Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 22, Nummer 3 › Seite 18
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Oktober 1865, Seite 18
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Heiligung 10 · Synoden
(Eingesandt von G. Sch.)
Böse Gedauken.
Wohin die schriftwidrige Lehre von vollkom-
mener Heiligung in diesem Leben, überhaupt die
schwärmerische Verwechselung und Vermengung
der Rechtfertigung mit der Heiligung fuhre, da⸗
von liefert der „Christliche Botschafter“ vom
28. Juli d. J. einen schlagenden Beweis in
einem Artikel unter vorstehender Ueberschrift.
Es wurde dem Verfasser desselben die Frage vor⸗
gelegt, ob der Mensch, wenn er völlig, oder durch
und durch geheiligt sei, auch von den bösen Ge⸗
danken befreit sei. Und wie beantwortet er diese
Frage? Er stellt zuerst als unbestreitbare Wahr⸗
heit die Behauptung auf, daß der Mensch schon
in diesem Leben von der inwohnenden Sünde,
den sün dlichen Neigungen und Regungen, oder
den fleischlichen Trieben, die in der Rechtferti⸗-
gung zwar besiegt, aber nur selten ausgerottet
würden, erlöst, von aller Befleckung der Sünde
gänzlich gereinigt und also schon in diesem Leben
völlig oder durch und durch geheiligt werden
könne und müsse, um am Ende vor Gott be—
stehen und in den Himmel eingehen zu können.
Er behauptet also nicht bloß die Möglichkeit einer
vollkommenen Heiligung auf Erden, sondern auch
die Nothwendigkeit derselben zur Seligkeit. Und
den schriftgemäßen Begriff der Heiligung, ge⸗
mäß welchem eine Vollkommenheit erst nach
dem Tode in jenem Leben gehofft wird, erklärt
er für einen irrigen und sehr gefaͤhrlichen,
welcher geeignet sei, die Menschen in ihren
Sünden zu beruhigen und von dem Jagen nach
der Heiligung abzuhalten. Denn (fügt er hinzu)
wenn man nicht an die Möglichkeit, vor dem
Tode völlig geheiligt zu werden, glaubt, so
ist es ganz natürlich, daß man diesen Stand
nicht eher erwartet, nicht eher darnach trach-
tet, und folglich in einem mehr oder minder mit
Sünden befleckten Stande fortfährt bis ans
Ende.
So urtheilt die kluge Vernunft, der der Teufel
im Paradies das Auge aufgethan, und es ist
billig, daß sie am hellen Mittag mit den Händen
tappe und narre, weil sie über den geoffenbarten
Grund des Glaubens hochmüthig hinwegsieht.
Was die Vernunft behauptet, kann die Vernunft
wieder umstoßen. Hier ist auch ein Vernunft-
satz: Wo ist größere Gefahr, den Menschen in
seiner Sünde zu beruhigen, wenn er sich nach
dieser erträumten Lehre mit dem Wahn schmei⸗-
chelt, von einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens
an vollkommen heilig zu sein, sich aber dabei
jämmerlich betrügen und in solchem Selbstbetrug
verloren gehen kann, oder wenn er angehalten
wird, mit höchstem Fleiß bis ans Ende der Hei⸗
ligung nachzujagen, weil wir taͤglich viel sün⸗
digen und wohl eitel Strafe verdienen? Wer
schwebt in größerer Gefahr des Nachlassens in
der Heiligung, derjenige, welcher sich fälschlich
einbildet, das Ziel schon erreicht zu haben, oder
jener, der da weiß, daß er es erreichen sollte,
aber noch gar ferne davon sei? Offenbar ists
unvernunftig, so zu schließen, wie der „Christ⸗
liche Botschafter“ schließt, da die Sache vielmehr
umgekehrt ist.
ö
ligen Schrift, auf Gottes Wort an.
18
Doch es kommt hier nicht auf Vernunftschlüsse,
es kommt einzig und allein auf die Lehre der hei⸗
Ja, nach
dem Gesetz und Zeugniß, werden sie das nicht
sagen, so werden sie die Morgenröthe nicht ha⸗
ben. Zwar beruft sich auch der „Christliche
Botschafter“ auf die Schrift, namentlich auf
Siellen, wie diese: „Wer von Gott geboren ist,
der sündigt nicht“; aber er beweist damit nur,
daß er gelernt hat, seinen einmal angenommenen
falschen Begriff von der Heiligung in die Schrift
hineinzutragen.
gonnen und noch mangelhaft sei. Ist denn nun
ein solcher gerechtfertigter Christ nicht von Gott
geboren? Warum sündigt er noch? Warum
ist seine Heiligung mangelhaft? Wer von Gott
geboren ist, der sündigt nicht. Der Apostel sagt
hier also offenbar etwas ganz anderes, als das
ist, was der „Christliche Botschafter“ in diese
und andere Stellen der Schrift hineinlegt. Aus
dem Zusammenhang und Zusammenklang der gan-
zen Schrift ist offenbar, daß Johannes hier nichts
anderes als dieses sagen will: Wer von Gott
geboren ist, wiewohl er nicht lügnerisch vorgeben
darf, er habe keine Sünde, so darf er doch nicht
muthwillig und wissentlich Sünde thun. Von
einer vollkommenen Heiligung der Wiedergebor-⸗
nen enthält diese, wie die übrigen von dem Ver-
fasser angezogenen Bibelstellen keine Spur.
Eine schädliche Lehre soll es sein, wenn die
rechtgläubige Kirche lehrt, daß die Christen, selbst
die allerheiligsten auf Erden, täglich mit Gedan-
ken, Worten und Werken sundigen. Traun,
wir wünschten wahrlich auch, daß die Sünde im
Menschen einmal völlig aufhöre, daß das Eben-
bild Gottes schon in diesem Leben vollkommen
wieder hergestellt werden möchte, daß sich die
Prediger einer vollkommenen Heiligung nicht als
falsche Propheten erwie sen, und daß alle diejeni⸗
gen, welche sich schmeicheln, völlig geheiligt und
ohne Sünde zu sein, nicht zu ihrem ewigen Scha⸗
den sich selbst betrügen möchten. Aber ein from-
mer Wunsch wird das wohl bleiben. Was hilft
uns unser Wünschen, wenn wir das Unerreich-
bare begehren? Sollen wir uns über uns selbst
täuschen, bloß weil wir gerne ohne Sünde sein
möchten? Es ist besser für uns, in aller Einfalt
auf dem durch die Schrift uns vorgezeigten
Weg zu bleiben, auch wenn er sehr demüthigend
für uns wäre, als auf selbstgewähltem Pfad
der eigenen Heiligkeit verloren zu gehen. Es
unterliegt aber keinem Zweifel, Gottes Wort lehrt
uns überall, daß wir weder vor noch nach unsrer
Bekehrung Ruhm vor Gott haben, ja daß wir
nicht aus der Wahrheit sind, so wir sagen, wir
haben keine Sünde. Mögen wir dieses nun sa⸗
gen in unbekehrtem Zustande, oder nachdem wir
durch die Wiedergeburt in die Reihe der Kinder
Gottes eingetreten sind: von dem Angenblicke
an, da wir sagen, wir haben keine Sünde, sind
wir nicht mehr Gotteskinder, sondern dem ver⸗
fallen, der ein Vater der Lüge ist und den zuerst
der Hochmuth in den ewigen Abgrund gestürzt
hat. Was werden doch die Verkündiger einer
vollkommenen Heiligung mit Stellen der Schrift
wie die folgenden anfangen? Wird es mög⸗
Er gibt selbst zu, daß bei dem
gerechtfertigten Christen die Heiligung bloß be⸗
lich sein, denselben ins Angesicht zu schlagen?
1 Joh. 1, 8.: So wir sagen, wir haben keine
Sünde, so verführen wir uns selbst und die
Wahrheit ist nicht in uns. Spr. 20, 9.: Wer
kann sagen: Ich bin rein in meinem Herzen und
lauter von meiner Sünde? Phil. 3, 12.: Nicht
daß ich es schon ergriffen habe, oder schon voll⸗
kommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ichs auch
ergreifen möchte. 1 Cor. 4, 4.: Ich bin mir
wohl nichts bewußt, aber darinnen bin ich nicht
gerechtfertigt. Sind diese und zahllose andere
Sprüche, die wegen ihrer uüberwältigenden Klar-
heit keine falsche Glosse leiden, nicht lauter ge⸗
waltige Donnerschläge gegen die aufgeblasene,
falsche, gleißnerische Heiligkeit, da man auch die
bösen sündlichen Triebe des verderbten Herzens
mit Stumpf und Stiel will ausgerottet haben?
Wo sind die fleckenloseu, untadeligen Heiligen,
wie jener Traum der Schwärmer sie malt?
Ists Johannes, ists Paulus, oder Jesaja, oder
Daniel, die alle sammt Gott um Vergebung der
Sunde täglich bis an ihr Ende bitten, und stets
bekennen, all ihre eigene Gerechtigkeit sei wie ein
unfläthig Kleid? Das muß ja freilich ein sehr
schöner weißer Teufel gewesen sein, der mit die⸗
ser lugenhaften Lehre einer vollkommenen Heili⸗
gung aus dem Abgrund aufstieg und die Leute,
die da schliefen in Sicherheit, dazu zu bereden
wußte.
Es soll jedoch hiermit keineswegs geleugnet
werden, daß die Schrift den Gläubigen eine voll⸗
kommene Gerechtigkeit beilege, wie der Apostel
Paulus sagt: So ist nun nichts Verdammliches
an denen, die in Christo IEsu sind. Aber das
ist nicht die Gerechtigkeit des Lebens, welche alle ·
zeit unvollkommen bleibt, sondern es ist die Ge⸗
rechtigkeit des Glaubens, oder die dem Glauben
zugerechnete, durchaus vollkommene Gerechtig⸗
keit IEsu Christi, die alle unsere Sünden, auch
die Mängel der Schwachheit, alle unsre Unvoll⸗
kommenheit überflüssig und überschwänglich zu⸗
deckt, und in welcher allein wir vor Gott bestehen
können. Diese Gerechtigkeit des Glaubens ist
auch der einzige Trost im Sterben, während ein
in seiner eigenen Heiligkeit beruhender Schwär⸗
mer, der vollkommene Heiligung zur Bedingung
der Seligkeit macht, wenn er im Tode das Man-
gelhafte derselben fühlt, mit Verzweiflung dahin
fahren muß.
Das wahrhaft Erschreckende dieser falschen
schriftwidrigen Lehre zeigt sich jedoch erst ganz in
ihren Folgerungen. „Ist der Mensch,
wenn er völlig, oder durch und durch
geheiligt ist, auch von den bösen
Gedanken befreit!“ Diese Frage muß sich
freilich jedem aufdrängen, der die verkehrte Lehre
von vollkommener Heiligung annimmt, dabei aber
doch erfährt, daß fortwährend mancherlei böse
Gedanken in seinem Herzen sich regen. Wie soll
er dergleichen Gedanken ansehen und beurtheilen?
Sind sie ihm etwa (und das sind sie gewiß)
Beweises genug, daß es mit seiner erträumten
vollkomme nen Heiligung nichts sei, als ein gefähr⸗
licher Selbstbetrug, eine Lüge, — oder sind das,
was er als böse Gedanken fuͤhlt, eben nicht mehr
böse Gedanken, als welche ja aus einem durch
und durch geheiligten Herzen gar nicht mehr auf⸗
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