Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 1 › Seite 3
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Januar 1907, Seite 3
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Einigkeit 1 · R 1 Einigteit 8 · Einigkeit 10 · Gemeindeſchule
Der „Tutheranesss 3
im Geist, die im Glauben an das Evangelium besteht, ganz
und gar eine Wirkung des Heiligen Geistes.
Diese Einigkeit des Geistes, welche im Glauben an das
Gnadenevangelium besteht, bewirtt nun aber als unmittelbare
Frucht und Folge sofort eine weitere gewaltige Einigkeit,
die Einigkeit der Gesinnung. Durch den Glauben an
das Evangelium werden alle, die ihn empfangen, auch wie⸗
dergeboren, erneuert. Durch diesen Glauben gewin⸗
nen alle Gott gegenüber Kindesgesinnung, die Ge⸗
sinnung, daß sie nun in allen Dingen auf Gottes Wort
hören, wie gehorsame Kinder sich nach dem Wort ihrer
Eltern richten. So haben die Christen in allen Dingen des
Glaubens und des Lebens nur eine Richtschnur: Gottes
Wort. Gottes Wort ist das Maß, nach dem sie alles messen.
Deimn Worte Gottes wollen sich alle unterwerfen. Diese Gesin⸗
nung findet sich auch bei denen, die aus Schwachheit in diesem
oder jenem Punkte irren.
Das ist die gewaltige Einigkeit des Geistes in der christ—
lichen Kirche. Diese Einigkeit hat bisher Gott unserer Synode
verliehen. Wir sind durch Gottes Gnade völlig einig darin,
daß wir allein aus Gottes Gnade in Christo ohne eigene Werke,
wie sie Namen haben mögen, selig werden. Man hat unsere
Synode immerfort aus dieser Stellung verdrängen wollen. So
nun zuletzt in den Streit, den man über die Lehre von der
Bekehrung und Gnadenwahl mit uns angefangen hat. Unsere
Synode ist durch Gottes Gnade bei der Gnadenlehre geblieben.
Wir sind infolgedessen auch eines Sinnes darin, daß alle Fragen
der Lehre und des Lebens allein nach Gottes Wort zu beurteilen
und zu entscheiden seien. So oft noch Fragen der Lehre oder
des Lebens vor die Synode kamen, hat die Synode in großer
Üübereinstimmung dem Worte Gottes sich unterworfen. Ein—
zelne, die sich nicht unter Gottes Wort beugen wollten, haben
uns freilich fort und fort verlassen. Sie haben daniit offenbart,
daß sie nicht mehr von uns waren. Gott bewahre uns diese
Einigkeit des Geistes, dieses überaus herrliche Gut!
Aber wie geschieht das? Wie wird das herrliche Gut der
Einigkeit des Geistes bewahrt?
2.
Hilf, Gott! Da ist alle menschliche Kraft und alle mensch⸗
liche Weisheit vergebens. Je länger wir in der christlichen
Kirche dienen und die Vorgänge in ihr beobachten, desto leben—
diger erkennen wir das. Menschen können mit ihrer Kraft und
Weisheit weder eine einzelne Genieinde noch eine ganze Synode
in rechter Einigkeit zusammenhalten. Wir haben hier nicht mit
Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Ge—
waltigen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel, die un—
ablässig Sturm laufen gegen die christliche Kirche und ihre
Einigkeit. Jedeschriftliche Gemeinde und jede größere christliche
Gemeinschaft, die der Einigkeit des Geistes sich erfreut, gleicht
einem Gebäude, das der Teufel stetig zu unterminieren trachtet
und sicherlich in die Luft sprengt, wenn Gott ihm nicht wehrt.
Die Einigkeit des Geistes steht allein in Gottes Hand. Wir
werden aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt zur
Seligkeit. Hier gilt es, an Gottes Wort zu bleiben und damit
fleißig umzugehen, damit der Heilige Geist sein Werk in uns
habe und ausrichte.
Aber eins können wir Menschen tun in bezug auf die
„Einigkeit des Geistes: wir können sie zerstören. Wir kön⸗
nen die Einigkeit int Geist mit unserer Macht weder schaffen
noch erhalten, aber zerstören können wir sie, zerstören mit
unsern Sünden und bösen Werken. Darauf zielt der Apostel,
wenn er in unserm Text nicht nur sagt: „Seid fleißig zu hal⸗—
ten die Einigkeit im Geist“, sondern auch hinzufügt: „durch
das Band des Friedens“. Die Einigkeit des Geistes bleibt
nur da erhalten, wo die Christen durch das Band des Friedens
miteinander verbunden bleiben, im Verkehr miteinander sich
der brüderlichen Liebe und des Friedens befleißigen. Wo man
die Liebe und die Demut gegeneinander fahren läßt und der
Verbitterung im Herzen Raum gibt, da gibt es bald eine Spal⸗
tung. Das schärft Luther in der Auslegung unsers Textes
gewaltig ein. Auch sonft spricht Luther es immer wieder aus:
Wo man die Liebe in den Herzen nicht regieren läßt, da wird
auch bald die Einigkeit in der Lehre verloren gehen. Auch
unser lutherisches Bekenntnis erinnert bekanntlich daran, daß
viele Ketzereien daher erwachsen seien, daß die Lehrer gegen—
einander verbittert wurden.!]) Täuschen wir uns darüber nicht:
Falsche Lehre und Zertrennung in der Kirche kommt nicht etwa
daher, daß die Schrift dunkel wäre und infolgedessen auch
Christen bei redlichem Gebrauch der Schrift nicht einig bleiben
könnten in der Wahrheit, sondern falsche Lehre und Zertren—
nung kommt aus dem Dünkel und der persön⸗
lichen Verbitterung. Es geht in der Kirche im allge—
meinen so zu wie in den einzelnen Gemeinden. Da entstehen
die Streitigkeiten und Spaltungen nicht aus tiefer Schrift⸗
forschung, sondern — wie auch meistens erkennbar ist — aus
den Mißstimmungen und Verbitterungen, die einzelne gegen
die Gemeinde oder gewisse Glieder der Gemeinde hegen.
Gottes Wort und das Gewissen wendet man nur zu einem
Schein vor und betrügt so sich selbst und andere. Und wie in
den einzelnen Gemeinden, so geht es in größeren kirchlichen
Gemeinschaften. Arius, der Erzketzer, der eine große Kir—
chenspaltung inn vierten Jahrhundert der christlichen Kirche
anrichtete, war erbittert. Er war einmal abgesetzt wor—
den, und später wurde er bei der Bischofswahl in Alexandria,
wie er meinte, mit Unrecht übergangen. So bildete er, um
dem gewählten Bischof widersprechen zu können, die gottlose
Lehre aus, daß Christus nach seiner göttlichen Natur nicht der
ewige Sohn Gottes, sondern nur das erste Geschöpf sei. Er
fand Anhänger und zerriß die Kirche. Und schon vorher, im
dritten Jahrhundert, zerriß Novatianus von Rom die
Kirche mit der falschen Lehre, daß die Kirche die in der Ver—
folgung Gefallenen, auch wenn sie Buße tun, nicht wieder in
ihre Mitte aufnehmen dürfe. Diese falsche Lehre aber stellte
er erst auf, als ein anderer, ein gewisser Kornelius, an seiner
Stelle zum Bischof in Rom gewählt worden war. Vorher
hatte er klar und bestimmt die Wahrheit in dem streitigen
Punkt gelehrt. So läßt sich bei fast allen Zertrennungen der
Kirche persönliche Verbitterung als Grund der Zertrennung
nachweisen.
Dies wollen wir uns zur Warnung gesagt sein lassen.
Auch jeder von uns hat nach dem alten Menschen ein stolzes,
ehrgeiziges, zorniges und rachsüchtiges Herz. Wenn wir nun
nicht immerfort durch den Geist des Fleisches Geschäfte töten,
so werden wir bei wirklichem oder vermeintlichem Unrecht, das
uns widerfahren ist, etwas an den Brüdern suchen, auch vor
1) Apologie. Müller, S. 128, § 120.
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