Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 18, Nummer 22 › Seite 170

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 11. Juni 1862, Seite 170

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Da es sich bei unserem l. Wolf bald heraus·
stellte, daß er überwiegende Gaben und Neigung
für den Lehrerberuf an einer Gemeindeschule hatte,
so wurde er zu meinem Gehülfen im Weiden der
Lämmer von meiner Gemeinde und mir berufen
und trat sein Amt am 1. Januar 1847 an.
Es war damals meine Gemeinde viermal kleiner
als jetzt, so daß er allein eine gemischte Schule,
nämlich Kinder von allerlei Alter und Bildungs-
stufen zwischen dem 6ten und 14ten Jahre gleich⸗
zeitig zu versorgen hatte. Mit dem Wachsen der
Gemeinde mehrte sich natürlich auch die Zahl
der Schulkinder, so daß die Berufung mehrerer
Lehrer nöthig wurde, deren wir jetzt vier haben,
drei in der Stadt und einen auf dem Lande.
Jene haben in drei verschiedenen Klassen Kinder,
in je einer von demselben Alter und demselben
Grade des Wissens und Könnens. Unserm lie⸗
ben Wolf waren die Kleinen zugetheilt, Kinder
zwischen 6 und 8 bis 9 Jahren, damit von ihm,
als einem erkenntniß- und erfahrungsreichen
Christen und zugleich geübten und geschickten Leh⸗
rer, sonderlich in der biblischen Geschichte, die
großen Thaten Gottes gegen die Menschenkinder in
mündlicher Erzählung aus lebendiger Glaubens⸗
anschaunng heraus in die zarten und empfäng⸗
lichen Herzen der Lämmer Christi möglichst tief
und nachhaltig eingeprägt und somit zugleich der
rechte Grund fur die spätere Lehre des Katechis ⸗
mus gelegt würde.

Nicht minder erschien uns wichtig, daß von
ihm gerade diese angehenden Schulkinder, von de⸗
nen er zuletzt etwa 70 Vormittags und 60 Nach-
mittags unterrichtete, mit christlicher Liebe und
Weisheit zu und in der Schule gewöhnt und ge⸗
zogen würden.

Wie treu und tüchtig er sich nun überhaupt
während seiner 15jährigen Dienstzeit in Lehre
und Zucht gegen seine Schulkinder erze igte, und
welche lie bliche Frucht der Erkenntniß und eines
sittigen züchtigen Wesens in ihnen daraus er⸗
wuchs, davon legten nicht nur die jährlichen
Schulprüfungen ein redendes Zeugniß ab, sondern
jeder Mensch, der etwa zufällig seinen Lehr⸗
stunden beiwohnte, konnte sich davon genugsam
uͤberzeugen. Und wie viele seiner bereits heran-
gewachsenen früheren Schulkinder, die zum Theil
schon Eheleute, junge Väter und Mütter sind —
wie viele derselben ihren Glauben an Christum
durch die Liebe und andere christliche Tugenden
erzeigen, die haben diese Frucht der Gerechtigkeit
auch seiner reinen Lehre göttlichen Wortes und
seiner trenen christväterlichen Zucht und Pflege
zu verdanken, die sie in ihren Schuljahren von
ihm gehört und erfahren haben. Auch sind deren
genug vorhanden, die solche Wohlthat und Gnade
Gottes mit eigenem Munde gelegentlich bezeugt
haben.

Da nun Sprüchw. 10, 7. geschrieben steht:
„DasGedächtniß der Gerechten bleibet im Segen“,
so sollen nachfolgende Zeilen dazu dienen, in dank⸗
barer Liebe, aber durchaus der Wahrheit gemäß,
ohne alle fleischliche Loberei und Schönrederei,
das Gedächtniß auch dieses Gerechten ehren und
erhalten zu helfen.

Was unn zunächst seine herrschende Gesinnung
betrifft, so war er in That und Wahrheit ein

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Gerechter, das ist, ein Christenmensch, der seines
Glanbens lebte und deshalb auch ein recht⸗
schaffener Lutheraner. Denn durch die reine
evangelische Lehre von der Rechtfertigung war
das krankhafte pietistische, gesetzlich -werkerische
gefühlige Wesen, damit wir Christen unserer Zeit
im Aufang wohl alle behafter sind, gründlich aus⸗
kurirt. — Der Herr Christus allein, den er auch
ohne alles Fühlen der Gnade, ja wider das Füh⸗
len des göttlichen Zornes im Gesetz, im ein—
fältigen Glauben des Evangelii festhielt —
Er allein war seine Gerechtigkeit in der Sünde,
sein Friede in der Anfechtung, sein Trost in der
Trübsal, sein Reichthum in der Armuth, seine

Kraft in der Schwachheit und wie es sich auch

zuletzt herausstellte, sein Leben im Sterben.
Aus diesem Glauben floß nun auch seine recht⸗
schaffene, echte, evangelische Gottseligkeit und
sonderlich seine große Treue, mit der er seines
Berufes als Schullehrer und Hausvater wartete
und auch als christlicher Bruder und Freund die⸗
selbe Gesinnung offenbarte.

Treu war er in der Ausübung seines Lehrer⸗
berufs; denn er war darin beharrlich im Ge⸗
horsam gegen Gottes Wort und Willen, der ihn
zum Weiden der Lämmer Christi gesetzt hatte;
und nicht minder war er beharrlich in der Liebe
Christi zu diesen ihm befohlenen Kindern. Er war
kein bloßer Schullehrer oder gar Stundengeber,
sondern hatte ein väterlich Herz zu seinen Schul-
kindern, und in Kraft der Guade und des Glau⸗
bens vermochte er es, mit möglichst gleichmüthi⸗
gem freundlichen Ernst sie zugleich zu lehren und
zu erziehen, und zwar also, daß das vierte Gebot
allem zu Grunde lag. Und daraus erfolgte denn
auch die heilsame und liebliche Frucht, daß seine
Schulkinder eine ebenso ehrerbietige Scheu als
herzliche Liebe zu ihm hatten.

Mit vorzüͤglichem Geschick wußte er die bibli⸗
sche Geschichte zu handeln. Seine einfältige Er⸗
zählung der Gnaden- und Strafthaten Gottes
traf von selbst ohne besondere Nutzanwendung
das Herz und Gewissen seiner noch zarten Kinder;
und ebenso drückte sich tiefer ihrem Gemüthe ein,
wenn er ihnen erzählte, wie sich die Menschen zu
jenen göttlichen Thaten verhielten, sei es, daß sie
in Kraft der Gnade Glauben und Gehorsam er—
zeigten, oder der Gnade widerstrebten und den
angeborenen Unglanben und Ungehorsam um so
kräftiger ausbrechen ließen. Und hierin, so wie in
dem Offenbarwerden des natürlichen Unglaubens
und Ungehorsams der Menschen, das uns die hei⸗
lige Geschichte berichtet, ließ er es nicht an eini⸗
gen kurzen und schlagenden Anwendungen fehlen,
damit die Kinder daraus ihr erbsündliches Ver⸗
derben um so besser zu erkennen vermöchten.

Eben so wenig aber unterließ er es auf der
andern Seite, ihnen Christum, auch als ihren
Heiland, recht einfältig vor die Augen zu malen,
damit sie immer mehr lernten, ein Herz zu ihm
zu fassen und durch den Glauben stetiglich Ver⸗
gebung der Sünden von ihm zu holen.

Was seine Schulzucht anbetrifft, so hatte er
viel und mancherlei Strafen nicht nöthig. Da er
in der Furcht Gottes seines Amts wartete, seines
vor Gott hohen und edlen Berunfs stets ein⸗
gedenk war und eine feste Haltung und sichgleich ·

bleibende ernste Freundlichkeit in seiner ganzen
Art und Weise, mit den Kindern zu handeln,
an den Tag legte, so wirkte dies mehr und heil⸗
samer auf dieselben, als es allerlei Strafen ver⸗
mocht hätten. Doch fehlten auch diese nicht wider
das unartige Fleisch der Kinder, und zwar auch
mit Ernst und Nachdruck, wo es Noth war.

Im Zusammenhange mit seiner Treue im Leh⸗

ren und Erziehen, das in der Schule so mannig⸗
fach durcheinander greift, stand auch seine
Treue in der Vorbereitung auf seine Lehr⸗
stunden und in der Benutzung der Zeit für seine
weitere Fortbildung. Es ist leider häufig der

Fall, daß Schullehrer, wenn sie einen gewissen

Grad der Lehrfertigkeit allmählich sich angeeignet
haben und des Stoffes und der Form dessen,
was ihnen zu lehren obliegt, mächtig geworden
sind, mit der Vorbereitung auf ihre Lehrstunden,
selbst wo sie Gottes Wort zu handeln haben,
es nicht mehr so genau nehmen; auch zeigen sie
wenig Eifer und Strebsamkeit, durch fleißiges
Studiren ein schlägiger gesunder und bewährter
Bücher und mündliche Besprechung den Umfang
ihres Wissens und Könnens zu erweitern und da⸗
durch zugleich das bereits erlangte Eigenthum
von Beidem in lebendigem Fluß und Bewegung
zu erhalten. Und was Wunder nun, wenn solche
Schullehrer in sich selbst immer dürrer und trocke⸗
ner und in ihrem Handeln des Lehrstoffes immer
weniger belebend und anregend werden?

„Aber auch für die Erweiterung und immer tie⸗
fere Begründung seiner christlichen Erkenntniß
zu Nutz und Frommen seiner eigenen Seele war
unser seliger Bruder treu. Vorzüglich liebte
und las er Luthers Schriften, die er selb st besaß;
und diese haben ja bekanntlich die Art an sich,
daß sie nicht einseitig blos die gesunde evangeli⸗
sche Erkenntniß fördern, sondern durch dieselbe
auch den Glauben stärken, den ganzen Menschen
ergreifen, ihn in Christo immer tiefer begründen
und erbauen und dem Mannesalter in Christo
entgegenführen. —

Aus derselben Quelle des wahren und leben⸗
digen Glaubens an Christum floß in unserm
theuern Entschlafenen auch seine Treue im
hausväterlichen Regiment und in wahrhaft
christlicher Zucht seiner eigenen drei Kinder.
Gegen seine Ehegenossin war er weder schlaff
noch herrisch, sondern ernst und gelinde, nach
Gottes Wort und Ordnung, also daß die christ⸗
liche Liebe und Weisheit ihn, herrschender Weise,
auch hierin regierte und durchdrang.

Und weil er an seiner Eheliebsten auch eine
haushälterische fleißige Gehulfin hatte, so ver⸗
mochten sie, auch in früheren engeren und be⸗
schränkten Verhältnissen, reichlich die edle Tugend
der christlichen Gastfreundschaft und des Gerne⸗
herbergens zu üben. Denn Jahrelang haben sie
einen armen Studenten nach dem andern im
Hause unentgeltlich beköstigt und verpflegt, wie⸗
wohl er damals an Geld nur etwa 100 Dollars
Einkommen hatte, und schon damals gab er
außerdem doch noch mehrere Dollars jährlich in
die Seminarkasse.

Wie gegen seine Schulschäflein, so verstand er
auch gegen seine leiblichen Kinder Gesetz und
Evangelium recht zu theilen und beides in der

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