Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 1 › Seite 5

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Januar 1907, Seite 5

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ber trat der Todesengel an das Lager P. A. E. Freys in
Brooklyn und befreite seine Seele von der sterblichen Hülle.
Kaum hatten wir uns über diese Trauerbotschaft ein wenig
beruhigt, da flog die betrübende Kunde durch den Kreis der
Synode: P. Stephanus Keyl ist gestorben. Am 15. De⸗
zember hatten sich ihm die Tore des himmlischen Jerusalem
geöffnet, und er war eingegangen zu seines HErrn Freude.
Das war um so mehr eine schmerzlich überraschende Nachricht,
weil er allem Anschein nach noch immer bei guter Gesundheit
gewesen war und man von Krankheit nichts gehört hatte.

Mit P. Keyl ist ein Mann aus unserer Mitte geschieden,
der weit und breit in der Synode, ja weit über die Synode
hinaus bekannt war, wenn auch nicht persönlich, so doch dem
Namen nach; ein Mann, der in der Ausrichtung seines Amtes
als Emigrantenmissionar wohl mit mehr Leuten in Berührung
gekommen ist und ihnen ein belehrendes, ermahnendes oder
ermunterndes Wort gesagt hat, als irgend ein anderer Pastor
in der Synode. Viele, denen er bei ihrer Ankunft im fremden
Lande ein treuer Wegweiser geworden ist in rechtgläubige luthe⸗
rische Gemeinden der neuen Heimat, werden ihm ein dankbares
Andenken bewahren, solange sie leben. Sie werden es nie
vergessen, wie ein freundlicher Mann sie in treuherziger Weise
auredete und beratend, helfend, schützend ihnen zur Seite stand,
als sie als Fremdlinge im fremden Lande ratlos und hilflos in
der großen Weltstadt New Nork landeten. Ja, die ganze Sy⸗
node und Synodalkonferenz muß und wird es ihm Dank wissen,
daß er die bekenntnistreue lutherische Kirche Amerikas so viele
Jahre hindurch am Eingangstore der Neuen Welt bei Tausen⸗
den von Einwanderern so treu und furchtlos vertreten hat.

Stephanus Keyl war der Sohn P. E. G. W. Keyls und
seiner Ehegattin Amalie, einer Schwester des seligen D. C. F.
W. Walther. Am 27. Juni 1838 in Frohna, Königreich Sach⸗
sen, geboren, kam er mit den sächsischen Auswanderern, zu denen
seine Eltern gehörten, am 5. Januar 1839 in New Orleans,
La., und am 19. Februar desselben Jahres in St. Louis an.
Nach kurzem Aufenthalt daselbst übernahm sein Vater die
Gemeinde Frohna-Wittenberg in der neuen Ansiedelung in
Perry County, Mo. Dort verlebte der junge Keyl die ersten
Jahre seiner Kindheit. Später besuchte er die Schule der Drei⸗
einigkeitsgemeinde in St. Louis, wo er auch von P. Friedrich
Wyneken konfirmiert wurde. Da er dem SErrn der Kirche im

heiligen Predigtamte dienen sollte und wollte, so trat er in

das Concordia-College in St. Louis ein, wo er dann auch
zu den Füßen seines Onkels, Professor Walthers, Theologie
studierte und an dessen Tisch sein tägliches Brot bekam. Dafür
war er dem verehrten Onkel ein treuer Kutscher zu den Gottes⸗
diensten und Versammlungen der Gemeinde, deren Pastor
Walther war.

Als D. Walther im Jahre 1860 gesundheitshalber eine
Reise nach Deutschland und in die Schweiz machen mußte, duürfte
der junge Keyl zu seiner großen Freude den Onkel begleiten,
dem der kräftige junge Mann eine sehr erwünschte Stütze war.
Er kehrte jedoch nicht mit dem Onkel zurück, sondern blieb ein
Jahr in der alten Heimat und besuchte die Universität zu
Leipzig. Hier knüpfte er Verbindungen an und schloß Freund⸗
schaften mit deutschen Studenten, die zum Teil das ganze Leben
hindurch aufrecht erhalten wurden und für seine spätere Arbeit
in der Enigrantenmission gute Früchte trugen. Nach seiner
Rückkehr im Jahre 1861 hielt er sich eine Zeitlang im väter⸗

lichen Hause in Baltimore auf, wo sein Vater Pastor der

St. Paulsgemeinde war, und nahm dann im Jahre 1862 einen

Ruf an von der St. Johannesgemeinde in Philadelphia, Pa.,
woselbst er von seinem Vater ordiniert und in das heilige
Predigtamt eingeführt wurde. Im Oktober desselben Jahres
trat er mit Jungfrau Magdalene Walther, einer Tochter
D. Walthers, in den heiligen Ehestand. Dreiundvierzig Jahre
lang durften sie miteinander ihre Pilgerstraße zur seligen Hei⸗
mat ziehen. Gott segnete die glückliche Ehe mit 12 Kindern,
von denen jedoch nur sieben mit der Mutter den Vater über⸗
leben, nämlich vier Söhne und drei Töchter. Von den Söhnen
dient einer dem HErrn im heiligen Predigtamt.

Welchen der SHErr lieb hat, den züchtigt er. An diesen
Beweisen der Liebe ließ es der treue Gott auch in P. Keyls
Familie nicht fehlen. Nicht nur daß sie fünf Kinder mit
schwerem Herzen ins Kämmerlein des Grabes betten mußten,
Gott faßte auch bald den Hausvater selbst an und suchte ihn
mit einem Leiden heim, das seiner ganzen gesegneten Laufbahn
ein baldiges Ende zu bringen drohte. Nach nur sechsjähriger
Arbeit im heiligen Predigtamte stellte sich bei Keyl ein körper⸗
liches Leiden ein, das ihn nötigte, wie es schien für immer, sein
Amt niederzulegen. Das waren düstere Wolken der Trübsal,
die sich über seinem Haupte zusammenzogen und eine Zeitlang
die freundliche Gnadensonne seines Gottes ihm sehr verdun⸗
kelten. Da stellte das zagende Herz oft die bange Frage:
SErr, was hast du mit mir vor? Er mußte sich aber vorläufig,
wie einst Petrus, mit der Antwort begnügen: „Was ich tue,
das weißest du jetzt nicht; du wirst's aber hernach erfahren.“
Und er hat es hernach erfahren dürfen, daß der treue Gott auch
bei dieser schweren Heimsuchung nur Gedanken des Friedens
und nicht des Leides über ihn hatte. Er sollte nach Gottes Rat
und Willen dem SErrn und seiner Kirche in einer andern
Stellung dienen, in einer Arbeit, die damals bei uns noch un⸗
bekannt war. Doch setzte Gott P. Keyl und sein treues Eheweib
erst noch eine Weile auf die Geduldsprobe und ließ sie im dun⸗
keln Tale wandern. Um nun doch, so gut es gehen wollte, für
sich und die Seinigen ein ehrliches Brot zu verdienen, fing er
in Philadelphia einen kleinen Zigarrenladen an. Damit ging
es freilich kümmerlich genug; denn was verstand er vom Zigar—
renhandel! Das war eine schwere Zeit für das junge Ehepaar
mit ihren Kinderlein, und viele Seufzer um Licht im dunkeln
Tale, um Trost in der Trübsal und um Hilfe aus der Not
stiegen empor zu dem Throne des Gottes, der allein alle Hilfe
tut. Und er hatte auch schon für Keyl die Hilfe bereit, wie es
sich bald zeigte.

Im Jahre 1867 hatte nämlich P. F. W. Föhlinger, da⸗
mals Pastor der Dreieinigkeitsgemeinde in New York, der
Synode des Sstlichen Distrikts ein Schreiben betreffs einer
Emigrantenmission in New York vorgelegt, in welchem er auf
die große Not der Einwanderer bei ihrem Eintritt in dieses
Land hinwies und zeigte, wie diesen Leuten, zum großen Teil
Glaubensgenossen, durch einen tüchtigen Missionar im Leiblichen
und Geiftlichen Hilfe geleistet werden könnte und sollte. „Die
Synode besprach längere Zeit die Wichtigkeit und Möglichkeit
der Ausführung dieser Sache und zweifelte nicht daran, daß es
tunlich wäre.“ Die Pastoren und Deputierten wurden ersucht,
diese Angelegenheit in ihren Gemeinden anzuregen und zur
Unterstützung zu ermuntern. „Als das Nächste zu Anfang,

wurde hervorgehoben, wäre es nötig, daß man einen gewandten, 5

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