Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 17 › Seite 131
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-04-13, Seite 131
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noch nichts an. Für dich sind ganz andere Ermahnungen nöthig. Ehe du besser zu werden trachten kannst, muß du erst gut werden. Ehe du auf dem Wege zum Himmel immer eilender laufen kannst, mußt du erst von deinem geistlichen Tode erweckt und auf den Himmelsweg gebracht werden. Dir gilt daher die Ermahnung des Apostels Paulus: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Todten, so wird dich Christus erleuchten.“ Dir gilt erst die Pfingstpredigt Petri: Thut Buße, so werdet ihr empfangen des die Gabe heil. Geistes.“ Du mußt erst erkennen, daß du noch ein armer, verirrter, verlorner Sünder bist, mußt wie der verlorne Sohn in dich schlagen und sprechen lernen: „Ich will mich aufmachen und zu meinem himmlischen Vater gehen, und sprechen: Vater, ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht werth, daß ich dein Sohn, deine Tochter heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Wenn es mit dir dahin kommt, daß du endlich mit Bitten, Seufzen und Flehen zu Gott gehest und Gnade suchest, dann wirst du erst ein Kind Gottes, ein rechter Sohn und eine rechte Tochter im Hause des himmlischen Vaters, ein rechter Christ werden, und dann gilt auch dir die Ermahnung des heil. Apostels in unserer Epistel, nun auch immer völliger zu werden.
2.
Laßt uns daher nun zweitens sehen, was denn der Apostel mit dieser Ermahnung eigentlich fordere.
Der Apostel selbst läßt uns darüber nicht im Zweifel, indem er selbst hinzusetzt: „Denn ihr wisset, welche Gebote wir euch gegeben haben, durch den HErrn JEsum, denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“ Hieraus sehen wir, das, worin Christen immer völliger werden sollen, ist mit einem Worte: die Heiligung.
Eine große schwere Aufgabe ist es also, welche der heil. Apostel hiermit allen Christen stellt. Ein Christ soll hiernach nicht denken: du bist nun, Gott Lob! ein wahrer Christ, du hast den Glauben und stehest daher bei Gott in Gnaden, es hat nun mit dir keine Noth, du kannst nun ruhig und ohne Sorge und Mühe einer seligen Ewigkeit entgehen sehen. Nein, spricht der Apostel, ein Christ soll nie denken, daß er fertig sei; ein Christ soll nie mit sich zufrieden sein; ein Christ soll vielmehr mit Paulo sprechen: „Nicht daß ich's schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich's ergreifen möchte, nachdem ich von Christo JEsu ergriffen bin.“ Ein Christ soll ein Mann des Fortschritts sein; er soll also nie stille stehen, sondern stets vorwärts zu schreiten suchen. Ein Christ soll immer im emsigen Thun des Willens Gottes, immer im Kampf um das Kleinod, immer im Lauf nach der Krone der Herrlichkeit erfunden werden. Mit jedem Tage soll er dem Ziele näher zu kommen, mit jedem Tage Christo ähnlicher, mit jedem Tage vollkommener, mit einem Wort: mit jedem Tage heiliger zu werden trachten. Die Heiligung im engeren Sinne ist aber nichts anders, als die auf die Rechtfertigung folgende Wiedererneurung zu dem Ebenbilde Gottes, nach welchem der Mensch einst von Gott geschaffen worden ist. Zur Heiligung gehören daher vor allem drei Stücke, 1. eine immer größere Erleuchtung des Verstandes, 2. eine immer größere Reinigung und Erneurung des Herzens, und endlich 3. ein immer größerer Eifer des Lebens in guten Werken.
Ein Christ soll daher erstens nicht denken: Es ist genug, wenn ich nur so viel von der rechten Lehre weiß, als ich zum Seligwerden durchaus nöthig habe. Nein, spricht der Apostel, ein Christ muß in seiner Erkenntniß immer völliger zu werden trachten. Von einem Christen muß es heißen, wie im ersten Psalm geschrieben steht: „Er hat Lust zum Gesetz des Herrn, und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht.“ Ein Christ muß ohne Aufhören in Gottes Wort suchen und forschen und studiren, daß er von allen Irrthümern immer mehr befreit werde, den ganzen Rath Gottes zu unserer Seligkeit immer besser durchschauen, den Zusammenhang der geoffenbarten Lehren immer klarer erkennen, die reine Lehre von der falschen immer besser unterscheiden, und auf die Frage: Weß Glaubens bist du? immer besser, gründlicher und vollständiger antworten, und die Widersprecher immer heller und deutlicher überweisen und immer gewaltiger widerlegen könne. Christen sollen mit Ernst trachten, daß sie wie der Apostel an die Epheser schreibt, „alle hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntniß des Sohnes Gottes, und ein vollkommener Mann werden, der da sei in dem Maaße des vollkommenen Alters Christi; auf daß sie nicht mehr Kinder seien, und sich wägen und wiegen lassen von allerlei Wind der Lehre, durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei, damit sie uns erschleichen zu verführen.“
Ein Christ soll aber auch ferner nicht denken: Wenn ich nur nicht in grobe Sünden falle, wodurch ich Gottes Gnade verliere, wenn ich nur in dem guten Zustande bleibe, darin ich jetzt durch Gottes Gnade versetzt bin. Nein, spricht der Apostel in unserer Epistel, willst du ein Christ sein, so sollst du auch immer völliger werden in der Reinigung und Erneurung deines Herzens. Wo noch eine Unlauterkeit, wo noch eine Tücke, wo noch ein Verderben, wo noch etwas Ungöttliches sich in seinem Herzen zeigt, das sollst du, wie die Israeliten den Sauerteig zum Osterfest, mit allem Ernste aus allen Winkeln deines Herzens auszufegen suchen. Auch von deinen Schwachheiten sollst du dich loszumachen suchen und darnach trachten, immer stärker im Glauben und ergebener in Gottes Willen, immer himmlisch gesinnter und fröhlicher in Gott, immer demüthiger vor Gott und Menschen, immer brennender und uneigenütziger in der Liebe, immer keuscher in deinen Begierden, immer sanftmüthiger, immer wachsamer über deine Gedanken zu werden.
Ein Christ soll aber auch endlich nicht denken: Wenn ich nur so lebe, daß ich Niemanden ein Ärgerniß gebe. Nein, spricht der Apostel, willst du ein Christ sein, so muß du auch immer völliger werden im Eifer des Lebens in guten Werken. Du muß immer eifriger werden im Dienste Gottes, immer eifriger im Gebet, immer eifriger im Hören und Lesen des Wortes Gottes, immer freimüthiger im Bekenntniß deines Glaubens, immer treuer in deinem Amt und Beruf; immer freundlicher und dienstfertiger und friedlicher gegen Jedermann; immer versöhnlicher gegen deine Feinde und immer aufrichtiger gegen deine Freunde; immer gewissenhafter in deinem Handel und Wandel; immer freigebiger und wohlthätiger gegen deine ärmeren Brüder; immer theilnehmender und aufopfernder für die Sache der Kirche und des Reiches Gottes; mit einem Worte: du mußt immer ernstlicher darnach ringen, nicht nur kein Ärgerniß zu geben, sondern auch ein Vorbild zu werden für Jedermann und dein „Licht leuchten zu lassen vor den Leuten, daß sie deine guten Werke sehen, und den Vater im Himmel preisen.“
Seht, das, das ist es, was der heil. Apostel fordert, wenn er die Christen zu Thessalonich und alle, welche Christen sind und sein wollen, ermahnt, daß sie immer „völliger“ werden.
3.
Es entsteht nun die Frage: Aber wie: sollte es wohl wirklich so nöthig sein, dieser Ermahnung Folge zu leisten? — Diese wichtige Frage laßt mich euch noch zum Schlusse beantworten.
Hierauf muß ich aber sogleich antworten: Ja, es ist allerdings einem jeden Christen höchst nöthig, daß er immer völliger werde, und zwar erstlich darum, weil, wie der Apostel in unserer Epistel sagt, unsere Heiligung Gottes Wille und Gebot ist. „Denn das,“ spricht er, „ist der Wille Gottes, unsere Heiligung.“ Es ist freilich wahr, durch die Heiligung soll Niemand erst selig werden, die Seligkeit ist ein Gnadengeschenk. Es ist ferner freilich wahr, wer im Glauben an Christum steht, dem hat Gott alle seine Sünden vergeben und Gott ist bereit, ihm auch noch ferner alle die Sünden zu vergeben, welche er während seines ganzen Lebens noch künftig thun wird. — Ja, in der heil. Taufe werden wir schon abgewaschen von allen Sünden unseres ganzen Lebens. Denn die Buße ist nicht ein neues Mittel, selig zu werden: sondern die Rückkehr zu dem Schiffe unserer Taufe, die wir verlassen hatten, die aber, ob wir auch wankend und abfällig werden, uns fest steht, und in welcher wir, so wir sie wieder im Glauben ergreifen, über den brausenden Occean der sündenvollen Welt dem sicheren Hafen des ewigen Lebens noch zusteuern können. Aber so gnädig und freundlich Gott ist, so ist er doch auch ein heiliger Gott. Er kann daher die Sünde nicht lieben noch leiden, er muß sie hassen und verabscheuen, und nur an Reinheit und Heiligkeit kann er sein Wohlgefallen haben. Darum ist es und bleibt es sein ernster ewiger Wille, daß die Christen, denen er ihre Sünden vergeben hat, immer mehr von Sünden gereinigt
English translation AI translation
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not at all. For thee quite other exhortations are necessary. Before thou canst strive to become better, thou must first become good. Before thou canst run ever more swiftly on the way to heaven, thou must first be awakened from thy spiritual death and brought upon the way to heaven. To thee, therefore, applies the exhortation of the Apostle Paul: "Awake thou that sleepest, and arise from the dead, and Christ shall give thee light." To thee applies first the Pentecost sermon of Peter: Repent, and ye shall receive the gift of the Holy Ghost. Thou must first recognize that thou art still a poor, erring, lost sinner, must, like the prodigal son, go into thyself and learn to say: "I will arise and go to my heavenly Father, and will say unto Him: Father, I have sinned against heaven and before thee, and am no more worthy to be called thy son, thy daughter; make me as one of thy hired servants." When it comes to this with thee, that thou at last goest to God with prayers, sighs and entreaties and seekest grace, then thou wilt first become a child of God, a true son and a true daughter in the house of the heavenly Father, a true Christian, and then the exhortation of the holy Apostle in our Epistle applies also to thee, now also to become ever more complete.
2.
Let us therefore now see, secondly, what the Apostle really demands by this exhortation.
The Apostle himself leaves us in no doubt about it, since he himself adds: "For ye know what commandments we gave you by the Lord JESUS. For this is the will of God, even your sanctification." From this we see that that in which Christians are to become ever more complete is, in a word: sanctification.
A great, heavy task, then, is it which the holy Apostle herewith sets before all Christians. A Christian is not, accordingly, to think: Thou art now, God be praised! a true Christian, thou hast faith and therefore standest in grace with God, there is now no trouble with thee, thou canst now calmly and without care and toil look forward to a blessed eternity. No, says the Apostle, a Christian is never to think that he is finished; a Christian is never to be satisfied with himself; a Christian is rather to say with Paul: "Not as though I had already attained, either were already perfect: but I follow after, if that I may apprehend that for which also I am apprehended of Christ JESUS." A Christian is to be a man of progress; he is therefore never to stand still, but always to seek to press forward. A Christian is always to be found in the diligent doing of God's will, always in the contest for the prize, always in the race for the crown of glory. With every day he is to strive to come nearer to the goal, with every day to become more like Christ, with every day more perfect, in a word: with every day to become more holy. Sanctification in the narrower sense is, however, nothing else than the renewal, following upon justification, into the image of God, after which man was once created by God. To sanctification belong therefore above all three things: 1. an ever greater enlightenment of the understanding, 2. an ever greater purification and renewal of the heart, and finally 3. an ever greater zeal of life in good works.
A Christian is therefore, first, not to think: It is enough if I know only so much of the right doctrine as I absolutely need for being saved. No, says the Apostle, a Christian must strive to become ever more complete in his knowledge. Of a Christian it must be said, as is written in the first Psalm: "His delight is in the law of the Lord; and in His law doth he meditate day and night." A Christian must without ceasing search and inquire and study in God's Word, that he may be ever more freed from all errors, may see ever better through the whole counsel of God for our salvation, may recognize ever more clearly the connection of the revealed doctrines, may distinguish ever better the pure doctrine from the false, and to the question: Of what faith art thou? may answer ever better, more thoroughly and more completely, and may convince the gainsayers ever more clearly and plainly and refute them ever more powerfully. Christians are to strive earnestly that, as the Apostle writes to the Ephesians, they "all come in the unity of the faith, and of the knowledge of the Son of God, unto a perfect man, unto the measure of the stature of the fulness of Christ: that they henceforth be no more children, tossed to and fro, and carried about with every wind of doctrine, by the sleight of men, and cunning craftiness, whereby they lie in wait to deceive."
A Christian is, further, not to think: If only I do not fall into gross sins whereby I lose God's grace, if only I remain in the good state in which I have now been placed by God's grace. No, says the Apostle in our Epistle, if thou wilt be a Christian, thou shalt also become ever more complete in the purification and renewal of thy heart. Wherever there is still an impurity, wherever still a wickedness, wherever still a corruption, wherever still something ungodly shows itself in thy heart, that shalt thou, as the Israelites the leaven at the Passover, seek with all earnestness to sweep out of all the corners of thy heart. Of thy weaknesses also shalt thou seek to rid thyself, and strive to become ever stronger in faith and more resigned to God's will, ever more heavenly-minded and more joyful in God, ever more humble before God and men, ever more ardent and unselfish in love, ever chaster in thy desires, ever more gentle, ever more watchful over thy thoughts.
But a Christian is finally also not to think: If only I live so that I give offense to no one. No, says the Apostle, if thou wilt be a Christian, thou must also become ever more complete in zeal of life in good works. Thou must become ever more zealous in the service of God, ever more zealous in prayer, ever more zealous in hearing and reading the Word of God, ever more frank in the confession of thy faith, ever more faithful in thy office and calling; ever more friendly and obliging and peaceable toward everyone; ever more forgiving toward thine enemies and ever more sincere toward thy friends; ever more conscientious in thy dealings and conduct; ever more generous and beneficent toward thy poorer brethren; ever more sympathetic and self-sacrificing for the cause of the Church and of the kingdom of God; in a word: thou must strive ever more earnestly, not only to give no offense, but also to become an example to everyone and to let thy "light shine before men, that they may see thy good works, and glorify thy Father which is in heaven."
Behold, that, that is what the holy Apostle demands when he exhorts the Christians at Thessalonica, and all who are and wish to be Christians, that they become ever more "complete."
3.
The question now arises: But how: should it really be so necessary to obey this exhortation? — This important question let me answer for you in conclusion.
To this I must at once answer: Yes, it is indeed most necessary for every Christian that he become ever more complete, and that first because, as the Apostle says in our Epistle, our sanctification is God's will and commandment. "For this," says he, "is the will of God, even our sanctification." It is indeed true, by sanctification no one is first to be saved; salvation is a gift of grace. It is further indeed true, he who stands in faith in Christ, to him God has forgiven all his sins, and God is ready to forgive him also hereafter all the sins which he shall yet commit during his whole life. — Yes, in holy Baptism we are already washed from all the sins of our whole life. For repentance is not a new means of becoming saved: but the return to the ship of our Baptism, which we had forsaken, but which, though we become wavering and apostate, stands fast for us, and in which, if we again lay hold of it in faith, we can still steer across the raging ocean of the sinful world toward the safe haven of eternal life. But however gracious and kind God is, He is yet also a holy God. He cannot therefore love or endure sin, He must hate and abhor it, and only in purity and holiness can He have His good pleasure. Therefore it is and remains His earnest, eternal will that Christians, whose sins He has forgiven, be ever more cleansed from sins