Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 23, Nummer 18 › Seite 143
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Mai 1867, Seite 143
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Serr unser Gebet erhört und keinen einzigen
von all unsern geliebten Kranken uns entrissen
hatte. Sprach doch selbst der Arzt oft sein
Verwundern aus über Gottes sichtlichen Segen
und Hülfe über unserm Haus.
Aber der HErr beschloß, auf's Neue und tie—
fer noch uns zu demüthigen, damit wir nicht
stolz würden. Gegen Ende März nahm die
Krankheit einen neuen und zweiten Anlauf und
die Krankenbetten, die schon von einigen der
leichten Kranken verlassen waren, wurden mit
frischen gefüllt. Und auch von diesen frisch
Erkrankten riß das Fieber rasch einige bis in
Todesgefahr hinein. Darunter unsern theuren,
nun heimgegangenen, Robert Bischoff aus
Sachsen. Er war ein überaus kräftiger neun—
zehnjähriger Jüngling, an Leib und Seele
herrlich begabt und ausgerüstet zum Dienste des
HErrn, wie es schien, vor vielen Anderen.
Dabei eine treue, aufrichtig gläubige, fromme
Scele. Er hatte eifrig seinen kranken Kamera⸗
den Tag und Nacht dienen helfen. Als er
selbst erkrankte, wollten wir kaum glauben, daß
es sollte mit ihm Gefahr haben, war er doch
körperlich so stark und fest, daß man kaum den—
ken konnte, er werde darnieder liegen, und
dazu ein so treffliches Rüstzeug für den künfti⸗
gen Dienst des HErrn, mit Kräften und Gaben
so auf's schönste und herrlichste vor vielen dazu
geschmückt und gerüstet, wie sollte das der HErr
zerbrechen und wegwerfen? Das wollte fast
Niemand in den Sinn. Doch als die Krank⸗
heit stieg, versäumte ich meine väterliche Pflicht
nicht, den Kranken seines möglichen Endes zu
erinnern, und er empfing mit sichtlicher Andacht
und großem Ernst in unserm großen Kranken⸗
zimmer mit mehreren der andern Kranken, die
der Besinuung wieder mächtig waren, das hei—
lige Abendmahl. Aber gar rasch wuchs die
Krankheit. Ein befonderes Zeichen that der
HErr, als Vorbedeutung des nahenden Todes,
zu dem er sich schicken sollte, an unserm geliebten
Bischoff; nämlich während alle unsere übrigen
Schwerkranken alsbald die Besinnung verloren,
blieb er bei vollem klaren Verstande bis zu fei⸗
nem letzten Lebenstag. So konnten wir ihm mit
christlichem Zuspruch zur Seite stehen, ihn auf
sein nahendes Ende hinweisend und seine Seele
tröstend und stärkend mit dem Wort von der
Versöhnung und Vergebung seiner Sünden.
Er hat diesen Trost auch allzeit kräftig und wohl
gefaßt und der HErr verlieh seiner Seele unge—
störten Frieden. Am letzten Tag ließ er mich
noch einmal eilend zu seinem Bette rufen, um
noch einmal Gottes Wort von mir zu hören.
Darauf nahm Schwäche und Fieber überhand.
Noch einmal versuchte der Arzt die letzten Mittel
menschlicher Wissenschaft, die Krankheit zu
wenden, helfend und betend waren unserer viele
um das Kraukenbette versammelt, doch vergeb—
lich. Wie der Aprilsturm tobend und heulend
in jener schaurigen Nacht um die Fenster
wüthete und fast Alles zittern und beben machte,
so tobte in unserm Kranken die Fiebergluth fort,
bis die Blume geknickt und von ihrer Stätte
verweht war.
Nun ruht die Leiche bis zu ihrer morgenden
Bestattung sanft und still in unserer Kirche.
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Wir haben die Spuren des Todes möglichst von!
ihr entfernt, das weiße Kleid schmückt sie als
ein Abbild des schönen weißen Himmelskleides,
das nun die selige Seele trägt, mit Blumen
und Kränzen ist sie umhüllt und das Haupt
schmückt billig einejKrone; denn wir sind gewiß,
unser theurer Entschlafener hat gesiegt und
überwunden durch des Lammes Blut. Unserm
ganzem Hause aber ist auf Morgen Buß- und
Bet- und Festtag angesagt, denn eine christliche
Leiche ist ja nichts Anderes, als ein Samen⸗
korn, das in die Erde gelegt wird auf den
künftigen Tag der glorreichen Auferstehung.
Da ziemt uns Christen neben rechtschaffener
Buße nicht ungläubiges Jammern und Weh⸗
klagen, sondern Psalmen und Loblieder zum
Preise des HErrn, der uns den Sieg gegeben
hat über Tod und Hölle.
Noch sind die Tage der Heimsuchung in un—
serm Hause nicht vorüber. Noch sechs Kranken—
betten sind gefüllt, wie viele es noch werden,
steht in des HErrn Hand. Einige der Kranken
sind körperlich zerrüttet, daß wir noch abwarten
müssen, ob sie der HErr so weit kräftigt und
wieder herstellt, daß sie zu Seinem Dienst in
Amerika, auf einem so schweren Arbeitsfeld,
wie dort, tauglich werden. Bei einem unserer
Zöglinge, der, 17 Jahre alt, sich jetzt im dritten,
Jahre in unserer Anstalt befindet, einem gar
treuen, fleißigen und frommen Schüler, sind
die höͤhern Verstandeskräfte so völlig verloschen,
daß wir ihn in die Heimath entlassen müssen,
bis auf die, nach der Aussage des Arztes, un—
gewisse, jedenfalls langwierige Besserung hin.
Mögen die lieben Leser fürbittend unserer
Trübsal gedenken und den HErrn mit uns an⸗
rufen, daß Er bald unserer Noth ein gnädiges
Ende machen, vor Allem aber uns verleihen
wolle, daß dieselbe bei uns Allen eine recht⸗
schaffene Frucht der Buße wirke und wir uns
demüthigen unter Seine gewaltige Hand, so
wird Er uns erhöhen zu Seiner Zeit.
Brunn.
Zur kirchlichen Chronik.
Papistische Osterfreude. Unter
der Ueberschrift „Osterfreude“ findet sich im
Louisviller „Katholischen Glaubensboten“ vom
17. April folgendes Stück: „In den uralten
Zeiten des Christenthums war es schon ein
frommer () Brauch, nach der langen Quadra⸗
gesimalfasten am Ostertage erheiternde
Spiele aufzuführen, um dem echristlichen Volke
zu zeigen, daß die katholische Kirche für Alles
ihre Zeit hat, daß sie bald in Trauer sich hüllt,
bald sich freut, wie (2) der heil. Apostel Pau⸗
lus sagt. Diese erheiternden Spiele werden
Ostergelächter genannt. Ein solches
Ostergelächter wird am heiligen Oster⸗
feste Nachmittags im Schulhause der St.
Peters-Gemeinde, New Californien, veranstal⸗
tet. Es werden nehmlich daselbst von den
Knaben der St. Bonifacius-Gemeinde das
komische Stück: Der Berliner Eckensteher;
von den Knaben der St. Martinus⸗Gemeinde:
Der Wunderdoctor und die feindseligen Brü—
der; und von den Knaben der St. Peters—
Gemeinde: Wie lustige Studenten einen gei⸗
zigen Wirth anführen, aufgeführt werden —
so daß sicher die Lachmuskeln gehörig in Thä—
tigkeit kommen werden. Die Vorstellung ist
selbstverständlich zum Besten der St. Peters⸗
Kirche.“ — Das ist also die Art und Weise,
wie die päbstliche Kirche ihr Volk Ostern feiern
lehrt und für die Schmerzen des ihr vorher
auferlegten heuchlerischen Fastens entschädigt,
wie sie ihrem Volke die fröhliche Predigt von
der Frucht der Auferstehung Christi erfetzt, und
wie sie endlich zur Erbauung und Erhaltung
ihrer Kirchen ihrem Volke Geld entlockt! Daß
sich Gott erbarme! W.
Der Reformirte „Evangelist“
enthält in seiner Rummer vom 30. April fol⸗
gendes Stücklein: „Der „Lutheraner' schließt
einen Aufsatz mit folgendem, sehr bezeichnen⸗
dem Vers: „Ich will nun und nimmermehr
von dem Buchstab weichen.“ Man vergleiche
2 Kor. 3, 6.“ — Vergleicht man nun diese
Stelle, so findet man daselbst die Worte: „Der
Buchstabe tödtet, aber der Geist macht leben⸗
dig.“ Wir hätten in der That dem Herrn
„Evangelisten“ mehr Verstand der Worte der
heil. Schrift zugetraut, als er mit diesem Citat
verräth. Auf jenen Vers aus dem „Luthe⸗
raner“ paßt dieser Bibelspruch, wie man zu
sagen pflegt, wie die Faust auf das Auge.
Weiß denn der „Evangelist“ noch nicht, daß
2 Kor. 3, 6. „Buchstabe“ Gesetz, „Geist“
Evangelium bedeutet?! Und hat er denn noch
nicht gelesen, daß der HErr selbst sagt: „Bis
daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zer⸗
gehen der kleinste Buchstabe, noch Ein
Tüttel (ein Häkchen) vom Gesetz, bis daß es
alles geschehe“? Matth. 5, 18. Hat etwa damit
auch Christus ein so „bezeichnendes“ Wort ge—
sprochen, daß ihn der „Evangelist“ deswegen
an 2 Kor. 3, 6. erinnern zu müssen glaubt?
Fürwahr, 2 Kor. 3, 6. zum Beweise dafür an⸗
zuführen, daß man von dem „Buchstaben“ der
heil. Schrift weichen könne und dem sogenann⸗
ten „Geist“ ohne den Buchstaben folgen solle
— einer solcher schauderhaften Schriftaus⸗
legung oder vielmehr Schriftverkehrung und
-Verdrehung sollten sich doch die Reformirten
schämen und dieselbe den stockblinden Rationa⸗
listen überlassen. W.
Der Reformirte „Evangelist“
noch einmal. Derselbe berichtet in der
bereits angezogenen Nummer, daß der unirt⸗
evangelische Oberkirchenrath in Preußen am
18. Februar eine sogenannte „Denkschrift“ ver⸗
öffentlicht habe, worin derselbe erkläre, daß er
denen, welche in dem erweiterten Preußen luthe⸗
risch oder reformirt bleiben wollen, kein ge⸗
sondertes Kirchenregiment erlauben könne.
Zwar ist es nun erfreulich, daß sich auch der
„Evangelist“ gegen diese beabsichtigte äußer—
liche kirchliche Union bei bleibender Lehr⸗ und
Glaubensverschiedenheit ausspricht; wenn aber
der „Evangelist“ sagt, daß dem sogenannten
Hochkirchenthum der Lutheraner, das heißt,
ihrer Neigung zu allerlei päbstlichen Dingen,
besser durch das selbständige Bestehen der re⸗
formirten Kirche Einhalt gethan werden könne,
als durch Union; ja, wenn der „Evangelist“
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