Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 7 › Seite 53
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-11-27, Seite 53
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
53
stoß wider dieses Wort und die Gerechtsame der Hörerschaft, wenn diese durch das Lehramt ihres Rechts beraubt würde, sich selber Prediger zu berufen, über deren Lehre zu wachen und sie bei böswilligem Verharren in falscher Lehre oder ärgerlichem Wandel endlich abzusetzen, als wenn umgekehrt die Hörerschaft in die Gerechtsame des Predigtamts übergriffe und z. B. die Prediger, statt sie ordentlich zu berufen, zeitweise miethen und dingen, beliebig entlassen, den Inhalt ihrer Predigten ihnen vorschreiben, die Kirchenzucht abthun, in Hinsicht auf das Kirchenregiment Beschlüsse ohne sie abfassen wollte, u. s. w.
Ein zweiter Satz oder vielmehr Irrthum des Herrn Miethspredigers Suhr ist dieser, daß er behauptet:
„Alle wirklich protestantische (er meint damit wahrscheinlich alle nichtkatholische) Gemeinden müßten alljährlich ihr Gefallen oder Mißfallen an ihrem Prediger durch Abstimmung an den Tag legen."
Man weiß in der That nicht, Angesichts solcher Worte, von einem Prediger geschrieben, der zudem in Deutschland auf Universitäten gewesen, ob man über die grenzenlose Unwissenheit dieses sogenannten Theologen in Sachen der schriftgemäßen göttlichen Ordnung des heiligen Predigtamts oder über seine schaam- und ehrlose Menschenknechtschaft mehr erstaunen soll; denn entweder eine für einen Lehrer der Kirche schmachvolle Unwissenheit oder sclavische bauchdienerische Kriecherei gegen seine souverainen Freiheitler oder ein ekelhaftes widriges Gemisch von beidem ist die Ursache, daß jener klägliche Mensch jene nicht minder kläglichen Worte hingeschrieben hat.
Um aber zum Unterrichte der Unsern und anderer unparteiischer und wahrheitsliebender Leser diesen groben Irrthum gründlich und klärlich zu widerlegen, müssen wir anheben, den in ihm bereits vorausgesetzten ersten Irrthum abzuweisen, nemlich den über die Berufung zum Predigtamte.
Dieser Irrthum aber ist kein anderer, als daß Herr Suhr und mit ihm alle unverständigen und schriftunkundigen Deutschen meinen, die Berufung eines Mannes zum Predigtamte sei eigentlich nichts mehr und nichts weniger, als eine Art weltlichen und zeitlichen Miethsvertrages zwischen den Berufenden und dem Berufenen, in welchem sich dieser verpflichtet, ihnen jährlich so und so oft zu predigen, die Kinder zu taufen und zu confirmiren, das Abendmahl zu reichen, zu copuliren und zu beerdigen; dagegen verpflichten sich die Berufenden, ihm jährlich so und so viel an Geld (und vielleicht auch an Naturalien) zu geben. Von dieser Seite also angesehen, wäre in der That der Diener der Kirche nichts anderes, als ein auf unbestimmte Zeit gedungener Arbeiter und Jahrlöhner zur Verrichtung geistlicher Dinge, durchaus abhängig von der Gunst oder Ungunst der Mehrzahl seiner Berufer und wie er sich etwa diesen angenehm zu machen suche nach dem Fleisch, bei Leibe aber ja nicht auf oder gar außer der Kanzel die bösen Werke und besonderen Sünden der Einzelnen strafe.
Aber Gott sei gelobt, in dieser hiesigen mißbräuchlichen Verkehrung der äußern Seite des Berufs zum Predigtamt besteht keineswegs das Wesen desselben. Damit aber hält es sich also:
Es gibt nämlich an und für sich einen unmittelbaren und mittelbaren Beruf von dieser Art. Der erste, der jetzt gar nicht mehr vorhanden ist, bestand darin, daß Gott auf unmittelbare Weise die Propheten und Apostel berief und erleuchtete und jene meist an Israel, diese an alle Völker als Träger und Verkündiger seiner heiligen Offenbarungen und vornehmlich des Heils in Christo aussendete, auch die Wahrheit ihres Zeugnisses durch Wunder und Zeichen bestätigte.
Auf diese Weise, durch die Wirkung dieses unmittelbaren Berufs ist denn auch zur Zeit der Apostel die neutestamentliche Kirche überall gegründet worden, und zugleich wurde nicht minder durch die unmittelbar erleuchteten Evangelisten und Apostel die heilige Schrift des neuen Testaments abgefaßt.
Darnach aber, und eigentlich schon zur Zeit der Apostel, wie oben bereits erwähnt, fand, wo z. B. der Apostel Petrus durch seine Predigt in diesen und jenen Hörern den Glauben an den HErrn Christum erzeugt hatte, vielleicht aber bald diesen Ort wieder verließ, die mittelbare Berufung statt. Diese nämlich ging also vor sich, daß entweder die Gläubigen und Getauften einen aus ihrer Mitte, der vom Heiligen Geiste mit Erkenntniß, Weisheit und Lehrgabe genugsam ausgerüstet war, zu ihrem Hirten und Lehrer beriefen oder vielleicht einen von dem Apostel dazu Vorgeschlagenen durch allgemeine Zustimmung genehmigten, in beiden Fällen aber sodann die Bestätigung des Berufenen durch den oder die Apostel vor seiner Gemeinde mit Handauflegung und Gebet feierlich erfolgte.
Diese durch Menschen geschehende, also mittelbare, Berufung ist aber eine göttliche, wenn sie gleich an eigenthümlicher Würde und Herrlichkeit der unmittelbaren nicht gleich kommt. Daß sie aber wirklich und wahrhaftig eine göttliche sei, ist aus Folgendem klar ersichtlich:
1. Zuerst nämlich ist auch von ihr der dreieinige Gott der erste Urheber und Gründer; denn nach Matth. 9, 38. ist es der Vater, der allezeit und überall die Arbeiter sendet; nach Eph. 4, 11. setzt auch heutzutage und bis an den jüngsten Tag der HErr Christus, der Sohn Gottes, die Hirten und Lehrer; nach Ap. Gesch. 20, 28. ist es Gott, der Heilige Geist, der, wie er damals die auch nur mittelbar berufenen Bischöfe der Gemeinde zu Ephesus eingesetzt hatte, dasselbe immer und überall thut.
2. Zum Andern hat Gott durch die heiligen Apostel in seinem Wort auch eine Vorschrift und Ordnung gestellt, wie die mittelbar zu berufenden Diener der Kirche an Gesinnung, Eigenschaften und Gaben beschaffen und geartet sein müssen (1 Tim. 3, 2—7. Tit. 1, 6—9.); wie sie die reine Lehre predigen (2 Tim. 2, 12.) und die falsche strafen sollen (Tit. 1, 7. Judä 3.); wie sie Seelsorge zu üben haben (1 Tim. 5, 1—3. 6, 17—19.) u. s. f.
3. Zum Dritten sind es eitel göttliche Werke, die der HErr auch durch sie thut, gleichwie durch die unmittelbar von Ihm berufenen Propheten und Apostel; denn heilen sie freilich nicht mehr die leiblich Blinden, Tauben, Stummen, Lahmen ꝛc., wecken sie keine leiblich Todten mehr auf, reinigen sie keine leiblich Aussätzigen, so thun sie dies alles geistlich durch die Predigt des göttlichen Wortes und vornehmlich des heiligen Evangeliums sammt den sie begleitenden Sacramenten, dadurch die geistlich Blinden sehend, die geistlich Tauben hörend, die geistlich Stummen redend, die geistlich Lahmen gehend ꝛc. werden, dadurch ferner die geistlich Aussätzigen rein und die geistlich Todten lebendig werden. Diese Wunder an der Seele aber sind viel wichtiger und wesentlicher, als jene am Leibe. Auch durch die mittelbar berufenen Diener der Kirche also bekehrt, wiedergebiert, rechtfertigt, heiligt, erneuert und beseligt Gott die Menschen, indem sie, auf seinen Befehl und Verheißung, sein Wort rein und lauter verkündigen und die heiligen Sacramente nach seiner Einsetzung verwalten.
4. Zum Vierten hat Gott der Heilige Geist auch seine mittelbar berufenen Diener, trotz ihrer äußerlichen Niedrigkeit und Knechtsgestalt, mit gar edlen und herrlichen Namen und Würden gezieret, wogegen alle Titel und Ehren weltlicher Fürsten, Herren und Weisen gar sehr verbleichen und in Schatten treten. Denn Gott nennt sie seine Mithelfer und Mitarbeiter in dem großen und heiligen Werke seiner Verherrlichung und der Menschen Beseligung; er heißt sie seine Engel, Botschafter an Christi Statt, Haushalter über seine Geheimnisse.
Aus diesen vier Stücken also erhellet genugsam, daß auch der jetzige mittelbare Beruf ein göttlicher ist. Ist dem also, so folgt daraus klärlich und unwidersprechlich, daß weder ein gläubiger Candidat des heiligen Predigtamts, der diese göttliche Würde seiner Berufung weiß, sich je auf amerikanisch-demokratische Weise wird auf eine gewisse Zeit dingen oder miethen lassen, noch daß eine Zahl kirchlich gesinnter Christen, die gleichfalls die reine Erkenntniß von der Beschaffenheit auch der mittelbaren Berufung haben, und das heilige Predigtamt unter sich aufzurichten begehren, jenen Candidaten auf jene Weise werden berufen wollen. Solchen Gliedern z. B. der lutherischen Kirche, die einen lutherischen Pastor berufen wollen, liegt allerdings dieses ob, mit allem Ernst und Fleiß sich, so weit menschliches Auge reicht, davon eine möglichst sichere Ueberzeugung zu verschaffen, ob der Candidat den Anforderungen in 1 Tim. 3, 1—6. entspreche, sonderlich ob er rechtgläubig, lehrtüchtig und von unsträflichem Wandel sei und darüber gültige Zeugnisse von einer rechtgläubigen kirchlichen Behörde oder Körperschaft vorzuweisen habe? Darnach, wenn er eine ordentliche und nicht mieth- und zeitweise Berufung empfangen und selbige angenommen hat und die feierliche und öffentliche Bestätigung dieser Berufung vor der Gemeinde durch das Lehramt der Kirche in der Handlung der Ordination geschehen ist — dar-
English translation AI translation
53
...against this Word and the rights of the hearers, if these were robbed of their right by the teaching office, to call preachers for themselves, to watch over their doctrine, and, upon wicked persistence in false doctrine or offensive conduct, finally to depose them, as it would be if, conversely, the hearers were to encroach upon the rights of the office of the ministry and, for example, were to hire and engage the preachers for a time instead of calling them properly, dismiss them at pleasure, prescribe to them the content of their sermons, do away with church discipline, draw up resolutions without them in regard to church government, and so forth.
A second proposition, or rather error, of Mr. Suhr, the hireling preacher, is this, that he maintains:
"All truly Protestant (he probably means by that all non-Catholic) congregations must every year manifest their pleasure or displeasure with their preacher by a vote."
One really does not know, in view of such words, written by a preacher who moreover has been at universities in Germany, whether one should marvel more at this so-called theologian's boundless ignorance in matters of the divine order of the holy ministry according to Scripture, or at his shameless and dishonorable servility to men; for either an ignorance disgraceful in a teacher of the Church, or slavish, belly-serving crawling before his sovereign liberals, or a loathsome, offensive mixture of both is the cause why that pitiable man has written down those no less pitiable words.
But in order to refute this gross error thoroughly and clearly for the instruction of our own readers and of other impartial and truth-loving readers, we must begin by setting aside the first error already presupposed in it, namely the one concerning the call to the ministry.
This error, however, is none other than that Mr. Suhr, and with him all the unintelligent Germans who are ignorant of Scripture, suppose that the call of a man to the ministry is really nothing more and nothing less than a kind of worldly and temporal contract of hire between those who call and the one called, in which the latter obligates himself to preach to them so and so often every year, to baptize the children and to confirm them, to administer the Lord's Supper, to marry and to bury; in return, those who call obligate themselves to give him every year so and so much in money (and perhaps also in produce). Viewed from this side, then, the servant of the Church would in fact be nothing other than a laborer hired for an indefinite time and a yearly hireling for the performance of spiritual things, altogether dependent upon the favor or disfavor of the majority of those who called him, and how he might seek to make himself agreeable to them after the flesh, but by no means to rebuke, in the pulpit or, still less, out of it, the evil works and particular sins of individuals.
But God be praised, the essence of the call to the ministry does not at all consist in this abusive perversion of its outward side here in this country. The matter stands thus:
There is, namely, in and of itself, an immediate and a mediate call of this kind. The first, which is no longer to be found at all, consisted in this, that God in an immediate manner called and enlightened the prophets and apostles, and sent forth the former for the most part to Israel, the latter to all nations, as bearers and proclaimers of His holy revelations and chiefly of the salvation in Christ, and also confirmed the truth of their testimony by wonders and signs.
In this manner, by the working of this immediate call, the New Testament Church was founded everywhere in the time of the apostles, and at the same time the Holy Scripture of the New Testament was composed, no less, by the immediately enlightened evangelists and apostles.
But afterward, and really already in the time of the apostles, as mentioned above, wherever, for example, the apostle Peter had by his preaching begotten faith in the LORD Christ in this and that group of hearers, but perhaps soon left that place again, the mediate call took place. This went on in such a way that either the believers and baptized chose one from their midst, who was sufficiently equipped by the Holy Ghost with knowledge, wisdom, and the gift of teaching, to be their pastor and teacher, or perhaps approved by general consent one proposed to them for that purpose by the apostle, but in both cases the confirmation of the one called was then solemnly performed by the apostle or apostles before his congregation with the laying on of hands and prayer.
This call, which takes place through men, and is therefore mediate, is nevertheless a divine one, even though it does not equal the immediate call in peculiar dignity and glory. That it is really and truly a divine one is clearly evident from the following:
1. First, namely, the triune God is also the first author and founder of it; for according to Matt. 9, 38. it is the Father who always and everywhere sendeth forth laborers; according to Eph. 4, 11. the LORD Christ, the Son of God, also in our day, and until the last day, appointeth the pastors and teachers; according to Acts 20, 28. it is God, the Holy Ghost, who, as He then appointed the bishops of the congregation at Ephesus, who also were called only mediately, does the same always and everywhere.
2. Secondly, God has through the holy apostles in His Word also established a rule and order, of what disposition, qualities and gifts the servants of the Church who are to be called mediately must be and be constituted (1 Tim. 3, 2—7. Tit. 1, 6—9.); how they are to preach the pure doctrine (2 Tim. 2, 12.) and to rebuke the false (Tit. 1, 7. Jude 3.); how they are to exercise the care of souls (1 Tim. 5, 1—3. 6, 17—19.) and so forth.
3. Thirdly, they are altogether divine works which the LORD also does through them, just as through the prophets and apostles called immediately by Him; for although they no longer heal the bodily blind, deaf, dumb, lame, etc., raise no bodily dead any more, cleanse no bodily lepers, yet they do all this spiritually through the preaching of the divine Word and chiefly of the holy Gospel, together with the Sacraments which accompany them, whereby the spiritually blind become seeing, the spiritually deaf hearing, the spiritually dumb speaking, the spiritually lame walking, etc., whereby further the spiritual lepers become clean and the spiritually dead become alive. These wonders upon the soul, however, are far more important and essential than those upon the body. Also through the servants of the Church who are called mediately, therefore, God converts, regenerates, justifies, sanctifies, renews and saves men, in that they, at His command and promise, proclaim His Word purely and sincerely and administer the holy Sacraments according to His institution.
4. Fourthly, God the Holy Ghost has also adorned His mediately called servants, in spite of their outward lowliness and form of a servant, with right noble and glorious names and dignities, in comparison with which all the titles and honors of worldly princes, lords and wise men pale exceedingly and fall into shadow. For God calls them His fellow-helpers and fellow-laborers in the great and holy work of His glorification and of the salvation of men; He calls them His angels, ambassadors in Christ's stead, stewards of His mysteries.
From these four points, then, it is sufficiently clear that the present mediate call also is a divine one. This being so, it follows plainly and incontrovertibly that neither will a believing candidate of the holy ministry, who knows this divine dignity of his calling, ever let himself be engaged or hired for a certain time in the American-democratic fashion, nor will a number of Christians of churchly mind, who likewise have the pure knowledge of the nature of the mediate call also, and desire to set up the holy ministry among themselves, be willing to call that candidate in that manner. Such members, for example, of the Lutheran Church as desire to call a Lutheran pastor are indeed bound to do this, with all earnestness and diligence, so far as human eye can reach, to procure for themselves a conviction as certain as possible whether the candidate meets the requirements in 1 Tim. 3, 1—6., especially whether he is orthodox, apt to teach, and of blameless conduct, and can show valid testimonials thereof from an orthodox church authority or body? Thereafter, when he has received a regular call, and not one for hire and for a time, and has accepted the same, and the solemn and public confirmation of this call before the congregation has taken place through the teaching office of the Church in the act of ordination — there-