Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 23, Nummer 3 › Seite 19
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Oktober 1866, Seite 19
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auch spät, sein Unrecht; was sich denn weiter
ziemt, wird er als Pastor selbst wissen. — Nach⸗
dem die Wunde, welche diese Schullehrer⸗
Geschichte gerissen hatte, völlig wieder ausgeheilt
war, erhielt Past. Selle einen Ruf von der
Gemeinde in Crete, Ill. und nahm ihn nach
reiflicher Ueberlegung mit Zustimmung seiner
Gemeinde an. An seine Stelle wurde am
13. Juli 1851 Pastor H. Wunder berufen und
zugleich an einen Lehrer, Herrn J. G. Fischer,
der Beruf ausgestellt. Beide haben ihren Be—
ruf angenommen und beide haben bis auf die⸗
sen Tag mit Segen darinnen gewirkt. Unsere
Stadt ist uicht gerade schön zu nennen, aber
groß ist sie, und der Fluß mit seinem Nordarm
und Südarm und seinen ca. 20 Brücken, die
alle nach einem Muster geschnitten sind, ver⸗
wirrt den Nenling dermaßen, daß er bei A,
sechs Meilen von B, ankommt, zu dem er wollte,
wenn er nicht unsern ausgezeichneten „City
Directory“' (ein Buch, in dem alle Einwohner
der Stadt namentlich aufgeführt sind, sammt
Angabe ihres Wohnortes) studirt, ehe er seine
Entdeckungsreise antritt, und unterwegs die aller
Orten dienstbaren Mannen, unsere ausgezeich—
neten Polizisten, bald deutsch, bald irisch über
das „Wohin jetzt“? und „Wie dann“? katechi⸗
sirt. Dieselbe Ausdehnung, wenn auch nicht
die heutige Gebäudemasse, hatte die Stadt schon
im Jahre 1854. Es konnte darum den im
südwestlichen Theil der Stadt wohnenden Ge⸗
meindegliedern gar nicht verdacht werden, daß
sie, einen Kirch- und Schulweg von 4—5 Mei⸗
len unnöthig zu machen, der noch dazu über
Bahngeleise und Brücken führte, eine eigene
Gemeinde bilden wollten. Mit recht brüder—
licher Gesinnung wurden sie von der Gemeinde
in diesem Vorhaben bestärkt und zur Ausfüh—
rung unterstützt; und so kam es, daß sich am 19.
März 1854 die deutsche ev.⸗-luth. Immanuels⸗
Gemeinde im südwestlichen Theile von Chicago
organisirte. Es war auch hier eine geringe
Anzahl, die das Werk des HErrn begann, nur
zehn Glieder (vier davon sind es noch, einer
wirkt in einem entfernten Felde, zwei sind nicht
mehr vorhanden und drei leben, ach, und sind
todt); sie waren auch arme Leute, aber sie hatten
Muth und Glaubensfreudigkeit, und die ist am
Ende doch immer mehr werth als aller irdischer
Reichthum. Im Vertrauen auf Ihn fingen sie
ihr Werk an, kauften einen Bauplatz, bauten
ein Gebäude für Kirche und Schule darauf
und beriefen Past. G. Schick zu ihrem Seel—
sorger, alles noch im Laufe desselben Jahres,
und schon im Mai 1855 beriefen sie auch einen
eigenen Lehrer, Th. Bünger, damals in New—
Orleaus, La. Von Anfang an einig in Lehre
und Glauben, wurde eine Trennung in dieser
Gemeinde nie nöthig. Im Frieden konnte
Past. Schick und sein Nachfolger im Amte,
Pastor W. Müller, säen, und mit Dank gegen
Gott erfährt es jetzt der Uuterzeichnete, wie
reichlich ihre Saat aufgeht und Frucht bringt,
weil Gott das Gedeihen dazu gibt.
Dieselben Gründe, welche die Glieder der
Südwest⸗Seite Chicago's bestimmt hatten, eine
eigene Gemeinde zu bilden, drängten einige
Glieder der Südseite im letzten Jahre zu dem—
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selben Schritt; und auch sie, nachdem sie von
der Immanuelsgemeinde mit den besten Segens⸗
wünschen entlassen worden waren, bildeten die
jüngste, die ev.-Iuth. Dreieinigkeitsgemeinde
mit nur sieben Gliedern. Bereits zu Ostern
in diesem Jahre konnte ihr neites Kirchlein
eingeweiht und ihr Pastor eingeführt werden,
und schon in dieser kurzen Zeit ist eine Ver⸗
größerung des Gebäudes und die Anstellung
eines Lehrers nöthig geworden, während sich
die Gliederzahl von sieben auf sechzig vermehrt
hat. Da nun auch die Gemeinde der Nordseite
es dringend nöthig fand, schon im vorigen Jahr
Herrn J. Große als zweiten Prediger zu beru⸗
fen, so wirken jetzt vier ev.⸗-luth. Pastoren in
Chicago und hat jeder alle Hände voll zu thun;
denn es sind an 500 stimmberechtigte Gemeinde⸗
glieder, die sie zu bedienen haben. Wenn darum
der liebe Leser bei der Bitte: „Zu uns komme
dein Reich“ auch an die Pastoren von Chicago
und ihre Arbeit dächte und unsere dreizehn
(nächsteus vierzehn) Gemeindelehrer mit ein—
schließen wollte, so hätte er gewiß recht christlich
und nach unserm Wunsche gebetet und der Se⸗
gen unsers Gottes würde um so mehr auf un⸗
serer Arbeit ruhen. Doch der Leser fragt viel—
leicht, was denn aus den Revolutionären von
Anno 1848 geworden sei? Nun das kann kurz
abgemacht werden; die haben Prediger gefun—
den, nach denen ihnen die Ohren jückten.
Viele unserer Landsleute, namentlich in neuerer
Zeit, sind ihnen zugefallen, ohne daß sie wissen,
was sie gethan haben, und behaupten steif und
fest, sie seien ev.Intherisch, obgleich sie unirten
Gemeinden angehören. Kurz, aus jenem Ei
find die hente sogenannten Hartmannsgemein⸗
den gekrochen, die noch einmal alle gut lutherisch
werden, wenn sie flügge geworden sind. Es
gehört aber Zeit dazu und viel Geduld, diese Um—
wandlung abznwarten. So bald sie geschehen
ist, wird sie berichtet.
J. P. Beyer, Pastor.
Zur innern Mission.
Etwas zum Nachdenken für rechtglanbige Prediger und
Gemeinden in großen Städten auch dieses Landes.
In Schottlands Hauptstadt, der berühmten
alten Stadt Edinburg, gibt es, wie in allen
Städten ersteren Ranges, Stadtviertel, die in
einen Abgrund geistlichen und leiblichen Elends
blicken lassen. Es hat ditse Stadt aber auch
ihr Häuflein barmherziger Samariter, die in
selbstverleugnender Liebe Oel und Wein in die
Wunden der Elenden jener Stadtviertel gießen
und sie in die Herberge der tchristlichen Kirche
führen und dort ihrer mit Geduld und Hinge—
bung pflegen. Zwar befinden sich diese Christen
in dem äußerlichen Verbande einer irrgläu⸗
bigen Kirche, denn Ediuburg ist der Hauptsitz
des schottischen Calvinismus; aber die Augen
des Glaubens erblicken ja selbst mitten im anti⸗
christischen Pabstthum Gottes Kinder und die
Liebe ist's, die sich des Guten freut, wo immer
dasselbe sich als Frucht des lebendigen Glau—
bens offenbart nnd die es anerkennt zum Preise
des HErrn und zur Erweckung desto brün⸗
stigeren Eifers bei Denen, welche das unge—
nun auch ein besonderes Gotteshaus und Herr
schmälerte Gnadengut der reinen Lehre besitzen
und genießen.
Dieser Samariterdienst der Christen Edin⸗
burgs ist namentlich durch den wegen der Un⸗
abhängigmachung der schottischen Kirche vom
Staate so berühmt gewordenen Dr. Chalmers
ins Leben gerufen worden. In Verbindung
mit einem andern Prediger, Dr. Guthrie
von der St. Johanniskirche, arbeitete derselbe
mit unglaublicher Selbstverleugnung in dem
Abgrund des Elends jener Stadtviertel. Nach⸗
dem aber jener merkwürdige Mann im Jahre
1847 heimgegangen war, so wurde namentlich
Dr. Guthrie die Seele des dortigen Sama⸗
riterdienstes. Zu dem oben angegebenen Zweck
entnehmen wir einer vielgelesenen Zeitschrift
nur Ein Beispiel.
Einer der Armendistrikte Edinburgs, The
Pleasance genannt, enthielt etwa 2000 Men⸗
schen, die in völliges Heidenthum versunken
waren, nie eine Kirche betraten, meist in wilder
Ehe lebten — 300 Kinder liefen völlig ver⸗
nachlässigt auf den Straßen umher. Dr Gu⸗
thrie und sein College Dr. Hanna (Schwieger⸗
sohn DUr. Chalmers) nahmen mit ihren Vor⸗
stehern und Diakonen die Sache kräftig in die
Hand. Sie wählten einen Missionär und
einen Lehrer aus, deren Unterhaltung ihre
Gemeinde übernahm und bauten eine Schule
zum Unterricht der Kinder in der Woche, zum
Gottesdienst für die Erwachsenen am Sonntag.
Doch der Missionär und der Lehrer sollten nicht
alles allein thun. Der ganze Distrikt wurde in
Abtheilungen von je sechs bis sieben Familien
getheilt, und jede sollte von einem Gemeinde⸗
gliede ein oder zweimal wöchentlich besucht
werden. Die Besucher sollten die Leute ans
ihrer Lethargie herauszureißen suchen, sie be—
rathen, und ihnen zeigen, wie sie ihrem Elend
entrinnen fönnten; sie sollten ihre Wohnungen
in besseren Stand setzen, sie von dem Trunk
abzubringen suchen, sie zur Reinlichkeit, Ord⸗
nung und Nüchternheit gewöhnen, endlich sie
bewegen, ihre Kinder in die Schule zu schicken
und selbst am Sonntag in die Kirche zu gehen.
Der Aufruf der beiden Pastoren fand in der
St. Johannisgemeinde lebhaften Anklang —
das nöthige Geld kam rasch zusammen und
40 bis 50 Personen meldeten sich als Besucher.
So ging's nun hinab in die Pleasance. Was
geschah? In kurzer Zeit waren an 200 Kinder
aus den Straßen in die Schule gebracht und
am Sonntag sing die Schule an, sich mit Be⸗
suchern zum Gottesdienste zu füllen. Bald
wurde der Raum zu enge und immer enger —.
man mußte an einen Kirchbau für die Pleasance
denken. Und die Johannisgemeinde zögerte
nicht — sie baute den Armen auf ihre Kosten
Cochrane, der bisherige Missionär, wurde
zum Pastor für die so gesammelte Gemeinde
ordinirt. Jetzt gehören 613 Communicanten
dazu und der ganze Distrikt ist wie umgewan⸗
delt; die Schule aber wird bereits ganz auf
Kosten der neuen Gemeinde erhalten. —
Wohl hätten die also vom leiblichen und
geistlichen Elend Geretteten am jüngsten Tage
dereinst keine Entschuldigung gehabt, auch wenn
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