Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 19 › Seite 297

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 21. September 1909, Seite 297

289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299

Scan: Internet Archive item DerLutheraner65_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Krankheit 5 · Leiden 10 · Gemeindeſchule

⤓ Download .txt · copy text

„.

297

—

baum wachsen soll, so muß man zuerst eine Eichel pflanzen; aber
wenn man eine Eichel haben will, so muß zuerst ein Eichbaum da
sein, der Eicheln trägt. Nach Seiner Ansicht von der natürlichen
Entwicklung muß also die Eichel eher sein als der Eichbaum und
der Eichbaum doch auch eher als die Eichel gewesen sein. Nun
sage Er mir, welches von den beiden ist denn nun eher als das
andere, da doch eins vor dem andern sein muß?“

„Das ist eine Frage, die niemand weiß, daher auch ich sie
nicht beantworten kann!“ rief ärgerlich der Professor.

„Doch, Er kann sie wissen, wenn Er nur gesunden Verstand
hätte; denn sie steht in der Bibel und in unserm Gewissen, daß
keine Natur sich natürlich entwickeln kann und auch keine Ma—
schine nach ihren Gesetzen gehen kann, ehe sie gemacht ist! Was
sagst du dazu, Jost?“

„Das ist so klar wie Wasser!“ sagte dieser.

„Gut, dann habe ich gewonnen“, sagte der Landmann, in—
dem Jost ihm den Taler hinreichte, „und nun ist an Ihm die Reihe
zu fragen, aber aus der Bibel.“

Der Professor, dem man den Ingrimm aus dem Gesicht lesen
konnte, sann einen Augenblick nach, dann sagte er:

„Wohl denn, es soll nichts getan haben. Legt nun auch
wieder mit mir einen Taler ein, und jetzt sagt mir, wie hieß
Habakuks Weib?“

„Das ist nicht recht, daß Er so eine vorwitzige Frage tut,
wovon nichts in unserm Vertrag noch in der Bibel steht! Na,
das soll aber nichts getan haben; sie heißt doch immer Frau
Habakukin.“

„Ja, das ist wohl wahr“, sagte verblüfft der Professor,
„aber“ —

„Na, wenn es wahr ist, so kann Er das ‚aber' für sich be—
halten. Laß Er sich Seine Taler aber nicht verdrießen; die
müssen nun mit in die Missionsbüchse wandern und helfen, die
Heiden und auch den Herrn Professor die rechte Klugheit zu lehren.
Nun gehen aber hier unsere Wege auseinander für heute; Gott
gebe, daß sie in Himmel wieder zusammentreffen!“

Nachden der Bauer das gesagt hatte, schlug er den Weg
zum nahen Kirchdorfe ein und stimnite den Vers an:

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein'n Dank dazu haben;

Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.

Unter dem Krenz.

Ein Prediger sitzt am Bett eines Kranken. Teilnehmend
ruht sein Auge auf den schmerzverzogenen Zügen des Mannes,
3. geduldig hört er die Klagen, womit der Arnie sein schweres Herz
zu erleichtern sucht.

„Ach“, seufzte der Kranke, „mit meiner Geduld ist's zu
Ende. Viele Wochen schon liege ich da, muß sehen, wie mein
armes Weib sich härmt, wie Kummer und Nachtwachen ihre Kräfte
verzehren. Die Arbeiten meines Berufs muß ich fremden Händen
überlassen. Täglich schwindet die Hoffnung mehr, daß dieser
elende Zustand ein Ende nimmt. Die Schmerzen wollen nicht
weichen; immer länger scheinen mir die Nächte, immer unerträg—
licher die Tage, die für mich kein fröhliches Erwachen zu neuer
Arbeit bringen, die so langsam und träge dahinschleichen und end⸗
los in die Zukunft sich vor mir ausdehnen. Lange habe ich in
Geduld und Ergebung mich in mein schweres Leid gefügt, mich
vertröstet von einem Tag zum andern, nun geht's nicht mehr;
ich ertrag's nicht länger.“

Der Prediger hatte still den Klagen des Kranken zugehört,
ohne ihn zu unterbrechen. Gesenkten Hauptes, mit gefalteten

Händen sitzt er auch jetzt noch in tiefem Schweigen. Endlich be⸗
ginnt er: „Mein lieber Mann, laßt Euch ein Ereignis aus mei⸗
nem Leben mitteilen. Ich war als junger Mann Hilfsprediger
in einer größeren Stadt. Trotzdem ich gesund war und keine
Sorge um das liebe tägliche Brot mich drückte, lag doch oft eine
tiefe Traurigkeit auf meiner Seele. Ich konnte meines Berufs
und meiner Arbeit nicht froh werden, und freudlos erschien mir
die Zukunft. Eines Tages erwachte ich besonders mißgestimmt.
Da wurde ich zu einer Kranken gerufen. Ich fand eine ältere
Frau in einem ärmlichen Stübchen, auf reinlichem Lager, die Glie—
der gekrümmt von der Gicht. Nach einigen teilnehmenden Fragen
über ihr Befinden schaute sie mich mit ihren Augen so freundlich
an und fragte: Herr Pastor, fehlt Ihnen etwas?“ Ich weiß nicht,
war es der teilnehmende Ton, in dem sie dies sagte, oder waren
es die Augen, die mich an mein längst verstorbenes Mütterlein
erinnerten, ich faßte ein solches Zutrauen zu der lieben Alten,
daß ich ihr mein ganzes Herz ausschüttete und ihr all meine
Ungeduld und mein Verzagen klagte. Als ich geendet hatte, fragte
sie nur: „Wie alt sind Sie wohl, Herr Pastor?“ Erstaunt ant⸗
wortete ich: „Heute bin ich 26 Jahre alt geworden.“ Und bei
mir“, sagte die Kranke, „‚sind es heute gerade 26 Jahre, daß ich
auf meinem Schmerzenslager liege. Wir schwiegen beide; ich
stand auf und schied mit warmem Händedruck tief beschämt.“

Mit Spannung war der kranke Mann der Erzählung gefolgt.
„Sechsundzwaͤnzig Jahre“, flüsterten seine Lippen, „26 Jahre —
eine lange Zeit! Ich danke Ihnen, Herr Pastor! Ich hoffe, daß
Sie mir Ihre Geschichte nicht vergebens erzählt haben.“

Ein merkwürdiger Fund in der Bibel.

Ein kleiner Geschäftsmann, der eine große Familie zu er—
nähren hatte und mit irdischen Gütern nicht besonders gesegnet
war, kam durch Krankheit seiner Frau geschäftlich zurück. Er
hatte deshalb große Mühe, seinen Verpflichtungen gerecht zu wer—
den. Die Rechnungen des Arztes konnten nicht befriedigt werden,
und dieser drohte schließlich mit einer Klage. Um nun den Arzt
bezahlen zu können, beschloß der Mann, unter anderm auch eine
uralte Bibel, ein Erbstück der Familie, von dem sein Vater viel
gehalten hatte, zu verkaufen. Beim Durchblättern des alten
Werkes fand er einen versiegelten Brief mit der Aufschrift: „Für
den Finder!“ Der Brief zeigte die Schriftzüge und die Unterschrift
des Vaters des Geschäftsmannes und lautete folgendermaßen:
„Da ich weiß, daß der Mensch erst in seiner höchsten Not zur Bibel
greift und das Wort Gottes erst liest, wenn er nicht mehr weiß,
was er beginnen soll, so habe ich 2000 Mark in Tausendmark⸗
scheinen zwischen die Seiten 141 und 142 gelegt. Hamburg, den
17. Juni 1879.“ Der Geschäftsmann fand richtig diese Summe,
mit der ihm jetzt geholfen war.

Ja freilich, wenn die Leute Banknoten in der Bibel finden
würden, dann würden sie sie fleißig gebrauchen! Aber am ewigen
Leben, das man darinnen findet. Joh. 5, 39, liegt den meisten
sehr wenig!

Gemeindeschule.

Auch die Treue gegen die Unterhirten des Errn fordert es,
daß Eltern ihre Kinder in die christliche Gemeindeschule schicken.
Wir wissen es allesfanit, daß die Diener der Kirche im Predigt- und
Schulamt von Gott berufen und gesetzt werden, wenn auch durch
den Dienst der Gemeinde. Wie der Berufene den Berufeuden seine
Zusage gibt, ihnen nach Gottes Wort zu dienen, so geben diese
hinwiederum ihm das Versprechen, ihn als ihren von Gott gesetzten

4

English translation

Not yet translated.