Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 27, Nummer 13 › Seite 98

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. März 1871, Seite 98

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Der Dulheraner.

pheten und Apostel, aber zugleich über alle an⸗
deren uns bekannten reinen Lehrer deẽs Wortes
Gottes; wir halten ihn nemlich für den von Gott
selbst erweckten, ausgerüsteten und versiegelten Re⸗
formator der Kirche; für den Engel, der mit einem
ewigen Evangelium mitten durch den Himmel flie⸗
gen sollte, zu verkündigen denen, die auf Erden
sitzen und wohnen, und allen Heiden, und Ge⸗
schlechtern, und Sprachen und Völkern; durch den
Babylon gefallen ist, die große Stadt, die mit
dem Wein ihrer Hurerei getränket hat alle Heiden.
Offenb. 14, 6.8. Wir gestehen es: das uner⸗
müdliche Studium der Schriften Luthers hat in
uns eine so lebendige Ueberzeugung von der tiefen
Einsicht Luthers in die Lehre der heiligen Schrift
gewirkt, daß wir, ohne zu vergessen, daß auch er
irren konnte, doch eine von Luther aufgestellte
Lehre nicht ohne weiteres verwerfen, wenn wir die
Schriftmäßigkeit derselben auch nicht sogleich ein⸗
sehen können; wir vermuthen dann, daß es an
unserer Kurzsichtigkeit liegt; wir nehmen zwar
eine solche Lehre nicht an, ehe wir uns
von der Schriftmäßigkeit derselben
überzeugt haben, aber der Respect vor einem
so hocherleuchteten Manne, wie Lukher war,
nöthigt uns, in Gottes Wort nun eifrig zu for⸗
schen, um zu erkennen, welches Wort Gottes Lu⸗
thern wohl gebunden hat, diese Lehre für eine
göttliche zu halten und zu erklären. Wir haben
es ja erfahren, wie siegreich Luther alle die Leh⸗
ren begründet und gegen alle Einwürfe vertheidigt
hat, welche hochbegabte Leute angegriffen hatten,
z. B. die Lehre vom heil. Abendmahl gegen
Zwingli und Oekolampad; wir haben es nemlich
an solchen Lehren erfahren, daß Luther, wenn man
eine von ihm festgehaltene Lehre mit den scheinbar
unwiderleglichsten Gründen zu widerlegen suchte,
diese möglichen Einwürfe längst vorher schon selbst
erwogen und in ihrer Nichtigkeit erkannt hatte;
wir glauben es daher Luthern, wenn er am Schluß
seiner Vertheidigung der rechten Abendmahlslehre
seinen Glauben in Betreff aller Lehr⸗Artikel be⸗
kennt und hierbei hinzusetzt: daß er „von Gottes
Gnaden alle diese Artikel habe aufs fleißigste
bedacht, durch die Schrift und wieder herdurch oft⸗
mals gezogen und so gewiß dieselbigen wollte ver⸗
Ifechten, als ich jetzt habe das Sacrament des Al⸗
tars verfochten.“ (XX, 1374.) Kurz, wir geben
zu, daß wir Luthern für einen reinen Lehrer hal—
ten und daß wir, nachdem sich derselbe uns so
vielfach erprobt hat, für jede Lehre, die er als
Lehre des Wortes Gottes aufstellt, schon ein gutes
Vorurtheil haben, zwar dieselbe nie unge⸗
prüft annehmen,) aber auch ebenso wenig
ungeprüft, in dünkelhafter Selbstüberhebung so⸗
gleich verwerfen, wenn wir dieselbe auch nicht so⸗
gleich fassen können.

Solche Hochschätzung Luthers ist aber nicht
Solche Worte müssen wir groß drucken lassen, damit
unsere Herrn Gegner dieselben nicht übersehen und nicht in
die Welt hinaus posaunen: Die Missourier haben es selbst
eingestanden, daß sie, was Luther lehrt, schon im Voraus

für richtig annehmen. Denn das ist die Art unserer Geg⸗
ner; so geistlich und gerecht ist ihre Polemik!

eigenthümlich „missourisch“. Solche Hochschätzung
ist vielmehr geradezu eine Eigenthümlichkeit, ja,
ein Kennzeichen aller reinen Lehrer unserer Kirche.
Sie alle haben Luther als ihren theuersten Lehrer
und als ihren gemeinsamen geistlichen Vater ver⸗
ehrt.

So schreibt der Würtembergische Reformator
Johannes Brenz: „Lutherus allein
lebt in seinen Schriften, wir alle, gegen
ihn zu rechnen, sind als ein todter Buchstabe.“
(Vermahnung, die Bücher Lutheri mit Fleiß zu
lesen.)

So schreibt der große Theolog, Generalsuper⸗
intendent zu Zelle Urbanus Rhegius: „Lu⸗
ther ist ein solcher und ein so großer Theolog, daß
kein Zeitalter einen ähnlichen gehabt
hat.“ Femer: „Luther ist zu groß, als daß er
von jedem Naseweis beurtheilt werden könnte oder
sollte.. Ich muß sagen, was ich denke: wir
schreiben zwar alle und treiben die heil. Schrift,
aber mit Luther verglichen sind wir
Schüler. Dieses Urtheil fließt nicht aus der
Liebe, sondern die Liebe aus dem Urtheil.“ (Un⸗
schuldige Nachrichten. 1718. S. 320. Ger⸗
hard's Joc. de minist. § 123.)

So urtheilte Melanchthon: „Dr. Pomera⸗
nus ist der Grammaticus, der die Worte des Ter⸗
tes durchforscht; ich bin der Dialekticus, und ziehe
die Ordnung, den Zusammenhang, die einzelnen
Glieder, die Schlußfolgerungen
Dr. Jonas ist der Redner, und versteht die Dinge
mit rednerischer Ammuth ins Licht zu setzen: Lu—⸗
ther — ist Alles; mit ihm kann sich kei⸗
ner von uns vergleichen.“ S. Nik.
Selneccer's Recit. de autorit. Lutheri et Phil.
p. 323.) Derselbe schreibt ferner noch im
Jahre 1546: „Luther hat in seinen Auslegungs⸗
schriften, selbst nach der Widersacher Bekennmiß,
alles übertroffen, was von solchen Aus⸗
legungen jemals gesehen worden.“ (S. Luthers
Werke. XIV, 527.) Derselbe schreibt ferner
im Jahre 1549: „Was Luther für ein geschickter
Ausleger gewesen, können die Klugen leicht er⸗
messen, sonderlich wenn sie andere Auslegungen
dagegen halten. Ich erinnere mich, daß (selbst
der Papist!) Erasmus Roterodamus habe zu sa⸗
gen pflegen: Es sei kein geschickterer und
besserer Ausleger unter allen, deren
Schriften wir nach den Aposteln haben.
Und ich habe selbst auch gelehrte und ansehnliche
Männer, die die Lehre der Kirche wohl verstanden,
dergleichen von Luthero sagen hören. Und es
wird es ein jeder klar sehen, der beim
Lesen nur Vernunft, Aufmerksamkeit
und Redlichkeit braucht.“ (S. 539. f.)

So schreibt der große, gelehrte Schulmann
Georg Fabrieins an H. Weller: „Du weckst
den Mann Gottes Luther von den Todten auf,
welchen andere entweder verunstalten, oder be⸗
graben, uneingedenk des Verdienstes, welches sich
derselbe um sie erworben hat, daß sie nemlich, so
viel sie sehen, durch ihn sehen, so viel sie wissen,
durch seinen Unterricht gelernt haben. „Du

in Betracht;

heißest Klein-Hans oder Groß-Hans,
was du weißt in der Theologie, das
hast du dem Luther zu danken“ sagte (der
große Sprachgelehrte) Paul Fagius in einer
Rede.“ (Unschuld. Nachrr. 1718. S. 320.)
Selbst ein großer Sprachgelehrter im Pabstthum,
mit Namen Andreas Masius, bekannte:
„Auf Einem Blatte der Schriften Lu⸗
thers sei mehr gründliche Theologie,
als zuweilen in einem ganzen Buch
eines Kirchenvaters.“ Gerhard 1. e.)

So schreibt Martin Chemnitz: „Was
Quintilian von Cicero sagt: „Derjenige darf
gewiß sein, in den Wissenschaften große Fortschritte
gemacht zu haben, welchem Cicero am meisten ge⸗
fällt', das wende ich gern auf Luther an:
Derjenige darf gewiß sein, in der Theo⸗
logie große Fortschritte gemacht zu ha—
ben, welchem Luthers Schriften an
meisten gefallen.“ (Loci theologici. P.
III, fol. 39.)

Doch wenn wollten wir enden, wollten wir
auch nur einen Auszug der wichtigsten Zeugnisse
unserer größten Theologen von Luthers unver⸗
gleichlicher Mustertheologie hier mittheilen? Ge—
nug, jeder mit den Schriften der größten Theo⸗
logen unserer Kirche Vertraute weiß, daß sie alle
sich als Schülerlein Luthers weit unter denselben
stellen, und bekennen, daß sie das Beste, was sie
geben, erst von Gott durch Luther empfangen
haben; und hoffentlich wird niemand behaupten,
daß sie dies aus Heuchelei und Schmeichelei ge⸗
than haben.

Wer alles dies aber, wie Hr. X. X., für eine
„nahe an Vergötterung grenzende Verehrung Lu⸗
thers hält“, wie die Ungläubigen einen Humbold,
Schiller, Göthe u. A. vergöttern, von dem können
wir nicht anders urtheilen, als entweder daß er
ein Feind Luthers ist, der sich darüber ärgert, daß
ein Mann wie Luther so viel unter den Christen
gilt, oder daß er mit Blindheit geschlagen ist.
Die Hochachtung Luthers wegen seiner herrlichen
schriftmäßigen Lehre der Abgötterei gleichstellen,
welche die Ungläubigen mit begabten Feinden der
christlichen Offenbarung wegen dieser ihrer Feind⸗
schaft treiben, ist ebenso lächerlich, als lästerlich.

Ja, spricht Hr. X. X., meint ihr Missourier
nicht, wenn ihr ein Citat aus Luther angeführt
habt, „damit Alles niederschmettern zu können“?
— Wir antworten hierauf Folgendes.

Haben wir mit Leuten zu thun, welche keine
Lutheraner sein wollen, so sind wir weit davon
entfernt, diese mit Luthers Autorität niederschmet⸗
tern zu wollen. Wollten wir das, so wären wir,
wir gestehen es, Narren. Aber selbst wenn ein
Lutheraner an der Wahrheit der lutheri⸗
schen Lehre irre wird, so sind wir weit davon ent⸗
fernt, ihm sein Gewissen mit Aussprüchen Luthers
binden zu wollen. Einem solchen halten wir,
wenn wir ihn für aufrichtig halten, Luthers Aus⸗
sprüche höchstens zu dem Zwecke vor, daß er sich
seinem Irrth um nicht leichtfertig hingebe. Aber
so oft es sich darum handelt: Ist etwas wahr?

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