Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 19, Nummer 23 › Seite 178
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1863, Seite 178
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Theologie 3 · Sklaverei
keit geschrieben und schreiten wie der Storch im
Salat so vornehm und gravitätisch einher, daß
ein einfältiger Christenmensch von leidlich gesun⸗
dem naturlichem und geistlichem Verstande, auch
sonst nicht ungeübt im nachdenksamen Lesen theo⸗
logischer Schriften, sie beim besten Willen kaum
genießen und noch schwieriger verdauen und or⸗
ganisch sich aneignen kann.
Gemeinsam ist all ihren Verfassern die Er⸗
maugelung der unbedingten Unterwerfung unter
das einfältige Schriftwort, wie es lautet, und
die Abstreifung aller durch die Bekenntnißschrif⸗
ten der Kirche gestellten heilsamen Lehrzucht.
Gemeinsam ist ihnen der hochmüthige Wahn und
Duünkel, daß z. B. jede ihrer Schriftauslegungen
auf dem Gebiete der Theologie ihre Berechti ⸗
gung habe, wenn sie gleich noch so sehr dem kirch ·
lichen Bekenntniß widerspricht, und daß jeder
ihrer Lehrsätze einen Anspruch auf Geltung und
gebührende Würdigung habe, wenn er gleich noch
so sehr dem bereits festgestellten rechtgläubigen
Lehrbegriff der Reformationskirche zuwiderläuft.
Ihre sogenannte Theologie will eben keine Magd
der Kirche, sondern deren Herrin sein; sie wollen
nicht dienen, sondern herrschen, und was sie re⸗
den und schreiben, soll wie vom Himmel herunter
geredet sein und soll gelten auf Erden.
Gemeinsam ist ihnen ferner die sich selbst ver ⸗
götternde Ueberschätzung der natürlichen Gaben
und Kräfte, der das Studium der Theologie be⸗
gleitenden Hüulfswissenschaften, sonderlich der
Sprachwissenschaft und dieser und jener Gelehr⸗
samkeit in diesen Zweigen menschlichen Wissens.
Und doch ist es gewiß, daß wenn ein Fachtheo⸗
loge z. B. ein noch so gründlicher Gelehrter in
den Sprachen wäre, darin ursprünglich das
Wort Gottes gefaßt und uns üuberliefert ist, so
würde er doch ohne die Erleuchtung des heil.
Geistes und ohne das Licht des Glaubens und
ohne den gekstlichen Sinn füur die in der heil.
Schrift geoffenbarten göttlichen Thatsachen und
Lehren des Evanugeliums dieselben in ihrer we⸗
sentlichen Wahrheit nicht erkennen, während ein
ungelehrtes, aber gläubiges Bäuerlein schon aus
einer richtigen Uebersetzung zu dieser Erkenntniß
gelangt.
Nicht minder ist diesen lutherischen Theologen
gemeinsam der läppische Hochmuth und die kindi⸗
sche Eitelkeit, in ihren mündlichen Vorträgen,
wie in ihren Schriften und Schriftlein der neu—
modischen Geistreichigkeit nachzujagen, um darin
sonderlich ihre alten oder neuen Fundlein an den
Mann zu bringen und sich aus den jüngeren
Hörern und Lesern einen Anhang anbetender
Bewunderer und Verehrer zu verschaffen. Denn
jeder hätte nicht übel Lust, daß alle, wie das
samaritische Volk auf Simon Magus, so auf ihn
allein sähen, beide klein und groß, und sprächen:
„Das ist die Kraft Gottes, die da groß ist.“
Apg. 8.
O wehe des armen jungen Volks, der studiren⸗
den Jugend, die als neugierige Athener grade
auf diese Fündlein fallen und von ihnen bezau⸗
bert und verstrickt werden! — Was soll, so sie
darin stecken blieben, als spätere Diener der Kirche
aus ihnen werden, da zudem selbst ihre Prufun-
gen von den kirchlichen Behörden wenig oder gar
Macht von den Kanzeln treiben, und durch diese
Irrlichter sonderlich die Halbge bildeten ihrer Zu⸗
nern Anderes und Besseres als Katzensilber und
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nicht darauf gerichtet sind, die Rechtgläubigkeit der
Candidaten auf Grund der kirchlichen Bekennt⸗
nißschriften näher zu erforschen? Was soll aus
ihren armen (Gemeinden werden, wenn sie, statt
als bekenntnißtreue Diener der Kirche das Wort
der Wahrheit, Gesetz und Evangelium, recht zu
theilen und nach beiden Seiten das Licht des
göttlichen Wortes kräftig ins Herz und Gewissen
ihrer Kirchkinder scheinen zu lassen — wenn sie
statt dessen ihre früher erlernten und oft so⸗
gar irrgläubigen und ketzerischen Fündlein mit,
hörer in den Sumpf locken, darin sie selbst bis
zum Halse stecken? — Und was haben die min-⸗
der Gebildeten von diesen glitzernden Schönred⸗
Rauschgold? Die Aufrichtigen und Heilsbegie⸗
rigen aber können durch sie den Weg der Wa hr⸗
heit nicht finden, sondern werden nur durch
allerlei Irrgewinde in Dickicht und Dornenge⸗
strüpp hineingeführt, aus dem sie, ohne Gottes
gnädige Errertung durch sein reines und lauteres
Wort, das er irgendwie an sie bringt, nimmer
herauskönnen.
Was nun die besondere Gestalt der sogenann⸗
ten lutherischen Theologen anlangt, so ist diese
mancherlei. Ein Theil nämlich ist nach Rom
zu abschüssig und lehrt z. B. von Kirche und
deren Amt und Regiment, wie bereits oben an—
gezeigt, auf romanuisirende Weise. In der Be—
kämpfung eines allerdings krankhaften pietistischen
(efühlschristentbums und einer werkerischen
Unionisterei und Schwarmgeisterei, die den Grund
und Boden des Schriftworts unter den Füßen
verliert, die von Gott geordneten Gnadenmittel,
Evangelium und Sacramente, geringschätzt und
das Bekenntniß der Kirche verachtet, sind diese
Theologen, wie es häufig zu geschehen pflegt, in
den entgegengesetzten Irrtbum gerathen. Bei
ihnen ist die Kirche vorzugsweise eine leiblich ⸗
sichtbare Heilsanstalt; ihre Diener muͤssen durch
die Ordination, als durch eine göttliche Ordnung
zu berechtigten Amtsträgern geistlich gezeugt sein.
Desgleichen ist das Regiment eine besondere der
Kirche eingestiftete göttliche Ordnung. Nur eine
also verfaßte Kirche ist ihnen die wahre Kirche
Christi; und da ist es dann freilich ganz folge⸗
richtig, daß, wer nicht zu dieser Kirche gehört,
auch keinen Theil an Christo und der Vergebung
der Sünden habe. Und da dieser Schatz nur
durch das Evangelium und die Sacramente aus-
getheilt wird und wiederum diese Gnadenmittel
allein in der lutherischen Kirche rein und unver⸗
stümmelt verwaltet werden, so ist allein — so
lehren manche — die lutherische Kirche die
Kirche, die ein e heilige christliche Kirche. Des-
gleichen sind die durch ihre Diener verwalteten
Sacramente so heilskräftig, daß z. B. auch in ei⸗
nem abgefallenen Getauften immer noch etwas
von der sacramentlichen Gnade und Gabe han⸗
gen und haften bleibt.
Was sind aber diese schriftwidrigen Behaup⸗
tungen und Irrlehren Anderes und Besseres, als
eine Ruckbewegung nach Rom, als ein after-⸗
lutherisches Pabstthum? Denn ihnen allen liegt
die Uebertretung der Lehre zu Grunde, welche,
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sammt der von der heil. Schrift, die Säule und
Grundfeste der allein evaͤngelischen d. i. lutheri⸗
schen Reformationskirche ist und bleibt; dies ist
aber keine andere, als die Lehre von der Recht⸗
fertigung, daß die Sünder in Adam allein aus
Gnaden, um Christi willen, durch den Glauben
an diesen in Gottes Gericht von aller Schuld
der Sümde losgesprochen oder gerecht erklärt wer⸗
den; und daraus fließt denn, daß sie auch den
heil. Geist empfangen und mit Christo geistlich
vereinigt werden, als die Glieder mit ihrem“
Haupte und also den geistlichen Leib Christi oder
die Gemeinde der Heiligen d. i. der wahrhaft an A
Christum Gläubigen bilden. Denn wo diese, der
Lebre von der Kirche und deren Amt und Regi⸗
ment zu Grunde liegende, Lehre des Evangeli⸗
ums rein und lauter theils an sich, theils in
ihren Folgesätzen gehandelt wird, da können alle
jene und ähnliche unevangelischen, also auch un⸗
lutherischen Irrlehren keinen Platz greifen und
keine Macht beweisen.
Und wiederum: ist diese evangelische Lehre!
von der Rechtferrigung wesentlich verderbt oder n
gar aufgehoben, so kann es nicht anders sein, als
daß die gesetzlich-alttestamentliche Anschauung 1
vom Wesen der Kirche und deren Amt und Res!
giment sich geltend macht und Macht und Ein?
fluß gewinnt. Deshalb schreibt auch Luther in
den schmalkaldischen Artikeln also: „Von diesem
Artikel (nämlich der Lehre von der Rechtfer⸗
tigung) kann man nichts weichen oder nachgeben, 3
es falle Himmel und Erden oder was nicht blei⸗
ben will. Und auf diesem Artikel stehet alles,
das wir wider den Pabst, Teufel und alle Welt
lehren und leben. Darum müssen wir deß gar
gewiß sein und nicht zweifeln; sonst ist es alles
verloren und behält Pabst und Teufel und alles
wider uns den Sieg und recht.“ ö
Eine andere Art der sogenannten lutherischen
Theologen und Lehrer auf Hochschulen ist die,“
welche St. Pauli Ermahnung und Warnung
1 Tim. 6, 20. offenbarlich verachten. Es schreibt
nämlich der theure Apostel hier also: „O
Timothee, bewahre, das dir vertrauet ist, und
meide die ungeistlichen losen Geschwätze und das
Gezänke der falsch berühmten Kunst (das ist, die
Gegeusätze der fälschlich sogenannten Erkenntniß 4
und Weisheit), welche etliche vorgeben und fehlen⸗
des Glaubens.“
Aus diesen Worten St. Pauli nämlich lernen
wir — und die Geschichte der christlichen Lehre
und Kirche bestätigt es —, daß schon zu des
Apostels Zeiten Männer in der Kirche aufstan⸗
den, welche ans dem Studium der heidnischen
Philosophie der alten Griechen sich einer besonde“;
ren tieferen Erkenntniß göttlicher und meuschli⸗
cher Dinge rühmten und sich nun viele Muhe ga⸗
ben, diese ibre Fundlein diesen und jenen Stellen
des geoffenbarten Wortes Gottes unterzuschiebed“
als stimme dasselbe mit ihnen uüberein und lehre
dasselbe. Und da es ihnen nicht an diesen und
jeuen Gaben, an Gelehrsamkeit und Beredtsan
keit fehlte, den Unkundigen ihre Fündlein der
speculirenden Vernunft als Lehren des göttlichen
Wortes und der christlichen Kirche anzupreisen
und vorzugaukeln, so geschah es, daß sie, wie es
auch St. Paulus Apostg. 20. verhergesagt hatte,
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