Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 13, Nummer 3 › Seite 18

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. September 1856, Seite 18

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Chiliasmus 6

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Denn dieser Artikel, im Concilio zu Costnitz ver-
dammt, ist neben andern Irrthümern des ver⸗
dammten Johannis Huß, und widerspricht gaͤnzlich
dem Evangelio. Denn da lieset man, wie Jo⸗
hannes der Täufer habe verglichen die Kirche
einer Tennen, welche Christus feget mit seiner
Wurfschaufel, und sammelt den Weizen in seine
Scheuern, die Spreu aber verbrennt er mit ewi⸗
gem Feuer, Matth. 3. Was bedeutet aber die
Spreu auders, als die Bösen, und der Weizen
anders, denn die Guten? Und Christus ver⸗
gleicht die Kirche einem Netze, darin gute und
böse Fische sind, Matth. 13; item, Christus ver-
gleichet seine Kirche zehen Jungfrauen, deren
fünf weise und fünf thöricht waren, Matth. 25.
Deshalben dieser Artikel der Confession mit nich⸗
ten kann angenommen werden.“*) (S. Luthers
Werke. Hallische Ausgabe, Tom. XVI, Seite
12²⁷.)

Die Papisten merkten wohl, wenn die Lehre
gelten sollte, daß die Kirche „eigentlich die Ge-
meinde der Heiligen“ sei und daß zu ihr kein Un⸗
bekehrter gehöre, dann könnten sie nicht mehr
schreien: Gehorche dem Pabst, gehorche dem
Bischof, denn gesetzt auch, sie wären für ihre
Person unheilig, so sind sie doch Häupter und
Glieder der Kirche; die Kirche aber muß man
hören (Matth. 18, 17.), ihr gehorsam sein und
sich ihrem Bann unterwerfen. 4)

Wie vertheidigt sich nun zuerst die Apologie
der Augsb. Conf. gegen diesen Angriff? Sagt
sie etwa, unter den „Gläubigen und Heiligen,“
aus denen nach der Confession die Kirche bestehe,
seien alle zu verstehen, welche sich zur rechten
Lehre der rechten Kirche äußerlich halten? oder,
die Heuchler seien nur keine wahren Glieder der
unsichtbaren Kirche, aber doch wahre Glie-
der der wahren sichtbaren Kirche? — Mit
nichten! In der Apologie wird die von uns
angedeutete Lehre der Augsb. Conf. nur noch
klarer, noch deutlicher und für die Papisten, die
auf die sichtbare Kirche von Guten und
Bösen pochten, noch anstößiger ausgesprochen
und vertheidigt.

Erlaubte es uns der Raum, so würden wir
am liebsten den ganzen Abschnitt der Apologie,
welcher von der Kirche handelt hierher setzen,
denn wir müssen gestehen, daß die Lehre von der
Kirche nirgends in einer menschlichen Schrift so

*) Wie die Papisten hier gegen die Augsburgischen Be⸗
kenner reden, gerade so reden jetzt unsere Gegner gegen uns,
und wüßten dieselben nicht, wie die Augsb. Conf. redet, so
würden wir, wenn wir auch gerade so redeten, wie diese, die
selbe Antwort von ihnen darauf erhalten, welche einst die
Augsburgischen Bekenner von den Papisten erhielten. Daß
wir damit unseren Gegnern nicht zu viel thun, geht daraus
hervor, daß sie die Schrift: „Die Stimme unserer Kirche
über Kirche und Amt,“ die doch nichts enthält, als Zeugnisse
unserer rechtgläubigen Väter, als ein Buch verlästert haben,
in welchem fast nichts als falsche unlutherische schwarmgeiste⸗
rische und uuionistische Lehre von Kirche und Amt enthalten
sei. D. L.

1) Daher schrieb auch Luther, als später wieder eine
Bergleichung mit den Papisten angestellt werden sollte, nebst
1J anderen lutherischen Theologen im J. 1540 in einem Be⸗
denken also: „Von der Kirchewerdensie streiten,
Kirche heißt auch der gottlose Haufe, der im
Amte ist; welches sie darum streiten, daß sie
die Verheißung aufsiich deuten mögen. Dit
Kirche werde nicht verlassen, könne nicht irren.“ (Tom.
XVII, S. 413.)

klar und so herrlich ausgefuͤhrt ist. So lange
man freilich mit falschen Vorstellungen von der
Kirche angefüllt und von ihnen befangen an die
Lesung der Apologie geht, so ist sie dem Leser sehr.
unbefriedigend und es scheint ihr dann sowohl
der rechte Zusammenhang als die nöthige Distink⸗
tion zu fehlen. Denselben Eindruck bekamen
auch wir selbst fruͤher, als wir noch in falschen
stephanistisch; romanistischen Vorstellungen von
der Kirche gefangen waren. Auch wir suchten
eine Kirche in der Apologie, die uns selbst bisher
vorgeschwebt hatte, nehmlich eine sichtbare recht-
gläͤubige Kirche, welche die eigentlich so genannte
Kirche, der Leib und die Braut Christi sein sollte,
außer welcher kein Heil sei. Wir konuten aber
nimmer eine solche Kirche herauslesen; immer
wollten die Ausdrücke der Apologie in das Ganze
unserer Vorstellung nicht passen; so daß wir oft
fast unwillig wurden, weil wir in unserer Ver⸗
fehrtheit den Mangel an Klarheit in der Lehre,
woran wir selbst litten, der Apologie zuschrieben.
Als wir aber endlich an unserer Weisheit ver⸗
zagten, da uns die Erfahrung im Leben
nöthigte, den rechten Kirchenbegriff erst zu suchen;
als wir endlich vorurtheilsfrei und ohne die ge-
malte Brille unserer vorgefaßten Meinungen an
das Lesen der Apologie gingen: da sahen wir
endlich deutlich und mit Freuden, wie herrlich
alles, was die Apologie von der Kirche sagt, har⸗
monire. Wir hatten immer gemeint, wenn man
davon ausgehe, daß die Kirche im eigentlichen
Sinne des Wortes nicht die sichtbare rechtgläu⸗
bige, sondern die unsichtbare über den ganzen
Erdboden zerstreute Gemeinde aller Wiederge⸗
borenen sei, so führe das nothwendig zu Unionis⸗
mus, zu Kirchen-und Religionsvermengung und
zu Verckchtung der sichtbaren rechtgläubigen
Kirche; endlich aber sahen wir ein, daß dieß
keinesweges der Fall sei, sondern daß man eben
beides festhalten müsse: 1. daß die Kirche
Christi, außer welcher schlechterdings keine Selig-
keit zu fiuden sei, die im lebendigen Glauben an
Christum geistlich und unsichtbar versammelte
und verbundene Gemeinde der Heiligen sei, und
2. daß aber ein Christ sich nur da an einen
Haufen von Christen anschließen dürfe, wo die
Kirche durch das Kennzeichen des reinen Wortes
und der unverfalschten Sacramente sich offenbare,
nicht aber an solche Schaaren von Getauften,
die sich um das Panier eines verfaͤlschten Glau⸗
bens versammeln. Wir können nicht sagen,
welche Freude es uns machte, unserer sichtbaren
lutherischen Kirche, die wir als die allein recht⸗
gläubige mit göttlicher Gewißheit erkannt hatten,
fort und fort treu anhangen zu können, ja zu
müssen, ohne uns doch das Herz zusammenschnü⸗
ren lassen, und verdammungssüchtig werden,
nehmlich ohne annehmen zu müssen, die sichtbare
luth. Kirche sei die Eine heilige christliche catho⸗
lische Kirche, das ganze Erbe Christi auf Erden,
außer welchem es keine Kirche Christi und darum
auch keine wahren Christen, keine Glaubensbrü⸗
der, keine Kinder Gottes, keine Anserwählten
gebe. Seit wir die Apologie ohne Vorurtheil
lesen und darum nicht miehr unsere eigenen Ge⸗
dauken hinein⸗, sondern die wahren darin nieder-
gelegten Gedanken unserer Kirche von der Kirche

herauslesen wollen, ist uns die Apologie ein wah⸗
res Paradies geworden, in dem wir uns mit
Herzenslust ergehun; denn sie macht uns froöͤhlich
in treuer Anhänglichkeit an unsere theure sichtbare
rechtgläubige ev.-luth Kirche und erweitert uns
dabei doch das Herz, daß wir nicht allenthalben
außer derselben lauter Feinde Christi und Ver⸗
lorene erblicken, sondern vielmehr allenthalben,
wo Gottes Wort und Sacrament noch wesentlich
bleibt, auch Christi Kirche im Glauben sehen.
So lange freilich ein Mensch ohne Anfechtung
von innen und außen in guter Ruhe müßig über
den Begriff der Kirche speculirt, da mag er mei⸗
nen, daß die Apologie die Lehre von der Kirche
mindestens sehr unvollständig vorträgt, wird man
aber durch das Leben selbst zu der Frage getrie⸗
ben: Was ist eigentlich die Kirche? wo ist sie?
wer gehört zu ihr? ist die Gemeinde, in welcher
du stehst, auch wirklich eine Kirche? gehörst du
selbst zu ihr? ꝛc. — dann sieht man mit Freuden,
daß gerade die Apologie die rechte, befriedigende,
evangelisch-tröstliche, alle Schwierigkeiten lösendt
Antwort gibt. Oft machten wir früher den Ver⸗
such, bei dem Begriff von Kirche, welchen wir,
wie jetzt die romanisirenden Lutheraner, hatten,
uns ein System aufzusetzen, in welchem alle Er⸗
scheinungen der Kirche ihren rechten Platz bekä⸗
men, aber immer mußten wir die Feder wieder
hinweglegen, Vieles wollte sich nirgends ein⸗ und
unterordnen lassen, nie kamen wir mit unserem
Erempel zu einem erprobten Facit, immer blieben
Widersprüche ungelöst — bis wir endlich die
Apologie mit der demuͤthigen Frage lasen: Was
ist Wahrheit? — Da kamen wir endlich zur
Klarheit und Gewißheit.

Die Quintessenz der symbolischen Lehre von
der Kirche ist in folgender Stelle der Apologie
enthalten, worin auf die oben angeführten in der
papistischen Confutation gemachten Ausstellungen
also geantwortet wird:

„Wiewohl nun die Bösen und gottlosen Heuch⸗
ler mit der rechten Kirche Gesellschaft haben in
äußerlichen Zeichen, im Namen und
Aemtern, dennoch, wenn man eigentlich
reden will, was die Kirche sei, muß man
von dieser Kirche sagen, die der Leib Christi
heißt und Gemeinschaft nicht allein in äußerlichen
Zeichen, sondern die Güter im Herzen hat, den
hl. Geist und Glanben. Denn man muß
je recht eigentlich wissen, wodurch wir Gliedmaß
Christi werden und was uns macht zu lebendigen
Gliedmaßen der Kirche. Denn so wir würden
sagen, daß die Kirche allein eine äußerliche Po⸗
licey *) wäre, wie andere Regiment, darinnen
Böse und Gute wären ꝛc.: so wird niemand
daraus lernen noch verstehen, daß Christi Reich
geistlich ist, wie es doch ist, darinnen Christus
inwendig die Herzen regiert, stärket, tröstet, den
hl. Geist und mancherlei geistliche Gaben aus⸗
theilt. Sondern man wird gedenken, es
sei eine äußerliche Weise, gewisse
Ordnungeetlicher Ceremonien und

*) Das heißt, ein äußerliches Gemeinwesen, wie der bür⸗
gerliche Staat, zu dem Gute und Böse, nehmlich alle gehören,
dit auf seinem Gebiet und unter seinen Gesetzen leben.

D. L.

English translation

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