Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 24 › Seite 189
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-07-17, Seite 189
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
189
des Heiligen Geistes, die dazu fähig machen, besitzen, die Gabe der Weisheit und Erkenntniß, und die Gabe, zu reden von der Weisheit und von der Erkenntniß (1 Cor. 12, 8.); andererseits muß er diese Gaben erwecken, üben, ausbilden, das heißt: studiren (2 Tim. 1, 6.). Niemand sage, jene Gaben auch ohne deren Ausbildung reichten aus zum Predigtamte; es bedürfe dazu des Studirens nicht, da ja auch die Apostel, wenigstens größtentheils, nicht studirte Leute gewesen und doch durch den Heiligen Geist die tüchtigsten aller Prediger geworden wären (Apostelgesch. 4, 13.). Die Ausrüstung der Apostel und Evangelisten fürs Predigtamt ist eins jener Wunderwerke Gottes, die zur Offenbarung Gottes in Christo gehören und jetzt, da diese Offenbarung für die Zeit bis zum Jüngsten Tage vollendet ist, nicht von uns erwartet werden dürfen. In Zeiten unbedingter Noth und gänzlichen Mangels an studirten Predigern thut Gott sein Gnadenwerk in der christlichen Gemeinde auch jetzt noch durch Gemeindeglieder, welche ihre Predigtgabe eben nicht besonders ausgebildet haben; wollte aber ein dazu begabter Christ, dem Zeit und Mittel zur Erwerbung seiner Gabe bescheert sind, nicht studiren, sondern eine wunderbare Ausrüstung gleich jener der Apostel erwarten, wollten christliche Gemeinden, wie die hiesigen, nicht eifrig dafür sorgen, daß christliche Prediger und Lehrer herangezogen und ausgebildet werden, sondern faul und geizig die Ausführung dieses Werkes einem Wunder Gottes überlassen, so würden sie allerseits eben sowohl geistlich verhungern, wie derjenige leiblich verhungern würde, der faulenzen wollte, weil der Herr Christus die Viertausend und die Fünftausend wunderbar gespeist habe (1 Thessal. 4, 11; 2 Thessal. 3, 10. ff.). Eine der zahlreichsten und mächtigsten schwärmerischen Sekten in England und den Vereinigten Staaten, die Methodisten, achteten lange den christlichen Unterricht der Kinder und namentlich die Erziehung studirter Prediger und Lehrer für unnütz, ja verderblich, weil das Wissen aufblase (1 Cor. 8, 1. vergl. V. 2.); allein als kluge und thatkräftige Leute, wie sie wirklich sind, haben auch sie mehr und mehr diese verkehrte Meinung aufgeben müssen und Colleges und Seminarien zur Ausbildung von Predigern, sogar vielfach Gemeindeschulen errichtet.
Ihr seht selbst ein, daß ihr, um Kirchen und Schulen unter euch zu bauen, gar nicht genug Sorge tragen könnet für Unterhalt und Wachsthum der höheren Schulanstalten in Fort-Wayne und St. Louis, in welchen Prediger und Lehrer für euch und eure Kinder erzogen werden. Andere deutsche Synoden lutherischen Bekenntnisses haben lange und oft vergebens getrachtet nach solchen Colleges und Seminarien, die älteste lutherische Synode dieses Landes sogar mehr als ein Jahrhundert, unsere Synode hat diese Anstalten als Brautschatz und Mitgift erhalten, sogleich als sie zusammentrat, — weh uns, wenn wir diese Güte Gottes, damit Er uns vor Anderen so hoch begnadigt hat, nicht anerkennen, nicht durch sie uns zur Buße leiten lassen, nicht diese Schulen, die mit Recht „hohe“ genannt werden, pflegen und fördern mit liebevollen regsamen Händen! Vernachlässigen wir sie, so mögen wir immerhin in unsrer eignen Mitte die schönsten Kirchen und Schulhäuser errichten; Gott wird uns vor den Anderen darin mit Predigern und Lehrern, mit falschen Propheten strafen, wie sie unter den Anderen noch nicht erhört sind. Betet ihr daher für eure eignen Kirchen und Schulen, so betet auch für die Hohen Schulen in Fort-Wayne und St. Louis, und thut das fleißig und inbrünstig, euch alle für Mitarbeiter in diesen edlen Werkstätten erachtend. Murret nicht, haltet es nicht für Bettelei, wenn man euch auffordert, zum Bau der dazu nöthigen Häuser, zum Unterhalt der Lehrer, zur Bestreitung überhaupt der erforderlichen Kosten freigebig beizutragen: ihr sichert dadurch euch und euren Kindern und Kindeskindern die geistigen und geistlichen Schätze christlicher Bildung und Erziehung, die unschätzbar sind, ein unvergänglicheres Capital und reichere Zinsen, als ihr durch Aufhäufung von Dollars über Dollars erwerben und vererben könnt. Rühmet lieber die Gnade Gottes, der eurer Güter für ein so hohes Werk begehrt!
Die Professoren und Lehrer an euren Hohen Schulen und Seminarien in Fort-Wayne und St. Louis sollen unsere jungen Leute lehren, was und wie sie studiren müssen. Durchaus nöthig daher ist es, daß jene Professoren selber studiren, denn wer nicht selbst in Wissenschaft und Erkenntniß zunimmt, der kann auch nicht Andere zum Wachsthum in Wissenschaft und Erkenntniß anleiten. Zum Studiren gehört Zeit. Daher ist es eure Schuldigkeit, dafür zu sorgen, daß der Unterricht an euren Hohen Schulen und Seminarien unter einer nicht geringen Zahl von Professoren vertheilt und so denselben ausreichende Zeit zum Studiren gegeben wird. Weshalb wolltet ihr denn auch die Zahl eurer Professoren so beschränkt erhalten, daß ihnen vor unaufhörlicher Arbeit keine Zeit zum Studiren übrig bleibt? Etwa um nur wenige Professoren zu besolden und also eures Geldbeutels zu schonen? — Zum Studiren gehört Kraft, auch Kraft des Leibes. Meinet nicht, daß weil ein Landmann oder Handwerker 10 Stunden des Tags schaffen kann, deshalb auch ein Lehrer täglich 10 Unterrichtsstunden zugeben und dann sich noch durch eigenes Studium auf den Unterricht vorzubereiten vermöge. Immerhin mag Jemand einmal eine solche Anstrengung für einige Zeit ausgehalten haben, aber ihr dürft sie niemand auf den Hals legen, denn ihr selbst wollt auch nicht, daß man euch durch übermäßige Arbeit unfähig mache zur Arbeit. Unterrichten hält man hier zu Lande noch einigermaßen für Arbeit, Studiren meistens nicht; man glaubt, Pfarrer oder Professor faulenze, wenn er vielleicht sinnend in seinem Studirzimmer auf- und abgeht oder auch auf einem Spaziergange Stärkung sucht zu erneuter geistiger Anstrengung; und doch, ehe man so hart über die armen Studirenden urtheilt, sollte man es lieber selbst einmal versuchen, einen Vortrag für die Schule zu ersinnen und überhaupt Tage, ja Nächte mit Nachdenken und sonstigen geistigen Arbeiten hinzubringen. Was würde der Landmann, der eben den Saamen mit Wurfschaufel und Sieb zubereitet, sagen, wenn ich ihm zurufen wollte: Halt, Freund, du faulenzest! So wenig wie er bei solchem Vornehmen, so wenig faulenzet der Lehrer oder Prediger, der lesend und denkend den Saamen, die Lehre vorbereitet, die er seinen Schülern oder Zuhörern mittheilen will. — Zum Studiren gehört ein frischer fröhlicher Muth. Ihr könnt es euch ja vorstellen, daß wenn ein Mensch unter drückenden Anfechtungen, z. B. der Nahrungssorgen, dahingeht, ihm geistige Arbeit sehr schwer fallen wird, weit schwerer, als leibliche. Anfechtung allerdings zusammen mit dem Gebet und dem Studiren bildet den Theologen heran, allein ihr, ihr dürft keinem Menschen, also auch keinem Theologen, Professor oder Prediger Anfechtung bereiten, dürft es nicht einmal zulassen, daß irgend Jemand, der an oder für euch arbeitet oder überall euch nahe steht, in Anfechtung, z. B. in Nahrungssorgen geräth: Anfechtung aufzulegen und zuzulassen ist ein Vorrecht Gottes, davon Er nimmer noch ein Tüttel irgend einem Menschen überlassen hat, und wer da duldet oder gar bewirkt, daß sein Lehrer oder Seelsorger in Anfechtung geräth, setzt sich damit auf Gottes Thron. Möchtet ihr das? Man wundert, ja vielmehr man ärgert sich darüber, daß ein Studirter nicht auskommen kann mit einer Einnahme, welche Anderen vielleicht genügt, selbst mehr als genügt. Allein des Studirten eigne Vorbereitung auf Schulen und Universitäten erforderte schon bei Weitem größere Kosten als irgend die Vorbereitung zu einem anderen Beruf, z. B. dem eines Handwerkers; des Studirten Leben und Arbeit bringt eine Menge Bedürfnisse mit sich, welche Anderen nicht so stark sich aufdrängen; seine Bildung versetzt ihn ganz von selbst unter die höher gebildeten Stände und fordert daher auch eine dieser Stellung entsprechende Lebensweise. Eure Professoren, Prediger und Lehrer sind in dies Land gekommen mit dem Entschluß, um der Arbeit willen an euren und eurer Kinder Seelen, wenn es Gottes Wille ist, Noth und Mangel, auch den Mangel an dem der eignen Stellung und Bildung entsprechenden Schmuck des Lebens zu ertragen, aber nur Gott, Gott allein darf solches von ihnen fordern, nicht ihr: ihr seid verpflichtet, ihnen wenigstens ein solches Leben zu verschaffen, wie es hier andere rechtschaffene Leute ihrer Bildung führen, damit ihr an eurem Theile sie nicht hindert, mit frischem und fröhlichem Muthe zu studiren. Thut ihr das nicht, so wird es bald unter euch keine rechten Prediger und Lehrer mehr geben.
Die lieben Leser hören fortdauernd und von allen Seiten die Klage über den großen Mangel an rechten Predigern und Lehrern. Durch Gottes Gnade werden allerdings jährlich eine ganze Reihe von deutschen Gemeinden mit Predigern und Lehrern versorgt, welche entweder von liebreichen Glaubensgenossen in Deutschland herübergesandt oder auf unseren Seminarien in Fort-Wayne und St. Louis gebildet worden sind, allein vieler Gemeinden Wunsch und Bitte um Zusendung von Hirten kann leider nicht erfüllt werden und mancher stark bevölkerte Platz in der Nähe unserer Gemeinden muß unbesucht bleiben. Der Mangel, den diese Glaubensgenossen leiden, ist auch für die Gemeinden, welche mit guten Predigern und Lehrern versorgt sind, ein Leiden (1 Cor. 12, 26.) und erweckt nicht minder in ihnen das Verlangen, demselben ein Ende zu machen
English translation AI translation
189
of the Holy Ghost that make him fit for it, the gift of wisdom and knowledge, and the gift of speaking of wisdom and of knowledge (1 Cor. 12, 8.); on the other hand he must stir up these gifts, exercise them, develop them, that is: study (2 Tim. 1, 6.). Let no one say that those gifts, even without their cultivation, were sufficient for the ministry; that there is no need of study for it, since the apostles also, at least for the most part, were not learned men, and yet through the Holy Ghost became the most capable of all preachers (Acts 4, 13.). The equipment of the apostles and evangelists for the ministry is one of those wonderful works of God which belong to the revelation of God in Christ and which, now that this revelation is completed for the time until the Last Day, may not be expected of us. In times of absolute necessity and complete lack of educated preachers, God still even now does His work of grace in the Christian congregation through members of the congregation who have not especially cultivated their gift of preaching; but if a Christian endowed for it, to whom time and means for the acquiring of his gift have been granted, were unwilling to study, and instead to expect a miraculous equipment like that of the apostles, if Christian congregations, such as those here, were not zealously to see to it that Christian preachers and teachers are trained and educated, but lazily and covetously to leave the accomplishment of this work to a miracle of God, they would all alike starve spiritually, just as that man would starve bodily who wanted to be idle because the Lord Christ fed the four thousand and the five thousand miraculously (1 Thess. 4, 11; 2 Thess. 3, 10. ff.). One of the most numerous and powerful fanatical sects in England and the United States, the Methodists, for a long time regarded the Christian instruction of children, and especially the education of learned preachers and teachers, as useless, indeed harmful, because knowledge puffeth up (1 Cor. 8, 1. cf. v. 2.); but as shrewd and energetic people, such as they really are, they too have more and more had to give up this perverse opinion, and have established colleges and seminaries for the training of preachers, and indeed in many places congregational schools as well.
You see for yourselves that, in order to build churches and schools among you, you cannot take enough care for the maintenance and growth of the higher institutions of learning in Fort Wayne and St. Louis, in which preachers and teachers are being trained for you and your children. Other German synods of the Lutheran confession have long and often striven in vain after such colleges and seminaries, the oldest Lutheran synod of this country for more than a century; our Synod received these institutions as a dowry and marriage portion, immediately when it came together, — woe to us if we do not acknowledge this goodness of God, with which He has so highly favored us above others, if we do not let it lead us to repentance, if we do not cherish and promote with loving, active hands these schools, which are rightly called "high" schools! If we neglect them, we may in the meantime build in our own midst the most beautiful churches and school-houses; God will punish us before the others therewith, with preachers and teachers, with false prophets, such as are not heard of among the others. Therefore, as you pray for your own churches and schools, so pray also for the High Schools in Fort Wayne and St. Louis, and do so diligently and fervently, regarding yourselves all as fellow-laborers in these noble workshops. Murmur not, count it not begging, when you are called upon to contribute liberally to the building of the houses needed for it, to the support of the teachers, to the defraying generally of the necessary costs: thereby you secure for yourselves and your children and children's children the intellectual and spiritual treasures of Christian culture and education, which are inestimable, a more imperishable capital and richer interest than you could gain and bequeath by heaping up dollars upon dollars. Rather praise the grace of God, who desires of your goods for so high a work!
The professors and teachers at your High Schools and seminaries in Fort Wayne and St. Louis are to teach our young people what and how they must study. It is therefore absolutely necessary that those professors themselves study, for he who does not himself increase in science and knowledge cannot lead others to growth in science and knowledge. Study requires time. Therefore it is your duty to see to it that the instruction at your High Schools and seminaries is divided among a not inconsiderable number of professors, and thus sufficient time for study is given to them. Why then would you keep the number of your professors so limited that for unceasing labor they have no time left for study? Perhaps in order to pay only a few professors, and so to spare your purse? — Study requires strength, strength of body also. Do not think that because a farmer or tradesman can work 10 hours a day, therefore a teacher also can give 10 hours of instruction daily and then further prepare himself for the instruction by study of his own. At any rate, someone may once have endured such an exertion for some time, but you must not lay it upon anyone's neck, for you yourselves also do not want to be made unfit for work by excessive labor. Teaching is still considered here in this country as work to some extent, studying mostly not; people think a pastor or professor is idling when he perhaps walks up and down in his study musing, or seeks refreshment on a walk for renewed mental exertion; and yet, before one judges so harshly the poor students, one should rather try it once himself, to devise a lecture for the school and, in general, to spend days, yes nights, in meditation and other intellectual labors. What would the farmer, who is just preparing the seed with winnowing-shovel and sieve, say, if I were to call out to him: Stop, friend, you are idling! As little as he in such an undertaking, so little does the teacher or preacher idle, who reading and thinking prepares the seed, the doctrine, which he wishes to impart to his scholars or hearers. — Study requires a fresh, cheerful spirit. You can well imagine that when a man goes about under oppressive trials, e. g. cares about daily bread, mental labor will fall very hard upon him, far harder than bodily labor. Trial indeed, together with prayer and study, makes the theologian, but you, you must not cause trial to any man, therefore not to any theologian, professor or preacher, must not even permit that anyone who works for you or on your behalf or stands near you at all, falls into trial, e. g. into cares about daily bread: to lay on and to permit trial is a prerogative of God, of which He has never yet left a tittle to any man, and whoever tolerates or even brings it about that his teacher or pastor falls into trial, sets himself thereby upon God's throne. Would you do that? People wonder, yes rather they are vexed, that a learned man cannot get along with an income which perhaps suffices others, even more than suffices. But the learned man's own preparation at schools and universities required far greater costs by much than any preparation for another calling, e. g. that of a tradesman; the life and work of the learned man bring with them a multitude of needs which do not press upon others so strongly; his education places him quite of itself among the more highly educated classes and therefore also demands a manner of life corresponding to this position. Your professors, preachers and teachers have come into this country with the resolve, for the sake of the work upon your souls and your children's, if it is God's will, to bear want and privation, also the lack of the adornment of life corresponding to their own station and education, but only God, God alone may demand such of them, not you: you are bound to procure for them at least such a life as other honest people of their education lead here, that you for your part may not hinder them from studying with fresh and cheerful spirit. If you do not do this, there will soon be no proper preachers and teachers among you any more.
The dear readers hear continually and from all sides the complaint about the great lack of proper preachers and teachers. By God's grace a whole number of German congregations are indeed provided every year with preachers and teachers, who have either been sent over by loving fellow-believers in Germany or have been trained in our seminaries in Fort Wayne and St. Louis; but the wish and request of many congregations for the sending of shepherds cannot, alas, be fulfilled, and many a populous place in the neighborhood of our congregations must remain unvisited. The want which these fellow-believers suffer is also for the congregations which are provided with good preachers and teachers a suffering (1 Cor. 12, 26.) and awakens no less in them the desire to put an end to it