Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 23, Nummer 22 › Seite 170
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. Juli 1867, Seite 170
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Chiliasmus 2 · Synoden
T
Sache des missourischen Pastors Schieferdecker
anlangt, so bin ich, so viel ich davon weiß,
überzeugt, daß in seiner Ausschließung die
Synode ganz recht gethan hat.“ Auch
Dr. Münkel schrieb in seinem „Nenen Zeit⸗
blatt“: „Ich kann es nur billigen, daß die
lutherischen Missourier in America so ernst
gegen den Chiliasmus aufgetreten sind und ihm
keine Duldung bewilligt haben. Wer den ge—
witterschwülen chiliastischen Dunstkreis in
America nur einigermaßen kennt, der wird be—
greifen, welche Noth die Missourier damit ha⸗
ben, und wie schwer es ihnen fällt, ihre Ge—
meinden einigermaßen in gesunde Luft zu brin⸗
gen. Wollten sie gegen den Chiliasmus nach—
sichtig sein, so würden sie ihre ganze Kirche
Denn der Chiliasmus ist
aufs Spiel setzen.
nicht nur grundstürzend, er ist ein ganzes Ge—
flecht von Irrlehren, und muß nothwendig sei⸗
nen verwirrenden Einfluß auf die ganze Heils⸗
lehre äußern. Dazu kommt, daß man in
America weniger speculirt als in Deutschland.
Man will die praktischen Erfolge von allem
sehen und Versuche damit an der Kirche machen,
wie die vielen und täglich neuaufschießenden
Secten zeigen.“ Pastor Schieferdecker hatte
erst keine Lust, sich an die chiliastische Jowa—
Synode anzuschließen. Er meinte, ein gewich⸗
tigeres Zengniß für ihn und gegen uns
würde es sein, wenn er in der von uns als treu
lutherisch anerkannten Tennessee-Synode
Aufnahme fände. Vielleicht trieb ihn auch
dazu sein Anhang, der zumeist nichts vom Chi⸗
liasmus wissen und seinen lutherischen Namen
und Charakter retten wollte und nur aus Haß
gegen die Synode ihm gefolgt war. Doch
auch hier gelang es Pastor Schieferdecker nicht,
ein Zeugniß treuer Lutheraner für die Ungefähr—
lichkeit seines Chiliasmus zu erlangen. In
dem Bericht der Tennessee⸗-Synode vom
Jahre 1858 lesen wir vielmehr: „Die Speeial—
Committee Nr. 2. berichtet, wie folgt: Auf die
Frage, welche dieser Synode von dem Ehrw.
Georg A. Schieferdecker vorgelegt worden ist,
ob wir Pastoren und Gemeinden annehmen,
welche die Lehren von einer allgemeinen Be—
kehrung der Inden vor dem jüngsten Tage und
von einem Millennium oder Reich Christi auf
Erden festhalten, während dessen Dauer alle
Gottlosen unterjocht werden sollen, was chilia⸗
stische Irrthümer sind, schlagen wir, die zum
Bericht über diesen Gegenstand bestellte Com—
mittee, vor, daß die Synode einfach mit Nein
antworte. Auf Antrag wurde dieser Bericht
angenommen.“ — Wessen daher früher die
Chiliasten sich rühmten, dessen fangen sie jetzt
großentheils sich zu schämen an, und das Be—
streben vieler von ihnen geht nun dahin, alles
Crasse, was sie früher behaupteten, jetzt so subtil
zu macheu, daß es ganz harmlos erscheint und
ihre Gegner als muthwillige, zank- und ver-⸗
dammungssüchtige Ketzermacher dastehen.
So erfrenlich es nun ist, zu sehen, wie der
Chiliasmus in unserer Kirche immer mehr an
Boden verliert und in Verruf gekommen ist,
so ist es doch eine betrübte Wahrnehmung, daß
diejenigen, welche wenigstens früher in einem
groben Chiliasmus staken, anstatt denselben
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ehrlich und offen zu widerrufen und so alsbald
das volle Zutrauen der treuen Lutheraner
wiederzugewinnen, häufig sich damit zu helfen
suchen, daß sie ihre früheren Irrthümer zu be—
schönigen und den bisherigen gegen sie ge—
führten Kampf auf Ketzermacherei oder auf
Mißverständnisse zurückzuführen trachten. Als
die Zwinglianer auch damit umgingen, da be—
zeugte Luther im Jahre 1537 dem nur allzu
frievdliebenden Bucer: „Das wäre das
Beste zur Sache, wenn eure Leute
recht lehreten, und frei und rund
herans bekenneten: Lieben Freunde,
Gotthatuns fallen lassen, wir
haben geirret, und falsche Lehre
geführet, lasset uns nunmehr klüger
werden, vorsehen und recht lehren.
Denn mit dem Bemänteln und Ver⸗
tuschen läßt es sich wahrlich nicht
thun, wie man auch weder seineigen,
noch anderer Leute Gewissen damit
stillen kann. Denn solch Umschweifen ge—
fällt Gott nicht, der sonderlich der Lehre halben
ein scharf Urtheil von uns fordern wird.
Darum wir Gott und seinem Wort in unserm
Amt und Leben nichts vergeben dürfen, es sei
so gleißend, schön, herrlich, mächtig, künstlich,
klüglich, als immermehr kann gedacht und für—
gebracht werden.“ (Walch's Ausgabe XVII,
2593.) Schon drei Jahre vorher hatte Luther
dem Melanchthon, als ein Colloquinm zur
Beilegung des Saeramentsstreites abgehalten
werden sollte, unter anderem folgende Instruc⸗
tion gegeben: „Wir dürfen schlechter-
dings nicht zugestehen, daß man von
uns sage, vorher habe keiner von
beiden demanderenrecht verstanden.
Denn mit dieser Arzenei werden wir eine so
große Wunde nicht heilen, da wir beiderseits
selbst nicht glauben, daß dies wahr sei, und
andere dafür halten werden, daß dies von uns
nur erdichtet werde, und wir so die Sache nur
verdächtiger oder vielmehr ganz zweifelhaft
machen würden. . Darum möchte ich lieber,
der Zwiespalt würde so beigelegt, daß man bei
jenen zwei Meinnngen bliebe (von der wahren
Gegenwart Christi und von den bloßen Zeichen
desselben), als daß man zu endlosen Fragen
Gelegenheit gebe, welche endlich zu Verleug—
nung aller Religion (ad epicuraeismum) füh⸗
ren müssen.“ (Centikol. Luth. von J. A.
Fabricius. S. 454. f.)
Zu vorstehenden Bemerkungen sind wir lei—
der! veranlaßt worden durch das, was Herr
Professor S. Fritschel in seinem Anfsatze
zur Rechtfertigung des Chilias mus ge—
schrieben hat, der in seiner Synode als be—
rechtigt gilt. Auch Herr Prof. F. gehört offen—
bar zu denen, denen in gegenwärtiger Zeit der
Muth entfallen ist, mit dem groben Chiliasmus
hervorzutreten. Anstatt aber denselben zu
widerrufen und, wie Luther von den Zwing—
lianern verlangte, zu erklären: „Lieben Freunde,
Gott hatuns fallen lassen, wir haben geirret,
und falsche Lehre geführet,“ entstellt er in wahr—
haft kläglicher Weise den bisherigen Streit—
punct und sucht so den Schein hervorzubringen,
als ob in seiner Synode nie etwas anderes,
als was gar kein eigentlicher Chiliasmus ist,
geduldet und von uns, im Gegensatz zur Praxis
unserer rechtgläubigen Kirche, in ketzermacheri⸗
scher Weise bekämpft und verdammt worden
sei. Herr Prof. F. schreibt: „Was in aller
Welt wollen denn die Herrn Missourier von
uns? Wir sollen, das ist ihr Begehren, in
den 17. Artikel der Augsburgischen Confession
hineinlegen: daß jede Annahme verdammt sei,
welche die 1000 Jahre der Offenb. Cap. 20.
in die Zukunft verlegt.“
entblödet sich nicht, sogar zu schreiben: „Was
ist denn also an seiner (Pastor Schiefer—
Ja, der Genannte
decker's) Lehre vom 1000jährigen Reiche „
das Ketzerische, um deswillen ihn Missouri
ausschloß? Einzig das, daß er erklärt: die
1000 Jahre können „„schwerlich schon erfüllt
sein.“ Also diese bescheidene Meinnng, die nur
als Privatmeinung angesehen sein, die sich zu
keinem Lehr- und Glaubensartikel machen, noch
irgend jemand aufdrängen will, die nicht die
Beschaffenheit des 1000 jährigen Reiches, son—
dern einzig die Frage betrifft: ob die Weis⸗
sagung Apok. 20. schon erfüllt sei oder nicht,
ist der von Missouri verketzerte Chiliasmus.
Und wenn jemand in allen Stücken richtig
lehrte, so würde das Eine, daß er die 1000
Jahre noch zukünftig erwartet, hinreichen, ihn
von der kirchlichen Gemeinschaft, auszu—
schließen.“
Wir müssen gestehen, wir haben es schon mit
vielen Gegnern zu thun gehabt, die dreist genug
waren, wenn sie sich widerlegt sahen, das in
Abrede zu stellen, was sie früher deutlich genng
wirklich behauptet hatten, aber Herr Prof. F.
überbietet hierin dieselben alle bei weitem.
Abgesehen von dem, was uns über den in der
Jowa⸗Synode grassirenden groben Chiliasmus
von denen mitgetheilt worden ist, die Jahrelang
in ihrer Mitte waren und um dieser Pest willen
von ihrem Gewissen gedrungen aus derselben
geflohen sind; abgesehen von den greulichen
chiliastischen Schwärmereien derjenigen, mit
welchen die Jowa-Synode in inniger brüder⸗
licher und in kirchlicher, in Abendmahlsgemein⸗
schaft steht: so sind ja die Veröffentlichungen
sowohl der Jowa-, als der Missouri-Synode
noch vorhanden, welche Prof. F. in das An—
gesicht lügenstrafen und schwarz auf weiß un⸗
widerleglich zeigen, daß beides eine grobe Ent—
stellung des Thatbestandes ist, sowohl was die
Jowa⸗Synode bisher allein vertreten, als was
unsere Synode verdammt haͤben soll.
Unwahr ist erstlich, daß die Jowa—
Synode nur die Zukünftigkeit der tausend
Jahre, von denen Offenb. 20. die Rede ist, be⸗
haupte und nur diese sich nicht verketzern lassen
wolle. In einem Berichte, welcher in dem
Organe der Jowa-Synode von den Verhaud⸗
lungen und Beschlüssen derselben im Jahre
1858 gegeben wurde, heißt es zwar von dem
tausendjährigen Reiche: „Doch darf man nicht
glauben, daß das selbe ein solches sei, „da eitel
Heilige und Fromme ein weltlich Reich haben
und alle Gottlose vertilgen werden“. Auch
nicht, daß es in dem tausendjährigen Reicht
keine Sünde, keine Heuchler und Gottlosen,
keine Leiden, keinen Tod ꝛc. mehr geben werde;
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