Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 22, Nummer 3 › Seite 19
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Oktober 1865, Seite 19
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekehrung 1 · Eheverbote. —Schwagerehe 1 · Heiligung 10
stetgen können? Hier ist eine bedenkliche Klippe,
woran auch der letzte Rest der Demuth und
aufrichtigen Selbsterkenntniß scheitern kann.
Der „Cbristliche Botschafter“ hat diese Klippe
leider nicht glücklich umschifft. Sollte mans für
möglich halten, daß ein christlich sein wollender
Berather der Gewissen, um eine falsche Lehre
festzuhalten, sich so weit versteigen und vergessen
würde, daß er endlich behauptet, in einem voll⸗
kommen geheiligten Menschen seien böse Gedan⸗
ken nicht böse Gedanken? Nein, das übersteigt
alle Begriffe. Der Botschafter bringt es in einer
höchst seltsamen, widersin nigen Schlußfolgerung
zu Stande. Er sagt mit unglaublicher Dreistig⸗
keit wörtlich Folgendes: „Böse Gedanken sind
Gedanken über Böses. Sie sind aber nicht noth⸗
wendiger Weise immer wirklich böse oder sündlich,
daher müssen wir einen Unterschied machen zwi⸗
schen Gedanken über Böses und bösen oder sund⸗
lichen Gedanken.“ Welche Widerspruche! Böse
Gedanken sind Gedanken üͤber Böses, dann müssen
aber doch die bösen Gedanken von den Gedanken
über Böses wieder strenge unterschieden werden!
Eine traurigere Begriffsverwirrung läßt sich
wahrlich nicht denken. Welches ist denn aber
das Ziel, bei dem er endlich anlangt? Es ist
dieses: „Somit nehmen wir denn an, daß der
gänzlich geheiligte Christ von allen sündlichen
Gedanken befreit ist, obwohl nicht von allen
Gedanken, die ihrer Art nach böse sind und sund⸗
lich werden können, wenn sie gehegt und genährt
werden.“ Folglich wofern ein Christ die sünd⸗
lichen Gedanken, die sich in seinem Herzen dar-
stellen, nur nicht hegt und nährt, so sind es nach
dieser Schwärmerei auch keine sündlichen Gedan-
ken. Ja, die Versuchung zur Sünde und das
Geplagtwerden mit zerstreuten Gedanken an
Boͤses und Sündliches, und selbst die heftigsten
Retzungen des Gemüths zur Sunde, sagt der
Botschafter, schaden daher dem Christen nicht,
wenn er nicht in die Versuchung und Reizung
einwilligt. Es ist überhaupt dann nichts Sund⸗
liches daran! Sogar die Versuchung Christi
wird als Beispiel und Beweis angeführt,
wie ein vollkommener Heiliger trotz aller Ueber—
häufung mit bösen Gedanken ohne Sünde bleibe.
Schauert dir nicht, lieber Leser, die Haut
ob solcher Schwarmgeisterei? Fühlst du nicht
den entsetzlichen Abgrund der Selbsttäuschung,
der hochmüthigen Selbstvergötterung, an welchen
ein solcher verkehrter Meister seine Schüler und
Junger fuhrt? Statt mit Paulo täglich vor dem
Gnadenstuhl in den Staub sich zu beugen und
das aufrichtige Bekenntniß zu thun: Ich weiß,
daß in mir, das ist, in meinem Fleisch, wohnet
nichts Gutes; ich thue das, was ich nicht will,
das Böse; ich elender Mensch, wer wird mich
erlösen von dem Leibe dieses Todes? — Statt in
— 1 der angebornen Unreinigkeit des
Herzens täglich im Vaterunser um Vergebung
u flehen, nicht allein wegen vergangener Sünde
in der fünften Bitte, sondern auch wegen an-
klebender Sünde in der ersten und zweiten und
dritten Bitte, — gerathen die Anhänger jener
verdammlichen Lehre in solche Rase rei, daß sie,
vöoͤllig verblendet vor Hochmuth und geistlichem
ö Stolz sich selbst rein sprechen, sich heilig erklaͤren,
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auch wenn sie die in ihrem Herzen aufsteigenden
bösen Gedanken nicht leugnen können; denn es
sind dieses, wie sie gleißnerisch vorgeben, nicht
eigentlich ihre eigenen bösen Gedanken, Triebe,
Neigungen: es sind vielmehr lauter Gedanken
des Satans, womit sie nur, wie mit einem Wind,
von außen angehaucht werden, unbeschadet ihrer
innerlichen Vollkommenheit. So weit kommt es,
wenn man die reine Lehre der h. Schrift verläßt
und verlästert; die anfangs gering scheinende
Abweichung wird schließlich zur weiten, gähnen·
den Kluft, worin Hochmuth, Lüͤge, und endlich
der Teufel sammt der ganzen Hölle Raum hat.
Dahin fuͤhrt zuletzt die traurige Vermengung und
Verwechselung der Rechtfertigung mit der Hei-
ligung.
Dieser Irrthum von einer auf Erden mög⸗
lichen vollkommenen Heiligung ist übrigens nicht
neu, er ist uralt. Auch Luther hatte gegen die sen
falschen Geist gar viel zu kämpfen. Wir wollen
nur einige hieher gehörige Zeugnisse von ihm an⸗
führen, die gewiß das klarste Licht auf diesen
Gegenstand werfen werden. In der Schrift:
„Grund und Ursach aller Artikel, so durch römi⸗
sche Bulle unrechtlich verdammt sind“, heißt es
u. A. über das Gleichniß vom Sauerteig
Matth. 13, 33. folgendermaßen: Derselbe neue
Sauerteig ist der Glaube und Gnade des Geistes;
aber er machts nicht auf einmal durch (und
durch) sauer, sondern fein und säuberlich mit der
Weile machet er uns gar ihm gleich, neu und ein
Brod Gottes. Daß also dieses Leben nicht ist
eine Frömmigkeit, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine
Ruhe, sondern eine Uebung. Wir sinds noch
nicht, wir werdens aber; es ist noch nicht gethan,
noch geschehen, es ist aber im Gange und
Schwange. Es ist nicht das Ende, es ist
der Weg; es glühet und glitzet noch nicht Alles,
es feget sich aber Alles. Und daß wirs ein
Ende machen: allein (schon) das Vaterunser
beschleußt, daß wir noch alle in Sünden seien,
dieweil auch alle Heiligen müssen beten: dein
Name werde geheiliget, dein Reich komme, dein
Wille geschehe, womit sie eigentlich bekennen,
daß sie Gottes Namen noch nicht genugsam hei⸗
ligen, und doch das nicht beten könnten, wo nicht
der Geist schon angefangen hätte, ihn zu heiligen.
Also bekennen sie (auch), daß sie noch nicht thun
den Willen Gottes, und doch nicht bitten möchten,
wenn sie nicht angefangen hätten, seinen Willen
zu thun. Man kann auch nicht sagen, daß in
diesen Gebeten die Heiligen fur ihre ver gan ge·
nen Sünden allein bitten, und nicht für die
gegenwaͤrtigen übrigen Sünden. Denn für die
vergangenen Sünden stehet ein eigen sonderlichs
Gebet im Vaterunser, das lautet also: Vergib
uns unsre Schuld, als wir vergeben unsern
Schuldigern. Aber diese Gebete lauten klärlich
auf die übrigen gegenwärtigen
Sünden, dieweil sie bitten um die zukünftige Ehre
göttlichen Namens, zukünftigen Gehorsam gött⸗
lichen Willens, zukuͤnftige Besitzung göttliches
Reichs, als die noch einestheils sind in des Teu⸗
fels Reich. Ich weiß aber wohl, was sie zu die ·
sem Allen pflegen zu sagen, nämlich, daß solches
Uebel, das übrig bleibt nach der Taufe, sei nicht
Sünde, und erdichten ihm einen neuen Namen,
sagen, es sei eine Pein und nicht Schuld, ja es
sei mehr ein Fehl oder Gebrechen, denn Süunde.
Hie antworte ich und sage, daß sie das Alles aus
eignem Muthwillen ohne Schrift, Grund und
Ursach sagen, (ja) dazu wider die Schrift, denn
St. Paulus sagt nicht also: Ich finde einen Fehl
in mir, sondern mit ausgedrückten Worten:
Ich diene nach dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.
Ferner: Die Sünde, die in mir wohnet, thut
das Böse. Und St. Johannes sagt nicht:
Wenn wir sagen, daß wir keinen Fehl haben,
sondern: Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde
haben. Wie oft klaget St. Hieronymus, daß in
seinem Fleisch wüthet die böse Lust, nicht allein
nach seiner Taufe, sondern auch, wenn er gleich
sich matt gefastet, gewacht, gearbeitet hat und
am allerheiligsten war. Und St. Cyprianus in
einer Predigt von der Pestilenz zum Tod nimmt
keinen andern Trost, denn von den Sünden,
und spricht: Muͤssen wir doch ohne Unterlaß
fechten mit dem Geiz, mit der Unkeuschheit,
mit dem Zorn, mit der Ehrgeizigkeit. Mussen wir
doch stetiglich und durch Müͤhe und Unlust strei⸗
ten mit den fleischlichen Begierden, mit den Rei⸗
zungen der Welt. Des Menschen Geist ist um-
lagert und mit des Teufels Anfechtungen um-
geben, mag schwerlich allen Stücken begegnen,
schwerlich allen widerstehen. Ist der Geiz nieder⸗
gedrückt, so steht die Unkeuschheit auf. Ist die
Unkeuschheit niedergeschlagen, so folget die eitle
Ehre. Wird die eitle Ehre verachtet, so erbittert
sich der Zorn, blähet sich auf die Hoffart, ficht an
die Trunkenheit, der Haß zerreißet die Einigkeit.
Hie mußt du fluchen, das Gott verboten hat,
hie mußt du schwören, das doch nicht ziemet.
So mannichfaltige Verfolgung muß leiden der
Geist des Menschen, so viel Gefäͤhrlichkeit muß
das Herz gewarten.
zu stehen? da vielmehr zu bitten ist, daß durch
Und uns sollte noch lüsten
hier unter solchen Schwertern des Teufels lange
eilende Hilfe des Todes wir zu Christo möchten
bald kommen.
In der Kirchenpostille, Ev. am Pfingsttag,
schreibt Luther: Darum sage ich, daß man hier
klug sein muß und darauf sehen, daß man von
dem heiligen Geist nicht so trotze und freudig poche,
wie etliche hoffärtige, vermessene
Schwarmgeister thun, auf daß nicht
jemand zu sicher fahre und sich dün⸗
ken lasse, daß er allenthalben voll-
kommen sei. Denn ein frommer Christen-
mensch ist dennoch auch Fleisch und Blut, wie an⸗
dere Leute, nur daß er sich mit der Sunde und
der bösen Lust schlägt und fuͤhlet, was er nicht
gerne fühlt. Also muß es immer gemenget sein,
daß man beides fühle, den Heiligen Geist und
unsere Sünde und Unvollkommen—
heit.
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Ein sterbender Oberhofprediger und ein
sichsischer Kurprinz.
Der sächsische Oberhofprediger, den ich neine,
war der fromme Dr. Jacob Weller und der
Kurprinz war der nachherige Kurfürst von Sach-
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