Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 22, Nummer 3 › Seite 20

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Oktober 1865, Seite 20

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sen Jodann Georg III., damals noch
nicht ganz siebzehn Jahr alt. Obwohl die lieben
Leser gewiß schon manches Einzelne vom from-
men Weller gehört haben, will ich doch vorerst
Einiges von ihm erzählen.

Jacob Weller war ein geborner Voigtländer.
Er stammte aus der kursächsischen Stadt Mark⸗
neukirchen, woselbst sein Vater Georg ein Weiß⸗
bäcker war. Die Mutter war die Tochter eines
Bergpredigers zu Marienberg. Wer den Bäcker-
meister Georg Weller bei seinem Backtroge sah, der
meinte wohl, er stamme aus schlichtem burger⸗
lichem Geschlechte. Er stammte aber aus einer
adeligen Familie, die sich mit vollständigem Na⸗
men Weller von Molßdorf schrieb. Sein Vater
war nämlich frühzeitig gestorben, und da kein
Vermögen da gewesen war, hatte der Knabe ein
Handwerk lernen müssen. Und als er nun des⸗
selbigen Handwerks Meister geworden war, wurde
es sich wunderlich ausgenommen haben, wenn er
sich den Herrn Bäckermeister Weller von Molßm
dorf genannt hätte; drum nan nte er sich schlecht⸗
weg Weller.

Ganz aber war dem Georg Weller die ritter⸗
liche Passion seiner Vorfahren doch nicht über
dem Semmelkneten verloren gegaugen. Denn
zweimal in seinem Leben machte er sich, das
eine Mal mit fünf, das andere Mal mit vier
Pferden in den Krieg gegen die Türken nach
Ungarn auf, brachte auch als Zeichen seiner
Tapferkeit verschiedene Wunden und eine ge⸗
lähmte rechte Hand mit nach Hause. Das war
der Vater unseres Jacob Weller. Gewiß eine
wunderliche Erscheinung; ein Markneukirchner
Bäcker von Adel, der mit fünf Pferden in den
Tuürkenkrieg zieht. Er war aber auch ein from⸗
mer Mann, der für die Erziehung seiner Kinder
und auch des am 7. Dezember 1602 geborenen
und Tags darauf getauften Jacob nach Kräften
sorgte.

Der kleine Jacob war ein fähiger Kopf. Der
HErr hatte ihn mit schönen Gaben ausgerüstet.
Wäre das nicht gewesen, so wäre wohl kaum
etwas Mittelmäßiges aus ihm geworden. Denn
in den unruhigen Jahren, in welche die Zeit
seiner Ausbildung fiel, ward er von einer Schule
in die andere geworfen. Und wenn da nicht
Einer von Haus aus begabt ist, wird nichts
Rechtes aus ihm. Viele Köche verderben auch
hier leicht den Brei. Erst besuchte Jacob die
Stadtschule zu Markneukirchen, dann schon im
elften Jahre ward er nach Schlackenwalde in
Böhmen geschickt, wo damals eine gute evan-
gelische Schule war. Später aber rückte der
kaiserliche General Tilly in Böhmen ein, und da
war's gerathener, wenn sich die Evangelischen
zuruͤckzogen. Jacob ging wieder nach Sachsen,
suchte dort vergeblich eine Bleibestätte, und wan ⸗
derte endlich nach Nürnberg auf's Gymnasium
zu St. Egidien. Von dort empfahl den jungen
Menschen, weil er sich auszeichnete, ein adeliger
Herr nach Schleusingen auf das blühende (Sym-
nasium der Grafschaft Henneberg. Aber weil
das gerade in die traurige Zeit der Kipper und
Wipper fiel, die das gute Geld einschmolzen und
mit werthlosem ersetzten, konnte er kaum ein
Jahr da bleiben. Ganz allein machte er sich

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auf den Weg wieder nach Nürnberg, und wenn
ihn Gott nicht in Seinen treuen Schutz genom-⸗
men, hätte er auf dieser Reise leicht von plün⸗
dernden Soldaten, die die Gegend erfuüllten,
erschlagen werden können. Endlich war er so⸗
weit, daß er nach Wittenberg auf die Universität
ziehen konnte. Als er aber bis Torgau gekom⸗
men, war seine Baarschaft zu Ende. Da faßte
er sich ein Herz und ging zum dortigen Superin-
tendenten Dr. Wilhelm Lyser, erzählte dem sein
Vorhaben und klagte seine Armuth. Der Su-
perintendent fühlte ihm auf die Zaͤhne, und da
er ihn in den Wissenschaften wohl beschlagen
fand, ermahnte er ihn zu fernerem Fleiß und
gab ihm einen Ortsthaler (74 Gr.) mit auf den
Weg. Damit setzte sich unser Jacob auf ein Elb⸗
schiff und fuhr von Torgau vollends bis Witten-
berg. Als er dort einzog, brachte er als Rest
von dem Geschenk des Superintendenten gerade
einen Groschen mit. „Wo nun dar,
schreibt er später hierüber, „mein Magister⸗ und
Licentiaten- und Doctor Titel gestecket und so⸗
viel schöne Bücher, die mir Gott beschert, weiß
ich nicht; Gott hat es gethan, dessen sich arme
Gesellen, die Gott vertrauen, wohl getrösten
können.“ —

Anfangs half er sich kümmerlich mit „Famu-
liren“, d. h. mit allerlei geringerer gelehrter
Handlangerarbeit, die aber oft auch mit leiblichen
Dienstleistungen verbunden war, und wofür er
einen kleinen Geldlohn empfing. Solch ein da⸗
maliger Famulus war in den Häusern der Ge⸗
lehrten so ziemlich das, was in andern Häusern
ein Bedienter war, nur daß er Zeit behielt, dabei
zu studiren, wenn er Lust dazu hatte. In dieser
Stellung mag es dem armen Jacob zu Zeiten
recht traurig gegangen sein.
die Weihnachtsfeiertage. Da machte sich der
arme Mensch, weil ihn gar sehr hungerte und er
doch auch eine Weihnachtsfreude haben wollte,
ein kleines Backwerk von Mehl zurecht und legte
es zum Backen auf den Ofen. Als es aber fer⸗
tig ist, kommt der Hund seines Herrn und
schnappt darnach, und der arme Famulus muß
ihm nachsehn und am' ersten Weihnachtsfeiertage
hungrig zu Bette gehen.

Endlich aber bescherte ihm der HErr freund⸗
lichere Tage. Ein vornehmer Herr nahm ihn
in sein Haus, daß er, wie wir's jetzt nennen
würden, eine Sammelschule darin halten möchte.
Unter den Kindern, die er zu unterweisen hatte,
waren auch die des frommen Professors Baltha⸗
sar Meißner, der den strebsamen jungen Mann
liebgewann und ihm auch später förderlich ward.
Außerdem unterrichtete er auch minder begabte
Studenten und legte sich dadurch ein Stück Geld
zuruck. Bei alldem studirte er aber auch fleißig
selbst und brachte es namentlich in der Kenntniß
der morgenländischen Sprachen ziemlich weit.

Nachdem Jacob Weller Magister geworden
war, betrat er die academische Laufbahn, d. h.
er fing an Vorlesungen an der Universität zu
halten und zwar mit überraschendem Erfolg.
Dritthalbhundert Studenten besuchten seine Vor⸗
träge und weil schließlich in keinem Hörsaal Raum
genug war fuͤr die vielen Zuhörer, räumte ihm
der Rath zu Wittenberg die Klosterkirche für

So kamen einmal

seine Vorlesungen ein. Anfangs beschäftigten
sich dieselben mehr mit philosophischen und sprach⸗
lichen Gegenständen; nachdem er aber noch eine
Weile zu den Füßen der theologischen Professoren
Wittenbergs gesessen, begann er auch theologische
Vorlesungen mit großem Erfolg zu halten, so daß
man ihm bald eine außerordentliche theologische
Professur an der Universität Wittenberg antrug.
Im Jahre 1635 ward er Doctor der Theologie
und im selben Jahre noch ordentlicher Professor
der morgenländischen Sprachen. Nach reich-
gesegneter Wirksamkeit in Wittenberg ward er
1640 Superintendent in Braunschweig. Von
den zahlreichen Berufungen anderswohin, die er
sämmtlich abgelehnt, will ich der Kürze wegen
schweigen, so sehr man auch daraus erkennen
mag, was für eine tüchtige Kraft Jacob Weller
war. Als aber der kurfürstlich-sächsische Hof⸗
prediger Dr. Mathias Hoe von Hoenegg im Maͤrz
1645 gestorben war, ward Weller an dessen
Stelle nach Sachsen zurückverlangt. Und weil
er zu seinem Studium viel sächsische Wohlthaten
genossen, glaubte er diesen Ruf nicht ablehnen
zu dürfen. Gegen Anfang des Jahres 1646
hielt er seinen Umzug nach Dresden, geleitet von
überaus herzlicher Liebe der Braunschweiger.
Nach seiner Abreise ward in Braunschweig ver⸗
ordnet, ein Gebet für ihn um eine glückliche
Reise auf allen Kanzeln abzulesen und damit
fortzufahren, bis die Fuhrleute von Sachsen
wieder zurück wären. Und als sie zurück waren,
ward für seine glückliche Ankunft in Sachsen
gleichfalls öffentlich in der Kirche dem HErrn
gedankt. Nicht wahr, liebe Leser, das ist doch
ein schöneres Liebeszeichen, als die in unsern
Tagen Sitte gewordenen Nachrufe in öffentlichen
Blättern? ———

Der Kurfürst, der Wellern nach Dresden
berief, war Johann Georg I., derselbe, dessen
Standdild jetzt in der nach ihm benannten Stadt
Johann-Georgenstadt steht. Mit ihm und sei⸗
nem Hohen Hause trat Weller von nun an in
die innigste Beziehung. Auf allen Wegen, die
Gott der HErr mit der Hohen Familie ging, be⸗
gleitete der Oberhofprediger und Beichtvater sie
mit dem Worte Gottes. Es gab allezeit ein
liebliches mundliches Verkehren zwischen dem
fürstlichen Seelsorger und der Regentenfamilie,
wie es bereits früher bestand und auch noch eine
Weile fortbestanden hat, bis später der zum
mündlichen Verkehr weniger begabte Spener zum
ersten Male den Weg der viel mißlicheren schrift⸗
lichen Seelsorge einschlug.

Eines der ersten freudigen Ereignisse, das
Weller mit der kurfürstlichen Familie und dem
ganzen Lande feiern durfte, war die Geburt des
Prinzen, von dem wir später hören werden.
Am 22. Juli 1647 ward dem Kurprinzen Johann
Georg (II.), dem Sohne des regierenden Kur-
fürsten Johann Georg I., ein Prinz geboren, der
in der Taufe gleichfalls Johann Georg (III.)
genannt ward. Da hielt Weller den „Tauf⸗
sermon“ über Gal. 3, 26. 27.: Ihr seid alle
Gottes Kinder durch den Glauben an Christo
IEsu, denn wie Viele euer getauft sind, die
haben Christum angezogen. Der vielen andern
Fälle, in denen er dem kurfürstlichen Hause aus

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