Verstand in uns immer in allen Theilen vollkommen sei, indem wir, was immer uns aufgetragen worden sein mag, mit großer Schnelligkeit, geistlicher Freude und Beharrlichkeit ausrichten; uns bereden, daß alles gerecht sei; und unser entgegengesetztes Urtheil durch einen gewissenblinden Gehorsam verleugnen. Jeder soll sich überzeugt halten, daß die, welche unter dem Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung treiben und regieren lassen sollen durch ihre Obern, nicht anders, als wenn sie ein todter Leib wären, welcher sich, wohin man will, wenden und auf alle beliebige Weise mit sich umgehen läßt, oder ähnlich wie der Stab eines alten Mannes, welcher dem, der ihn in der Hand hält, dienet, wo und in welcher Sache er auch immer denselben gebrauchen wollen mag.“ (Summarium constitutionum, quae ab omnibus observandae sunt. L. c. Vol. II. fol. 73. 74.) An einer andern Stelle schreibt Ignaz Loyola, der Ordensstifter: „Von andern religiösen Orden sollen wir uns leichter im Fasten, in Wachen und in sonstiger Strenge der Lebensweise und des Gottesdienstes übertreffen lassen (!), welche ein jeder nach seiner Weise und Ordnung annimmt: aber das möchte ich, meine theuersten Brüder, daß alle diejenigen, welche in dieser Societät dem Herrn unserem Gott dienen, vor allem durch wahren und vollkommenen Gehorsam und durch Absagung des Willens und Urtheils sich auszeichnen.**) Jene ausgezeichnete Einfalt des blinden Gehorsams geht aber unter, wenn wir bei uns erst in Frage stellen, ob recht geboten werde oder nicht. „Johannes Abbas dachte nicht darüber nach, ob das, was ihm geboten worden war, nützlich oder unnützlich wäre, als, da er ein verdorrtes Holz mit so großer und langer Mühe ein ganzes Jahr hindurch begoß; oder ob es möglich wäre oder nicht, da er in völligem Ernste einen so ungeheuren Felsblock allein fortzubewegen versuchte, den selbst viele Menschen zusammen nicht hätten fortbewegen können.“ (L. c. Vol. II. fol. 161. 164.
Was den Gehorsam in Sachen des Glaubens und des Gewissens betrifft, so lesen wir u. A. Folgendes: „Der katholischen Kirche sollen wir ganz gleichgesinnt und conform sein; wenn dieselbe bestimmte, etwas, was unsern Augen weiß erscheint, sei schwarz, so sind wir schuldig ebenfalls zu erklären, daß es schwarz sei.“ (Ignatii exercitia spiritualia L. c. fol. 430.) „Der Aufzunehmende ist zu fragen, ob er in allen Scrupeln, entweder geistlichen Anfechtungen, oder irgend anderen, welche er leidet oder seiner Zeit leiden möchte, sein eignes Urtheil verlassen und in den Meinungen Anderer aus der Societät, welche mit Lehre und Rechtschaffenheit begabt sind, beruhen werde.“ Examen general. Vol. I. fol. 344 345.)
**) Fürwahr ein merkwürdiges Geständniß! Der Jesuit läßt sich hiernach von andern gern in der Gottseligkeit übertreffen, nur nicht in dem blinden Ordensgehorsam; darin will er Alle übertreffen: der Orden ist sein Christus, sein Gott, der Ordensgehorsam seine Tugend, seine Gerechtigkeit.
Es ist klar, mit dem Gelübde eines solchen blinden Gehorsams begibt sich ein Jesuit geradezu des Vorrechtes, ein moralisches Wesen zu sein. Er ist nicht blos, wie der Neger, leiblich, sondern selbst geistlich, der Seele nach, mit Herzen, Gewissen, Willen und Urtheilskraft, ein Sclave des Ordens; er ist kein Mensch mehr, sondern, wie das Institutum selbst ausdrücklich sagt, ein moralisch-todter Leichnam, ein lebloses Werkzeug des Ordens, ein Stock geworden, der keinen eigenen Willen, kein eigenes Urtheil, kein Herz und Gewissen haben darf. An der Stelle alles dessen steht der Orden in seinen Oberen. Es ist klar, wer ein solches Gehorsamsgelübde geschworen hat, der darf von keiner Sünde mehr wissen, als von der, etwas anderes gethan, geredet, gewollt, für recht oder wahr gehalten und gedacht zu haben, als sein Orden, sein Oberer von ihm begehrt hat. Nicht darüber dürfen wir uns daher wundern, daß Jesuiten eine so entsetzliche Moral gelehrt haben, sondern darüber müßten wir als über etwas Unerklärliches erstaunen, wenn es nicht so wäre.
Es ist nun zwar wahr, daß in zwei oder drei Stellen des Institutums die "offenbare Sünde" von demjenigen ausgenommen wird, worin der Jesuit seinem Oberen schnellen Gehorsam leisten muß; allein nicht nur ist, was für solche "offenbare Sünden" innerhalb des Jesuitenordens gilt, wohlweislich nicht gesagt, (und was kann das nach dem oben Angeführten anderes sein, als eben wieder nur Sünden gegen den Orden?)*), sondern es finden sich auch klare Stellen in dem Institutum, in welchen selbst die Nothwendigkeit, aus Gehorsam gegen die Oberen Tod-Sünden zu thun, anerkannt wird. Es heißt nehmlich in dem 5. Capitel des 6. Theils der Constitutionen, welche einen Haupttheil des Institutum der Jesuiten ausmachen, wörtlich also: "Da die Societät wünscht, daß alle ihre Constitutionen, ihre Erklärungen und ihre Ordnung zu leben, ganz unserem Institutum gemäß, ohne die geringste Abweichung in irgend einer Sache, beobachtet werden; da sie auch nichtsdestoweniger wünscht, daß alle die Irrigen sicher sein oder wenigstens unterstützt werden möchten, daß sie nicht in den Strick irgend einer Sünde, die aus der Verbindlichkeit solcher Constitutionen oder Ordnungen entstehen mag, fallen: so haben wir in dem Herrn beschlossen, daß — mit Ausnahme des ausdrücklichen Gelübdes, durch welches die Societät dem jedesmaligen Papst verbunden
*) Ein Jesuit darf ja, wenn ihm zu gehorchen geboten wird, wie wir oben gehört haben, gar nicht in Frage stellen, ob das Geforderte recht oder nicht recht sei; er hat vielmehr die Pflicht, „sich zu bereden, daß alles recht sei.“
English translation AI translation
58
principle that, of two opinions concerning an action one wishes to perform, one may forsake the undoubtedly safe one, that is, the one by which one certainly does not sin, and prefer and adopt the opinion which leaves more freedom, even if it is not so safe, provided it only appears probable, that is, acceptable. But the Jesuits already recognize as a probable opinion that for which one can adduce any sort of ground, or even only the testimony of one or another esteemed Jesuit or other writer.*) According to this, many a Jesuit can always declare that in regard to this or that offensive doctrine of other Jesuits he is of a different opinion: the order itself permits every member, nevertheless, to prefer the immoral doctrine as an at least probable one to another, even a more probable one. Thus it is said further in the Institutum of the Jesuits already cited: "Since it had been reported to the General Assembly" (in the year 1687, under the General Gonzalez) "that many believe the order has set itself the task of holding fast, as it were with a common zeal, the opinion of those teachers who hold that it is permitted to follow the less probable opinion in one's actions when it leaves more freedom, and to let the more probable one go, which stands on the side of the commandment: the General Assembly has thought good to declare that the order has neither forbidden nor does forbid that those hold the opposite opinion to whom it should appear more acceptable." (Institut. Vol I. fol. 667) Not to pay homage to the immoral Probabilism is therefore, according to the Jesuits' own constitution, merely not forbidden!
*) We shall below communicate to the reader the Jesuits' own testimonies in which they have pronounced this their Probabilism.
The third ground why the immoral principles of so many Jesuits come, with the fullest right, upon the account of the whole order is, finally, this, that the poisonous roots from which the lax, indeed ruthless morality of those Jesuits has grown lie in the principles which are already laid down in the constitution of the order. The immoral moral doctrine set up by the Jesuits, which the world has until now read with horror, is namely nothing else than a faithful development of what is already found as a germ in their fundamental constitution. To cite only a few things, we read in the Institutum so often named the following: "We are to follow the voice of the Superior willingly, not otherwise than as if it proceeded from Christ the Lord. To this end we are to direct all our powers and all our endeavor in the Lord to this, that holy obedience may be in us always perfect in all parts, both in the execution of things and in the will and in the understanding, in that we accomplish whatever may have been enjoined upon us with great promptness, spiritual joy and perseverance; persuade ourselves that everything is just; and renounce our contrary judgment by a blind obedience of conscience. Everyone shall hold himself convinced that those who live under obedience are to let themselves be driven and governed by divine Providence through their Superiors, not otherwise than as if they were a dead body, which lets itself be turned whither one will and be dealt with in any way one pleases, or like the staff of an old man, which serves him who holds it in his hand, wherever and in whatever matter he may ever wish to use it." (Summarium constitutionum, quae ab omnibus observandae sunt. L. c. Vol. II. fol. 73. 74.) In another place Ignatius Loyola, the founder of the order, writes: "In fasting, in watching, and in other severity of manner of life and of divine service we are to let ourselves be surpassed by other religious orders (!), which each adopts after its own manner and rule: but this I would, my dearest brethren, that all those who serve the Lord our God in this Society should distinguish themselves above all by true and perfect obedience and by the renunciation of will and judgment.**) That excellent simplicity of blind obedience, however, perishes if we first call in question among ourselves whether the command is right or not. "John the Abbot did not reflect on whether what had been commanded him was useful or useless, when he watered a withered stick with such great and long labor for a whole year; or whether it was possible or not, when in perfect earnest he tried to move by himself so enormous a block of rock as even many men together could not have moved." (L. c. Vol. II. fol. 161. 164.
As to obedience in matters of faith and conscience, we read, among other things, the following: "We are to be wholly of one mind with the Catholic Church and conformed to it; if it should determine that something which appears white to our eyes is black, we are bound likewise to declare that it is black." (Ignatii exercitia spiritualia L. c. fol. 430.) "He who is to be received is to be asked whether in all scruples, whether spiritual temptations or any others which he suffers or may at any time suffer, he will forsake his own judgment and rest in the opinions of others of the Society who are endowed with doctrine and uprightness." Examen general. Vol. I. fol. 344 345.)
**) Truly a remarkable confession! The Jesuit, accordingly, willingly lets others surpass him in godliness, only not in blind obedience to the order; in this he would surpass all: the order is his Christ, his God, obedience to the order his virtue, his righteousness.
It is clear: by the vow of such blind obedience a Jesuit forfeits outright the privilege of being a moral being. He is not merely, like the Negro, bodily, but even spiritually, as to his soul, with heart, conscience, will and power of judgment, a slave of the order; he is no longer a man, but, as the Institutum itself expressly says, a morally dead corpse, a lifeless tool of the order, become a stick, which may have no will of its own, no judgment of its own, no heart and conscience. In the place of all this stands the order in his Superiors. It is clear that whoever has sworn such a vow of obedience may know of no sin any more than that of having done, spoken, willed, held right or true, and thought something other than his order, his Superior, has required of him. We must not, therefore, wonder that Jesuits have taught so dreadful a morality, but rather we should have to be astonished, as at something inexplicable, if it were not so.
It is indeed true that in two or three places of the Institutum "open sin" is excepted from that in which the Jesuit must render prompt obedience to his Superior; but not only is it prudently not stated what counts as such "open sins" within the Jesuit order, (and what else can that be, after what has been cited above, than once more only sins against the order?)*), but there are also clear passages in the Institutum in which even the necessity of committing mortal sins out of obedience to the Superiors is acknowledged. It is namely said in the 5th chapter of the 6th part of the Constitutions, which make up a chief part of the Institutum of the Jesuits, literally as follows: "Since the Society desires that all its Constitutions, its declarations and its rule of living be observed, wholly in accordance with our Institutum, without the slightest deviation in any matter; since it also nevertheless desires that all who err may be secure, or at least supported, that they may not fall into the snare of any sin which may arise from the binding force of such Constitutions or rules: we have therefore resolved in the Lord that — with the exception of the express vow by which the Society is bound to the Pope for the time being
*) A Jesuit may, indeed, when he is commanded to obey, as we have heard above, not at all call in question whether what is demanded is right or not right; he has rather the duty "to persuade himself that everything is right."