Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 23, Nummer 18 › Seite 142

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Mai 1867, Seite 142

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deutschen Katholiken aufgenommen, welcher
mir auch Nachricht über ein etwa acht bis zehn
Meilen entferntes deutsches Settlement geben
konnte. Am nächsten Morgen machte ich mich
zu Fuße dahin auf. Bei dem ersten Farmer
wurde ich freundlich aufgenommen, und bald
flogen nach allen Seiten hin Boten mit der
Kunde, ein deutscher Prediger sei angekommen,
welcher morgen Gottesdienst halten wolle. Ich
predigte am folgenden Tage, welcher gerade
ein Sonntag war, im Schulhause. Alle Deut⸗
schen stellten sich ein, darunter ergrante Män⸗
ner aus dem Hessenlande, welche gekommen
waren, um das lang entbehrte Wort Gottes zu
hören, das ihnen jetzt wie süße Heimathstöne
erklang und ihnen manche Thräne auspreßte,
ja, das sie in diesem Lande noch nie von deut⸗
scher Zunge gehört hatten. Des Nachmittags
fanden wir uns wieder bei einem Farmer
zusammen, wo mir reichlich Gelegenheit ward,
ihnen aus den Worte Gottes und aus der
Geschichte der christlichen Kirche zu erzählen,
was mit Fleiß angehört wurde. Ach es war
ein schöner Tag für mich! und ein fröhliches
Dankgebet stieg am Abend aus meinem Herzen
zu Gott empor! —

Ihre Bitte um ferneren Gottesdienst konnte
ich ihnen im Monat August gewähren, wo ich
dann länger als gewöhnlich blieb, die einzelnen
Familien aufsuchte oder vielmehr überall hin⸗
geholt wurde, die jungen Leute zu Singübun⸗
gen versammelte, um die schönen rhythmischen
Melodien einzuüben, was auch ganz zufrieden⸗
stellend gelang, und ihnen endlich öfters pre—
digte und die Gnadenmittel spendete.

Diese Leute waren, wie es fast überall der
Fall ist, theils Lutheraner, theils Unirte; deß⸗
halb sah ich mich genöthigt, Manches über
unirte und reformirte Kirche zu sagen und ihnen
die rechte Lehre der lutherischen Kirche vorzu—
halten. Wie nun Einer davon, der in Deutsch⸗
land lntherisch war, aber in desem Lande unirt
wurde, wieder zur rechten E kenntniß kam, will
ich hier mittheilen. Derselbe, noch ein junger
Mann, erzählte mir Folgendes: Ich kam zu⸗
erst nach Illinois, wo meine Verwandten woh—
nen, welche zur evangelischen Kirche gehören,
daselbst lernte ich aber auch viele andere meiner
Landsleute kennen, welche Glieder einer alt⸗
lutherischen Gemeinde waren und mich öfters
mit in ihre Kirche nahmen. Fürs Erste ge—
fiel mir da schon die schöne neugebaute Kirche,
die Predigt aber noch weit mehr, ich hörte ganz
den Glauben meines Superintendenten, der
mich confirmirt, und meiner frommen Mutter,
die mich allezeit zur Gottesfurcht angehalten
hatte; nur einige Ceremonien schienen mir
fremd. Wieder zurückgekehrt zu meinen Ver⸗
wandten, that ich meine günstige Meinung kund
über diese Gemeinde. Dsagte man mir aber,
ich verstände das nicht, die Altlutheraner hät—
ten gar absonderliche Dinge, ich sollte nur in
ihre evangelische Kische kommen, da würde ich
es von ihrem Prediger hören. Ich ging in
diese Kirche und hörte von dem-Prediger am
Schluß des Gottesdienstes, daß die Altluthe—
raner (erschrick nicht, mein Lieber, vor dem
Grausigen!) die Beichte noch hätten und den

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Leuten die Sünde vergeben thäten, also halb
katholisch seien. — So weit erzählte er. Ich
fragte ihn hierauf nach seinem Heimathsorte
und dem Suyperintendenten, der ihn confir⸗
mirte. Auf die gegebene Antwort erwiederte
ich: das ist ja herrlich! Zeigen Sie mir doch
einmal ihr Gesangbuch. Ich schlug nun in
demselben den vollständigen lutherischen Kate—
chismus auf und fragte: Darin sind Sie doch
unterrichtet worden? Ja gewiß, sagte er. Auch
über das Hauptstück vom Amt der Schlüssel?
Wir haben Alles gelernt. Sie haben auch in
der Confirmation gelobt, dabei fest zu verhar⸗
ren? Ach ja! ich denke noch heute daran.
Nun, fuhr ich fort, besinnen Sie sich doch ein—
mal recht genau. Sagte nicht Ihr Prediger
am Schlusse der Predigt also (hier sprach ich
die Worte der allgemeinen Beichte und der
Absolution)? Ich erinnere mich jetzt, daß er
also that, ich hatte es aber fast ganz vergessen.
Gott sei gedankt, daß Sie sich dessen wieder
erinnern. Denn hören Sie wohl, gerade das⸗
selbe und nichts Anderes, als was Sie in Ihrer
ev.⸗luth. Kirche in Deutschland hatten, haben
wir auch, und dennoch schelten uns diese fried⸗
fertigen Evangelischen Altlutheraner, bringen
den Leuten fürchterliche Begriffe von uns bei
und suchen sie von uns abzuhalten, wo sie nur
können, hingegen scheuen Manche unter ihnen
nicht, sich den Namen „lutherisch“ beizulegen.

Das ist wahr, sagte er, ich habe es selbst er⸗

fahren; ich ärgere mich nur jetzt, daß ich so
dumm, vielmehr so leichtsinnig war und der
Sache nicht besser nachdachte. Doch von nun
an will ich mich fest halten zu meiner lieben
lutherischen Kirche; wollte nur Gott geben, daß
auch meine Verwandten dazu kämen. — Das
war mir ein deutlicher Beweis, daß wahre
lutherische Christen, wenn sie von Deutschland
kommen, auch hier ihrer lutherischen Kirche
angehören wollen. —

Am Schlusse des letzten Gottesdienstes, den
ich dort hielt, wurde beschlossen, Herrn Pastor
M. aus Macon City um regelmäßige Abhal—
tung von Gottesdiensten zu bitten; derselbe
hat auch diese Bitte erfüllt. Gott möge nun
in Gnaden das gute Werk daselbst fortführen.

(Fortsetzung folgt.)
Gottes Heimsuchung über dem Steedener
Proseminar.

Mit der zweiten Hälfte des vergangenen
Winters ist eine Zeit schwerer göttlicher Heim—
suchung über unser Steedener Proseminar her—
eingebrochen: nicht unerwartet, denn der HErr
hat es ja deutlich genug in Seinem Wort zu-
vorgesagt: „Welchen er lieb hat, den züchtiget
Er“ und „Wer dem HErrn dienen will, der
schicke sich zur Anfechtung“ und dem HErrn
wollen wir ja auch in Steeden dienen. Und
doch kam die Anfech tung fast unerwartet, denn
bisher hat der HErr ein so reiches und ununter⸗
brochenes Maß Seines Segens über unser
Sttedener Proseminar ausgegossen, daß wir,
menschlich geredet, fast hätten in die Versu⸗
chung kommenkönnen, Seiner züchtigenden Hand
zu vergessen. Davor wollte uns der HErr

gnädiglich bewahren. — Wir sind mit David
in die Hand des HErrn gefallen, 2 Sam.
24, 14. Er hat mit Pestilenz uns heimgesucht.
Schon in der Mitte Jannars erkrankten drei von
unsern Zöglingen, und bei zweien derselben
nahm das Fieber einen nervösen Charakter an.
Wir achteten es nicht hoch, da wir in unserer
Anstalt noch nie viel von Krankheit erfahren
hatten; unmittelbare Lebensgefahr schien noch
nicht vorhanden zu sein und Christen sollen nicht
gleich allzuviel Lärm und Geschrei daraus
machen, wenn es scheint, als wollte es einmal
ein wenig trüb hergehn. Mitte Februar wurde
unser Lahnthal von einer großen Ueberschwem—
mung betroffen, die den schädlichen Einfluß der
nassen Witterung vollends bestärkte. Da nahm
das Fieber in unserm Hause plötzlich eine ge⸗
fährliche Wendung und wurde zu einer an—
steckenden Seuche. Es waren wenige im
ganzen Hause, bei denen es nicht bald mehr,
bald weniger angeklopft hätte. Wirklich Fieber⸗
kranke, die zu Bett lagen, hatten wir in kurzer
Zeit und beim ersten Sturme zehn von unsern
Hausgenossen, Gott Lob! nicht alle schwer und
lebensgefährlich, aber auch an solchen fehlte es
nicht. Unser Haus war in ein Lazareth ver—
wandelt, vier Zimmer lagen voll Kranke. Das
größte unserer Zimmer war zur Aufnahme der
tödlich Kranken eingerichtet. Gerade die
blühendsten und stärksten unter unsernZöglingen
waren am heftigsten vom Fieber ergriffen wor⸗
den und wurden bald an den Rand des Todes
hingerückt. Da lagen denn die sonst so frischen
und rüstigen Zöglinge, bald zu Schatten abge—
zehrt, keiner Stimme und Sprache mehr mäch—
tig. Der HErr aber ließ die Versuchung, die
uns betroffen, ihren höchsten Gipfel erreichen.
Es kam mit unsern Schwerkranken bis zur
äußersten Todesgefahr; über eine Woche schweb⸗
teu sie stündlich wie im Rachen des Todes.
Das waren trübsalsvolle Tage und Stunden
für unser Haus, nicht bloß einen mit dem Tode
Ringenden, sondern deren so viele in unserer
Mitte zu haben. Alle uusere Lehrstunden und
gewohnten Beschäftigungen waren aufgehoben,
Tag und Nacht waren die Gesunden an den
Betten der Kranken und die eigenen Kräfte
hätten zur Pflege derselben kaum hingereicht,
wenn nicht von Außen her vom Diakonissen⸗
haus in Darmstadt so liebreiche und aufopfernde
Hülfe uns wäre geleistet worden. Mit christ⸗
licher Treue dienten auch die Zöglinge ihren
kranken Brüdern und scheuten weder die
schwerste und ekelste Arbeit, noch die Gefahr
der Ansteckung, um sie auf's sorgsamste verpfle⸗
gen zu helfen. Da ließ der HErr uns wie in
tiefen Wassern gehen und es war lange unsere
tägliche Losung: „Mitten wir im Leben sind mit
dem Tod umfangen.“ Und als endlich der
HErr unser Bitten und Rufen zu erhören schien
und die unmittelbare Lebensgefahr bei unseren
Schwerkranken vorüber ging, da war doch des
Jammers noch kein Ende, denn bei einigen
waren die Kräfte so gänzlich gebrochen, daß es
schien, sie könnten sich nicht mehr erholen, und
mit kläglichem Wimmern und Stöhnen lagen
sie da. Aber wir freuten uns des so kündlich

großen Beweises der göttlichen Gnade, daß der

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