Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 22, Nummer 7 › Seite 50
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Dezember 1865, Seite 50
Scan: Internet Archive item DerLutheraner22.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Der irdiſche Beruf. — 23757 · Der irdiſche Beruf. — 2 · Der irdiſche Beruf. — 4 · Mitteldinge 6
von Deutschland herüber ertönt leider dieselbe
Klage über die Scheu des jungen Volks vor an⸗
strengender beharrlicher Berufsarbeit, über seine
sittliche Erschlaffnng, Weichlichkeit und Genuß⸗
sucht. Und da der Teufel bekanntlich sehr lange
Beine hat und sich aus dem atlantischen Ocean
gar nichts macht, so scheint es fast, als habe er
es darauf abgesehen, huüben wie drüben das
heranwachsende Geschlecht gleich als durch einen
giftigen Mehlthau zu verderben und den sittlichen
Bestand des bürgerlichen Gemeinwesens, sowie
die Kirche der Zukunft im weiteren Umfang und
auf empfindlichere Weise zu gefäͤhrden.
Weil nun unter Jung und Alt die christliche,
ja auch schon die sittliche Erkenntniß von der
Beschaffenheit des irdischen bürgerlichen Berufs
und von dem Wechseln desselben, Gott sei es
geklagt, selbst bei gar manchen Christen unserer
Tage so ziemlich verblichen und abgeschwächt ist,
so wird es hoffentlich auch den Lesern des „Luthe ⸗
raners“ nicht schaden, wenn im Folgenden diese
drei Fragen in der Kurze beantwortet werden:
1) Woher stammt jeder besondere irdische
und bürgerliche Beruf eines Christen?
2) Wie hat ein Christ desselben zu warten?
3) Wie hält es sich mit dem Wechseln dieses
Berufs?
Woher stammt also jeder besondere
irdische und bürgerliche Beruf
eines Christen?
Die Antwort auf diese Frage läßt sich' zu⸗
nächst in folgende zwei kurze Worte fassen:
Von Gott; denn seine besondere Gabe ist es,
die jeden besonderen irdischen und zeitlichen Beruf
ins Leben ruft. So ist es unleugbar von Gott,
daß hie und da, hin und her ein Knäblein
oder ein Mägdlein geboren wird. Was nun
die Letzteren betrifft, so haben sie alle von Gott
denselben Beruf. Sie sollen durchschnitlich ehlich
werden, Kinder zeugen und aufziehen und ihr
Hauswesen versorgen in gebührender Unterthänig⸗
keit gegen den Willen ihrer Ehemänner, die Gott
über sie gesetzt hat theils nach seiner ursprüng⸗
lichen Ehe⸗Ordnung, theils nach seiner heilsamen
Straf⸗Ordnung, nachdem das Weib, durch den
Teufel verführt, die Uebertretung eingeführt hatte.
Dieser Beruf der Weiber und sonderlich der Ehe⸗
frauen ist nun wesentlich derselbe, unangese hen
den Stand ihrer Männer, es seien diese Fursten
oder Tagelöhner.
Anders hält es sich aber mit dem irdischen und
bürgerlichen Beruf der Männer. Diese bilden
das bürgerliche Gemeinwesen, die Lebensgebiete
der Wissenschaft und Kunst; und die Hirten und
Lehrer der Kirche im öffentlichen Dienst und Amt
sollen auch Männer sein. Dem männlichen
Geschlechte nämlich hat Gott für diese ver⸗
schiedenen Berufsarten und zum gemeinen Nutz
des dürgerlichen und kirchlichen Gemeinwesens
mancherlei eigenthümliche Gaben ausgetheilt,
nachdem er will. So ist, nach Gottes Willen,
der eine Mann ein Herr, der andere ein Knecht,
der eine ein Fürst, der andere ein Unterthan;
desgleichen ist es von Gott, daß der eine Mann
ein Bauer, der andere ein Handwerker, der dritte
ein Kaufmann, der vierte ein Gelehrter, der
50
fünfte ein Künstler, der sechste ein Staatsmann,
der siebente ein Kriegsmann, der achte ein
Rechtsgelehrter, der neunte ein Arzt, der zehnte
ein Lehrer an höheren oder niederen Schulen,
der eilfte ein Prediger ist, der außer den geist⸗
lichen Gnadengaben auch natürliche Gaben
bedarf. Eine eizenthümliche Begabung von
Gott liegt jeder dieser und anderer Berufsarten
zu Grunde. Ja selbst ein Tagelöhner und
Handlanger z. B. für das Acker- und Mauer-
werk muß von Gott eine Gabe, nämlich die
eines kräftigen Leibes und starker Arme em-
pfangen haben, wenn er seinen dem Gemein-
wesen sehr nöthigen und nützlichen Dienst und
Beruf mit Erfolg verrichten soll.
Summa, von Gott stammt jede besondere
Gabe und der daraus fließende Beruf; und nach
seiner väterlichen Versehung ist jedem Einzelwesen
männlichen Geschlechts seine besondere Berufs⸗
arbeit im Gemeinwesen angewiesen und bestimmt.
Dies bezeugt denn auch St. Petrus im ersten
Briefe 4, 10., da er dem Christenvolk schreibt,
daß ein jeder Christ mit der Gabe, die er em
pfangen hat, als ein treuer Haus halter Gottes
dem gemeinen Nutz dienen soll.
Dies führt uns denn zur Beantwortung der
andern Frage, nämlich:
Wie ein Christ seines irdischen
bürgerlichen Berufs warten solle.
Die Antwort hat uns schon so eben der theure
Apostel gegeben, nämlich zur Ehre Gottes,
des Hausherrn und Gebers, soll jeder Christ in
der dienenden Liebe zu Nutz und Frommen des
Ganzen seine Gabe ins Werk setzen und seine
Berufsarbeit verrichten.
Der natürliche, das ist der unwiedergeborene,
ungläubige, unbekehrte Mensch, der Nichtchrist,
er sei ein Heide, Jude, Mohamedaner oder Maul-
christ, weiß davon nichts, denn er hat keine leben⸗
dige Erkenntniß des wahren Gottes, keinen Glau-
ben an Christum, keinen heil. Geist, keine Furcht
und Liebe Gottes, und ist geistlich todt in Ueber⸗
tretungen und Sünden, wenn er gleich noch
so reich, gebildet, geistvoll, gelehrt und vor Men⸗
schen gerecht wäre. Ein solcher Mensch, als
fleischlich gesinnt, sieht seinen besondern Beruf,
sein eigenthümliches Wissen und Können nur als
Mittel an, um sich dadurch Reichthum oder Ehre
oder Wohlleben oder all dies zusammen in immer
steigendem Maße zu verschaffen. Und blos als
Mittel für diesen Zweck sieht er auch alle andere
Menschen an, die seiner Berufsarbeit und ihrer
Erzeugnisse und Werke bedürfen. Und wo er
z. B. mit andern Menschen sich in kaufmänni⸗
schen Unternehmungen zu gemeinsamer Arbeit
verbindet, da sieht er diese nur als Mittel an,
um sich durch sie zu bereichern. Desgleichen sehen
junge Gesellen von dieser Gesinnung, die z. B.
Kaufleuten, Apothekern u. s. w. dienen, diese nur
als ihre Lohnzabler an; und wiederum diese be⸗
trachten ihre Kunden gleichsam nur als lebendige
Geldbeutel, aus denen sie ihren Gewinn ziehen.
Nun ist freilich auf dem Gebiete des Handels,
des Kaufens und Verkaufens immer noch ein
gewisser Unterschied zwischen den fleischlich gesinn⸗
ten Leuten, indem die einen doch noch der Stimme
des natürlichen Gewissens folgen und nicht muth⸗
willens und gröblich ihren Vortheil mit des
Nächsten Nachtheil suchen, während die andern
kein Bedenken tragen, dies zu thun. Gemein-
sam ist aber beiden, daß in der Ausübung ihres
burgerlichen Berufs keine Spur von Bethätigung
des Glaubens in der dienenden Liebe und von
bewußter und gewollter Beschaffung des gemeinen
Nutzens zu finden ist. Es geht eben hier alles
aus dem Unglauben wider Christum, und in
schnöder Selbstsucht lebt der Mensch nur sich sel⸗
ber gleichmaͤßig wider die erste und die zweite
Tafel der heil. zehn Gebote und das ihm ins Her;
geschriebene Naturgesetz der Liebe Gottes und des
Nächsten — ein elendes, verlorenes und ver—
fluchtes Leben, dem, wenn er also bliebe und
keine rechtschaffene Bekehrung zu Christo erfolgte,
nach seinem Tode, der Gerechtigkeit Gottes
gemäß, die ewige Verdammniß folgte, wenn er
gleich das bürgerliche Gesetz gehalten und nie⸗
mals wegen dessen Uebertretung vor einem mensch⸗
lichen Richterstuhl gestanden hätte; denn „wer
auf sein Fleisch säet, der wird von dem Fleische
das Verderben ernten.“
Ganz anders, ja entgegengesetzt sieht aber der
wahre Christ seinen bürgerlichen Beruf und dessen
Bethätigung an. Nach dem innerlichen, geist⸗
lichen Leben freilich, das er fuhrt, als ein Buͤrger
mit den Heiligen und Gottes Hausgenosse hat er
mit keinerlei irdischem Bürgerthum irgend etwas
zu schaffen; denn durch den Glauben an Christum
und die geistliche Vereinigung mit Ihm ist er
bereits geistlich auferstanden und mit Christo in
das himmlische Wesen gesetzt und sein Wandel
und Bürgerschaft ist im Himmel, von dannen er
nur der glorreichen Wiederkunft und des vollen
Besitzes und Genusses des Reiches der Herrlich⸗
keit wartet, das da ewiglich bleibet. In diesem
innerlichen geistlichen Leben schmeckt er aber schon
hienieden etwas von der himmlischen Gabe und
von dem gütigen Werke Gottes und von den
Kräften der zukünftigen Welt; und wie eine
keusche Braut nur an ihrem Bräutigam hanget,
also hanget die gläubige Seele nur an Christo,
ihrem himmlischem Bräutigam, und freuet sich
hoch über seine Stimme, die in seinem Worte zu
ihr redet; und als ein Priester vor Gott opfert
da der glaubige Christ seinem HErrn immerdar
die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen,
Lob, Preis, Ehre und Dank auch in dem ver⸗
borgenen Seufzen des Herzens, das nach seiner
Anschauung sich sehnet. Da hat denn der gläu⸗-
bige Christ Weib und Kinder, als haͤtte er keine;
sein Haus und Hof ist ihm nur wie eine Nacht-
herberge, und als einem Gaste und Fremdling
auf dieser Erde ist ihm sein kurzerer oder längerer
irdischer Lebenslauf nur eine Pilgerreise nach
dem himmlischen Vaterlande.
Als ein Haushalter Gottes aber, der ihn für
dieses Leben mit dieser oder jener Gabe betraut
hat, ist sein Sinn dahin gerichtet, zur Ehre Got⸗
tes, des Gebers, und in der dem Nächsten die⸗
nenden Liebe zum gemeinen Nutz innerhalb seines
besondern bürgerlichen Berufes, der seiner Gabe
entspricht, dieselbe ins Werk zu setzen. Thäte er
anders, so würden ihn die Glieder seines eigenen
Leibes beschämen, denn keins derselben dient
English translation
Not yet translated.