Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 22 › Seite 173
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-06-22, Seite 173
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ten hat man wohl auf sein trügerisches und werkheiliges Herz zu merken, daß es den einfältigen evangelischen Glauben, der im Artikel der Rechtfertigung lebt und webt, nicht übervortheile und die gnädige Erhörung Gottes nicht verhindere. Denn es begiebt sich nicht selten, daß gesetzlich-gottesfürchtige Eltern den Segen Gottes und das Gelingen ihrer Zucht als eine nothwendige Frucht und Belohnung ihrer treuen Mühe und Arbeit von Gott erwarten, und nicht eingedenk bleiben, daß und wie auch hier aller Segen eine purlautere Gnade Gottes sei, die man nicht verdienen, aber wohl durch feines gesetzliches Eigenwirken verhindern könne. Und daher trägt es sich wohl öfters zu, das der liebe Gott hier nicht thut nach der Eltern Erwarten und Begehren, sondern zuvor das erbsündliche Verderben und manchmal die besonderen Züge desselben in den Eltern aus den Kindern läßet scharf und stark hervortreten, um zuvor die Eltern heilsam zu demüthigen, die feine pietistische Werkerei von ihnen auszutreiben und sie erst recht zu armen Sündern in Adam und darnach zu Gerechten in Christo und aus theilweise krankhaften, eigenliebigen Werkheiligen zu gesunden Söhnen und Töchtern seiner Kirche zu machen, die auch für und in der christlichen Kinderzucht im rechtfertigenden Glauben leben und weben. Und dann wird auch Gottes Wort dafür ihr Licht, der Glaube ihre Leuchte und die Gnade und Zucht des heiligen Geistes ihr Lehrmeister und Wegweiser sein und das rechte Beten und Fürbitten wird auch nicht fehlen.
Nun lasset mich daran gehen, Euch, liebe Eltern, und vornämlich den lieben Müttern einige Winke und Anleitung über die Zucht und Gewöhnung der Kindlein in den ersten Lebensjahren zu geben, bis etwa zum fünften oder sechsten Jahre, wenn sie anfangen, die Schule zu besuchen. — Es ist nun eine allgemeine Erfahrung, daß vornämlich schon zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahre des Kindes sein Eigenwille und Eigensinn sehr stark und kenntlich hervortritt und selbst den ungläubigen Eltern die Lehre von der Erbsünde kräftig durch die That predigt.
Was habt Ihr nun da zu thun? Sollt Ihr dieser Unart nicht wehren, wie die Ungläubigen pflegen zu thun, die da wähnen und sagen, sie rühre aus dem Unverstande des Kindes her und man könne hier nichts thun, bis das Kind seinen Verstand bekomme? — Mit Nichten. Vielmehr muß es Euer ernstes Anliegen sein, dieser Unart mit Weisheit und Kraft zu begegnen und zwar also, daß die heilsame Schärfe nicht in liebelose Härte, die tragende Geduld aber nicht in Schlaffheit und Schwäche ausarte.
Zur Dämpfung aber des eigenwilligen und eigensinnigen alten Adams in Euren ein- bis zweijährigen Kindern und zur Gewöhnung zum Gehorsam, welches beides natürlich auf das Engste zusammenhängt, sind vorzüglich Gebete und Fürbitte, Wort und Geberde, Ruthe und andere Strafe die geeigneten Mittel.
Was nun das erste betrifft, so wird es Euch sicherlich nicht schaden, wenn Ihr, zumal bei stärkeren Ausbrüchen der Bosheit und des Eigenwillens Eurer Kinder, Euch zuerst immer von Neuem gründlich vor dem HErrn demüthiget, Euren und Eurer Kinder betrübten Sündenfall in Adam herzlich beklaget, darnach aber aus der Fülle von Christi Verdienst gläubig die Gnade und Vergebung der Sünden ergreifet und Gott den heiligen Geist immer von Neuem um Gnade und Weisheit anrufet, die einzelnen Sündenschäden in Euren Kindlein nach des Herrn Wort und Willen, nicht aber nach Eurem fleischlichen Herzensdünken und Meinen zu behandeln. Und bittet dann auch zugleich für Eure Kindlein mit Einfältigkeit des Herzens theils ins Gemein in der Weise, der bereits oben Erwähnung geschehen, theils im Besondern, daß Eure Zucht durch Wort oder Ruthe oder sonstige Strafe in diesem und jenem einzelnen Falle an den Kindlein recht gesegnet sei.
In der Anwendung des Wortes nun zur Brechung des Eigenwillens ist von Nöthen, daß dasselbe kurz und bestimmt sei und mit festem, freundlichem Ernste geredet werde, weder bittweise, noch im zornmüthigen Tone; und hilft das Wort der Mutter oder des Vaters nicht alsbald, so muß die Ruthe oder eine andere, dem besonderen Eigenwillen entsprechende Strafe hinzukommen.
Äußert sich z. B. der Eigenwille mit besonderem Trotz und Ungeberdigkeit des Leibes verbunden, so sind die Schläge recht eigentlich an ihrem Orte, und zwar ohne längeres Reden vor- und nachher und werden ihre heilsame Wirkung nicht verfehlen, wenn sie mit Nachdruck und Maß zugleich ertheilt werden.
Folget hierbei, Ihr lieben Mütter, ja nicht dem verkehrten Exempel der meisten Englischen, die die Ruthe auch in solchen Fällen nicht gebrauchen, sondern folget Gottes Wort, das da spricht: „Beuge seinen Nacken, dieweil er noch klein ist“, und „wer der Ruthe schonet, der hasset seinen Sohn“; denn in That und Wahrheit ist solch' verderbliches Wachsenlassen des Eigenwillens aus fleischlicher Weichlichkeit, um gleichsam dem eigenen Fleische nicht wehe zu thun, ein Haß gegen die Seele des Kindes, dessen Erbsünde dadurch kräftig gestärket wird. Auf der andern Seite aber habet Ihr bei diesem und ähnlichen Falle über Euch zu wachen, daß Ihr, nachdem Ihr vielleicht aus Trägheit oder Weichlichkeit der Ruthe geschonet habet, dann nicht über das Maß der heilsamen Strafe hinausgehet und während der Vollziehung derselben, in wachsender Zornmüthigkeit, mehrere und heftigere Schläge gebet, als die Sache erforderte *). Ein kurzes Seufzerlein zum HErrn und ein sofortiges Niederdrücken des aufsteigenden Zornes vor Ertheilung der Züchtigung wird Euch hierbei schon richtig leiten.
*) Hierher gehört auch die Unart mancher Mütter, in Aufwallungen von Ärger und Zorn, ihre Kinder, zumal wenn sie schon älter sind, mit der Hand an den Kopf oder ins Gesicht zu schlagen, welches in der That schändlich und schimpflich ist, da im Antlitz selbst des gefallenen Menschen die Spuren des göttlichen Ebenbildes noch erkennbar sind.
Je entschiedener und weislicher zugleich Ihr nun bereits zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahre beginnt, den Eigenwillen in Euren Kindern zu brechen, desto besser wird es Euch, unter Gottes Gnade und Segen, gelingen, sie gleichzeitig zum Gehorsam zu gewöhnen, daß sie alsbald thun, was Ihr gebietet, und lassen, was Ihr verbietet.
Wie nun Gott in der Haushaltung des Gesetzes den Kindern Israel Strafen drohte und diese auch, bei Fruchtlosigkeit der Drohung, wirklich dann vollzog, wenn sein Volk immer wieder übertrat, d. i. that, was Gott nicht wollte; und wie Gott ferner ihnen auch äußerliche Belohnungen und Segnungen verhieß, wenn sie auf den Steigen seiner Gebote wandelten, und thaten, was dem HErrn wohlgefiel: — also sollet Ihr in diesem Ziehen und Gewöhnen Eurer Kinder zum Gehorsam auch thun, daß Ihr, je nach Größe und Art der Übertretung, Strafe auf den Ungehorsam, und diesen und jenen kleinen Lohn auf den Gehorsam setzet; jenes, um sie durch heilsame Furcht vor dem öfteren und gröberen Übertreten zurückzuschrecken; dieses, um sie zum Thun des Gebotenen und Lassen des Verbotenen freundlich und väterlich heranzulocken. Und es ist nicht zu besorgen, so beides weislich und christlich gehandelt wird, daß sie durch Anwendung der Strafe und sonderlich der Schläge in bloße knechtische Furcht, und durch diese oder jene kleine Belobung und Belohnung in Selbstgerechtigkeit oder Werkheiligkeit gerathen möchten. Denn herrscht nur dort, bei Austheilung der Strafe, der evangelische Geist und die Liebe Christi und hier der väterliche heilsame Ernst, der in diesem und jenem kleinen und seltenen Geschenke und Lobe †) nicht den verdienten Lohn, sondern die freie Gunst zu erkennen giebt, so wird beiden Übelständen gewehret sein; und was vornämlich den letzteren anbelangt, so giebt ja das tägliche Leben und Wandeln der Kinder leider so viele Gelegenheit zu gerechter und heilsamer Strafe durch Wort und That, daß ein seltenes und sparsames Anerkennen des Wohlverhaltens durch Wort oder That, ihnen nicht wesentlich schädlich oder gefährlich sein wird.
†) Es ist freilich hierbei auch im Ausdruck Weisheit und Vorsicht nöthig, daß man nicht das Kind selber lobe, und z. B. sagt: „Du bist ein gutes Kind“ u. dgl.; sondern dem gehorsamen Verhalten Beifall giebt, als z. B.: „das war recht, daß du das gethan (oder gelassen) hast,“ und dergleichen.
Nun ist es freilich unmöglich, für alle Fälle dieses Ziehens und Gewöhnens der Kindlein zum Gehorsam besondern Rath und Anweisung zu geben. Doch giebt es einige leitende Grundsätze der christlichen Weisheit und Liebe, die in den einzelnen Fällen auszuführen und anzuwenden sind. Diese sind nun vornämlich folgende, welche besonders die lieben Mütter wohl zu beherzigen haben:
1. Sehet zu, daß Ihr Eure Kinder weder allzu sehr beschränket, noch allzu sehr freilasset; denn durch das Uebermaß der Beschränkung,—eine Abirrung, die freilich hier fast nirgends gefunden wird,—werden die Kinder theils steif, unbeholfen, pedantisch und maschinenartig, theils so-
English translation AI translation
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ten one does well to heed one's deceitful and work-righteous heart, lest it cheat the simple evangelical faith, which lives and moves in the article of justification, and hinder the gracious hearing of God. For it happens not seldom that parents who are legalistically God-fearing expect from God the blessing of God and the success of their discipline as a necessary fruit and reward of their faithful pains and labor, and do not remain mindful that and how here too all blessing is pure grace of God, which a man cannot merit, but may well hinder by his own fine legalistic working. And hence it often comes to pass that the dear God here does not do according to the expectation and desire of the parents, but first lets the hereditary corruption, and sometimes its particular traits, appear sharp and strong in the parents out of the children, in order first to humble the parents wholesomely, to drive out of them their fine pietistic work-mongering, and first to make them truly poor sinners in Adam and thereafter righteous in Christ, and out of partly sickly, self-loving work-saints to make healthy sons and daughters of his Church, who also for and in Christian child-training live and move in justifying faith. And then God's Word will also be their light for it, faith their lantern, and the grace and discipline of the Holy Ghost their teacher and guide, and right praying and intercession will not be wanting either.
Now let me proceed to give you, dear parents, and especially the dear mothers, some hints and directions concerning the discipline and training of the little ones in the first years of life, up to about the fifth or sixth year, when they begin to attend school. — It is now a general experience that especially between the first and second year of the child's life its self-will and stubbornness come forth very strongly and noticeably, and preach the doctrine of original sin powerfully by deed even to unbelieving parents.
What, then, have you to do here? Are you not to check this unruliness, as unbelievers are wont to do, who imagine and say that it arises from the child's want of understanding and that one can do nothing here until the child gets its understanding? — By no means. Rather it must be your earnest concern to meet this unruliness with wisdom and strength, and so indeed that the wholesome sharpness does not degenerate into loveless harshness, nor the forbearing patience into laxity and weakness.
For the subduing, however, of the self-willed and stubborn old Adam in your one- to two-year-old children, and for the training to obedience, both of which naturally hang together most closely, the fitting means are especially prayer and intercession, word and gesture, rod and other punishment.
As to the first, it will certainly do you no harm, if you, especially at stronger outbreaks of the wickedness and self-will of your children, first always humble yourselves thoroughly anew before the LORD, heartily bewail your own and your children's sorrowful fall in Adam, and thereafter, out of the fullness of Christ's merit, believingly lay hold of grace and forgiveness of sins and call anew upon God the Holy Ghost for grace and wisdom, to treat the several sin-injuries in your little ones according to the Lord's Word and will, but not according to your own fleshly heart's conceit and opinion. And then pray also at the same time for your little ones in simplicity of heart, partly in general in the manner already mentioned above, partly in particular, that your discipline by word or rod or other punishment may be rightly blessed upon the little ones in this and that single case.
In the application of the word, now, for the breaking of self-will, it is needful that it be short and decided and spoken with firm, friendly earnestness, neither by way of entreaty nor in an angry tone; and if the word of the mother or the father does not help at once, then the rod, or another punishment suited to the particular self-will, must be added.
If, for example, self-will utters itself joined with peculiar defiance and unruliness of body, then blows are quite properly in place, and that without lengthy talking before and after, and they will not fail of their wholesome effect, if they are given with emphasis and measure together.
Follow not herein, you dear mothers, the perverse example of most of the English, who do not use the rod even in such cases, but follow God's Word, which says: "Bow down his neck while he is yet little," and "he that spareth his rod hateth his son"; for in deed and truth such pernicious letting grow of self-will, out of fleshly softness, in order, as it were, not to hurt one's own flesh, is a hatred against the soul of the child, whose original sin is thereby powerfully strengthened. On the other hand, however, you must watch over yourselves in this and like cases, that you, after you have perhaps spared the rod from sloth or softness, then do not go beyond the measure of wholesome punishment and, during the carrying out of it, in growing anger, give more and heavier blows than the matter required *). A short little sigh to the LORD and an immediate pressing down of the rising anger before the administering of the chastisement will guide you rightly herein.
*) To this belongs also the bad habit of some mothers, in outbursts of vexation and anger, of striking their children, especially when they are already older, with the hand on the head or in the face, which is indeed shameful and disgraceful, since in the countenance even of fallen man the traces of the divine image are still recognizable.
The more decidedly and wisely, now, you begin already between the first and second year of life to break the self-will in your children, the better will you succeed, under God's grace and blessing, in accustoming them at the same time to obedience, so that they at once do what you command, and leave undone what you forbid.
As God, in the economy of the law, threatened the children of Israel with punishments and also, when the threat proved fruitless, actually carried them out whenever his people transgressed again and again, that is, did what God did not will; and as God further promised them also outward rewards and blessings if they walked in the paths of his commandments and did what was well-pleasing to the LORD: — so shall you also do in this training and accustoming of your children to obedience, that you, according to the greatness and kind of the transgression, set punishment upon disobedience, and this and that small reward upon obedience; the former, to deter them by wholesome fear from the more frequent and grosser transgression; the latter, to allure them kindly and fatherly to the doing of what is commanded and the leaving undone of what is forbidden. And it is not to be feared, if both are done wisely and Christianly, that they would fall, through the application of punishment and especially of blows, into mere servile fear, and through this or that small praise and reward into self-righteousness or work-holiness. For if only there, in the dispensing of punishment, the evangelical spirit and the love of Christ prevail, and here the fatherly wholesome earnestness, which in this and that small and rare gift and praise †) gives to recognize not the merited reward but the free favor, then both evils will be warded off; and as to the latter in particular, the daily life and walk of children gives, alas, so much occasion for just and wholesome punishment by word and deed, that a rare and sparing acknowledgment of good conduct, by word or deed, will not be essentially harmful or dangerous to them.
†) It is indeed necessary here also in the expression to use wisdom and caution, that one not praise the child itself, and say, for example, "You are a good child," and the like; but give approval to the obedient conduct, as for example: "That was right, that you did (or left undone) that," and the like.
Now it is indeed impossible to give special counsel and direction for all cases of this training and accustoming of the little ones to obedience. Yet there are some guiding principles of Christian wisdom and love, which are to be carried out and applied in the single cases. These are chiefly the following, which the dear mothers especially have to lay well to heart:
1. See to it that you neither restrain your children too much, nor let them go too free; for through the excess of restraint,—an aberration which indeed is hardly anywhere found here,—the children become partly stiff, awkward, pedantic and machine-like, partly so-