Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 11 › Seite 205

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. Mai 1916, Seite 205

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8er Vutherane⸗

205

Eine mutige und zugleich freundliche und sanftmütige Be⸗
sträfung und deren herrliche Frucht. Wir lasen kürzlich: Ein
amerikanischer Humorist hatte in einer witzigen Erzählung sich
einer Anspielung auf Worte der Heiligen Schrift bedient, wodurch
diese Gottesworte also zum Gegenstand des Gelächters gemacht
wurden. Ein lutherischer Pastor schrieb deswegen an ihn und
tat ihm Vorhalt darüber, daß so Gottes Wort gemißbraucht, und
bei dem heranwachsenden Geschlecht die Scheu vor Gottes Wort
untergraben werde. Darauf bekam er von dem Humoristen dieses
Schreiben: „Ich muß sagen, Ihre Anschauung ist eine so durch⸗
aus richtige, daß ich keine Gründe dagegen habe, auch gar nicht
das Herz habe, solche zu suchen. Es war ja nicht meine vor—
sätzliche Absicht, mit dem kleinen Artikel zu verletzen. Ja, ich
muß mit Betrübnis sagen, es geschah gedankenlos, ohne darüber
nachzudenken, ob es Argernis geben würde. Das Wort fiel mir
gerade ein, und ich machte Gebrauch davon, gerade wie ich einen
Kalender, ein gesetzliches Formular oder sonst etwas gebrauchen
würde. Ihre freundliche Annahme, daß ich ja nicht absichtlich
irgend jemandem ein Körnlein seiner Scheu vor der Heiligen
Schrift rauben möchte, ist ganz richtig. Der Glaube, der unsern
Müttern Trost gewährte, wenn auch leider weniger vielen von
uns Gedankenlosen und deswegen weniger Glücklichen der gegen—
wärtigen jüngeren Generation, muß unverletzt bleiben. Ihr Brief
ist wertvoll, weil er mich nötigte, die Sache von dieser Seite an⸗
zusehen; und wenn es Ihnen eine Freude macht, es zu hören, so
will ich hier sagen, daß ich mich in Zukunft ängstlichst hüten werde,
solche Scherze zu machen, durch welche irgend jemand auch nur im
geringsten geärgert und um seine Hochachtung vor der Schrift ge⸗
bracht wird. Solche Briefe wie der Ihrige sind eine Wohltat.“ —
Dieser Vorfall erinnert uns an drei Dinge. Erstens sollen wir
uns wieder daran erinnern, daß Witze auf Kosten des Wortes
Gottes eine Ungehörigkeit sind, wenn sie auch nicht aus Bosheit
geschehen. Solche Witze sind auch sehr billig; es läßt sich eben
nichts leichter lächerlich machen, als was gar nicht lächerlich, son⸗
dern heilig und erhaben ist. Solche Witze zeugen nicht von Hoch⸗
achtung gegen Gottes Wort und erzeugen auch keine bei dem, der
sie hört oder Zum andern sollen wir wieder daran denken,
was für eine Wohltat und Erweis der Liebe das ist, wenn man
mit Ernst und mit sanftmütigem Geist zugleich einem Bruder
seine Sünde vorhält, die brüderliche Bestrafung übt, an die unser
scheues Fleisch nicht dran will. Und drittens sehen wir auch, wie
dankbar solche Bestrafung oft aufgenommen wird. Wer aus der
Wahrheit ist, gibt der Wahrheit Beifall. „Der Gerechte schlage
mich freundlich und strafe mich; das 415 mir so wohl tun als ein
Balsam auf meinem Haupte“, Ps. 141, E. P.

Das Beiblatt zum „Lutherischen Kirchenboten für Austra⸗
lien“ bringt aus New South Wales die Nachricht: „Die Regie—
rung hat beschlossen, den naturalisierten Deutschen dieses Staates
für die Dauer des Krieges das ihnen kraft ihrer Naturalisation
zuerkannte Stimm- und Wahlrecht zu entziehen. Eine Gesetz—
vorlage dieses Inhalts ist dem Parlament vorgelegt worden und
wird ohne Zweifel angenommen werden.“ E. P.

Die Britische und Answärtige Bibelgesellschaft hat eine
Sendung von 260,000 Bibeln im Gewicht von elf Tonnen an die
Kriegsgefangenen in Rußland geschickt. Es waren das Bibeln in
der deutschen, ungarischen, polnischen und böhmischen Sprache.
Das ist jedenfalls das Nützlichste, was Christen solchen Kriegs—
gefangenen schicken können. Zeit zum Lesen haben diese Leute ja
auch, und manch einer wird auch wohl in der ihm gereichten Bibel
lesen, wenn auch vielleicht nur aus Langweile oder Neugierde.
So wird ihnen Gottes Wort nahegebracht. Und das Wort Gottes
ist lebendig und kräftig, ist Geist und ist Leben. Der Geist Gottes
im Wort kann und mag an manch einem durch das gelesene Wort
sein bekehrendes und seligmachendes Werk tun. Es wäre nicht

das erste Mal, daß Gottes Wort seine Kraft bewiese nicht nur an
den Herzen solcher, die aus bloßer Langweile und Neugierde die

Bibel lesen, sondern sogar an solchen, die sie lesen mit Haß und

Feindschaft gegen sie im Herzen, um so Stoff zu suchen, die Bibel
zu widerlegen, zu verspotten und lächerlich zu machen. Wenn die
Leute nur erst einmal das Wort hören oder lesen, dann wird dem
Wort Gelegenheit gegeben, seine göttliche Kraft zu beweisen.
„Der Geist ist's, der da zeuget, daß Geist Wahrheit ist“, 1 Joh.
5, 6. Wie Paulus, als etliche Christum predigten „um Haß
und Haders willen“, „aus Zank, und nicht lauter; denn sie
meinen, sie wollen eine Trübsal zuwenden meinen Banden“
(Phil. 1, 15 f.), doch sagt: „Was ist ihm aber denn? Daß nur
Christus verkündigt werde allerlei Weise, es geschehe zufalls oder
rechterweise, so freue ich mich doch darinnen und will mich auch
freuen“, V. 18, das gilt auch von dem gedruckt den Leuten nahe⸗
gebrachten Gotteswort. E. P.
Gegen die überspannung des nationalen Gedankens auf reli⸗
giösem Gebiet, vor welcher wir von Anfang des Krieges an oft
gewarnt haben, wendet sich erfreulicherweise der kirchliche Rund—
schauer der „Kreuzzeitung“ in folgenden Sätzen: „Hand in Hand
mit der Entleerung des christlichen Glaubens geht die über⸗
spannung des nationalen Gedankens auf religiösem Gebiete. Es
ist kaum zu glauben, was in dieser Beziehung von Zeitungsschrei⸗

bern, aber auch von christlichen Predigern geleißaird. Daß
der Tod für das Vaterland unterschiedslos als ste ährung
des christlichen Glaubens verherrlicht, daß deneyl die dem Vider⸗

lande bis in den Tod getreu waren, ohne welteres die Krom 1˙ A
ewigen Lebens verheißen wird, ist etwas ganz Gewöhnkiches

eine christliche Anschauung ist es schon nicht. mehr zu Hrsehen. „

wenn der Tod auf dem Schlachtfelde mit dem. Lode unsers Er⸗⸗
lösers am Holz des Fluches in Parallele gestellt verglichenj wird.
Auch die Gleichstellung vaterländischer Worte bon⸗Fichte. Schleier⸗
macher und Ernst Moritz Arndt mit den Textabschnitten aus der
Heiligen Schrift in einer weitveybreikten. Kriegsagende und die
Ersetzung von Chorälen durch Paterlandslieder⸗ ist ein bedauer⸗
licher Mißgriff. Daß ein b'kannter Thealög ungesichts der
Waffenbrüderschaft mit den * Religion des Islam fast
auf eine Stufe mit dem Christe aeu nichts mehr von
einer Mission an den Mohammedanerit Wise en will Asʒ ein Beweis
dafür, wohin die überspannung des natid Gedankens auf
religiösem Gebiete führt.“ — Man wird aber us möchten wir
dieser Bemerkung der „Kreuzzeitung“ hinzufügen — dieser über—
spannung und ihren verhängnisvollen Folgen nur dann wirksam
steuern können, wenn man auf Grund des unfehlbaren Schrift⸗
wortes klar scheidet Weltreich und Christi Reich und letzteres auf
Grund der Rechtfertigungslehre recht faßt als die Gemeinde der
Heiligen, das ist, der durch den Glauben Gerechtfertigten, in
allerlei Volk. Diese Internationalität streitet nicht gegen den
gesunden Patriotismus, welcher auf der Erkenntnis beruht, daß
gerade auch Christen ihrer von Gott ihnen gesetzten Obrigkeit Ge—
horsam schulden und für die unverdienten Wohltaten, die wir
Deutschen vor andern Völkern genießen, dankbar sein müssen.
(Freikirche.)

—3—9—————

Der Mutter wegen.
Von P. Rennecke.

Wenn man ein wenig in der Welt herumgekommen ist, Leute,
die im Gebirge wohnen, kennen gelernt hat und auch Bewohner
des Flachlandes sowie diejenigen am Meeresgestade, so wird es

einem alsbald auffallen, daß sie nach der Umgebung, in welcher

sie herangewachsen sind, im allgemeinen in Temperament-⸗ und
Charakteranlagen unterschieden sind. Ist der Bergbewohner

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