Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 23 › Seite 179

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-07-03, Seite 179

177 178 179 180 181 182 183 184

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

⤓ Download .txt · copy text

179

Unterdessen half auch hier der Staatsreligionshelfer, die kaiserliche Reiterei nach besten Kräften, durch allen ersinnlichen Muthwillen treulich mit. Das Schicksal des unglücklichen Kostnitz schien auch über Straßburg hereinbrechen zu wollen. Viele Kaufleute und Edelleute entsagten dem Bürgerrecht und verließen die Stadt, da dachte der Rath ernstlich auf einen Vergleich. Nach vielen Unterhandlungen kam man endlich dahin überein, daß der Rath dem Bischof drei Kirchen zur Einführung des Interims und der Bischof der Stadt das Collegium bei St. Thomas als Schulanstalt einräumte. Das Abhalten der ersten Messe in dieser nun schon seit langer Zeit des römischen Unwesens entwöhnten Stadt, machte viel Aufsehen. „Es war ein großer Zulauf, sonderlich von jungem Volk, als die ihr Lebtag von keinem solchen Spectakel oder Gaukeleien nichts gesehen, noch gehört. Wie nemlich Leute in fremden Kleidern und mit geschornen Platten auf den Köpfen mit einander gesungen, was Niemand verstehen können; wie man dabei am hellen Tag Lampen und Wachskerzen gebrannt, und mit Rauchfässern Nebel und Rauch gemacht; wie ein Priester mit Dienern (oder Kuttenhaltern) auf dem Altar gestanden, eine unbekannte Sprache geführt, allerlei Gestus mit Kniebeugen und sonst gemacht, sich geneigt und die Hände gefalten, die Arme bald ausgestreckt, bald zurückgezogen, sich hin und hergewandt, einmal laut gerufen, darnach ganz leis gemummelt, die Augen in die Höhe geworfen, sich vor sich gebeugt, nicht auf einer Stelle geblieben, bald rechts bald links auf dem Altar hin und hergelaufen, mit Fingern gespielt (d. i. Kreuze gemacht), in den Kelch gehaucht, selben in die Höhe gehoben, wieder niedergesetzt, dort Lebendige hier Todte ausgerufen, die Hostie von einander gebrochen und in den Kelch gelegt, sich mit der Faust an die Brust geschlagen, geseufzt, die Augen zugemacht, als ob er schlafen wollte, dann wieder aufgefahren, die eine Hälfte von der Hostie in den Mund genommen und gekäut, die andre aber mit dem Wein ganz hintergeschluckt, daß auch kein Tröpfchen übrig blieb, die Hände gewaschen, verguldete Patelle rücklings, mit ausgestrecktem Arm, dem Volk gezeigt, auch an die Stirn und Brust gehalten, jetzt den Altar geküßt, und dann ein Bildchen in einer Kapsel. Diese und mehr andere dergleichen Dinge hat das junge Volk mit großer Verwunderung und auch nicht ohne Gelächter angesehen und kaum in Ordnung können erhalten werden.“ —

Wie die meisten der Oberländischen Reichsstädte vor diesem Sturme nicht Stand hielten, so beugte die Furcht vor des Kaisers Soldaten, die Angst vor weltlichem Ungemach und der Schmählerung irdischer Macht und Größe auch viele Fürsten. Churfürst Friedrich II. von der Pfalz ließ das Interim aller Orten einführen und befahl seinen Unterthanen, den Prozessionen am Frohnleichnamstage beizuwohnen, welche nicht erschienen, wurden mit Geldbußen und Gefängniß bestraft. Da der Herzog zu Jülich, Cleve, Berg schon früher dem Kaiser hatte versprechen müssen, die evangelische Religion in seinem Lande abzuschaffen, so war er jetzt um so mehr gezwungen das Interim durchweg zur Geltung zu bringen und Westphalen wieder dem Papst zu unterjochen. — Der Herzog von Würtemberg ließ das Interim von allen Kanzeln verlesen und gebieten, „daß sich Niemand dagegen muchsen solle.“ —

(Fortsetzung folgt.)

Aus Indien.

Berichtigung und Erklärung.

Mit einigem Widerstreben gehe ich daran aus so weiter Ferne und darum nothwendig nach so langer Zeit eine falsche Kunde zu berichtigen, die eben auch meist der Entfernung wegen entstanden sein mag. Aber wenn ich auch für meine Person mich gerne damit begnügen möchte, daß die volle Wahrheit auch hierin Dem vollkommen bekannt ist, der einst Alles Verborgene an das Licht bringen und alle Unwahrheit richten wird, so will es mir doch nicht geziemen, dem Feinde unserer Seelen den Triumph zu gönnen, Herzen zertrennt zu haben, die durch Glaube und Liebe und in dem Geiste der Wahrheit eins geworden und trotz aller Ferne auch eins geblieben sind.

Das im „Lutheraner“ veröffentlichte Antwortschreiben der hochw. Synode von Missouri ꝛc. an die hochwürdige Conferenz ꝛc. in Leipzig, das mir jüngst vorgekommen ist, sagt, daß es sich billig wundern müßte, wenn ich in Leipzig so ganz geschwiegen und nichts zur Rechtfertigung der Synode zu sagen gewußt haben sollte. Und diese Verwunderung wäre gewiß im Recht, wenn es mit diesem vermeintlichen Schweigen seine Richtigkeit hätte. Da mir nun auf privatem Wege zugekommen ist, daß man mein Schweigen für ausgemacht hält, auch wohl hie und da nicht abgeneigt ist, sogar eine moralische Verschuldung daraus zu machen, so will mir gebühren den Mißverstand zu berichtigen.

Das Schreiben der Leipziger Conferenz erwähnt mein Zeugniß allerdings nicht ausdrücklich. Aber wenn es darin heißt: „Wir haben weder in den Akten Ihrer Synodalbriefe einen Fall gefunden, noch auch von Hrn. Missionar Baierlein — einen solchen gehört, wo wir hätten mit Bestimmtheit sagen können: Hier ist der Bann nicht in der Ordnung Christi verhängt;“ so ist doch offenbar, daß ich auf solche Fälle hingewiesen haben muß; nur daß die Schreiber des Briefes dadurch eben so wenig, als durch das Lesen der Synodalberichte zu der Ueberzeugung gekommen sind, „daß sie hätten mit Bestimmtheit sagen können, hier ist der Bann nicht in der Ordnung Christi verhängt.“ Kein Wunder; wer zuviel verlangt, wird nie befriedigt. Männern, die die vorliegenden Fälle mit einem andern Maßstabe messen, weil in der Lehre darüber verschieden, eine solche Ueberzeugung beizubringen, „daß sie mit Bestimmtheit sagen könnten ꝛc.“ wäre irgend welchen Delegaten der Synode eben so unausführbar, als den Synodalberichten und mir. Wir können doch nur Zeugniß ablegen von einer Sache und für eine Sache; aber Ueberzeugung beibringen, von Dingen, die in einem andern Welttheile liegen, und von denen uns keinerlei Belege zur Hand sind, liegt nicht in unserem Bereiche.

Zur Verdeutlichung der Sache sei mir erlaubt den Gang der Verhandlungen, der wenig bekannt zu sein scheint, hier kurz anzugeben.

Am Abende des Tages nach dem Missionsfeste als die Conferenz noch gar keine Notiz von den Abgeordneten der Buffalo Synode genommen hatte, wurde eine geschlossene Vorversammlung gehalten, die die Amerikanische Angelegenheit zum Zweck hatte. Versammelt waren Herr Superintendent Münchmeier, Dr. Kahnis, Dr. Beßer, Dr. Br. Lindner, P. Wolff und noch etwa zwei oder drei Personen, dann die Abgeordneten der Buffalo Synode und ich. Hier legten die Abgeordneten ihre Angelegenheit vor, indem sie die Geschichte der Buffalo Synode von Anfang bis zu Ende erzählten. Da sie dabei besonders darüber klagten, daß die Missouri Synode die von der Buffalo Synode Gebannten u. s. w. aufgenommen habe, so wurde ich aufgefordert zu sagen, wie sich die Missouri Synode die Sache gedacht habe. Und hier war es wo ich mein Zeugniß ablegte, weil ich ja gerade um deßwillen in diese geschlossene Vorversammlung mit hinein gezogen worden war. Bald erkannte nun auch die Vorversammlung, daß die Angelegenheit eine solche sei, über die sie hier unmöglich zur vollen Klarheit kommen könne. Sie erklärte daher den Abgeordneten, daß sie auf die vorgelegten Fragen zwar antworten wolle, aber ohne alle Beziehung auf den vorliegenden Streit. Es hieß dabei: „Die Anwendung der Antworten auf Ihren Streit müssen wir ganz und gar Ihrem Gewissen überlassen.“ Damit erklärten sich die Abgeordneten zufrieden, und darum wurde noch kürzlich (denn es war schon spät) zur vorläufigen Beantwortung der Sätze geschritten, die natürlich nicht anders als Nein! ausfallen konnte. Darauf beschloß man, den Streithandel der Conferenz nicht vorzulegen, sondern sie nur zur Beantwortung der vorgelegten Fragen zu veranlassen.

Das geschah denn auch am folgenden Tage. Und als die Conferenz Anstand nahm so ohne Weiteres zu antworten, wurde ihr erklärt: „Es solle nur so geschehen, als wenn etwa der Papst uns Thesen vorlegte. Wir könnten und würden darauf unbedenklich antworten, die Anwendung freilich ihm allein überlassen.“ So oft nun auch noch Stimmen laut wurden, die von dem Standpunkte des Streits Kenntniß zu nehmen wünschten, so wurde ihnen ebenso oft und nachdrücklich erklärt, daß sich die Conferenz mit der Streitsache der Brüder in Amerika hier nicht befassen könne, daß auch darüber nicht geurtheilt werden solle. Nur die vorgelegten Sätze sollen — weil die Abgeordneten darum gebeten haben und meinten, daß ihnen dadurch ein Dienst geleistet würde — besprochen und beantwortet werden. — Hier also in der Conferenz, die sich mit dem Streite durchaus nicht befassen noch auch darüber urtheilen wollte, hatte ich ja freilich nicht nur keine Veranlassung, sondern auch keinen Raum zur Vertheidigung der Synode. — Das Leipziger Schreiben steht allerdings mit diesen Verhandlungen gewissermaßen im Widerspruch. Es hätte folgerecht nur von der geschlossenen Vorversammlung erlassen werden können. Die Conferenz aber

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

179

Meanwhile the helper of the State religion, the imperial cavalry, here too lent faithful aid to the best of its power by every imaginable wantonness. The fate of unhappy Constance seemed to be about to break in upon Strasburg also. Many merchants and noblemen renounced their citizenship and left the city; then the Council thought earnestly of a settlement. After many negotiations they at last agreed that the Council should yield to the bishop three churches for the introduction of the Interim, and the bishop should concede to the city the college at St. Thomas as a school. The holding of the first Mass in this city, long since unaccustomed to Roman misrule, made much stir. "There was a great concourse, especially of young people, who in all their days had seen or heard nothing of such a spectacle or jugglery. How, namely, people in strange garments and with shorn crowns on their heads sang together what nobody could understand; how in broad daylight lamps and wax candles were burned, and with censers fog and smoke made; how a priest with servants (or cassock-holders) stood on the altar, used an unknown tongue, made all manner of gestures with genuflections and otherwise, bowed and folded his hands, now stretched out his arms, now drew them back, turned himself this way and that, once cried aloud, then mumbled quite low, cast his eyes up on high, bent himself forward, did not remain in one place, now to the right now to the left ran to and fro on the altar, played with his fingers (that is, made crosses), breathed into the chalice, lifted it on high, set it down again, there called out the living, here the dead, broke the host apart and laid it in the chalice, struck his breast with his fist, sighed, shut his eyes as if he would sleep, then started up again, took one half of the host into his mouth and chewed it, swallowed the other quite down with the wine, so that not a drop remained, washed his hands, held the gilded paten backwards, with outstretched arm, to the people, also held it to his forehead and breast, now kissed the altar, and then a little image in a case. These and more other such things the young people looked at with great wonder and not without laughter, and could scarcely be kept in order." —

As most of the Upper-German imperial cities did not hold their ground before this storm, so the fear of the Emperor's soldiers, the dread of worldly distress and of the diminution of earthly power and greatness bowed also many princes. Elector Frederick II of the Palatinate had the Interim introduced everywhere and commanded his subjects to attend the processions on Corpus Christi day; those who did not appear were punished with fines and imprisonment. Since the Duke of Jülich, Cleve, Berg had already earlier had to promise the Emperor to abolish the evangelical religion in his land, he was now the more compelled to bring the Interim to full effect throughout and to subject Westphalia again to the Pope. — The Duke of Württemberg had the Interim read from all pulpits and commanded "that no one should mutter against it." —

(To be continued.)

From India.

Correction and Explanation.

It is with some reluctance that I set about correcting, from so distant a place and therefore necessarily after so long a time, a false report which has probably arisen mostly because of the distance. But although for my own person I would gladly content myself that the full truth in this matter also is perfectly known to Him who will one day bring all that is hidden to light and judge all untruth, yet it does not become me to grant the enemy of our souls the triumph of having divided hearts which have become one through faith and love and in the spirit of truth, and in spite of all distance have also remained one.

The reply of the Reverend Synod of Missouri, etc., to the Reverend Conference, etc., at Leipzig, published in the "Lutheraner," which has lately come to my hand, says that it would justly be astonished if I had kept so wholly silent at Leipzig and had known nothing to say in justification of the Synod. And this astonishment would certainly be right, if there were any truth in this supposed silence. Since it has now come to me by private channels that my silence is taken as settled, and that here and there people are not unwilling even to make a moral guilt of it, it behooves me to correct the misunderstanding.

The letter of the Leipzig Conference does not, indeed, expressly mention my testimony. But when it says therein: "We have found no case in the Acts of your Synodal letters, nor have we heard of one from Mr. Missionary Baierlein — where we could have said with certainty: Here the ban is not imposed according to the order of Christ;" it is yet evident that I must have pointed to such cases; only that the writers of the letter have thereby as little as through reading the Synodal reports come to the conviction "that they could have said with certainty, here the ban is not imposed according to the order of Christ." No wonder; he who demands too much is never satisfied. To bring to men who measure the cases in question by a different standard, because they differ in doctrine concerning them, such a conviction "that they could say with certainty, etc.," would be just as impracticable for any delegates of the Synod as for the Synodal reports and for me. We can only bear witness of a matter and for a matter; but to bring conviction about things which lie in another quarter of the world, and of which we have no documents at hand, lies not within our power.

To clarify the matter, permit me to state briefly here the course of the proceedings, which seems to be little known.

On the evening of the day after the Mission Festival, when the Conference had as yet taken no notice at all of the delegates of the Buffalo Synod, a closed preliminary meeting was held, which had the American affair for its purpose. Present were Superintendent Münchmeier, Dr. Kahnis, Dr. Besser, Dr. Br. Lindner, P. Wolff, and still about two or three persons, then the delegates of the Buffalo Synod and I. Here the delegates laid their affair before them, relating the history of the Buffalo Synod from beginning to end. Since they complained especially that the Missouri Synod had received those banned by the Buffalo Synod, etc., I was called upon to say how the Missouri Synod had conceived the matter. And here it was that I gave my testimony, because I had been drawn into this closed preliminary meeting precisely for that reason. Soon the preliminary meeting also recognized that the affair was one on which it could not possibly come to full clearness here. It therefore declared to the delegates that it was willing indeed to answer the questions laid before it, but without any reference to the dispute at hand. It was said: "The application of the answers to your dispute we must leave wholly and entirely to your conscience." The delegates declared themselves satisfied with this, and therefore, quite shortly (for it was already late), the preliminary answering of the propositions was proceeded to, which could naturally not turn out otherwise than No! Thereupon it was resolved not to lay the dispute before the Conference, but only to induce it to answer the questions laid before it.

That was done also on the following day. And when the Conference hesitated to answer thus without further ado, it was declared to it: "It should be done only as if, say, the Pope laid theses before us. We could and would answer them without hesitation, leaving the application, to be sure, to him alone." As often now as voices were raised which wished to take notice of the standpoint of the dispute, so often and emphatically was it declared to them that the Conference could not concern itself here with the controversy of the brethren in America, that no judgment should be passed upon it. Only the propositions laid before it should — because the delegates had asked for it and thought that a service would be done them thereby — be discussed and answered. — Here, then, in the Conference, which would by no means concern itself with the dispute nor pass judgment upon it, I had indeed not only no occasion, but also no room for the defense of the Synod. — The Leipzig letter stands, to be sure, in a certain contradiction to these proceedings. It could consistently have been issued only by the closed preliminary meeting. But the Conference had