Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 24 › Seite 189

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-07-24, Seite 189

185 186 187 188 189 190 191 192

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang 2 · Gottesdienſt 3 · Gemeindegeſang

⤓ Download .txt · copy text

189

hier wörtlich mitgetheilt wird; sie lautet also:

„Für alle Destructionen, welche die deutschen lutherischen Kirchen in späteren Zeiten erfahren haben, muß man die historischen Anfänge und die Erklärung in der, von dieser Seite noch lange nicht genug gewürdigten und erkannten Restaurationsperiode suchen, welche nach dem Schlusse des 30jährigen Krieges eintrat und sich bis in die ersten Jahrzehnde des 18. Jahrhunderts fortzog. Es ist für die lutherische Kirche Deutschlands ein unersetzlicher Schaden gewesen, daß, nachdem sie kaum Zeit gehabt hatte, ihre Prinzipien nach allen Seiten des Lebens hin zu entwickeln, und sich vollständig einzurichten, ihre Länder für zahllose Conflicte der ganzen historischen Welt der Ort eines Zusammenstoßes wurden, welcher, wie ihre bürgerliche, so auch ihre kaum gegründete kirchliche Ordnung mit roher Gewalt durcheinander warf. Es war natürlich, daß man, als die Wasser des Krieges sich verlaufen hatten, den Schaden besah. Es galt, den vielfach beschädigten Bau der Reformation wieder aufzubauen, aber wie verschieden war die Aufgabe des Wiederaufbaues von der des ersten Baues! Die Reformation fand kirchlich Nichts vor, sie mußte den Kirchenbau vom Grundrisse bis zur Thurmspitze hindurch führen, denn es verschlägt nichts, daß sie dazu auch manchen alten Quaderstein aus den alten Kirchengebäuden verwenden konnte, weil jeder derselben doch einer Einfügung an anderer Stelle bedurfte. Aber sie fand ein weit hungrigeres, darum ihre Dargebote mit Freude entgegennehmendes Volk vor; und aus solcher Freude wuchsen ihr, wie die Kräfte, mit welchen, so die Herzen, aus welchen als aus lebendigen Steinen sie sich baute, reichlich zu. Sie brauchte dem Glauben und der Liebe, welche ihre Predigt in die Seelen pflanzte, nur einen Leib zu schaffen. — Dagegen fand die Restauration den Riß, die Form, das Gehäuse der Kirche fertig vor; sie brauchte nur die alten Kirchenordnungen aufzuschlagen. Aber sie fand ein Volk vor, aufgewachsen unter der Drangsal, Unruhe und Verwilderung des Kriegs, und jedem Vertiefen in sich selber, jeder innerlichen Richtung und Bestrebung entwöhnt, welches viel mehr geneigt sein mußte, sich den nie gekannten Genüssen des Friedens zu ergeben, als Werke des Friedens zu schaffen. So wurde es die Aufgabe der Restauration, dem fertigen Leibe der Kirche wieder die Seele des Glaubens und der Liebe zu schaffen; und diese Aufgabe sollte sie mit Kräften lösen, welche doch nur jenem gesunkenen Volke entnommen sein konnten. Diese stete Bezogenheit auf ein der Form nach Fertiges, aber dem Gemüthe des Volkes Zurückgetretenes, gab allen kirchlichen Bemühungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den von einer Reformation wesentlich verschiedenen Charakter einer Restauration; und jener Mangel an regsamen Kräften ließ diese Restauration mit der Destruction enden.“

Dürfte ich dieser meisterhaften Darstellung noch eine Bemerkung hinzufügen, so wäre es diese: Wären die Lehrer der lutherischen Kirche nach dem 30jährigen Kriege zu dem Vorbilde der Lehre und Lehrweise Dr. Luthers und seiner echten Schüler mit aller Treue zurückgekehrt, so würden sie auch, wie im Reformationszeitalter geschah, „durch ihre Predigt Glauben und Liebe in den Seelen haben pflanzen können“, sie würden vermittelst des gepredigten Wortes, um des willen doch vorzugsweise jene ursprüngliche Gottesdienst-Ordnung aufgerichtet worden war, auch bei ihrer Wiederherstellung, zumal unter den dortigen Verhältnissen leichtere und erfolgreichere Arbeit gehabt und sie würden endlich die Richtungen, welche zu einer völligen Verwüstung jener Ordnung führten, bei Zeiten erkannt und gemieden haben.

Das Erste, als man aus jener wilden Zeit in einen gesichertern Zustand eintrat, war natürlich die Wiederherstellung der kirchlichen Ordnung. Wir sehen daher um das Jahr 1650, daß fast jede lutherische Landeskirche ihre Kirchenordnung aufs Neue durchsehen und bekannt machen läßt. Allenthalben beginnt eine bis gegen das Ende des Jahrhunderts fortdauernde Thätigkeit der Kirchenvisitationen, deren Hauptaugenmerk das Kirchenvermögen, die Parochialverbände, die Besetzung der Pfarren, die Wirksamkeit der Consistorien, die Einschärfung früherer kirchlicher Vorschriften und die Gleichförmigkeit der Ceremonien war. Allein, wie es immer geschieht, wenn einer bereits gesetzlich bestehenden, aber erschütterten Ordnung Geltung und Gehorsam verschafft werden soll, daß nämlich damit eine gewisse herbe und spröde Gesetzlichkeit verbunden ist, so geschah es auch in jener Zeit; fast alle Verordnungen beziehen sich meist auf äußerliche Dinge, Sabbathsfeier, Kirchenzucht und dergleichen, sie reden nur im strengen Tone obrigkeitlicher Befehle, sie dringen nur auf den äußerlichen Gehorsam und wissen für vorkommende Uebertretungen kein anderes Mittel, als äußerliche Bestrafung, mit einem Worte: es ist das kirchenpolizeiliche Gepräge, welches jene wiederherstellende Thätigkeit an sich trägt. Dies kam aber daher und führte immermehr dahin, daß die Kirche nur als eine äußerliche Anstalt gleich der Schule angesehen wurde, mit welcher man sich durch Leistung gewisser Pflichten abfinden könne; sie wurde nicht als der Inbegriff der Gemeinden mit ihren Predigern betrachtet, sondern bloß als der Inbegriff der Prediger mit den kirchlichen Ordnungen und Besitzthümern im Gegensatz gegen die Gemeinden, und so geschah es, daß sich eine gewisse Priesterherrschaft ausbildete, welche die Rechte des geistlichen Priesterthums, die allen Gliedern der Kirche zukommen, je länger, desto mehr unterdrückte. Da nun die Geistlichkeit zur Aufrechthaltung ihrer angemaßten Rechte sich gar bald genöthigt sah, ihre Zuflucht zu dem Arm der weltlichen Obrigkeit zu nehmen, so mußte sie für diese Dienstleistung nicht nur immer mehr die ihr zukommenden Rechte daran geben, sondern die Gemeinden verloren auch damit vollends den ihnen schon verkümmerten Gebrauch ihrer Rechte, so daß von da an die weltliche Obrigkeit nicht bloß die Oberaufsicht über Parochialverhältnisse, Kirchenbausachen und ähnliche, äußerliche Dinge in die Hände nahm, sondern sich auch anmaßte, Bestimmungen in Sachen der Lehre zu treffen und Agenden, Gesangbücher, Katechismen und dergleichen „auf allerhöchsten Befehl“ ausgehen zu lassen.

Die Folgen jener kirchenpolizeilichen Thätigkeit waren zwar auf der einen Seite ein fleißigerer Kirchenbesuch und überhaupt eine größere Ordnungsmäßigkeit, auf der andern Seite aber eine Ueberschätzung beider und eine an papistische Auffassung grenzende Ansicht von der Verdienstlichkeit des bloßen äußerlichen Werks, des Predigthörens, des Gebrauchs der Sacramente u. s. w.

Das Unheilvolle einer solchen Richtung auf das bloß Aeußerliche im Gottesdienst konnte nicht lange verborgen bleiben, und daher entstand gleichzeitig mit dem eben geschilderten Bemühen, die kirchliche Ordnung wieder herzustellen, das Streben, diesen Ordnungen und Formen neues Leben einzuhauchen; diese Richtung beginnt mit Valentin Andreä, erreicht ihren Höhepunkt in Spener, und pflanzt sich auf die nächste Zeit nach ihm, ja bis auf die Gegenwart fort. Die Thätigkeit dieser Richtung aber hat man, wie Herr Dr. Kliefoth treffend bemerkt, keineswegs nur als eine wiederherstellende zu betrachten, sondern vielmehr als eine solche, welche je länger, desto entschiedener einen auflösenden Charakter bewiesen hat; denn obgleich anfänglich das kirchliche Bekenntniß und die kirchlichen Ordnungen überhaupt unangetastet blieben, so hat doch der Erfolg gezeigt, daß endlich auch hierin starke Abweichungen eintraten. Diese Richtung stellte je und je den Grundsatz des Praktischen d. h., nach ihrer Auslegung, des ihrer Eigenthümlichkeit Zusagenden, des Erwecklichen und Erbaulichen, auf Kosten alles Lehrhaften und Historischen auf; so drang sie z. B. sehr auf Katechisation, allein sie verließ dabei das alte weisliche Verfahren, indem sie nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten verhören ließ und endlich die vorhergehenden Katechismuspredigten ganz in Wegfall brachte. Die Seelsorge brachte sie, wie Herr Dr. Kliefoth sagt, von vornherein in ein solches Verhältniß zu dem eigentlichen amtlichen Thun des Predigers, bei welchem letzteres mißachtet wurde; ihre Ansichten über Seelsorge faßten nicht mehr die ganze Gemeinde ins Auge, stellten den Prediger nicht mehr gleich zu jedem Gemeindegliede, sondern kamen, ausgehend von der Nothwendigkeit der ecclesiolae in ecclesia (Kirchlein in der Kirche) je länger je mehr dahin, den Prediger in einen Stundenhalter pietistischer Kreise zu verwandeln.

Auf ähnliche Weise zeigt sich der Einfluß dieser Richtung auf den öffentlichen Gottesdienst. Sie hat eine große Menge solcher Lieder hervorgebracht, welche sich mehr auf die besonderen Empfindungen einzelner Christen beziehen, wodurch der Gebrauch der älteren Lehr- und Bekenntniß-Lieder immer mehr verdrängt wurde; sie hat in der Predigt den Lehrton mit dem erwecklichen vertauscht, sie hat das, was die Gemeinde Gott darbringt, erst neben und endlich über das gestellt, was ihr von Gott durch sein Wort und die heiligen Sacramente dargereicht wird: Ja, diese Richtung hat bekanntlich angefangen, einen Un-

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

189

here communicated word for word; it reads thus:

"For all the destructions which the German Lutheran churches have experienced in later times, one must seek the historical beginnings and the explanation in the period of Restoration, which has by no means been sufficiently appreciated and recognized from this quarter, and which set in after the close of the Thirty Years' War and extended down into the first decades of the eighteenth century. It was an irreparable injury to the Lutheran Church of Germany that, when it had scarcely had time to develop its principles on every side of life and to establish itself fully, its lands became, for countless conflicts of the whole historical world, the place of a collision which threw into confusion with rude violence its scarcely founded churchly order, as well as its civil order. It was natural that, when the waters of the war had run off, men surveyed the damage. The task was to rebuild the much-damaged edifice of the Reformation, but how different was the task of the rebuilding from that of the first building! The Reformation found nothing ready in the church; it had to carry the building of the church through from the foundation to the tip of the spire, for it makes no difference that it could also use for this purpose many an old ashlar from the old church buildings, since each of them still required to be fitted in at another place. But it found a far hungrier people, which therefore received its offerings with joy; and out of such joy there flowed to it abundantly, as the powers, so also the hearts, with which, and out of which as out of living stones, it built itself. It had only to create a body for the faith and the love which its preaching planted in the souls. — The Restoration, on the other hand, found the plan, the form, the frame of the church ready made; it had only to open the old church orders. But it found a people grown up amid the distress, unrest, and wildness of war, and unaccustomed to every deepening of itself, to every inward direction and endeavor, a people which must have been much more inclined to give itself up to the pleasures of peace, never known before, than to produce the works of peace. Thus it became the task of the Restoration to create again for the finished body of the church the soul of faith and of love; and this task it was to solve with powers which could only be taken from that fallen people. This constant reference to something finished in form, but receded from the heart of the people, gave to all churchly endeavors in the second half of the seventeenth century the character of a restoration, essentially different from that of a reformation; and that lack of active powers let this Restoration end in destruction."

If I might add a remark to this masterly presentation, it would be this: Had the teachers of the Lutheran Church after the Thirty Years' War returned with all fidelity to the pattern of the doctrine and manner of teaching of Dr. Luther and his genuine disciples, they also would, as happened in the age of the Reformation, "have been able by their preaching to plant faith and love in the souls"; by means of the preached Word, for the sake of which indeed that original order of divine service had chiefly been set up, they would also in its restoration, especially under the circumstances there, have had easier and more successful labor, and they would at last have recognized in good time and avoided the tendencies which led to a complete devastation of that order.

The first thing, when men passed from that wild time into a more secure condition, was naturally the restoration of the churchly order. We therefore see that about the year 1650 almost every Lutheran territorial church has its church order revised anew and made known. Everywhere there begins an activity of church visitations, continuing until toward the end of the century, the chief attention of which was given to church property, the parochial connections, the filling of the parishes, the functioning of the consistories, the enforcement of earlier churchly regulations, and the uniformity of the ceremonies. But, as always happens when obedience and authority are to be procured for an order already existing by law but shaken, namely, that a certain harsh and brittle legalism is joined with it, so it happened also in that time; almost all the ordinances relate for the most part to outward things, Sabbath observance, church discipline, and the like; they speak only in the stern tone of magisterial commands, they press only for outward obedience, and for transgressions that occur they know no other remedy than outward punishment; in a word, it is the churchly-police stamp which that restoring activity bears upon it. But this came from this, and led more and more to this, that the church came to be regarded only as an outward institution like the school, with which one could settle accounts by the rendering of certain duties; it was not regarded as the sum of the congregations with their preachers, but merely as the sum of the preachers with the churchly orders and possessions, in opposition to the congregations, and so it came about that a certain priestly dominion developed, which suppressed, the longer the more, the rights of the spiritual priesthood which belong to all members of the church. Now since the clergy very soon saw themselves compelled, for the maintenance of their usurped rights, to take refuge in the arm of the secular authority, they had for this service to surrender ever more of the rights which belonged to them, and the congregations also lost thereby altogether the already curtailed exercise of their rights, so that from then on the secular authority took into its hands not merely the oversight of parochial relations, church-building matters, and similar outward things, but also presumed to make determinations in matters of doctrine and to have agendas, hymn-books, catechisms, and the like issued "by most exalted command."

The results of that churchly-police activity were indeed, on the one hand, more diligent church attendance and in general a greater orderliness, but on the other hand an overvaluation of both, and a view, bordering on the papistic conception, of the meritoriousness of the mere outward work, of the hearing of sermons, of the use of the Sacraments, etc.

The calamitous character of such a tendency toward the merely outward in divine service could not long remain hidden, and therefore there arose simultaneously with the effort just described to restore the churchly order, the endeavor to breathe new life into these orders and forms; this tendency begins with Valentin Andreä, reaches its summit in Spener, and propagates itself in the time next after him, yes, even down to the present. The activity of this tendency, however, is by no means to be regarded merely as a restoring one, as Dr. Kliefoth aptly remarks, but rather as one which has shown, the longer the more decidedly, a dissolving character; for although at first the churchly confession and the churchly orders generally remained untouched, yet the result has shown that at last strong departures occurred here also. This tendency set up from time to time the principle of the practical, that is, according to its interpretation, of what suits its peculiarity, of the awakening and edifying, at the expense of everything doctrinal and historical; thus it pressed, for example, very strongly for catechization, but in so doing it forsook the old wise procedure, in that it had not only the young but also the old examined, and at last entirely dropped the catechism sermons that had preceded. The cure of souls it brought, as Dr. Kliefoth says, from the outset into such a relation to the proper official work of the preacher that the latter was despised; its views of the cure of souls no longer took the whole congregation into view, no longer placed the preacher on a level with every member of the congregation, but came, proceeding from the necessity of the ecclesiolae in ecclesia (little churches within the church), the longer the more to this, to transform the preacher into a holder of meetings for pietistic circles.

In like manner the influence of this tendency shows itself upon public divine service. It has produced a great multitude of such hymns as relate more to the particular feelings of individual Christians, whereby the use of the older hymns of doctrine and confession was ever more displaced; it has exchanged in the sermon the tone of doctrine for the awakening tone; it has placed what the congregation brings to God first alongside of and at last above what is presented to it from God through His Word and the holy Sacraments: Yes, this tendency has, as is well known, begun to make a dis-