Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 8 › Seite 59

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-12-05, Seite 59

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die Schrift eine ganze Gemeinschaft, welche aus Bekehrten und Unbekehrten besteht, „Heilige und Geliebte Gottes,“ aber damit gibt sie nicht den einzelnen Unbekehrten den Namen Heilige, sondern eben dem Ganzen um der wirklich Heiligen willen, die sich darunter befinden und die man in diesem Leben nicht herausfinden kann. Sie wendet hierbei die bekannte Redefigur Synecdoche an, vermöge welcher man von dem Ganzen sagt, was man nur von einem Theil verstanden wissen will, nehmlich von dem, dem es in der That zukommt. Es ist durchaus falsch, ja eine höchst verwerfliche Rede, die Schrift nenne auch die Heuchler – Heilige! Das wäre die bekannte Figur des Quid pro quo (Dies für Das) oder der Katachresis (Wortmißbrauch); wie wenn man sagt, daß Lucus (der Wald) komme von Non lucendo (von nicht leuchten), weils im Walde finster sei, oder wie sich die papistische Sekte die catholische Kirche, die fleischlichen römischen Priester die Geistlichen und die allerherrschsüchtigsten Päbste heuchlerisch und lügenhaft die Knechte aller Knechte nennen. Nein, solche lügenhafte Redeweisen führt die hl. Schrift nicht. Mit der in der Bibel oft angewendeten Synecdoche hat es eine ganz andere Bewandniß. Diese beruht auf Wahrheit. Wie man in Wahrheit einen Acker einen Weizenacker nennt, obgleich auch Unkraut mitten unter dem Weizen steht; wie man in Wahrheit eine Münze ein Goldstück nennt, obgleich auch Kupfer dem Golde beigemischt ist; wie man ein Regiment Soldaten, das sich im Kriege ausgezeichnet hat, ein tapferes Regiment nennt, obgleich einige Feiglinge unter den Tapferen waren: so nennt auch die Schrift der Wahrheit gemäß eine Gemeinschaft von Menschen eine heilige Kirche, wenn es gewiß ist, daß wahrhaft gläubige und heilige Christen in derselben sind, obgleich ihr Heuchler und Gottlose beigemischt sind. Wie man aber nur mißbräuchlich, unwahr und lügenhaft das Unkraut darum Weizen, das Kupfer Gold, die Feiglinge Tapfere nennen würde, so ist es verwerflich von der Schrift, und noch dazu Neuen Testamentes, wo die ceriminonielle levitische Heiligkeit ihre Endschaft erreicht hat, zu behaupten, daß sie auch die Heuchler Heilige nenne. Gott behüte! Wenn die Schrift eine ganze sichtbare Gemeinschaft eine heilige Kirche nennt, so will sie eben, daß man dieß nicht fleischlich, sondern nach dem apostolischen Symbolum: „Ich glaube,“ nicht ich sehe, „Eine hl. christliche Kirche,“ verstehe, daß man nehmlich dabei im Glauben an die in dieser sichtbaren Gemeinschaft verborgen liegende Gemeinschaft der Heiligen denke. Gerade hieraus ist zu sehen, wie nöthig es ist, in der Lehre von der Kirche, wie unsere alten Dogmatiker gethan haben, von dem Begriff der unsichtbaren Kirche auszugehen, aber auch diesen Begriff in der ganzen Entwicklung dieses Lehr- und Glaubensartikels festzuhalten, wenn man nicht in Verwirrung und Selbstwidersprüche gerathen will, wie denn dem Schreiber des „Herolds“ widerfahren ist.

Ganz anders lehren unsere alten Dogmatiker. So sagt z. B. Johann Gerhard: „Durch diesen Ehrentitel (heilig) wird die Kirche nicht nur von den Versammlungen der Gottlosen und Ketzer, welche die Schule des Satans Offbg. 2, 9. 3, 9. genannt werden, unterschieden, sondern auch von den Heuchlern, welche der äußerlichen Versammlung der Kirche beigemischt sind.“ (Loc. de eccl. § 34.) Noch deutscher redet Luther. Er schreibt folgendermaßen: „Ein Schalk kann wohl recht taufen, das Evangelium lesen und zum Sacrament gehen, die zehen Gebote sprechen; solches ist und bleibet alles recht: er aber bleibt ein böser Schalk und wird kein Christ, noch die christliche Kirche genennet. Sondern man spricht: er ist in und unter der christlichen Kirche, gleichwie Mäusedreck unter dem Pfeffer und Raden unter dem Korn lieget, und hilft den Scheffel füllen. Gleichwie auch am menschlichen Leibe feine, reine, gesunde, rechtschaffene Glieder sind, die der Mensch zu seiner Nothdurft gebrauchen kann. Aber darnach ist auch am Leibe Schweiß, Butter in Augen Rotz, Grind, Geschwür und anderer Unflath. Diese Stücke sind sowohl am menschlichen Leibe, als die Ohren, Magen, Herz, Finger oder Augen; aber der Unflath ist doch auch im Leibe, ob er gleich stinket. Also sind die Ketzer, falsche Lehrer, oder Gottlose auch in der Kirchen nicht natürliche, rechtschaffene Glieder, sondern der Unflath, so aus dem Leibe heraus schwäret.“ (Zu Joh. 7, 44.) So redet ein Luther von jenen sogenannten „Heiligen!“

Der Schreiber im Herold beruft sich nun zwar für seine Meinung, daß alle Getaufte, auch die Heuchler und Gottlosen zur „Gemeinde der Heiligen“ gehören, auf die beiden Schriftstellen: „Wie viele euer getauft sind, die haben Christum angezogen“ (Gal. 3, 27.), und: „Wir sind, durch Einen Geist, alle zu Einem Leibe getauft.. und sind alle zu Einem Geist getränket“ (1 Cor. 12, 13.): allein hiermit legt der Schreiber jenen apostolischen Worten einen durchaus falschen Sinn unter, gegen dessen Annahme wir um so mehr feierlich protestiren müssen, je öfter gerade jetzt uns Lutheranern der erschreckliche Irrthum, z. B. von den Methodisten, untergeschoben wird, als glaubten wir, wer getauft sei und das hl. Abendmahl empfangen habe, der sei damit auch ex opere operato wiedergeboren, ein Glied am Leibe Christi, bedürfe keiner ferneren Bekehrung und neuen Geburt im heiligen Geiste und sei ein Kind des Lebens und der Seligkeit. Wir Lutheraner lehren aber, daß, wer nach der Taufe die Sünde wieder über sich herrschen läßt, Christum nicht mehr angezogen hat und als sein Kleid trägt, sondern den Satan angezogen hat, mit Christo und den Christen nicht mehr Ein Leib und Ein Geist ist, sondern mit dem Satan, denn „wer Christi Geist nicht (mehr) hat, der ist (auch) nicht (mehr) sein.“ (Röm. 8, 9. vgl. 1 Cor. 10, 21.) Merkwürdiger Weise haben übrigens schon die Papisten älterer Zeit jene von dem Schreiber im „Herold“ angeführten Stellen auch den Lutheranern gegenüber angeführt, um zu beweisen, daß auch die Heuchler zu der Gemeinde der Heiligen gehören. So schreibt nehmlich Quenstedt in seinem großen dogmatischen Werke: „(Die Papisten) entgegnen: Alle Getaufte würden Schafe der Kirche genannt, obgleich unter denselben noch viele sind, welche des Geistes Christi und der wahren Liebe ermangeln, nach den Aussprüchen 1 Cor. 12. 13.: ‚Wir sind alle zu Einem Leibe getauft‘; und Gal. 3, 27.: ‚Wie viele euer getauft sind, die haben Christum angezogen.‘“ Hierauf erwiedert aber Quenstedt: „Ich antworte: Welche getauft sind, die sind so lange lebendige Glieder der wahren Kirche, so lange sie ein ihrer Taufe würdiges Leben führen. Auch der Zauberer Simon ist getauft worden, niemand aber hat ihn für einen Bürger der Kirche gehalten Apg. 8, 20. 21. So lange ist daher auch der, welcher Christum in der Taufe angezogen hat, ein Bürger der Kirche, so lange er nicht durch gottloses Leben und Unglauben von dem Weinstock Christo, dem er als ein Rebe eingepflanzt gewesen ist, abgehauen wird. Joh. 15, 2. ffl.“ (Theol. did. – pol. II., 1636.) Auch Johann Gerhard beweist aus jener Stelle 1 Cor. 12. 13. das gerade Gegentheil von dem, was der „Herold“ daraus beweisen will; er setzt nehmlich hinzu: „In welchen also Christi Geist nicht ist, die gehören nicht zu dem mystischen Leibe, welcher die Kirche ist.“ (Loc. do eccles. § 50.)

Möge denn der Schreiber im „Herold“ diese unsere wohlgemeinten Ausstellungen mit dem Sinne aufnehmen, mit welchem dieselben geschrieben sind. Weit entfernt ihn wegen seiner irrigen Lehrentwickelung verketzern zu wollen, haben wir doch nicht umhin gekonnt, da die Lehre von der Kirche jetzt zu einer brennenden Frage geworden ist, unsere Stimme dagegen zu erheben. So manches Gute und Gesunde, was sich in des Schreibers Darlegungen neben dem Ungesunden und Schiefen findet, läßt uns hoffen, daß derselbe sich nicht erbittern lassen, sondern mit uns zu dem Vorbilde der Lehre, wie es unsere theure alte ev. luth. Kirche aufgestellt hat, zurückzukehren werde.

Unirte Kirche.

So berichtet das Braunschweiger Kirchenblatt:

„Im Nassauischen hatte ein Pfarrer Hein um seine Entlassung vom Pfarramte nachgesucht, weil er die eingeführte Union nicht mit seinem Gewissen, weil nicht mit der lutherischen Kirche, welcher er angehöre, zu vereinigen vermöge. Die Entlassung wird ihm verweigert, aber die Suspension verfügt, zugleich auf Criminaluntersuchung angetragen, weil er in seiner Abschiedspredigt den Grund seines Abschiedes angegeben habe; das Criminalgericht wies die Untersuchung ab, weil eine Beleidigung nicht vorliege; dennoch ist auf Ministeri-

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the Scripture a whole community, which consists of converted and unconverted, "saints and beloved of God," but thereby it does not give the individual unconverted the name of saints, but gives it to the whole for the sake of the truly holy who are found among them and whom one cannot pick out in this life. In doing so it employs the well-known figure of speech, synecdoche, by virtue of which one says of the whole what one wishes understood only of a part, namely of that to which it in fact applies. It is altogether false, indeed a most damnable assertion, that the Scripture calls even the hypocrites – saints! That would be the well-known figure of the Quid pro quo (This for That) or of the Katachresis (misuse of words); as when one says that Lucus (the forest) comes from Non lucendo (from not shining), because it is dark in the forest, or as the papistic sect calls the Catholic church, the carnal Roman priests the Spiritual, and the most supremely domineering Popes, hypocritically and falsely, the servants of all servants. No, such lying modes of speech the holy Scripture does not employ. With the synecdoche applied in the Bible it is an entirely different matter. This rests on truth. As one in truth calls a field a wheat-field, although tares too stand in the midst of the wheat; as one in truth calls a coin a gold piece, although copper too is mixed with the gold; as one calls a regiment of soldiers which has distinguished itself in war a brave regiment, although some cowards were among the brave: so also the Scripture, in accordance with the truth, calls a community of men a holy church when it is certain that truly believing and holy Christians are in it, although hypocrites and godless persons are mingled with them. But as one would call, only abusively, falsely and mendaciously, the tares wheat, the copper gold, the cowards brave, so it is damnable to assert of the Scripture, and moreover of the New Testament, where the ceremonial Levitical holiness has reached its end, that it calls even the hypocrites saints. God forbid! When the Scripture calls a whole visible community a holy church, it wills precisely that one should understand this not carnally, but according to the Apostles' Creed: "I believe," not I see, "One holy Christian Church," that is, that one thinks therein, in faith, of the communion of saints lying hidden in this visible community. From this precisely it is to be seen how needful it is, in the doctrine of the Church, as our old dogmaticians have done, to proceed from the concept of the invisible Church, but also to hold fast this concept in the whole development of this article of doctrine and faith, if one does not wish to fall into confusion and self-contradictions, as has befallen the writer of the "Herald."

Quite otherwise do our old dogmaticians teach. Thus says, for example, Johann Gerhard: "By this title of honor (holy) the Church is distinguished not only from the assemblies of the godless and heretics, who are called the synagogue of Satan, Rev. 2, 9. 3, 9., but also from the hypocrites, who are mingled with the outward assembly of the Church." (Loc. de eccl. § 34.) Still more plainly speaks Luther. He writes as follows: "A rogue may well baptize rightly, read the Gospel, and go to the Sacrament, speak the ten commandments; this is and remains all right: but he remains a wicked rogue and becomes no Christian, nor is he called the Christian Church. But one says: he is in and under the Christian Church, as mouse-dung lies under the pepper and cockle under the corn, and helps to fill the bushel. Just as also in the human body there are fine, clean, sound, upright members, which a man can use for his need. But afterward there is also on the body sweat, butter in the eyes, rheum, scab, ulcer and other filth. These parts are as much on the human body as the ears, stomach, heart, fingers or eyes; but the filth is yet also in the body, though it stinks. Thus the heretics, false teachers, or godless are also in the churches not natural, upright members, but the filth which festers out of the body." (On John 7, 44.) So speaks a Luther of those so-called "saints!"

The writer in the Herald appeals now, to be sure, for his opinion that all the baptized, also the hypocrites and godless, belong to the "communion of saints," to the two Scripture passages: "As many of you as have been baptized have put on Christ" (Gal. 3, 27.), and: "By one Spirit are we all baptized into one body.. and have been all made to drink into one Spirit" (1 Cor. 12, 13.): but herewith the writer puts a wholly false sense upon those apostolic words, against the assumption of which we must protest the more solemnly the oftener just now the dreadful error is imputed to us Lutherans, e.g. by the Methodists, as if we believed that whoever is baptized and has received the holy Supper is thereby also regenerated ex opere operato, a member of the body of Christ, needs no further conversion and new birth in the Holy Ghost, and is a child of life and of salvation. We Lutherans, however, teach that whoever after baptism lets sin rule over him again has no longer put on Christ and bears him as his garment, but has put on Satan, is no longer one body and one spirit with Christ and the Christians, but with Satan, for "if any man have not the Spirit of Christ, he is none of his." (Rom. 8, 9. cf. 1 Cor. 10, 21.) Remarkably enough, moreover, the Papists of earlier times already adduced those passages cited by the writer in the "Herald" against the Lutherans also, to prove that even the hypocrites belong to the congregation of the saints. Thus Quenstedt writes in his great dogmatic work: "(The Papists) object: All the baptized would be called sheep of the Church, although among them there are many who lack the Spirit of Christ and true love, according to the sayings 1 Cor. 12. 13.: 'We are all baptized into one body'; and Gal. 3, 27.: 'As many of you as have been baptized have put on Christ.'" To this Quenstedt replies: "I answer: Those who are baptized are living members of the true Church so long as they lead a life worthy of their baptism. Simon the sorcerer also was baptized, yet no one held him to be a citizen of the Church, Acts 8, 20. 21. So long, therefore, is he also who has put on Christ in baptism a citizen of the Church, as long as he is not cut off by a godless life and unbelief from the vine Christ, into whom he was engrafted as a branch. John 15, 2. ff." (Theol. did. – pol. II., 1636.) Johann Gerhard also proves from that passage 1 Cor. 12. 13. the very opposite of what the "Herald" wishes to prove from it; he adds, namely: "In whomsoever, therefore, the Spirit of Christ is not, they do not belong to the mystical body, which is the Church." (Loc. do eccles. § 50.)

May the writer in the "Herald," then, receive these our well-meant criticisms in the spirit in which they are written. Far from wishing to brand him a heretic for his erroneous development of doctrine, we have yet not been able to refrain, since the doctrine of the Church has now become a burning question, from raising our voice against it. So much that is good and sound, which is found in the writer's exposition beside the unsound and distorted, lets us hope that he will not let himself be embittered, but will return with us to the pattern of the doctrine as our dear old ev. luth. Church has set it forth.

Unionist Church.

So reports the Braunschweig Kirchenblatt:

"In Nassau a pastor Hein had applied for his dismissal from the pastoral office, because he could not unite the introduced Union with his conscience, because not with the Lutheran Church, to which he belonged. The dismissal is refused him, but suspension is ordered, at the same time a criminal investigation is moved for, because in his farewell sermon he had given the ground of his departure; the criminal court dismissed the inquiry, because no insult was present; nevertheless on a Ministeri-